Fremdschäming

Mal beim Stern.

„Warum schämen sich die Männer nicht?“

Weil es „die“ Männer nicht gibt. Ok, etwas kurz, die Antwort – hier erstmal die Zusammenfassung.

Maria Furtwängler spricht im Interview mit dem stern über Vorurteile gegenüber Frauen,  warum sie sich für eine gesetzliche Quotenregelung einsetzt – und was sie als Mann anders gemacht hätte

Generell: sie hat einen Milliardär geheiratet. Alle weiteren Lebensentscheidungen, die sie als Frau getan hat, sollte man unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass sie einen Milliardär geheiratet hat und nichts, was sie in der Folge tat oder ließ ein finazielles Risiko bedeutet hat.

Politisch ambitioniert ist sie vor allem als Gründerin der Stiftung MaLisa, die seit Jahren das Rollenbild von Männern und Frauen in Talkshows und Filmen untersucht.

Von Männern wird erwartet, dass sie das soziale Engagement ihrer Ehefrauen finanziell unterstützen? Oder nur von Milliardären? In richtig Hardcore-Patriarchaten heiraten Frauen in der Einkommensklasse ihrer Eltern oder höher. Deshalb gibt es dort reiche Männer mit mehr als einer Frau und arme Männer ganz ohne. Und das darf man gerne auch dann kritisieren, wenn man selbst davon profitiert, aber dann sollte man das transparent kommunizieren. Im Interview kommt das aber nicht zur Sprache.

Jüngste Erkenntnis: In Zeiten der Pandemie werden Männer fünf Mal häufiger als Experten befragt als Frauen.

Männer sind ja auch stärker betroffen. Jaaa, zu Aids hat man nicht bevorzugt Homosexuelle interviewt, aber man muss den Fehler ja nicht wiederholen.

 Auch sie selbst sei in dem Glauben aufgewachsen, dass Frauen weniger wissen, können und dürfen.

Ach, wäre doch leicht mathematisch zu lösen – Frauenanteil in der Virologie ermitteln und dann solange Frauen einladen, bis der Frauenateil in Talkshows gleich ist wie der in der Forschung. Oder eigentlich ist es wumpe, weil „Virologinnen“ keine politische Gruppe darstellen, die man angemessen repräsentieren müsste, aber andererseits sind Verschwörungsschwurbler AUCH keine Gruppe, die man repräsentieren müsste, und wenn sogar DIE eingeladen werden, sehe ich den Punkt ein wenig ein.

Zeit, solche Glaubenssätze auch mit politischen Mitteln zu verändern, findet sie.

Wie geht das? Leute, die Corona für ein Hirngespinst halten, aber Angst vor Chemtrails haben, kann man ja auch nicht per Dekret verhindern.

Und fordert gemeinsam mit anderen prominenten Frauen eine gesetzlich verpflichtende Frauen-Quote.

In Vorständen. Nicht unter den Angestellten. Auch keine Männerquote in frauendominierten Berufen. Ich will Rosinen!

Corona, Klimakrise – und jetzt fordern Sie auch noch die Frauenquote. Haben wir nicht gerade genug Probleme? 

So hätte ich die Frage zwar nicht gestellt, aber gut…

Das sieht offenbar der Vorstand der Deutschen Bahn so, denn er hat gerade verkündet, eine verpflichtende Quote würde den Betrieb gefährden.

Ja, wenn man nicht nur im Vorstand eine Frauenquote haben will. Die DB will demnächst 100.000 neue Leute einstellen, und wenn davon 30.00 Frauen sein müssen, müssten diese 30.000 Frauen ja JETZT schon eine entsprechende Ausbildung bzw. Studium ergreifen. Eigentlich sogar MEHR, damit die Bahn nicht einfach jede nehmen muss, sondern sich die besten aussuchen kann. Doofe Bahn, hat die Forderung nicht verstanden.

Gleichstellung gefährdet den Betrieb?

Kommt auf den Betrieb an – wenn man bei Dachdeckern, Gerüstbauern und Zimmerleuten 30% Frauen fordert, werden Massenentlassungen notwendig.

