Zur Abwechslung

Die Vermessung der Welt, ähh, Gleichberechtigung.

Mit der Gleichberechtigung ist das so eine Sache.

Eigentlich nicht. Gleichberechtigung heißt „gleiche Rechte“. Wenn alle diegleichen Rechte haben, ist sie erreicht. Wenn nicht, dann nicht.

Während es mittlerweile als ganz schick gilt, sie herbeizureden oder sie für bereits umgesetzt zu erklären, stecken wir alle noch mitten im Prozess

Nur, weil jemand ein bestimmtes Recht hat, heißt das ja nicht, dass soe dieses niemals einklagen müsste. „Wir alle“ ist ein großes Wort, aber bestimmt wird es immer jemanden geben, der einen Prozess führt. Oder die.

inklusive aller Fortschritte und Rückschläge. Aber gerade die Rückschläge werden gerne unter den Teppich der verbalen Aufgeschlossenheit gekehrt.

Reine Behauptung – nur, weil nicht alle so kleinkariert sind wie Pickert selbst, ist das kein „unter dem Teppich kehren“. Aufgeschlossenheit ist eigentlich auch kein Kriterium für Gleichberechtigung.

Obwohl sie an kritischen Sollbruchstellen immer wieder auftreten: bei Karriereentscheidungen. Bei Fragen rund um Haushalt und Geld. Und natürlich bei Kindern.

Ok, es gibt immer Leute, die sich gerne in die Privatangelegenheiten anderer Leute einmischen. Da muss man aber einfach sagen, dass sie das nix angeht.

„Komisch, dass all diese Männer Kinder haben wollten, und jetzt wollen sie sich gar nicht 24/7 um sie kümmern.“ Mit diesem Satz kommentierte die Journalistin Teresa Bücker die zahlreichen abwertenden Bemerkungen … über Mütter in Zeiten der Coronakrise

Das ist übrigens die hier.

„Sobald man einem Mann sagt, er solle sich vorstellen, dass er für die exakt gleiche Arbeit, die eine Kollegin verrichtet, 500 Euro weniger im Monat bekommen würde als sie.“ Jaaaaa. Das mit der „exakt“ gleichen Arbeit und den 500 € kommt eher nur im Profisport vor. Ähnliches Främing, ich meine Lüging ist die Behauptung, alle Männer, die über Mütter in der Corona-Krise herziehen, wären Väter.

Über Mütter, die es nicht „erfüllend“ finden, stundenlang mit ihren Kindern zu Hause zu hocken, sich irgendwelche kreativen, altersgerechten noch nie dagewesenen Bastelspiele aus dem Ärmel zu zaubern und auch noch beim Homeschooling am Ball zu bleiben.

Der Punkt ist einerseits, dass manche Mütter arbeiten müssen, aus Gründen, die nur begrenzt mit „Erfüllung“ zu tun haben, und andererseits, dass manche Mütter systemrelevante Arbeiten wie „Intensivpatienten(m/w/d) behandeln“ und „Klopapierhamsterkaufbetreuung“ haben. Andererseits haben Leute, die nicht deshalb nicht arbeiten können, weil sie Kinder zu betreuen haben, sondern weil ihr Job coronabedingt nicht mehr da ist, eher wenig Mitgefühl mit Menschen, deren Berufsleben noch vorhanden ist, und „nur“ organisatorisch schlecht läuft.

Was soll ich sagen? Mich erfüllt das. Zumindest teilweise. Ich verbringe gern Zeit mit meinen Kindern.

Ja. Hat jetzt hoffentlich keiner bestritten, oder?

Der Unterschied ist allerdings, dass die Frau aufgrund ihres Geschlechts zu diesen Aufgaben gemeinhin verpflichtet wird, mir sie indes nicht zugetraut werden.

Seine Frau wird verpflichtet? Von wem genau? Von ihm vermutlich nicht, von den Kindern vermutlich auch nicht, und „das private ist politisch“ ist eigentlich ein Stasi-Spruch. Jedenfalls hat die das Private auf politisch korrektes Handeln überprüft.

Allein wegen meines Geschlechts bin ich lediglich zum „Helfen“ da. Mehr ist da in den Augen vieler nicht drin.

