Die Evolution der Lara Croft

Oder warum pinkstinks zwar mal Recht hatten, aber aus völlig falschen Gründen.

Vor ein paar Wochen kam der neue „Tomb Raider“-Film in die Kinos.

Ok, ist schon ein paar Jahre her.

Wieder basiert der Film auf der erfolgreichen Videospielserie rund um die Abenteuer des weiblichen Charakters Lara Croft

Sonst würde dürfte man es nicht „Tomb Raider“ nennen. Ist mWn eine geschützte Marke.

Neben schier unzähligen Computerspielen, gab es auch bereits zwei Kinofilme Anfang der 2000er Jahre zu der Figur – damals mit Angelina Jolie in der Hauptrolle.

So, und DA fangen die Verständnisprobleme an. Die Jolie-Filme waren eine Verfilmung der frühen Spiele, die Vikanderverfilmung gibt die aktuellen wieder. Die „Ur-Lara“ ist schon eher eine Superheldin, sie ist nicht einfach sehr sportlich und kann gut schießen, sie schiebt auch Steinklötze umher, die tonnenschwer sein müssten. Außerdem kann sie aus den Stand in den Seitwärtssalto springen, und aus dem Seitwärtssalto beidhändig auf Gegner ballern. Batman benutzt keine Knarren, aber würde aus dem Sprung halt mit dem Baterang jemanden entwaffnen. Wer sowas kann, wäre auch gut in einem Superhelden-Comic aufgehoben. Jolie spielte die Rolle als Adrenalin-Junkie. In den neuen Spielen ist Lara verletzlicher – obwohl DIE Wunde im Oberbauch schon echt übel war – und es gibt ein Skill-System, d.h., bestimmte Tricks und Fähigkeiten muss die Figur nach Wahl des Spielers im Spielverlauf erst lernen, sprich freischalten. Im Ur-Tomb-Raider kann Lara von Anfang an alles, nur der Skill der Person am Kontroller wird (hoffentlich) besser. Und sie findet neue Knarren. Dieses neue Gameplay-Element der Entwicklung findet sich im neuen Film wieder: am Anfang ist Lara schwach, denn:

  1. kriegt sie eine Abreibung im Kampfsporttraining – nicht „schlimm“, aber schwach im Vergleich, was man von Frau Croft erwartet
  2. scheitert sie bei einer sportlichen Herausforderung mit dem Rad, mehr Pech als Unfähigkeit, aber Ur-Game-Lara hätte mit dem Fahrrad einen Salto gemacht, und
  3. leidet sie unter dem Tod/Verschwinden ihres Vater derartig, dass sie sich weigert, ihn für tot erklären zu lassen

Das ist tatsächlich die größte Schwäche, denn erstens würde man ihren Vater von Amts wegen nicht erschießen, wenn er nach seiner Fürtoterklärung wieder lebendig irgendwo auftaucht, zweitens könnte sie ihr beträchliches Erbe antreten, und alle ihre materiellen Probleme wären gelöst, und drittens hat ihr Vater damit gerechnet, dass sie genau DAS macht, wenn er vermisst wird. Und nicht nur, weil er wollte, dass seine Tochter gut versorgt ist. Am Ende besiegt sie aber Gegner, die deutlich mehr Muskeln als ihre Sparringspartnerin haben, ist sportlicher als die Polizei erlaubt und hat ihr Erbe angetreten.

Diese Geschichte ist NICHT die, die in den neueren Spielen erzählt wird, aber sowohl vom Schauplatz her – die Insel irgendwo bei Japan – als auch vom Thema her – „Origin-Story“, Entwicklung der Hauptperson – ist Alice Vikanders Lara die Lara Croft der neuen Spiele. Das sie dann auch so aussieht, wie Croft in den neuen Spielen, die eine deutlich geringere Oberweite hat, ist daher schon aus künstlerischen Gründen völlig logisch. Oder halt so logisch, wie Kunst maximal werden kann. Deshalb ist folgendes Problem:

Eine der größten Debatten entzündete sich schnell an der (vermeintlich zu geringen) Oberweite der neuen Schauspielerin

Quatsch. Man kann die alten Spiele natürlich lieber mögen. Man kann die alte Oberweite lieber mögen. Aber die aktuelle Croft sieht halt nicht mehr so pixelig aus. Doch dieses Argument ist ja nicht „feministisch“ genug.

