Movember

Tolle Idee, Vorsorgeuntersuchungen sind eine gute Sache, und auch, wenn das gerade etwas schwierig ist, sollte man daran denken.

Leider Gottes gibt’s dann wieder die Trittbrettfahrer.

Weniger als die Hälfte der Männer ab 35 nimmt die Möglichkeit zur Vorsorgeuntersuchung bezüglich Prostata- und Hodenkrebs wahr.

Es gibt natürlich noch andere Krebssorten. Aber ja, besser zu früh als zu spät.

Die Gründe dafür, warum Männer häufig Vorsorgemuffel sind und sich nur ungern mit der eigenen Gesundheit beschäftigen, sind schon länger bekannt:

Prostatauntersuchungen und Artverwandtes machen keinen Spaß; sofern man Vollzeit arbeitet, hat man wenig Zeit, und außerdem, wenn man Pech hat, HAT man Krebs.

Klassische Vorstellungen von Männlichkeit beinhalten keine Konzepte von Selbstfürsorge und Aufmerksamkeit für die eigenen Gesundheitsbelange.

Genau – wenn man mit Anfang Dreißig schon den Heldentod gestorben ist, kann sowas einem ja ziemlich egal sein. Wie schon öfter gesagt, manche Feministinnen sind tatsächlich auch Pazifistinnen, denen man insofern auch ein Herz für Männer abkauft. Der Rest … nicht.

Stattdessen werden diese Dinge als unmännlich markiert und der Mythos einer unverwüstlichen Mannhaftigkeit inszeniert, die endlos belastbar und unanfällig für Krankheiten ist.

Wer macht denn sowas? Die Idee ist eher, dass Männer mehr mit Verletzungen zu tun haben, nicht mit Krankheiten, oder meinetwegen noch Herzinfarkt. Eine Inszenierung als „unverwüstlich“ kommt schon von daher nicht vor. Außerdem, hat jemals jemand behauptet, Frauen seien anfälliger für Krankheiten und würden daher eher sterben?

Die Herausbildung von Resilienzen, der Blick für die eigenen Grenzen und Suizidprävention finden im Bewusstsein von Männern zu selten statt.

Suizid-Prävention und Krebs-Vorsorge haben mMn so rein gar nichts miteinander zu tun. Selbst in Hinblick darauf, dass man Jungen zum Risiko erzieht und Mädchen zur Vorsicht, sind das zwei verschiedene Dinge. Krebsvorsorge heißt, dass man sich untersuchen lässt. Suizid-Prävention ist Prävention, dass ANDERE sich nicht umbringen.

Und das, obwohl stündlich 60 Männer Suizid begehen.

Ja. Der einzige Grund, dass in dem Zusammenhang mit Hodenkrebs o.ä. zu erwähnen, ist natürlich, Männern zum Vorwurf zu machen, dass sich anderen Männer das Leben nehmen. Was natürlich nie an irgendwelchen Frauen liegt.

Teilnehmende beginnen den November glattrasiert und lassen sich über den Monat einen Schnurrbart wachsen.

Ja, Teilnehmende. Danke an alle Frauen und sonstige Menschen ohne Prostata und/oder Hoden, die aus Solidarität ihren Damen(etc.)-Bart nicht entfernen.

Oder sie zeigen den Schnurrbart einfach entsprechend an.

Das geht natürlich auch. Für Leute mit gesichtsbehaarungsmäßiger Benachteiligung.

Trotzdem wird der Movember seit Gründung von Kritik begleitet: Was soll das mit den Schnurrbärten, kann man das nicht auch anders machen, feiert das nicht genau die Art Maskulinität, die mit dafür verantwortlich ist, dass Männergesundheit überhaupt in dieser Krise steckt?

Ach, natürlich wäre JEDES Symbol für Männlichkeit ein Symbol für die falsche Art Maskulinität. Was wäre denn das Symbol für die richtige Maskulinität? Darauf wird keine Feministin(m/w/d) antworten können, weil soe dann sagen müsste, dass es eine richtige Maskulinität gäbe.

