Anekdotische Evidenz ist evidentermaßen anekdotisch

Aber man kann pinkstinks natürlich trotzdem zerpflücken.

FRAUEN KÖNNEN NICHTS

Die Anzahl der Männer, die dergleichen behaupten, ist eher gering, deshalb kommt gar nicht erst der Versuch, die Häufigkeit mit Statistiken oder Studien zu belegen – man nimmt Einzelbeispiele und behauptet, diese wären die Regel. Das ist so, als würde jemand einfach eine Frau als Beispiel anführen, die wirklich nichts kann.

“Ich möchte Frau Scott-Cato fragen, welchen empirischen Beweis sie dafür hat, dass am Ende der Übergangsperiode ein Erdrutsch-Brexit steht – wo sie doch nach meinen Informationen keinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hat. Vielleicht hat sie ja ein paar Erfahrungen in der Geschäftswelt gemacht, die belegen würden, dass dieser Fall eintritt.”

Um das klar zu stellen, die Frage ist doppelt falsch gestellt: erstens gibt es für Aussagen über zukünftige Ereignisse typischerweise keine empirischen Beweise, sondern nur theoretische, experimentelle oder mathematische. Ausnahme wäre, dass es Erfahrungswerte von vergleichbaren Situationen oder Vorgängen in der Vergangenheit gäbe, aber dies ist der Brexit, ein bis dahin völlig neuer Prozess. Und zweitens ist es relativ egal, ob Scott-Cato persönlich einen Abschluss in WiWi hat, sie ist Politikerin und könnte auch jemanden mit entsprechender Expertise zitieren.

Der Mann … heißt Robert Rowland. Er hat einen Bachelor Abschluss und vor seiner politischen Karriere als Manager bei diversen Hedgefonds gearbeitet.

MWn heißt das „Bachelor-Abschluss“ oder „Bachelorabschluss“. Jetzt wäre es vllt. interessanter, in welchem Fach das war, aber naja, Wiki halt.

Die Universitätszeitung, die über die bemerkenswerte Tatsache, dass er bei einer Wahl ohne Gegenkandidat*in zu einem studentischen Gremium gescheitert ist, nannte er “Teil der faschistischen Linken”.

Ich habe, glaube ich, auch schon mal ein Prädikat verdingsbumst, aber ok; so richtig überzeugend war er als studentischer Politiker wohl nicht, was vllt. an solchen komischen Fragen liegt. Nur, um eine Frauenfeindlichkeit anstelle einer generellen Aggressivität nachzuweisen, reicht es nicht, dass er mal einer Frau eine scharfe Frage gestellt hat. Man müsste zeigen, dass er Männern gegenüber deutlich zahmer und harmloser auftritt, sie geradezu mit Samthandschuhen anfasst, also nicht so:

Im Sommer 2019 machte er dadurch auf sich aufmerksam, dass er drohte, zivile Fischkutter mit Militärschiffen zu versenken.

Gibt es überhaupt militärische Fischkutter? Könnten Zivilschiffe andere Schiffe versenken? Bin ich gerade etwas redundanter als zu Satirezwecken erforderlich? Aber gut, Fischern – deutlich überwiegend männlich – droht er mit der Zerstörung ihrer Schiffe und eventuellem Tod, Frauen stellt er eine scharfe Frage. Scheiß-Maskuschwein.

Und ein paar Monate später legte er sich in Gestalt von der Grünen-Abgeordneten Molly Scott-Cato mit der Falschen an.

Für Protokoll: Fischer sind für pinkstinks „die richtigen“, wenn es darum geht, sie zu bedrohen. (Der Punkt bei den Fischern ist wohl, dass die britischen Gewässer keine „EU-Gewässer“ mehr sein werden. Nur hat jeder Staat das Recht und meistens die Möglichkeit, ausländische Schiffe in den eigenen Gewässern aufzubringen, auszuweisen und/oder deren Fracht zu beschlagnahmen, soweit ich weiß, OHNE sie zu zerstören und/oder ihre Besatzungen zu töten. In Jura war dieser Bachelor wohl nicht…)

Mit einer Professorin für Wirtschaftswissenschaft und Handelsexpertin, die Rowland in allen für die Frage relevanten Kompetenzen an Expertise deutlich übertrifft.