Man mag es kaum glauben: In Magazinen, Online-Foren, sozialen Netzwerken und Zeitungen wurde mal wieder über weibliche Oberweite im direkten Zusammenhang mit Jobqualifikation gestritten.

Bei aller Sympathie – so komplex ist der Chara nicht, dass nur die allerbesten aller Schauspielerinnen sie verkörpern könnten. Vikander hat das schon toll gemacht, aber sie wäre nicht die einzige geeignete Kandidatin gewesen.

Mal ehrlich, wo sollen wir hier anfangen?

Einfach sagen, warum IHR Vikander gut findet in der Rolle?

Bei der Erkenntnis, dass Frauen nur mit großen Brüsten sexy sind?

Man kann einen Frauenfilm auch mögen, OHNE dass man die Frau darin sexy findet. Aber ja, manche finden mehr Oberweite umso sexier.

Oder der Verschwörungstheorie, dass Filme heute generell nicht mehr sexy sein dürften?

Naja, Dutzende von Frauenfilmen, deren Hauptrollen eher weniger in der Hinsicht punkten, sondern mehr mit weiblichen Superkräften, lassen diese Theorie plausibel klingen. Aber gut, Lara ist weniger sexy als stark, schlau, sportlich und sarkastisch. Sie wird im Vergleich zur Vorlage sogar eher schwächer als stärker – hallo Mulan!

Oder vielleicht dem Hinweis auf andere Charaktereigenschaften, die angeblich ignoriert werden vom progressiven-links-liberalen Hollywood

Ich habe original keine Ahnung, welche Charaktereigenschaften gemeint sind,

nur um dann selber aufs nicht weiter zu achten, als die Oberweite?

was irgendwie impliziert, dass die, die mehr Oberweite bei Film-Croft wollen, behaupten, dass das „progressiv-links-liberales“ Hollywood genau die will, oder? Der Vorwurf, Frauen dürften in Hollywood-Filmen nicht mehr sexy sein, ist doch, dass Hollywood verklemmt-konservativ sei. Aber trotzdem hätte jede Charaktereigenschaft von Vilanders Croft auch von einer Frau mit Jolies Körbchengröße dargestellt werden können.

Am besten ist vielleicht die Bemerkung, dass es ja eigentlich Männer sind, die in Filmen sexualisiert werden, weil auf ihre physische Stärke beschränkt.

Kommt auf den Film an, würde ich sagen. Ich fand allerdings nicht, dass Jolie „ihre“ Lara besonders sexualisiert dargestellt hatte. Gut, an einer Stelle hat sie einen Typen ans Bett gefesselt. Aber das was weder wegen irgendwelcher Fetische, noch eine Metapher für „krankenhausreif prügeln“, sondern einfach nur das: „mit einer Fessel an einem Bett festmachen.“ Da wäre in erotischer Hinsicht noch viel mehr drin gewesen.

Dass es im Gegenteil in den letzten Jahren einen Trend gibt, weg vom muskelbesetzen Prügelhelden der 80er Jahre – Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger, usw. – hin zu teilweise schmächtigeren und auch nachdenklicheren männlichen Helden wie zum Beispiel in allen Spiderman-Filme seit 2002, wird ignoriert.

Weil Spiderman-Filme VOR 2002 immer muskelbesetzte Prügelhelden hatten? Wohingegen Stallone und Schwarzenegger seit 2018 so gar nicht mehr vorkamen, außer in ihren Paraderollen als Rambo bzw. Terminator? Spiderman IST schmächtig. Spiderman IST nachdenklich. Spiderman ist der Gegenentwurf zu den ganzen athletischen Superhelden-Sahneschnitten.