Wir sind es als Gesellschaft gewöhnt, Gleichstellung für ein Luxusthema zu halten.

Wir sind es als Milliardärsgattinnen gewöhnt, Gleichberechtigung für ein Luxusthema zu halten. Gleichstellung ist was anderes.

Wir wissen, dass Frauen nicht dämlicher sind als Männer, sie machen sogar häufiger und die besseren Hochschulabschlüsse.

Jaha, aber eine Frau, die ihr Sozialwissenschaftsstudium mit 1 bestanden hat, ist vllt. trotzdem nicht so wichtig für die Bahn wie der Ingenieur mit einer 3. Eigentlich bräuchten „wir“ eine Studienquote, aber ich halte die Klappe, sonst machen die das wirklich.

Trotzdem verzichten wir auf die Hälfte des Brain-Kapitals.

Das ist Blödsinn. 100.000 neue Angestellte sind 100.000 Angestellte. Ob das alles Männer, alles Frauen oder eine Mischuing aus beiden sind, das Brain-Kapital wäre dasselbe.

Wir Frauen stellen etwas mehr als die Hälfte der Gesellschaft und können es nicht länger tolerieren, dass Männer zu 80 Prozent über die Geschicke aller entscheiden.

„Ihr“ Frauen toleriert ja auch, dass Männer öfter bei der Arbeit sterben. Und generell eher sterben. Was überhaupt erst der Grund ist, WARUM Frauen mehr als die Hälfte der Gesellschaft stellen. Wieso genau wollt „Ihr“ jetzt Solidarität?

Wir haben Jahrhunderte mit einer Männerquote gelebt und ich frage mich, warum Männer sich nicht schämen ob dieser Tatsache.

Nein, auch Frauen werden keine Jahrhunderte alt. Aber ICH habe nichts davon, dass Burda ein heterosexueller Mann ist. Frau Furtwängler schon, sonst hätte Burda sie nicht geheiratet. Aber ich soll mich schämen.

Sondern dass wir Frauen uns schämen sollen, wenn wir aufgrund einer Quote in Positionen kommen.

Ach, immerhin besser, per Quote Chefin zu werden, als den Chef zu heiraten. Aber ja, der Krabbenkorb lässt grüßen.

Und deshalb bin ich für eine Quote in allen gesellschaftsrelevanten Bereichen.

Welche Bereiche wären das nicht? Nebenbei, ohne Müllabfuhr bricht die Gesellschaft recht schnell zusammen.

Warum ist jetzt der richtige Moment? 

Weil Merkel noch Kanzlerin ist, UvdL irgendwie Europa anführt und welcher Moment wäre noch besser?

Die schwedische Allbright Stiftung hat für Deutschland ermittelt, dass wir Rückschritte machen bei der Gleichstellung: Der Anteil der Frauen in Führung ist zurück gegangen.

Das ist jetzt eigentlich nicht das einzige Kriterium.

Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass mehr Gleichstellung erreicht werden muss in der Privatwirtschaft und öffentlichen Institutionen. Dieses Vorhaben darf nicht in irgendwelchen Schubladen verschwinden.

Wie gesagt, Gleichstellung ist nicht Gleichberechtigung. Rein mathematisch – dass Milliardäre meistens Wham sind, nutzt den Obdachlosen, die ebenfalls eine Wham sind, rein gar nichts, außer, dass die Intersektionalisten sie ignorieren. Wenn es mehr weibliche Vorstände gäbe, würde es weiblichen Obdachlosen also ebenfall nicht helfen.

Drittens verschärft die Pandemie die Situation vieler Frauen: Sie versorgen meist die Kinder, sie leisten Care-Arbeit, organisieren Homeschooling – diese Themen kamen aber im Krisenmanagement an allerletzter Stelle.

Die Tatsache, dass darüber viel und prominent berichtet wurde, muss ihr wohl entgangen sein. Aber ja, inwiefern würde eine Frau in einem Vorstand sagen wir der DB daran was ändern? Dass Männer eher an Corona sterben als Frauen, ging dafür aber eher unter.

In den Expertenrunden saßen überwiegend Männer.