Wie sagt das GG? „Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz der Gemeinschaft.“ Der Vater nicht. Wie Pickert und Lebenskomplizin ihr Leben organisieren, ist jetzt aber unabhängig davon, wie „viele“ deren Kompetenzen sehen. Oder sollte es jedenfalls sein.

Wer als heterosexuelles Standardpaar mit Gleichberechtigung ernst macht, dem werden ganze Gebirgsketten an Vorwürfen, überholten Zuschreibungen und Rollenmodellen in den Weg gelegt.

Und? Wer oder was hält Pickert davon ab, es anders zu machen, außer seiner Lebenskomplizin? Es gibt tatsächlich ein Argument, was gegen eine 50:50-Aufteilung aller Aufgaben spricht, aber das ist mehr wirtschaftstaktisch als gesellschaftlich.

Denn unsere Gesellschaft ist auf das Konzept einer gleichberechtigten Beziehung nicht ausgelegt.

Er meint, eine Beziehung, bei der alle Aufgaben 50:50 aufgeteilt sind. Das ist nicht dasselbe wie Gleichberechtigung, weil a) Gleichberechtigung erstmal nur die Rechte gegenüber dem Staat betreffen und im weiteren Sinne gegenüber Arbeitgebern, und b) es aus Gründen der Fraiheit erlaubt sein muss, dass jede Beziehung ihre Aufgaben so verteilen darf, wie ihre Mitglieder sich einigen.

Die Grundmatrix sieht den Mann als schneidigen Leistungsträger und Familienoberhaupt vor,

Die darauf beruhenden Gesetze gibt es nicht mehr. Staat und Gesellschaft sind nicht deckungsgleich, was gut ist. Deshalb ist wird die Gleichberechtigung – verwirklich durch die Gesetze des Staates – erstmal nicht dadurch eingeschränkt, dass die Gesellschaft das nicht so macht, wie Pickert es will.

die Frau als liebevolle Care-Arbeiterin, die Haushalt und Kinder wuppt und sich abends nach getaner Arbeit ein bisschen für den Familienfrieden beschlafen lässt.

Nicht nur kontrolliert das niemand, sondern solche Kontrollen wären illegal. Jetztfalls in der BRD.

Nur ganz langsam kämpfen wir uns aus dieser Konstellation heraus. Schritt für Schritt, Stereotyp für Stereotyp, Gesetz für Gesetz.

Wer ist „wir“, und welche Gesetze fehlen noch?

Dieser Kampf ist jedoch nicht nur ein Ringen mit äußeren Widrigkeiten, sondern auch mit den Dynamiken innerhalb einer Beziehung und den eigenen Dämonen.

Die äußeren Widrigkeiten sind eigentlich pillepalle – niemand zwingt die beiden, eine bestimmte Rollenverteilung zu leben. Es gibt sicher Leute, die das erwarten, aber niemand zwingt sie. Es wäre tatsächlich illegal, jemanden bspw. einen bestimmten Beruf aufzuzwingen. Pickert kämpft hier gegen Windmühlen.

Für Gleichberechtigung gibt es keine gültige Referenz und keine Erfahrungswerte. Deswegen scheitert man an allen Ecken und Enden. Deshalb scheitere ich.

Die Maßgabe, alles exakt hälftig zu machen, ist dabei allerdings eine selbstgebaute Schikane. Hat jetzt aber nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Übersehe Fakten, überhebe mich an meinen Aufgaben, halte mich für fähiger, gerechter und überhaupt besser, als ich bin.

Ja, und?

Ich muss mich zudem immer wieder fragen, ob wir als Paar tatsächlich Hälfte-Hälfte machen.

Warum fragt er das nicht seine „bessere“ Hälfte? Oder, noch einfacher, den Beitrag, den jede Hälfte zum Familieneinkommen beiträgt, kann man ja vergleichen. Sollte da nicht genau 50:50 rauskommen, muss die Haushaltsarbeit/Kinderbetreuung per Stechuhr verglichen werden. Die einkommensschächere Hälfte macht dann mehr Care-Arbeit, die per Tarifvertrag vom Einkommensunterschied bezahlt wird. Sollten am Monatsende Überschüsse vorliegen, werden diese der Wohlfahrt gespendet.

