Die Banalisierung des Bösen II

Hierzu nochmal.

Spoiler- und Triggerwarnung zu Game of Thrones: Die achte Staffel ist doof.

Spezielle Berücksichtigung von Sansa Stark:

Sansa wurde in der fünften Staffel mit dem Sadisten Ramsay Bolton verheiratet, der sie in ihrer Hochzeitsnacht vergewaltigte. Erst als Reaktion darauf entwickelte sie sich zu einer starken Frau.

Es ist tatsächlich die Frage, ob das so gemeint ist; andere Frauen bei GoT schöpfen Stärke aus anderen Faktoren. Die Botschaft, wenn man denn eine haben will, wäre zumindest nicht die, dass das die notwendige Voraussetzung für Charakterentwicklung ist, wenn auch vllt. eine hinreichende.

Über Sansas Szene ärgerte ich mich besonders, da sie anders als der Großteil der Serie nicht auf den Buchvorlagen basierte und somit absichtlich hinzugefügt wurde.

Das ist in der Tat ein Argument – eine Sache, die praktisch jeder bei GoT mag, ist, dass es viele durchaus komplexen Figuren, die nicht aus Klischees im zum Gut-Böse-Schema sind, obwohl manche Figuren anspruchsvolleren moralisch-ethischen Regeln folgen als andere. Und natürlich mag man nicht ALLE Figuren. Nun sind diese Figuren und Charakterbögen von GRRM schon mit viel Liebe und Mühe entwickelt worden, so dass eine recht harte Änderung viel kaputt macht, egal, ob sie im Kontext plausibel ist oder nicht.

Einige Fans argumentierten, dass eine Vergewaltigung einer so grausamen Figur wie Bolton ähnlich sehe. Aber Vergewaltigungen sollten nicht als billiges Instrument genutzt werden, um die Boshaftigkeit eines Charakters zu unterstreichen.

Da würde ich eigentlich zustimmen, uneigentlich ist eine andere Sache, die praktisch jeder an GoT mag (und wenn nicht, guckt man oder liest man das nicht), dass Grausamkeit und Brutalität nicht nur behauptet werden, sondern bis zur bittersten Konsequenz durchgezogen. Auch solche Opfer, die in anderen Serien und Filmen häufig verschont werden – sei es durch die Schurken, sei es durch die Gnade des Drehbuches – sind es in GoT nicht, einschließlich Schwangere, Kinder und süße, kleine Hunde. Ok, süße, ziemlich große, aber wohlerzogene und liebe Schattenwölfe. Insofern ist die Szene mit Sansa und Bolten nicht direkt der einsame Gipfel aller Grausamkeit, auch, wenn man darauf hätte verzichten können.

Noch schlimmer wurde es übrigens in der achten Staffel, die vollständig nicht auf dem Buch basierte, weil es noch keines gab.

Das einzige, was in Staffel 8 besser wurde, war, dass manche Leute tatsächlich Situationen überleben, wo selbst bei WENIGER gnadenlosen Serien jeder denkt: „Alles klar, die sind tot. Letzte Staffel. Endkampf mit dem Nachtkönig. NaTÜRlich wird jetzt ordentlich gejätet, damit in der letzten Folge nur noch drei bis vier…“ Aber, was soll ich sagen, die Welt ist schlecht, aber auf völlig falsche Weise schlecht.

Darin trifft Sansa nämlich auf einen alten Bekannten und argumentiert, dass sie ohne ihre Peiniger ihr Leben lang ein kleines Vögelchen, also ihr schwaches, hilfloses Selbst geblieben wäre.

Gemeint ist wohl diese Szene hier:

https://www.youtube.com/watch?v=6-1Wkd7jWow

Ganz allgemein gesagt, was ein Chara in einer Szene zu einem anderen sagt – und das gilt nicht nur für Serien und Filme, sondern auch Bücher, Comics, oder Computerspiele, muss nicht zwingend das sein, was die Autoren denken. Außerdem muss es noch nicht einmal das sein, was der Chara denkt – Charas können lügen.

Also, hier hat Sansa ihr Branding-Shäming gegenüber „the Hound“ überwunden, was ja tatsächlich ein postiver Zug ist, und sie hat sich an Bolton auf eine „proportional grausame“ Weise gerächt. Hurra für Menschlichkeit.

