World of Wording

Hachja.

tl,dr:

WIESO HEISST SCHEIDE EIGENTLICH JETZT VULVA?

Gegenfrage: wieso heißt Leberkäse „Leberkäse“? Wieso sagt Ihr alle noch „geteert“, wenn es doch „asphaltiert“ heißen muss? Und was ist der Hardcorekrieg zwischen „Halfter“ und „Holster“? Fachsprache und Umgangsprache.

Weißt Du, was mit „Vulva“ gemeint ist? Und wo die Vulva genau ist? Wenn ja, gehörst Du zu einer Minderheit: Knapp die Hälfte der Frauen wissen, wo die Vulva ist.

Und Männer wissen das grundsätzlich nicht, weil…? Knapp die Hälfte der Frauen ist ein Viertel aller Menschen, was eine Minderheit wäre, aber, nunja. Gut, dass ich keine Frau bin. (Ist nicht immer von Vorteil, aber hier ja.)

Wenn nein, ist das nicht Deine Schuld – aber indem Du diesen Text liest, tust Du etwas gegen diese Wissenslücke.

Gott verhüte, dass Frauen an irgendwas die Schuld tragen würden. („Ich dachte, Gott wäre gegen Verhütung?“ – „Das war erstens eine Metapher und zweitens ironisch gemeint.“ – „Das sind ja gleich ZWEI Schichten Unwirklichkeitskram.“ – „Achwas.“)

Bevor wir aber dazu kommen, woher dieses Unwissen stammt

Das Unwissen ist wie die Dunkelheit. Es ist überall zuerst da und kommt nicht von irgendwo.

Vulva umfasst das, was vom weiblichen Geschlechtsorgan zu sehen ist

Normalerweise also gar nichts, wegen diverser Schichten Kleidung?

Die Vagina dagegen ist nur der innere Teil, die Verbindung zwischen Vulva und Gebärmutter: bis zu zwölf Zentimeter lang, aus Schleimhaut bestehend, von Muskeln umgeben.

Ich mache jetzt keine Witze über Speiseröhre, Atemröhre, Zwölffingerdarm und.. ach, doch. Mach ich. Dafür gibt es anatomische Zeichnungen.

Allein in der Spitze der Klitoris, die in die Vulva ragt, laufen etwa 8000 sensorische Nervenendigungen zusammen. Das hat zur Folge, dass die Klitoris viel empfindsamer ist als der Penis – denn die Dichte dieser Rezeptoren ist fünfzigmal höher als beim männlichen Geschlechtsorgan.

Tja, die alten Griechen kannten die Geschichte von Zeus, Hera und Teiresias, dem Erfinder des Ausdruckes „damned bloody motherfucker“. Also, sinngemäß. Gehört zu Ödipus-Geschichte. Wo war ich? Achja, Zeus behauptete, dass es gerecht sei, wenn Männer mehr Sex hätte, weil Frauen mehr Spaß dabei haben. Hera: woher willst DU das wissen. Zeus: woher willst DU wissen, dass das nicht so ist. Dann fragten sie Teiresias, der mal ein paarendes Schlangenpaar gestört hatte und dadurch sein Geschlecht gewechselt hatte. Das hat er dann noch ein paar mal gemacht, und als Experte/in antwortete er dem Götterpaar, dass Frauen ungefähr neunmal so viel Spaß wie Männer hätten. Hera schlug ihn daraufhin mit Blindheit, aber Zeus schenkte ihn die Sehergabe. Darauf suchte er das nächste Schlangenpaar, um wieder Teiresis zu werden.

Die Vulva macht also weibliche Lust sichtbar. Und wird damit zum Politikum: Sie zeigt etwas, das nicht sichtbar sein darf.

Deshalb: Sex nur im Dunkeln. Das politische ist Privatsache. Wen stört solche Sichtbarkeit wohl mehr, den Mann oder der Frau?

Oder durfte. Während man sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ausführlich und bis ins Detail mit der hochinteressanten Anatomie des weiblichen Geschlechtsorgans beschäftigt hat, arbeiten heutige Standardwerke der Ärzt*innen- und der Lehrer*innen-Ausbildung mit im Vergleich dazu verkümmerten Darstellungen.

Bis ins Detail bedeutet: Längsschnitt, Querschnitt und dergleichen mehr. Irgendwie mehr, als man hoffentlich im richtigen Leben zu sehen kriegt, weil nur Serienmörder(innen) mit sehr sonderbaren Fetischen so sehr „ins“ Detail gehen. Abergut, irgendwie hat man sich bei „Der Bewegte Mann“ noch darüber lustig gemacht, dass es angeblich einen „vaginalen“ und einen „klitoralen“ Orgasmus gäbe, jedenfalls bei Frauen. (Der Plural wäre übrigens „Klitoriden“, analog zu „Iriden“ zu „Iris“, aber weil die meisten Menschen höchstens eine haben, im Unterschied zu zwei Iriden, und selbst „Iriden“ selten vorkommt, kann man sich denken, warum man das selten hört.)

 Frauen wurde die Sexualität abgesprochen, Frauen sollten für Haus und Familie zuständig sein und hatten auf keinen Fall Lust zu empfinden.

