Ihhh, ein Männerschampoo!

Eine Kleincousine von mir, damals vier Jahre alt, sah einmal, wie ich bei einem Familientreffennachschubeinkauf Schampoo einkaufte: „Ihh, ein Männerschampoo! Für wen ist das denn bitte?“ Ich erklärte ihr, dass das erstens für mich sei, dass das zweitens kein Männerschampoo, sondern ein Anti-Schuppen-Schampoo sei, und dass es drittens auch sicherlich Schampoos extra für kleine Mädchen gäbe. „Nein, gibt es nicht.“ Ich wollte auf dem Punkt nicht weiter beharren, um keine pädagogischen Zerstörungen anzurichten. Nicht, dass das Kind sich demnächst nur noch mit Lillifee-für-brünette-Prinzessinnen die Haare waschen lässt.

Ansonsten: ist es nicht schön, dass alle möglichen Haarform-Spezial-Schampoos eines gewissen Herstellers Frauen auf der Packung haben, aber Männer nur bei „für Männer“, „für sportliche Männer“, „mint“ und „gegen Schuppen“ vorkommen? Ach, und für „volleres Haar“, was tatsächlich mehr Sinn ergibt, weil lichtes Haar bei Frauen eher selten ein Problem ist als Schuppen.

Und dann hier mal wieder:

Wieso Hautpflege kein Geschlecht haben sollte

Hmm, ich kaufe mir alle Jubeljahre einen neuen Trockerasierer, weil ich für Nassrasur nicht die Geduld habe und mir Bärte zu pflegeintensiv sind. Ja, das ist schon sehr faul, ähh pragmatisch, also phlegmatisch, aber seitdem es MSN gibt, kann ich das noch mehr meine Laune unterwerfen.

Cremes und Make-up sind nur was für Frauen? Warum Skincare auch Selfcare ist – für alle Menschen.

Hmmm, die Frauen, die ich so kenne, stehen nicht jeden morgen vorm Spiegel und überlegen, ob Dreitagebart reicht oder ob es glatt sein soll.

Jedes Mal, wenn ich in der Drogerie vor dem Regal mit dem Duschgel stehe, frage ich mich, wie viel Spaß die Marketingabteilung bei der Entwicklung der Männerprodukte hatte.

„Gegen Schuppen! Für mehr Sport. Und etwas, was man nicht explizit ‚gegen Haarausfall‘ nennen darf, sagt die juristische Abteilung.“ – „Nein, für Hautprodukte.“ – „Achso. Ja, immer dreimal so viele wie für Männer, dann passt das schon.“

Männer sollen nicht nach so langweiligem Zeug wie Aloe Vera, Kokos oder Obst riechen.

Die Frage ist, ob Männer das wollen. Oder – noch einen Schritt weiter – wollen Frauen Männer, die so riechen? Womit wir wieder bei der Frage sind: „Wenn es so viele Rollenerwartungen an Männer gibt, welche davon werden von anderen Männern und welche von Frauen gestellt?“

Sie sollen sich nicht mit Gerüchen, sondern eher mit Konzepten wie „Carbon Clean“, „Dark Passion“ oder „Skateboard & Fresh Roses“ waschen,

Von den Gerüchen wird man auch nicht sauber, ehrlich gesagt. Aber ja, wenn etwas „Skatebord & Fresh Roses“ heißt, klingt das eher nach einer Band, weshalb ich das Marketing dahinter auch nicht verstehe. Und deshalb nicht kaufe.

wobei ich immer dachte, dass man sich auf einem Skateboard fortbewegt, nicht, dass man danach riechen sollte, aber was weiß ich schon.

Und Kokos und Obst ist was zum Essen. Hyänen bspw. wälzen sich in Essen, damit die anderen Hyänen schon vom weiten riechen: „Oh, diese Hyäne ist so ein Alpha-Tier! Sie hat derartig viel Fressen über, dass sie Teile davon für Kosmetik verwenden kann. Was für ein Boss!“

In der Welt der Hautpflegeprodukte dürfen Männer noch richtige Männer sein.

Ab einem bestimmten Alter wirken Skateboards zu 99% nur noch peinlich. Aber wenn Männer sich männlich fühlen wollen, indem sie etwas tun, was Frauen eher nicht machen, dann rasieren sie sich mit dem guten Rasierschaum, mit einem hochwertigen Rasierpinsel UND mit einer wiederverwendbaren Rasierklinge. Oder mit einer Walfang-Harpune, aber infolge der bedrohten Walbestände ist das etwas out.