Richtig interessant ist aber dieser Beitrag:

„Und was ist Hulk ohne Muskeln oder wenn Superman nicht mehr fliegen könnte? Die Figur sollte doch so bleiben, wie man sie kennt.“

Die großen Brüste von Lara Croft verhalten sich also zu der Abenteuerin wie die Flugfähigkeit von Superman zu seinem Helden.

Ja, in der Hinsicht ist das Argument fehlerhaft – Croft grenzt wie gesagt schon ans Superheldentum, aber ihre Oberweite ist dafür nicht entscheidend. Aber wenn’s danach geht – kann Harry Potter im Film nicht auch blond sein? Muss er eine Brille tragen? Beide Eigenschaften bräuchte er nicht zum Zaubern.

Folgt man dieser Argumentation, sind die Brüste die Superwaffe der Frau, ohne die sie ihre Abenteuer nicht bestehen könnte.

Man kann das auch so interpretieren, dass eine große Oberweite bei Seitwärtssalti eher hinderlich wäre, und daher ein Handycap ist, dass es zu überwinden gilt. So wie Peter Parkers Teenietum.

Tatsächlich hat sich die Laras-Oberweite-Diskussion aber nicht nur in Twitter-Beiträgen und Blogs niedergeschlagen, sondern auch in handfesten Filmrezensionen.

tl,dr: Mit DER Oberweite könnte man das auch von einem Mann spielen lassen, und das wäre nicht sehr ermutigend für Frauen. Tja, wer hat behauptet, dass es das sein soll? Aber nein, wenn man Tomb Raider mit einer männlichen Hauptperson verfilmt, verfilmt man stattdessen „Uncharted“. Aka „Tomb Raider in männlich“.

Der Vorwurf hier: Weniger Brüste führen zu weniger Weiblichkeit und damit zu einem durch und durch langweiligen Film.

Das ist eigentlich nicht der Vorwurf, den ich darin gelesen habe.

Die Hauptdarstellerin setze demnach nie ihre weiblichen Attribute ein – Attribute, die, wir können es uns denken, rein körperlich und damit rein oberflächlich belegt sind.

Aber gut, ich weise diese Kritik wie das Gegenargument zurück, weil Lara Croft in erster Linie ein Video-Spiel-Chara ist, und wenn der sich dort ändert, kann er sich auch in abgeleiteten Werken ändern. Allerdings ist die „aktuelle“ Lara/Vikander ja nicht nur flachbrüstig, sondern klein und dünn – es IST spannender, wenn jemand mit DEM Körperbau sich gewaltsam gegen andere durchsetzen muss. D’oh.

Die gesamte Figur der Lara Croft wird also auf Zentimeter-Maße beschränkt.

Wäre der kleine Hobbit eigentlich noch der kleine Hobbit, wenn Bilbo 195 cm lang wäre?

Rein theoretisch wäre es auch denkbar, andere Aspekte in der Darstellerinnenwahl in der Tiefe zu kritisieren:

Nicht nur theoretisch, aber hey! Die folgenden Beispiele sind allerdings NOCH schlechter als die Oberweite.

Vikanders schwedische Herkunft zum Beispiel (Lara Croft ist Engländerin)

Nein. England war lange skandinavische Kolonie, deshalb stammt der englische Adel von Skandinaviern ab. Meist Dänen und Norwegern, aber hey. Nur die pingeligsten Kolonialismuskritiker würden das kritisieren. Croft Manor ist, glaube ich , im normannischen Stil erbaut worden.

die Tatsache, dass Lara Croft ihr Geld als Kurierfahrerin verdient (sie ist dank des Erbes ihres Vaters steinreich)

Nein. Wie bereits erklärt, hat sie ihre Erbe zu dem Zeitpunkt noch nicht angetreten. Und später arbeitet sie nicht mehr als Kurierfahrerin. (Man könnte die Geschichte natürlich trotzdem kritisieren, weil man sie nicht mag. Es gibt aber eine Erklärung im Film.)

der fehlende Einsatz von Schusswaffen durch Lara (in den Videospielen gehören zwei Pistolen zur Kernmarke der Dame),

Ähh, nein? Pfeil und Bogen? Wie in den neuen Spielen? Das Pistolenpaar kriegt ein Cameo. (Auch das kann man kritisieren, aber Pfeil und Bogen sind leise, somit gibt es plausible Gründe für genau diese Waffenwahl.)