Das wird wohl so sein, ich vermute aber, dass Rowland einem Mann mit derselben Kompetenz dieselbe Frage gestellt hätte. Und ich finde die Frage jetzt auch nicht so empörend, nicht nur im Vergleich mit der illegalen Versenkung und möglichen Ermordung anderer Menschen, sondern auch absolut: ein Politiker(m/w/d) muss keinen Abschluss oder Titel in irgendwas haben. Aber egal ob mit oder ohne, wenn soe eine Aussage wie den Erdrutsch-Brexit macht, sollte soe eben Argumente für diese Aussage haben und ggfs. zitieren. Ob diese aus eigener Expertise stammen, oder aus fremder, ist grundsätzlich egal. (Fürs Protokoll: dass Rowland aus politischen Gründen diese Argumente wohl eher nicht zur Kenntnis nehmen wird, ändert nichts an der vorigen Aussage.)

Jeden Tag wird die Expertise von Frauen durch mittelmäßige, schlecht informierte, großkotzige Männer in Zweifel gezogen und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Hmm, eine Politikerin wird durch ihren politischen Gegner in Zweifel gezogen? Passiert das nicht auch bei männlichen politischen Gegnern? Wenn ja, warum sollte das bei Frauen nicht so sein? Wenn nicht, fehlt hier der Beleg.

Und wo wir schon beim Brexit sind, noch ein anderes Beispiel: An dem gibt der britische Publizist Douglas Murray in einem Kommentar für die britische Tagesszeitung “Daily Mail” ganz selbstverständlich Angela Merkel die Schuld.

(Abgesehen davon, dass weder der Ausriss noch der Link belegen, dass Merkel den Brexit verschuldet haben soll…) Weil männliche deutsche Kanzler von der englischen Presse immer mit Respekt oder zumindest Höflichkeit behandelt wurden? In welcher Steampunk-Fantasy-Dinosaurier-Parallelwelt ist das so?

Er entblößt sich dabei einmal mehr als ein Mann, der dem Prototyp des nichtssagenden, uninformierten Schwätzers folgend anderen genau die Arroganz vorwirft, derer er sich selbst befleißigt.

Das mag sein, dass Murray das gemacht hat, und nicht zum ersten Mal, aber ohne Zitat des beanstandeten Artikels muss ich das jetzt einfach glauben, oder wie? Wie gesagt, eine Politkerin hart zu kritisieren, mag im Detail falsch sein, weil der Kritikpunkt nicht zutrifft oder weil die Härte überzogen ist; wenn ein männlicher Politiker für vergleichbare Fehler oder „Fehler“ ähnlich hart kritisiert wird, ist das keine Frauenfeindlichkeit. Kann ja sein, das Murray das nicht macht. Das wäre dann ein anekdotischer Mann.

Tatsächlich wirft man Deutschland und Merkel innerhalb der EU vor, den Deal womöglich zu sehr zu wollen, weil ein harter Brexit die deutsche Wirtschaft in besonderem Maße betreffen würde.

Ach, ist Deutschland auch eine Frau? Oder soll das gar kein Beispiel von Frauenfeindlichkeit sein? Jemand ist mit Merkels Politik nicht einverstanden, Schock. Der noch nicht mal Deutscher ist, schocking! Was genau beweist, dass er mit einem Parallelwelt-Kanzler namens Anton Merkel, der genau dieselbe Politik vertritt, weniger hart ins Gericht gehen würde? Die Frage hat nichts damit zu tun, ob man die Kritik als solche für berechtigt hält, es sei denn, man tut so, als ob Männer nur zurecht kritisiert werden würden. Oh, richtig, dass denken die bei pinkstinks ja wirklich.

Die Aussage ist immer dieselbe, der Tonfall stets gleich: “Frauen können nichts, Schätzchen, versuch’s erst gar nicht.

Ich mache mir jetzt nicht die Mühe, den Murray-Artikel online zu finden, zu übersetzen und zu bewerten. Wenn es pinkstinks nicht wichtig ist, muss ich denen mögliche Argumente nicht hinterhertragen.

Die Aussage ist immer dieselbe, der Tonfall stets gleich: “Frauen können nichts, Schätzchen, versuch’s erst gar nicht.