Eigentlich krass, dass man sich hier mit Duschgel und nicht gleich mit Testosteron einseift.

Jaaa, Testosteron alleine löst noch keinen Haarausfall aus, kann aber eine Mitursache sein. Deshalb ist Haarewaschen mit Testosteron möglicherweise eher kontraproduktiv.

Gerade bei „Frauenartikeln“ geht es eigentlich immer um einen ewigen Kreislauf: „Du bist nicht gut/schön/schlank genug, du musst dich optimieren, hier haben wir schon mal die passende Creme für dich.“

Bei Männern ist es eher: „Du arbeitest als Handwerker, benutze Handcreme, damit die nicht kaputt gehen.“

Um die Produkte trotzdem an den Mann zu bekommen, setzt man hierfür eben auf vermeintliche Männlichkeitsattribute, was Labels wie „strong“, „sportlich“ und „aktiv“ auf den Verpackungen erklärt.

Ernsthaft, den ganzen Tag auf der Baustelle, bei bestimmten Sachen kann man bzw. darf man keine Handschuhe benutzen, und Handschuhe schützen auch nicht komplett gegen Schwielen und dergleichen.

Die gegenderten Produkte unterscheiden sich aber nicht nur in der Vermarktung, sondern oftmals auch im Preis.

Haaaha. Offenbar klappt das Marketing bei Frauen irgendwie besser.

 Die Verbraucherzentrale Hamburg führt jährlich sogenannte Marktchecks durch, bei denen die Preise für an Frauen und Männer gerichtete Pflegeprodukte untersucht werden.

Wenn die Männerprodukte günstiger sind, warum kaufen sich Frauen nicht einfach die? Ob eine Frau nach Skateboard und frischen Rosen riecht oder nach Aloe Vera, wäre mir eigentlich egal.

Frauen müssen vor allem bei Rasierprodukten fast 40 Prozent mehr zahlen, selbst wenn sie sich hinsichtlich Inhalt und Bauart kaum unterscheiden.

Meinen neusten Rasierer musste ich mir kaufen, weil ich meinen alten bei meiner damaligen Freundin vergessen hatte. Und der war noch gut! Das ist schon der Dritte in meinem Leben. Alles wegen einer (1!) Frau.

Gegenderte Produkte ergeben also höchstens wirtschaftlich Sinn, denn gerade unter dem Pflegeaspekt braucht es keine Unterscheidung nach Geschlecht.

Ich kenne jemanden, der einen sehr gepflegten Schnurrbart trägt. Klar kann man dafür dasselbe Haargel nehmen, das auch Frauen verwenden, also überhaupt kein Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Männer scheinen zwar eine dickere Haut und eine andere Ölproduktion als Frauen zu haben,

UND Testosteron wirkt sich auf die Haarwurzeln aus…

aber das bedeutet nicht, dass sie grundlegend andere Cremes brauchen:

Und wenn man einfach geruchlose Cremes verwenden würde? Nur so als Idee.

An sich unterscheidet man in Hauttypen, also normale, trockene, fettige oder Mischhaut, die unabhängig vom Geschlecht auftritt.

Aber nur schuppige Haare soll man mit Männern assoziieren. Arme Frauen, immer nur das Beste für sie…

Eine neuer medialer Skincare-Hype könnte das Geschlechterverständnis von Pflege ordentlich auf den Kopf stellen.

Anti-Schuppen-Schampoo für Frauen. Männerschampoo für gefärbtes oder getöntes Haar. Geruchsneutrales Duschgel um einfach nur zu duschen! Scheiße, JA!

Vor allem auf TikTok gehen immer wieder Skincare-Videos von jungen Frauen, Männern und non-binären Personen viral.

Oder, wir werfen uns einfach alle in die Fänge der chinesischen Datenklau-Mafia. Was halt schneller geht.

Wer sich eine Weile in der Skincare-Bubble auf TikTok beschäftigt, wird früher oder später Hyram begegnen.

Skincare-Bubble. Alles klar. Das muss man ausdrücken. Also, auf dem Video jetzt zum ausdruck bringen.

Er beschreibt, dass Männer, die sich für Skincare interessieren, das Gefühl vermittelt bekommen, sie würden sich mit einem girly, femininem oder schwulen Thema beschäftigen.