Das passiert aber wenn überhaupt nur oberflächlich.

Achja, ihr Zopf aus den alten Spielen fehlt mir. Den hätten sie einbauen sollen, als sie ihren Vater wiedertrifft. (Ja, Spoiler. Heult doch!) Sie rasiert ihn und er flechtet ihr den so, wie sie ihn „früher“ trug. Soziale Bindung durch gegenseitige Fellpflege. Aber wer weiß, in der Fortsetzung geht sie zum Friseur und zum Schönheitschirurgen. Und kauf sich ein türkisfarbenes Oberteil.

Bei Maidan, wie auch den anderen frustrierten Kommentatoren, geht es ums Äußerliche.

Hm, bei einem optischen Medium? Nein, wirklich? Daniel Radcliffe hat keine grünen Augen, übrigens.

Dabei ist gerade die Tatsache, dass der neue Film einen Fokus auf die charakterliche Entwicklung der jungen Frau, ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen legt, erfrischend und modern

Vor ALLEM, wenn sie wie eine Sechzehnjährige aussieht. Die mit einer offenen Bauchwunde eine Felswand hochklettert. Im Dunkeln. Bei strömenden Regen.

empowering also

Genau. Jeder kann ein Held sein. Man muss nur von einer radioaktiven Spinne gebissen werden. Nee, falscher Film…

Könnte die Rolle auch von einem Mann gespielt werden? Auf jeden Fall.

Das wäre dann aber trotzdem „Uncharted, der Film“.

Ok, ich halte die Kritik an der Oberweite von  Film-Lara für falsch, weil die sich an Spiel-Lara orientiert. Jetzt gibt es bestimmt auch Leute, die die Spiele kennen und die neue Spiel-Lara auch nicht mögen wegen genau derselben Problematik. Und weil das ein Stück weit ja Geschmackssache ist, würde ich das jetzt nicht so hoch hängen. Ich finde aber die neue Lara mit genau der Körbchengröße – in Spiel und Film – tatsächlich gut, weil die zum Gesamtkonzept passt: Sie ist Anfang zwanzig, eher klein und spuchtig. Wie viel Gewicht soll sie im BH noch zusätzlich rumschleppen? Der Spaß – nicht notwendigerweise der Realismus – dabei ist, zuzusehen, wie sie Gegner aus deutlich höheren Gewichtsklassen besiegt. Ja, das ist Eskapismus und irgendwo auch faul, weil Lets-play-Sucht. Aber Spaß! Und Spannung!

Trotzdem hat pinkstinks aus den falschen Gründen die richtige Meinung, d.h., sie befinden sich trotzdem im Irrtum: Laras Figur ist NICHT deshalb so, weil man sie nicht sexualisieren will, und höchstens am Rande, weil man Frauen empowern möchte, sondern einfach, um den Kontrast zu verstärken. Dünnes Mädel, schwere Jungs, qapla!

Am Ende aber bleibt sie übrig, die Halunken sind besiegt, die Welt ist gerettet – nicht dank ihrer Zentimetermaße, sondern dank ihrer Einsatzes und ihrer Fähigkeiten.

Ja. Sie gewinnt nicht dank ihrer Zentimetermaße, sie gewinnt trotz ihrer Körpergröße und trotz ihres Gewichtes. Und das ist weniger empowernd als vielmehr irreführend, weil Wunden nur in Games so schnell heilen. Aber Spaß! Und Risikobereitschaft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s