Diese Werbung richtet sich generell an Männer, ja. Sie hat nicht die Absicht, Frauen in Handwerksberufe zu bringen, auch ja. (Oder überhaupt nicht die Absicht, neue Mitarbeiter(m/w/d) zu finden…) Und wirkt auf Frauen, die über eine handwerkliche Karriere nachdenken, eher abschreckend, auch das. Werbung ist halt scheiße. Deshalb sollte man sich dagegen immunisieren.

Frauen wird fachliche Expertise außerhalb eines ihnen zugewiesenen geschlechtsspezifischen Bereich (Haushalt, Kindererziehung, Pflege, Verschönerung) häufig rundweg abgesprochen.

Rowland hat sich nicht explizit auf Scott-Catos Geschlecht bezogen. Jetzt mag es sein, dass er das implizit gemeint hat, aber nunja, Gedanken lesen können wir alle nicht. Bei Murray weiß ich nicht, ob er sich irgendwie auf Merkels „weibliche“ Untugenden bezogen hat.

Manchmal stellvertretend durch Frauen wie in den Einstiegsfragen zum Spiegel-Interview mit der Virologin Sandra Ciesek:

Achja, die Geschichte. Wichtig: wenn Frauen solche Fragen stellen, ist das natürlich trotzdem frauenfeindlich, aber stellvertretend. Es kann nicht sein,

  • dass fiese Fragen geschlechtsunabhängig gestellt werden
  • dass Frauen fies sein können
  • dass Frauen Quotenfrauen (tatsächliche oder vermeintliche) nicht mögen

sondern nur

  • dass Frauen von Männern gezwungen werden, fies zu anderen Frauen zu sein
  • oder, dass das Patriarchat Frauen mit Gehirnwellenmanipulation gegeneinander aufhetzt

sonst würde die ganze These ja den Bach runtergehen.

Aber meistens passiert das von mansplainenden Männern. Als mittlerweile legendäres Beispiel dafür kann Paul Bullen gelten, der der promovierten Gynäkologin Jennifer Gunter 2019 erklären wollte

Ok, nie gehört von dem Mann. Aber gut, DAS wäre tatsächlich mal ein Beispiel. Weil richtige Männer mit anderen richtigen Männern nicht über die richtigen Wörter für richtige weibliche Geschlechtsorgane und deren Teilbereiche diskutieren. Richtig.

Was hätte Gunter tun können, damit Bullen anerkennt, dass er sich irrt und dass er aufhört, seine Überzeugungen über die Kompetenzen einer Expertin zu stellen? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: nichts.

Warum genau muss sie eigentlich eine einzelne Person überzeugen? Eigentlich geht es nur darum, alle anderen zu überzeugen, die das mitlesen. (Persönlich halte ich die Unterscheidung Vulva/Vagina für relativ egal für 95% aller Fälle, bzw., aus Erbsenzählergründen bin ich hier auf Seite von Gunter, aber in einer Welt, wo Drahtstifte und Nägel nicht richtig unterschieden werden, was soll’s?)

Vielleicht hätte sie mit dem Herbeizitieren männlicher Experten noch etwas erreicht, aber gegen die tief verankerte “Frauen können nichts”-Überzeugung kommt sie nicht an.

Auch hier: wenn ein Mann mit einem anderen Mann diskutiert, kann genau dasselbe passieren. Ergo akzeptieren Männer nicht die Expertise von anderen Männern, nur weil sie von Männern kommt (was auch nicht immer richtig ist). Die Idee, dass ein Verhalten gar keine frauenfeindlichen Ursachen haben muss, kommt pinkstinks aber gar nicht. Oder jedenfalls nicht Pickert, pinkstinks bester Mann. (Mangels Konkurrenz.)

Solange es sich zu gut anfühlt, der Welt “mit dem Selbstbewusstsein eines mittelmäßigen heterosexuellen weißen Mannes” zu begegnen, werden Frauen, die zu Themen gearbeitet, geforscht, veröffentlicht und sich einen exzellenten Ruf erworben haben, von Typen gemansplaint, “die da mal einen Artikel zu gelesen haben, ich schick dir den Link, Süße”.

Ähh, wenn man oben einen Ausriss eines Artikels verlinkt, aber nicht den Artikel selber zitiert, um zu belegen, worüber man eigentlich schreibt, ist DAS sogar noch ein Schritt weniger als einen Artikel nur zu verlinken. Wohlgemerkt, ein Artikel zu einem Thema kann falsch sein, oder falsch verstanden werden, oder von der Aussagekraft deutlich übertrieben werden, aber wie gesagt.