Eine reine, gesund aussehende Haut ist Zeichen von Gesundheit allgemein, biologischer Fittigkeit und generell evolutionärer Attraktivität. Insofern kann das nicht schaden, wenn man als Mann auf Frauen steht oder so. Über Männer, die für Hautpflege deutlich mehr als „muss halt sein“ empfingen, ist hier zu lesen.

Bevor dann das eigentliche Thema des Videos startet, erzählt er noch, wie er als schwuler Mann sowieso nichts mit gängigen Männlichkeitskonzepten anfangen kann, aber weiß, dass andere Männer durchaus damit konfrontiert werden.

Es gibt auch eine MENGE Frauen, die ein überzogen hohes Anforderungsprofil an weibliche Schönheit extrem nervend und belastend finden. Während Frauen also daran arbeiten, WENIGER Zeit, Geld und sonstige Ressourcen in Beauty-Kram stecken zu müssen, sollen Männer also das genaue Gegenteil tun. Begeisterung.

Zur Diskussion um die Geschlechtslosigkeit von Hautpflege hat auch Rihanna einen Beitrag geleistet.

Hat die nicht auch mal Musik für Resident Evil gemacht? „Umbrella, ella, la, la…“? Oder verwechsel ich sie schon wieder mit Marilyn Manson?

Auf Twitter betonte sie dann noch einmal: Wer auch immer dir gesagt hat, dass Skincare ein Geschlecht hat, hat dich BELOGEN.

Das hat tatsächlich niemand gemacht. Ich fühle mich gleich so viel besser.

Gerade in Zeiten der Pandemie und strengerer Kontaktbeschränkungen muss man sich vielleicht ohnehin mehr mit sich selbst beschäftigen, als es einer oder einem lieb ist.

Hmmm, wenn mich eh keiner sieht – wieso soll ich mich dann schminken? Also Rasieren ok, weil der Bart irgendwann die Maske stört. Aber weil meine Lippen jetzt geschützt sind, benötige ich vllt. gar keinen Lippenstift mehr. Ist doch toll!

Skincare kann da eine Form von Selfcare sein.

In der Zivildienstschule hat man mir beigebracht, erst zu desinfizieren und DANN die Hände waschen, weil im warmen Wasser sich die Poren öffnen und wenn man danach Desinfektionmittel drüber schüttet, ist das etwas ungesünder als auf geschlossene Poren.

Und sich selbst was Gutes zu tun, sollte allen unabhängig des Geschlechts zustehen.

Ich kaufe mir erstmal wieder eine neue Brille.

5 Gedanken zu “Ihhh, ein Männerschampoo!

  1. „Die Frage ist, ob Männer das wollen. Oder – noch einen Schritt weiter – wollen Frauen Männer, die so riechen? Womit wir wieder bei der Frage sind: „Wenn es so viele Rollenerwartungen an Männer gibt, welche davon werden von anderen Männern und welche von Frauen gestellt?““

    Eigentlich ist jede dieser Litaneien ganz einfach abgefrühstückt mit der Frage: „Glaubt ihr ernsthaft, dass sich kapitalistische, also profitorientierte Unternehmen, einfach so Gewinne durch die Lappen gehen lassen, um eine patriarchal heteronormative Konstruktion des Menschen am Leben zu erhalten, indem sie ihren Kunden sagen, dass, je nach Produkt, Männer oder Frauen dieses oder jenes nicht bräuchten?“

    Lautet die Antwort auf die Frage „Nein“, ist diese Diskussion damit eigentlich beendet.

    Lautet die Antwort „Ja“, ist mit der jeweiligen Person jegliche weitere Diskussion von vornherein überflüssig, denn man hat es da offensichtlich mit quasi religiösen Überzeugungen zu tun. Da kommt man mit nix durch.

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  2. Ach ja, die armen Frauen, die gezwungen werden die teuren Rasierer in rosa zu kaufen.

    Kleiner Tipp von außerhalb der Blase:
    Es gibt eine Subkultur, in der lange Haare bei Männern seit Jahrzehnten dazu gehören.
    Metal

    Nach einem harten Abend mit wehenden Haaren ist ein gutes Schampoo UND eine gute Spülung ein muss. Vor allem, wenn die Haare ordentlich Bier und Rauch abbekommen haben.

    Vor 20 Jahren, als ich in die Szene eingestiegen bin, gab es da nix „für Männer“.
    Aber hej, wir haben uns ausgetauscht, welches Zeug am besten ist. Und in Wacken haben wir unsere Schampoos verglichen. Je mehr rosa desdo besser…

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