Der Hound meint, dass es ihr trotzdem besser ergangen wäre, wenn er sie ein paar Staffeln zuvor mitgenommen hätte, aber ich kenne die Theorie, dass Sansa nicht wie Arya an einer späteren Stelle weggelaufen wäre und vermutlich rechtzeitig zu roten Hochzeit von ihrem Bruder freigekauft worden wäre. Glück muss man haben, dann überlebt man. Drei mögliche Interpretationen

  1. sie denkt das wirklich: ihr früheres Ich als Teenager-Mädchen in einer Fantasy-Welt – sie kannte anscheinend diegleichen eskapistischen Bücher wie Don Quichote – war schwach, ihr jetziges ist Stark. Wie der Name eigentlich sagt. Selbst DAS würde nur für sie selbst geben, weil sie nur von sich spricht.
  2. es kann ab ebenfalls sein, dass sie genau das denkt, was der Hound sagt und ihre Entscheidung bitterlich bereut, aber keine Fehler zugeben will.
  3. Und es kann sein, dass sie – bewusst oder unbewusst – versucht, das Geschehene zu verarbeiten, indem sie es positiv interpretiert.

In einer komplexen, charakterbogengetriebenen Serie würde man sich über solche Ambiguitäten nicht beschweren, Menschen sind halt vielschichtig, welche Interpretation am plausibelsten ist, kann man im Kontext von Sansas sonstigen Entscheidungen und Handlungen beurteilen, oder wenn nicht, gibt es vllt. eine vierte, oder sie weiß es selbst nicht, oder es ist etwas, was man als Publikum nicht herauskriegen soll. Eine vierte Möglichkeit gäbe es, wenn Sansa dergleichen zu ihren Peinigern gesagt hätte, um sie auch verbal zu besiegen: „Ihr wolltet mich fertigmachen, aber der Schuss ging nach hinten los – jetzt bin ich nicht mehr das kleine Mädchen von damals, sondern eine erwachsene, starke Frau! Ohne Mitleid, Gnade oder sonstige Schwächen, weil Ihr mir die ausgetrieben habt! Bereut Ihr das schon?“ (Ok, vor Erfindung des Schießpulvers gingen Schüssen nicht nach hinten los, aber vom Prinzip her…) Aber das ist Staffel 8, wo man mehr mit zusammenfegen befasst war.

Der Satz fasst das ganze Problem zusammen: Vergewaltigungen und Trauma werden als etwas Stärkendes, fast schon Praktisches für die eigene Weiterentwicklung dargestellt.

Meine traurige Befürchtung ist, dass das das tatsächlich sein soll: nicht Sansa spricht hier zum Hound, sondern die Macher zum Publikum, die versuchen, die Vergewaltigung rückwirkend zu rechtfertigen. Allerdings ist das für mich eher das Problem, dass man das versucht, so plump zu erklären, anstatt das über die letzten paar Staffeln zu zeigen. Und meinetwegen dann DOCH noch mit so einem Spruch. Sansa hätte sich vllt. um andere Opfer gekümmert – wird genug davon geben, wenn es Sex und Gewalt gibt – oder auch um die männlichen Opfer von Vergewaltigung und Folter, wenn man GoT tatsächlich als psycho-soziale Unterstützung Traumatisierter versteht. Oder, sie erhöht die Mindeststrafe auf Vergewaltigung von „Verbannung“ auf „Tod durch Folter“, sobald sie an die Macht kommt. Oderoder, sie führt einen Dialog, in dem sie ihre Gefühle verarbeitet, aber nicht mit dem Hound, sondern mit ihrer Schwester.

Das, liebe Kinder, passiert, wenn man die Bücher überholt. Manche sagen, es gäbe nur einen Gott in GoT, und sei Name sei „der schnittige GRRM“, Gott des Winters und des Todes, und er wäre genauso kalt und erbarmungslos wie seine heiligen Tiere, die Gletscher, aber zum Glück nicht ganz so schnell wie diese.

Vllt. wird es einmal eine großartige Stelle im letzten Buch geben, die das Problem ganz wunderbar… „Ähh, wenn diese Vergewaltigung in den Büchern doch gar nicht vorkam?“ – „Achja! Ok, dann nicht…“

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