Heult doch, Partypeople!

Offenbar hat der „Besondere Helden“-Spot nicht nur einen Nerv getroffen, sondern ALLE. Glückwunsch dazu. Persönlich kann ich mit alten Leuten, die jungen Schuldgefühle einreden wollen, wenig anfangen, und mit jungen, die Party machen wollen, auch nur bedingt. Aber die Aussage ist, dass es weiß Gott schlimmeres gibt.

Einmal hier, und einmal hier. BILD und Co. ist das zu nazilastig, weil Kriegsveteranen ja nunmal Nazis sind, und die angesprochene Generation fühlt sich verhohnepeopelt. Doch, das schreibt man so.

Thilo, 20, Student

Der heißt wie Sarrazin. Schlimm, oder?

 Zuerst fand ich es ganz witzig, aber je öfter ich es angesehen habe, desto mehr ist mir das Lachen im Hals stecken geblieben

Wie oft sieht man sich sowas an? Fünfmal, zehnmal? Und Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, halte ich für eine Erfindung der Humorindustrie.

als mir klar wurde, dass es sich hier nicht um ein Joko-und-Klaas-Video, sondern einen Werbeclip der Bundesregierung handelt.

Naja, dieselbe Produktionsfirma. Hofnarren sind Narren FÜR den Hof, nicht gegen ihn.

Ich hab mich durch das Video verspottet gefühlt.

Du fühlst Dich nicht nur verspottet, Du wirst es!

Aber ich finde es krass, wie die Bundesregierung mir mit dem Video zeigt, dass das alles doch gar nicht so schlimm und die Zeit zu Hause doch eigentlich ein Traum ist

Es bezieht sich ausdrücklich auf „zu Hause bleiben“ statt „Feiern gehen“. Andere sind arbeitslos und pleite und können daher eh‘ nicht feiern gehen. Andere müssen arbeiten und Überstunden schieben. Und im Vergleich dazu ist es kein Traum, aber ok.

Von einem Satirevideo von Joko und Klaas wäre das okay, aber nicht von einem der Bundesregierung – deren Aufgabe es ist, unsere Nöte und Sorgen als Bürger*innen wahrzunehmen.

Ja, vllt. soll das heißen, dass manche Nöte ernster sind als andere? Ansonsten gilt die Meinungsfreiheit auch für die Regierung – Satire darf das!

Was wäre, wenn das Video sich an Eltern wenden und sagen würde: „Seid Held*innen und rettet die Welt, indem ihr einfach eure Kinder alle vor YouTube setzt und Autoplay anmacht, ist doch alles halb so wild“ – hätte das denselben Applaus auf Twitter ausgelöst?

Ja, das ist in der Tat ein Punkt – warum machen die die Schulen auf, ohne halbe Klassen, Lüftungsfilter oder sonstigen Maßnahmen? Weil die sich bei Pinkstinks beschwert haben, etwa? Dankeschön! Aber offenbar denken die, dass Schüler(e/t/c) sich nicht selbst motivieren können, Studenten(u/s/w) aber schon.

Rebecca, 35 Jugend- und Heimerzieherin

Die arbeitet immerhin was.

Ich hab das Video nach einer 25-Stunden-Schicht im Jugendheim gesehen. Mir ist einfach alles aus dem Gesicht gefallen.

25-Stunden-Schichten sind schon hart. Schade, dass die SPD nicht an der Regierung ist, um das zu verbieten. Ahh, ich höre gerade, sie ist es doch, verliert aber rapide an Prozenten. Selber schuld, Genossen!

Klar, ich versteh schon, dass das witzig gemeint ist

Hmm, enthaupte doch einfach ein paar der Leute, die Dich beleidigt haben. Linke haben neuerdings eine Schwäche für Leute mit verletzten Gefühlen.

Wir haben neun Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren bei uns. Als die Schulen im Frühjahr zu hatten, mussten wir das Homeschooling übernehmen – sechs Mädchen standen kurz vor dem Abschluss, mit denen haben wir Prüfungsvorbereitung gemacht, so gut es eben ging.

Mal gaaanz vorsichtig formuliert; allzu streng drüften die Prüfungen unter DEN Umständen ja nicht sein. Und Umgekehrt sagt der Spot(t) ja nicht, dass man faul zu hause herumlungern SOLL, denn niemand wird ja abgehalten, die freigewordene Freizeit schulisch zu nutzen…

Nebenbei mussten wir auffangen, dass die Kinder aufgrund der Maßnahmen wochenlang ihre Eltern nicht sehen durften.