Wenn die daraus resultierende Anspruchshaltung nicht so gefährlich wäre, dann wäre das Ganze einfach nur lächerlich.

Welcher Anspruch? Manche Männer (ähem) diskutieren über alles Mögliche. Dass nicht alle Männer notwendigerweise studiert haben, ist halt so. Aber natürlich muss man nicht studiert haben, um diskutieren zu dürfen. Natürlich darf man auch ohne Titel einen Professor eine Frage stellen, insbesondere, wenn diese Frage für politische Entscheidungen in einer Demokratie wichtig ist. Natürlich darf man den Regierungschef eines Nachbarlandes kritisieren, besonders in Fragen, welche das eigene Land betreffen. Und wenn Fachsprache und Umgangssprache auseinanderklaffen, kann man auch als Nichtfachperson diskutieren, ob man die Fachsprache akzeptieren muss. Warum sollte für Professorinnen, Regierungschefinnen und weibliche Fachpersonen andere Regeln gelten? Und wenn man den Ton dieser Fragen, dieser Kritik und dieser Diskussionen kritisiert, warum nur, wenn sich der Ton gegen Frauen richtet? Gegen Männer kommt dieser Ton, in dieser Härte und härter, und in dieser Häufigkeit und öfter, ebenfalls vor. Nur erweckt er dann bei Pickert keine Beschützerinstinkte.

So aber ist es eine Bedrohung.

Immerhin nicht so eine wie die für die EU-Fischer(m/m/m/m/m/m/m/w/d), die demnächst möglicherweise von der ruhmreichen britischen Seekriegsflotte auf den Meeresgrund geschickt werden. „Rule, Britannia, Britannia, rule the waves…“

Edit: schmähliche Tippfehler

3 Gedanken zu “Anekdotische Evidenz ist evidentermaßen anekdotisch

  1. „Persönlich halte ich die Unterscheidung Vulva/Vagina für relativ egal für 95% aller Fälle, bzw., aus Erbsenzählergründen bin ich hier auf Seite von Gunter, aber in einer Welt, wo Drahtstifte und Nägel nicht richtig unterschieden werden, was soll’s?)“

    Das fällt mir auch immer wieder auf.
    Wenn es um die weiblichen Geschlechtsorgane geht, dann ist Wortklauberei ein muss.
    Bei anderen Begriffen wird wild durcheinander geworfen:
    Elternzeit/Elterngeld
    Kündigung/Entlassung
    Gleichberechtigung/Gleichstellung

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  2. Es wird immer Männer geben, die inkompetenter sind als manche Frauen – genau wie umgekehrt.

    Die interessantere Frage ist aber, ob Frauen im Schnitt tatsächlich inkompetenter und dümmer als Männer sind. Wenn ich mir das Gedöhns in Politik und Medien anschaue, seitdem Frauen mitmischen… Oder Gender-Studies, eine nahezu weibliche Disziplin und an Lächerlichkeit und Unwissenschaftlichkeit nicht zu überbieten. Dagegen ist selbst die Rassenlehre fundierter, die von den seriösen Wissenschaften wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wurde. Funfact: Genderisten bestreiten, dass es sowas wie eine objektive Wissenschaft gebe, sind aber zutiefst empört, wenn man ihrem ideologietrunkenem Verein die Wissenschaftlichkeit abspricht. Oder auch: Männer fliegen zum Mond, gründen Unternehmen und führen sie an die Spitze, Frauen brauchen Quoten. Der erste Mensch auf dem Mars wird vermutlich eine Quotenfrau sein.

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    1. „Der erste Mensch auf dem Mars wird vermutlich eine Quotenfrau sein.“

      Zur Zeit wird ernsthaft diskutiert, aus den ersten Marsmissionen eine Reise ohne Wiederkehr zu machen. Analog zu den ersten Siedler-Schiffen in Richtung Amerika.
      Bei diesem Konzept fallen uns bestimmt einige Galleonsfiguren des Femiminismus ein, die wir dort bejubeln würden.

      Zugegeben, bei genug Quotenpersonen (Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, usw.) wird es so oder so eine Reise ohne Wiederkehr… 😛

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