Weil Frauen ja bekanntlich was besseres sind als triebgesteuerte Männer, ich meine, Tiere? Ich finde es immer wieder interessant, wie solche Geschlechterbilder als frauenfeindlich interpretiert werden. Wenn Frauen als sexuelle Wesen dargestellt worden wären, würde man das natürlich EBENFALLS als frauenfeindlich främen, aber wenigstens zu Recht.

Was die Gesellschaft vorgab, setzte sich auch bald in der Wissenschaft durch. Wissen, Forschungsergebnisse und wissenschaftliches Interesse gingen so verloren.

Ähh, nein? Irgendwo steht das alles noch. (Bzw., woher würden die wissen, dass etwas verloren wäre? Es stünde ja nirgends mehr aufgeschrieben, und das ist nicht so etwas wie die Pyramiden, bei denen man lange nicht wusste, WIE man die hätte nachbauen können.)

Das wichtigste Ergebnis: Es gibt keine „normale“ Vulva.

Das wäre auch ZU bitter gewesen für die Frauen, die diese „normale“ Vulva nicht hat. Im Unterschied natürlich zu Männern, Männer sind alle gleich.

Ärzt*innen, die im Gespräch mit den Patient*innen die falschen Bezeichnungen verwenden,

Warum sollten die mit Patienten… ohhhhh!

Sexualkundelehrer*innen, die mit überholten Abbildungen arbeiten und denen das Wort „Vulva“ nicht über die Lippen kommt.

Wenn sie nicht „Vulva“ sagen können, können sie auch nicht „Scheide“ sagen. Oder Vagina. Oder Penis. Aber gut, die gibt es bestimmt auch, und das sind die SCHLIMMSTEN.

Ist es da ein Wunder, dass so viele erwachsene Frauen nicht wissen, was mit „Vulva“ gemeint ist?

Wenn ganz viele das Wort nicht nur nicht richtig, sondern gar nicht verwenden, wird damit häufig gar nichts gemeint.

Hinzu kommt, dass das Wort Scheide so furchtbar gut zu dem passt, was man lange Zeit mit der weiblichen Sexualität verband: eine Scheide, die dazu da ist, dass etwas hineingesteckt wird.

Achwas. Nee, da wäre ich ja nie drauf gekommen. Und ich dachte immer, dt. Sprache ist unlogisch.

Das Wort „Vagina“ sagt übrigens dasselbe aus: Es stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Scheide des Schwertes, Hülse“.

Na, sowas. Das eine Wort ist die Übersetzung eines anderen Wortes in einer anderen Sprache! Die Wunder der Kommunikation. Aber, wie mein Vater zu sagen pflegte: die Sprache des Ingenieurs ist die Zeichnung.

Diejenigen, die das Wort „Scheide“ noch immer für alles verwenden, was vom weiblichen Geschlechtsorgan zu sehen ist, wissen in der Regel nicht, dass die Bezeichnung schlicht falsch ist.

In dreiundneunzig Prozent aller Fälle ist eine so kleinteilige Unterscheidung erforderlich. Aber ja, wer das falsche Wort verwendet, oder richtige Wörter falsch verwendet, oder falsche bzw. unrichtig verwendete Wörter in Umlauf bringt, wird mit Stockschlägen nicht unter zwölf Minuten lang bestraft.

Und woher das Wort kommt, warum es sich wie „Schwertscheide“ anhört, vermutlich ebenfalls nicht. Wie auch? Die weibliche Lust und die weiblichen Genitalien sind noch immer ein Thema, über das nicht offen gesprochen wird in unserer Gesellschaft.

Ähh, doch? Oder jedenfalls nicht seltener als über die männliche Lust? Niemand verbietet Euch das. Diese Leute immer, die ständig aufzählen, was man alles nicht sagen darf, im Fernsehen, in den Zeitungen und jetzt sogar im Internet. VULVA!

Und so sind noch immer Wörter wie „Schamhaar“ und „Schamlippen“ im Umlauf.

Wie nennt man Schamhaar dann eigentlich beim Mann? Irgendwie anders, und ich habe es bloß nicht mitgekriegt? Wegen: „Tabuuhuu“?

… andererseits schaffen [Vulva-Törtchen] so ein Klima, in dem die Vulva irgendwann einfach zum Alltag dazugehören kann.

Na, Eure Kolleginnen vom sexnegativen Flügel des Feminismusses werden das zu verhindern wissen. Da bin ich recht zuversichtlich. Ich freue mich schon auf die Tortenschlachten.

Bis es so weit ist, müssen aber noch viele Vulva-Törtchen gebacken und sehr, sehr vielen Menschen die Vulva nähergebracht werden – mit Sexualerziehung, die nicht sexistisch ist, Spaß macht und die Dinge beim Namen nennt, mit Ärzt*innen, die wissen, wovon sie reden, und Wissenschaftler*innen, die das so lange vernachlässigte weibliche Genital weiter erforschen.

Wie kann Sexualerziehung Spaß machen? Im Medizinstudium gibt es für jeden Muskel einen eigenen Namen, aber für die Praxis bekommen die erklärt, dass man sich nicht hinter einen Wall aus Fachbegriffen verstecken soll. Sondern halt „Scheide“ sagen. (Außer, man will nicht verstanden werden, dann wird man noch lateinischer. Oder griechisch. Griechisch währt am längsten.)

Ein Gedanke zu “World of Wording

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s