Die Frauen, die in Expertenrunden sitzen, sind eher selten alleinerziehend.

Was nützt es der deutschen Durchschnittsfrau, wenn ein paar mehr Frauen in die Vorstände aufrücken, sechsstellige Gehälter verdienen, dicke Dienstwagen fahren…?

Wenn man sieht, dass das dem Durchschnittsmann nichts nutzt, dass viele Männer sechsstellige Gehälter verdienen, vor allem?

In diesen Positionen wird ja über die ganze Arbeitnehmerschaft entschieden.

Ja, eben. Welcher männlicher Arbeitnehmer sagt: „Gut, dass mein Chef ein Mann ist – Männer halten ja immer zusammen!“

Zu welchen Bedingungen gearbeitet wird, wer aufsteigt und noch vieles mehr.

Burda hat bei seinen Entscheidungen wohl weniger das Wohlergehen von Männern im Blick, sondern das seiner Familie. Wenn Frau Furtwängler das anders sieht – was ist los mit der?

Es ist entscheidend, dass der Blick von oben auf die Welt nicht nur ein männlicher ist.

Es ist kein männlicher Blick. Es ist ein Blick nach Profit, meinetwegen auch Arbeitsklima und Mitarbeitermotivation. Aber wenn weibliche Elternteile einen besseren Kündigungsschutz genießen als männliche, wird auch eine Frau mit Personalverantwortung eher zu Männern tendieren.

Und was nützt es den Männern?

Hach, jetzt kommt’s – Frau Furtwängler kann sich schlecht in Männer hineinversetzen.

Die patriarchale Kultur schadet auch Männern. Es ist schädigend, bestimmte Emotionen unterdrücken zu sollen.

Die Frau, die weiter oben Männern bestimmte Emotionen – hier: Scham – einreden wollte, meine Damen und Herren, will männliche Emotionen offenbar nur, um die eigene Agenda voranzubringen. Aber gut – inwiefern würde eine Frauenquote Männer davon abbringen, ihre Gefühle zu unterdrücken?

Ich mache niemandem einen Vorwurf, der Vorurteile gegen Frauen hat.

Offensichtlich doch.

Ich habe sie auch, ich bin so groß geworden.

Das wäre zwar ein Grund, keine Vorurteile zu verurteilen, aber naja…

Ich habe mir den „Siebten Sinn“ angeschaut, Deutschlands erste Serie zur Verkehrssicherheit, und fand es einleuchtend, dass Frauen eben nicht Auto fahren können, dass sie den Rückspiegel nicht vom Schminkspiegel unterscheiden können.

Ok, der war grottig. Aber weil sie in den 50ern stecken geblieben ist? („Das waren die 60er und 70er…“ – „Nagut, aber trotzdem“)

Es ist unendlich schwierig, diese Bilder nach und nach abzutragen und zu überwinden.

Nun, ich bin ein Mann, aber mir war schon als Jugendlichem klar, dass das so nur bei James Bond klappt. Ach, und Nagelschussgeräte lassen sich so nicht als Schusswaffe verwenden. Und es gibt keine L-förmigen Bettdecken. So schwer ist das nicht.

Den einzigen Vorwurf, den ich Leuten mache, ist, wenn sie sagen, sie hätten keine Vorurteile.

Na, das verkürzt die Diskussion natürlich ungemein. Im allgemeinen Sinn, dass schon rein statistisch jemand etwas denkt, was so nicht stimmt, sondern eine unfaire Verallgemeinerung ist, stimmt das wohl auch. Im Sinne, dass jeder (Mann) eigentlich nur Frauen unterdrücken will, nicht.

Wir werden nur etwas verändern, wenn wir sie uns bewusst machen.

Also anstatt einer Frauenquote, die das Vorurteil reproduziert, Frauen wollten nur mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld verdienen?

Was sind Ihre konkreten Forderungen?

#ichwill

Die Gesetzesvorlage zur Quote muss im Parlament diskutiert werden.

Das ist keine Antwort, sondern trivial.

Und ich möchte Männer wie den Bahn-Chef Ronald Pofalla, … mit einer Frage konfrontieren: Wo ist eigentlich Ihr Problem?