Muss es ausgerechnet eine stereotyp männliche Gesichtsbehaarung sein, um auf das Problem aufmerksam zu machen?

Naja, eine stereotyp weibliche Gesichtsbehaarung gibt’s ja nicht.

Die Kritik ist nachvollziehbar.

Ja, wenn man genauso ein missgünstiger Mensch ist wie die, die diese Kritik äußern.

Und auch ein anderer Vorwurf lässt sich entkräften. Denn es wäre an dieser Stelle ein Leichtes einzuwenden, dass Männergesundheit, die männliche Anatomie und die Krankheitsbilder der default-Zustand sind.

Ja? Wenn Frauen älter werden, da sie seltener an Herzinfarkten, Selbstmord oder Arbeitsunfällen sterben, ist das doch begründet. Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes.

Es wäre aber auch voreilig. Denn der Movember tut etwas, was wir schon lange fordern und und längst überfällig ist:

Also etwas, was Ihr von anderen erwartetet, aber nicht bereit wart, selbst zu tun, aus Faulheit und mangelnder Solidarität.

Er formuliert ein wichtiges Anliegen von Männern, ohne es dabei gegen Frauen zu richten.

Oh, bitte. Natürlich sind alle Kapazitäten, die für Männergesundheit verwendet werden, solche, die für Frauen dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Statt des üblichen Whataboutism, der beispielsweise unter praktisch jedem Text über (sexualisierte) Gewalt an Frauen stattfindet und scheinheilig fragt, was denn bitteschön mit (sexualisierter) Gewalt gegen Männer ist,

Ach, genau. Was ist eigentlich mit (sexualisierter) Gewalt gegen Männer? Ich meine, könnte das nicht ein Grund für die erhöhte Selbstmordrate sein? Aber natürlich sind alle Männer, die Feministinnen(m/w/d) widersprechen, scheinheilig.

handelt es sich hierbei um ein ernstgemeintes Anliegen.

Es steht Menschen, die Männerprobleme zu lösen sonst nur als Abfallprodukt gelöster Frauenprobleme akzeptieren, grundsätzlich nicht zu, zu beurteilen, ob jemand Männeranliegen „ernst“ meint oder nicht. Ja, ich kann auch mit Sprecherpositionen argumentieren.

Dass es Männern besser geht, ist eine gute Sache. Das hat nichts damit zu tun, sie mit mehr Privilegien auszustatten oder die Medizin noch weiter auf sie zuzuschneiden.

Man beachte die geschmeidige Art, wie Främing – „mehr Privilegien“ – in die vordergründig männerfreundliche Aussage eingepflegt wird. Nein, es hat NICHTS mit Privilegien zu tun, aber JA, Medizin soll sich mehr um Männerprobleme kümmern.

Und Männern sollten andere Männlichkeitsversionen angeboten werden als solche, die ihnen unter Umständen nahelegen, sich das Leben zu nehmen.

Im Zweifel haben Feministinnen(m/w/d) immer mehr Mitleid mit Frauen. Bzw., sie haben natürlich nie Zwifel, dass man mit Frauen mehr Mitleid haben sollte. Movember ist in diesem Narrativ eigentlich nur die Ausrede, sich nicht um Männer kümmern zu müssen, denn das tun die ja alleine.

2 Gedanken zu “Movember

  1. Männer sind bei Krankheitsbildern der „Default“?

    Mal sehen, was sagt die AOK zum Thema Depression? https://www.aok-bv.de/presse/medienservice/ratgeber/index_22546.html

    Oha, depressive Männer haben oft andere Symptome? Aggressionen, Risikobereitschaft, gesellschaftlich unangemessenes Verhalten?
    Was, Depressionen können zu Selbstmord führen?

    Aber wir hacken lieber auf den Männern rum, weil sie plötzlich trinken, aggressiv werden oder sich nen Ferrari mieten…

    Gefällt 1 Person

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