Ein Ozean an Opfern

Aus der Rubrik „Frauenquoten nutzen wenig, wenn die Person, die am meisten schreibt, der Quotenmann ist“, jedenfalls bei den Mitarbeiterinnen und Pickert von pink stinks:

EIN OZEAN VOLLER GEWALT

Mehr Pathos geht nicht.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich beim Schreiben der Prinzessinnenjungs die Deadline so direkt vor Augen, dass ich mich an das Kapitel wagte, das mir am meisten Sorgen bereitete.

Das ist kein Roman, sondern ein Sachbuch. Man kann Kapitel weglassen. Aber natürlich ist Gewalt ein Thema, worüber man sprechen sollte; und Pickert unterscheidet sich von großen Teilen der Feminismen, dass er Gewalt GEGEN Jungen thematisiert (von Männern zwar, aber hey!). Aber natürlich, erstmal über Gefühle reden, Gefühle sind besser zu verallgemeinern als Fakten.

Es heißt Gewalt ist (k)eine Lösung und auch wenn mir von Anfang an klar war, dass es nicht einfach werden würde, hatte ich keine Ahnung.

Es gibt da ein Zitat. Ein Zitat von Diht An-Nuur, dem Hassprediger der dt. Comedy. Es besagt, vereinfacht gesagt, dass man nicht reden solle über Dinge, falls man von diesen zufällig keine Ahnung haben sollte.

Ich hatte keinen blassen Schimmer davon wie persönlich ich schließlich werden würde.

Ja, es ist aber trotzdem ein Sachbuch. Klar kann man persönliche Erlebnisse einbringen, aber man ist möglicherweise nicht repräsentativ.

Zunächst hatte ich vorgehabt, meine eigenen Gewalterfahrungen hinter Formulierungen wie “einige Männer”, “Studien belegen, dass Männer” und “eine Befragung unter Männern hat 2018 ergeben” zu verstecken

Ja, aber das wäre natürlich feige. Außerdem, wenn man sich eine Studie oder Befragung ausdenkt, ist das dann eben doch kein Sachbuch mehr. Andererseits wäre es auch ok, anonym Männer zu Gewalterlebnissen zu interviewen.

aber das funktionierte überhaupt nicht.

Das glaube ich sofort. Ich will mich nicht über Kinder lustig machen, die mit Gewalt aufgewachsen sind. Aber eigentlich macht er das für sich. Vllt. nicht nur für sich, aber in erster Linie.

Nicht ohne dass ich mich selber exponieren und klarmachen würde, dass Gewalt nicht nur etwas Abstraktes ist,

Wer in aller Welt hält Gewalt für etwas Abstraktes? Wer? Oder, wenn Pickert will, dass die Leserschaft das nicht nur für „konkret“ hält, sondern einen persönlichen, emotionalen Bezug dazu entwickelt, gut. Aber die Idee, dass Menschen besser überzeugt werden, wenn man an Gefühle appelliert, ist eigentlich mehr Teil des Problems als der Lösung.

Also schrieb ich darüber, wie sehr meine Jugend von körperlichen Auseinandersetzungen mit anderen Jungen geprägt war.

Ein Vetter von mir wunderte sich mal, warum ich da in meiner Kindheit und Jugend so gut herumgekommen bin. Nicht komplett, aber SEHR glimpflich. Er wunderte sich wohl, weil ich immer zu den Kleinsten in der Klasse gehörte, immer ziemlich wenig Rückhalt darin hatte und auch den Eindruck erweckte, eher nicht zurückzuschlagen. Also die Hauptabschreckungsmerkmale NICHT hatte. Andererseits wurden in meiner Klasse auch keine Klassenkeile angeordnet.

Mit Jungen, die mir Gewalt antaten, und mit Jungen, denen ich Gewalt antat.

Da ich anderen Jungen keine Gewalt angetan habe, muss ich mich mit dem Teil weder identifizieren noch auseinandersetzen.

Und ich schrieb darüber, dass mein Vater mich aufforderte “die Hände herunterzunehmen”, bevor er mir mit voller Wucht ins Gesicht schlug.