Zwischen dem „Fun“, lächelnd ein Baby in die Luft zu werfen und dafür als Vatergott durchzugehen, und der übermüdeten Verzweiflung, neun Monate lang vier Kinder allein zu betreuen, weil die Lebenskomplizin weit weg einen neuen Job angefangen hat, liegt unbeschrittenes Neuland.

Wenn „Vatergott“ zu werden seine Motivation ist, ist klar, warum er sich unzureichend fühlt. Aber was würde es Pickert – oder sonstwem – nutzen, wenn irgendein anderer Vater, oder auch irgendeine Mutter, oder ein sonstwie bezeichnetes Elternteil, in so einer Situation war? Er muss selbst damit klar kommen. Er müsste auch damit klarkommen, Alleinverdiener zu sein, wenn er ein solches Familienmodell verfolgte – wieso das irgendwie einfacher sein sollte, weil das Modell recht etabliert ist, weiß der Gilb.

Die Vermessung dieser Welt, die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Privilegien, für die ich nichts getan habe, und der Freiheit, die ich mir nicht extra verdienen will,

Inwieweit wäre „Alleinverdiener sein“ ein „Privileg“? Abseits des einschlägigen Främings, natürlich? Und natürlich ist die Tatsache, dass niemand ihn daran hindert, ein anderes Familienmodell zu verfolgen, bereits Ausdruck seiner Freiheit.

wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vor allem eine Aufgabe von Männern sein.

Nein. Meine Freiheit ermöglicht mir, jede Aufgabe abzulehnen, die ich nicht übernehmen will. Der wirtschaftstaktische Grund, nicht alle Arbeiten 50:50 aufzuteilen, ist folgender: zwei gleich große Halbtagseinkommen erzeugen theoretisch genausoviel Geld wie ein Vollzeiteinkommen, aber eine Person mit Vollzeiteinkommen wird schneller befördert. Warum? Weil sie schneller Berufserfahrung anhäuft. Diese Beförderung ist tatsächlich fair, weil der Arbeitgeber(m/w/d) einen Vorteil davon hat, und weil der Arbeitnehmer(m/w/d) etwas dafür getan hat. Ob das Elternteil in Vollzeitarbeit männlich oder weiblich ist, ist dabei egal – Paare mit einem Vollzeit-Erwerbsarbeit-Elternteil und einem Vollzeit-Carearbeit-Elternteil verdienen bei ansonsten gleichen Bedingungen mehr, als ein Elternpaar, dass eine möglichst gleich verteilte Erwerbsarbeit anstrebt.

Fragen nach Lohngerechtigkeit, Gewaltfreiheit, Care-Arbeit, Verantwortung, Sexualität, Liebe.

Lohngerechtigkeit heißt: „Gleiches Geld für gleiche Arbeit.“ Thema durch. Gewaltfreiheit ist gesetzlich geregelt; tl,dr: Gewalt ist illegal. Care-Arbeit als Beruf gehört zum Thema Lohngerechtigkeit. Verantwortung haben die meisten Erwachsenen. Sexualität und Liebe hat nichts mit juristischer Gleichberechtigung zu tun. Außerdem fehlt in dieser random Aufzählung Urlaubsgeld im Krankheitsfall.

Und braucht sich nicht über psychische Probleme, Burnouts und hohe Selbstmordraten bei Männern zu wundern.

Wer wundert sich? Außer denen, die regelmäßig von männlichen Privilegien reden? Mal darüber nachgedacht, dass Erwerbsarbeit nicht notwendigerweise mehr Spaß macht als Erziehungsarbeit?

Ein Gedanke zu “Zur Abwechslung

  1. 1. Auch Frauen wollen Sex, das ist nichts, was einseitig gegeben und genommen wird. Vor allem aber: Dass sie weniger arbeiten muss, ist das primäre Privileg schlechthin, das zu sekundären (scheinbaren) Nachteilen führt. Es ist von Frauen genauso gewollt; keine ist bereit, ihr Leben lang malochen zu gehen und den Löwenanteil ihres Lebenseinkommens an Mann und Kinder abzugeben.

    2.

    Und braucht sich nicht über psychische Probleme, Burnouts und hohe Selbstmordraten bei Männern zu wundern.

    Bäh.

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