Wenn Frauen relativ selten technische Berufe erlernen, ist es nicht nur den Männern gegenüber unfair, eine höhere Frauenquote einzuführen, als in den Berufen jeweils vorhanden ist, sondern schadet auch den Betrieben, weil sie auch schlechter qualifizierte Frauen akzeptieren müssen.

Wären Sie ein Mann – wo stünden Sie jetzt in Ihrem Werdegang?

Beste Frage evar. Man kann ja schlecht fragen: „Hätten Sie eine Milliardärin gefunden, die Sie hätte heiraten wollen?“

Wenn ich ein Mann wäre, dann hätte ich mich sehr viel früher getraut, eine Firma zu gründen oder eine Stiftung ins Leben zu rufen.

Hahahahahahhahahahahahahahhah. Geil. Nein, wenn man null Risiko hat, ist „trauen“ nicht das richtige Wort. Wie viele Männer gründen Firmen oder Stiftungen? So prozentual? Aber wie viele von denen haben reich geheiratet?

Ich habe mir viele Dinge nicht zugetraut, weil ich gelernt hatte, dass man als Frau die Dinge nicht einfach so fordern darf, keine Risiken eingehen darf.

Das ist wohl wirklich Teil ihrer Erziehung, aber die Frauenquote ist doch einfach dasselbe in grün – anstatt Mädchen zu sagen, dass sie Risiken eingehen müssen, wenn sie Firmen gründen wollen, sagt man ihnen: „Wir reduzieren euer Risiko, indem wir eine Quote für Euch einführen.“

Ein männlicher Schauspieler Furtwängler hätte möglicherweise nicht toleriert, dass nur sein Leben sich radikal veränderte, als die Kinder kamen.

Das stimmt. Einem männlichen Schauspieler Furtwängler hätte man nahe gelegt, seine Arztpraxis zu betreiben und die brotlose Kunst wegzulassen, BEVOR die Kinder kommen. Oder bevor die Hochzeitsglocken läuten, was das betrifft. Das Leben als Milliardärsgattin erweckt möglicherweise falsche Annahmen vom Leben anderer Leute. „Schatz, du machst ja nie sauber!“ – „Hast recht, ich stelle eine Haushaltshilfe ein.“ – „Schatz, Du kochst ja nie.“ – „Hast recht, ich stelle eine Köchin ein.“ – „Schatz, nie fährst Du die Kinder zur Schule!“ – „Ich kann doch nicht Autofahren, ich habe einen Chauffeur.“

Und das Leben des Partners überhaupt nicht.

Natürlich.

Er hätte vielleicht gesagt: Ich kümmere mich jetzt mal um meine Schauspielkarriere und du bleibst zuhause und kümmerst dich.

Weil der männliche Schauspieler Furtwängler genug verdient hätte, um sich, seine Frau und seine Kinder alleine zu ernähren. Er wäre nämlich so gut gewesen, dass er mehr verdient hätte als als Arzt. Gesundes Selbstvertrauen ist schon was Tolles.

Ich beschwere mich nicht, aber ich habe das damals nicht gefordert. Ich wusste es nicht besser.

So richtig gut weiß sie es heute immer noch nicht. Aber als Milliardärsgattin kann man bestimmt jede Rolle kriegen, indem man einfach weniger Geld verlangt als die Konkurrenz. Aber ich muss mich schämen. Ist klar.

Ein Gedanke zu “Fremdschäming

  1. Sie macht es so, wie es alle Frauen machen: Sie lässt für sich sorgen. Der Mann sorgt
    für sie, was dazu führt, dass sie weniger arbeiten, was dazu führt, dass sie seltener
    Chefs sind. Und es liegt auch nicht am „sich trauen“. Es sind Feministen selbst, die
    einräumen, dass Frauen mehr wert legen auf die sogenannte Work-Life-Balance, also nicht
    soviel arbeiten wollen; und „sich trauen“ bedeutet oft als Selbstständiger maximale
    Selbstausbeutung zu betreiben – darauf hat auch unser Vorzeigequotenweibchen keinen Bock.

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