Hm, das ist ein speziell gelagerter Sonderfall, den die meisten SO nicht haben. An der Stelle sollte einer/m klar sein, dass man tatsächlich nicht gemeint ist.

Mir sagt dafür aber nie irgendwer von der Bundesregierung Danke. Ich fühle mich nicht gesehen.

Ok, stellvertretend für die Bundesregierung und im Namen aller betreuten Kinder und Jugendlichen: Danke.

Am Ende des Videos sieht man eine Frau, die mit einem Pizzakarton an die Tür klopft. Ich weiß nicht genau, ob das die Freundin sein soll, ich dachte zuerst, es wäre eine Pizzabotin.

Das war auch MEIN erster Gedanke.

Für mich steht sie für die arbeitende Bevölkerung, vielleicht jemand, der gerade von einem systemrelevanten Job kommt und Pizza mit nach Hause bringt.

Oder, sie ist auch Studentin. In Chemnitz. (Doofer Witz darüber, dass man in Sachsen eh‘ nichts sinnvolles zu tun hat, bitte weglassen. Das ist sächsistisch.)

Statt dem Typen und seiner vermeintlich furchtbar schlimmen Zeit eine volle Minute und ihr nur wenige Sekunden zu widmen, hätte ich mir von der Bundesregierung ein Video gewünscht, das ihre Perspektive zeigt.

Ja, echt schade, dass das fehlt. Äh, doch nicht?

Ich hätte ein Video toll gefunden, in dem sie nach Hause kommt – und ihr Freund, der den ganzen Tag zu Hause bleiben konnte, hat schon das Abendessen vorbereitet.

Ja, man kann sich als Frau natürlich nur mit anderen Frauen identifizieren. Aber offenbar haben Lehmanns sich „dammals“ von Fastfood ernährt. Um die chemnitzer Fastfood-Industrie zu stützen.

Lisa, 29, Polizistin

Hurra! Endlich was Handfestes!

Ich empfinde den Spot nicht als unfair, weil es einfach wichtig und essenziell ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung jetzt zu Hause bleibt.

Boooooring! Ähh, ich meine natürlich: sinnvoll und klug.

Ich verstehe aber, dass sich diese Held*innendarstellung für Menschen in systemrelevanten Berufen unfair anfühlt:

Über deren Leben wird sich aber auch nicht lustig gemacht, oder? Und hat Lisa wirklich Held*innendarstellung gesagt?

Es sollte auf jeden Fall auch Spots geben, die die Menschen zeigen, die gerade nicht zu Hause bleiben können:

Nein, das geht nicht. Wenn man die Leistung von Leistungsträgern würdigt, fühlen sich die Stubenhocker in ihrer Leistung zurückgesetzt. Und wir wollen doch auf Gefühle Rücksicht nehmen. Außerdem, die in systemrelevanten Berufen sollen ja gerade NICHT zu hause bleiben.

Sebastian, 24, Student

Immerhin ein normaler Name.

Wenn die Message der Spots sein soll, dass wir Student*innen Held*innen werden, wenn wir zu Hause bleiben, finde ich das okay. Wahrscheinlich könnte ich in 40 Jahren so oder so ähnlich von dieser Zeit berichten.

Komisch, dass die nur Leute mit Genderknacklaut interviewen. Oder werden die ohne Knacklaut einfach nicht genommen? Verschwörung!

Aber nicht mit diesem Pathos und ich würde mich auch nicht als Held darstellen.

Äh, hallo? Das ist offenbar ironisch. Also HART ironisch. Nach dem Motto: „Sonst hängt Ihr doch auch nur auf der Couch herum, also könnt Ihr Euch ja wohl nicht beschweren, wenn Ihr genau DAS machen sollt!“

Mir bleibt ja eigentlich nichts anderes übrig.

Achwas. Ich wiederhole: Achwas.

Worauf die Spots am Ende hinaus wollen: Das Opfer zu bringen, Zuhause zu bleiben, ist für viele leicht gemacht, augenscheinlich zumindest.

Ja, es verübersimplifiziert das Gesamtproblem. Ändert aber nichts an der Notwendigkeit. Weiterhin gibt es heutzutage so viel mehr Kommunikationsmöglichkeiten als – hmm, nachdenk, nachdenk – zur Zeit der Grippewelle vor 100 Jahren?

Immerhin kommt niemand bei ze:tt mit Nazivergleichen.

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