Und DAS ist eigentlich noch mieser als die Lehrerin, die die Klassenkeile anordnete. Man mag einwenden, dass die Lehrerin noch nicht einmal selber schlägt, sondern schlagen ließ, aber jemanden auffordern, die Waffen zu strecken und sich somit geschlagen zu geben – das heißt nicht ohne Grund so – und dann dessen Deeskalationsbereitschaft auszunutzen, um ihn dann DOCH zu schlagen, wäre selbst dann jede Verachtung wert, wenn es nicht gegen ein körperlich deutlich unterlegenen Gegner wie ein Kind ginge. Und dann ist es noch das eigene. Mit der Kindheit und Jugend ist es ja schon ein Erfolg, dass aus Herrn Pickert dann doch noch was geworden ist. Ein Sachbuchautor.

Der Druck, sich für diese Situation schämen zu müssen, war fast übermächtig.

Und das, liebe Kinder, ist jetzt ein echter, tiefer Empathiemangel meinerseits. Von allen möglichen Sachen ausgerechnet die? Weil er etwas „falsch“ gemacht hatte? Weil er die Schuld bei sich sucht? Ich bin von meinen Eltern nie geschlagen worden, aber hatte schon paar mal Ärger mit ihnen. In einigen Fällen würde ich aus der Rückschau sagen: zu Recht, und in manchen: zu Unrecht; und ich könnte mir noch vorstellen, dass Menschen, die mit Schlägen erzogen wurden, als Erwachsene sagen: „Das eine Mal hatte ich die tatsächlich verdient, das andere aber überhaupt nicht.“ Aber warum Scham? Wegen den unverdienten Schlägen nicht, weil man nicht (so viel) Schuld hatte, und wegen den verdienten nicht mehr, weil man ja bestraft worden ist. Und wenn sein Vater ihn nicht einfach schlägt, sondern SO schlägt, war Pickert Jr.s einziger Fehler, dass er sich einmal hatte reinlegen lassen. Vom eigenen Vater, dem man ja ein bisschen Vertrauensvorschuss gewähren sollte.

Aber ich wusste, dass ich mich nicht schämte. Nicht mehr.

Na, Gott sei Dank.

Wissen Sie, warum ich Ihnen das erzähle? Weil es mir nicht im Geringsten peinlich ist.

Ich frage mich jetzt natürlich, warum er denkt, dass ich denken könnte, dass ihm das peinlich sein müsste. Er kann jetzt nun wirklich nichts für seine Kindheit.

Und weil ich Sie für sich selbst und Ihre Prinzessinnenjungs überzeugen will, nein überzeugen muss, dass Sie nicht von mir erwarten sollten, es peinlich zu finden.

Prinzessinnenjungs und Prinzenmädchen, bitteschön. Aber nein, ich sehe keinen Grund, dass peinlich zu finden. Peinlich sind höchstens der Versuch, Gillette und Edeka schönzureden. Offenbar kann er sich genausowenig in mich hineinversetzen, wie ich an dieser Stelle in ihn.

Sie brauchen sich nicht für mich fremdzuschämen. Ich habe nichts falsch gemacht. Ich bin nicht gescheitert, ich habe nicht versagt, ich hätte absolut nichts tun müssen, um das zu verhindern.

Eigentlich auch nichts tun können. Wenn er die Hände oben gelassen hätte, hätte das nichts gegen den Reichweitenvorteil eines erwachsenen Mannes genutzt. Und dessen größere Körperkraft. Ernsthaft, wer macht einem Kind zum Vorwurf, keinen Faustkampf gegen einen Erwachsenen zu gewinnen? Der hart beschissen hat dabei?

Es ist nicht meine Aufgabe, kein Opfer zu sein.

Und jetzt wird’s komisch. Es ist nicht Ihre Aufgabe als Kind gewesen, zu verhindern, Opfer zu werden. Das wäre die Aufgabe von Eltern, Lehrern und anderen Aufsichtpersonen gewesen. DIE müssten sich schämen. Es ist auch nicht Ihre Aufgabe als Erwachsener, kein Opfer zu sein, in dem Sinne, dass Sie es mir, der Gesellschaft oder irgendwem oder -was „schulden“, kein Opfer zu sein. Es ist in Ihrem eigenen Interesse, aber das ist keine Aufgabe. Aufgaben kommen von außen.

Ein paar Monate später stellte ich fest, dass es noch etwas gab, mit dem ich nicht wirklich gerechnet hatte. Nämlich wie sehr dieser letzte Satz auf mich zurückfallen würde.

Ich verwende den Begriff „auf jemanden zurückfallen“ deutlich anders als das, was JETZT kommt, nämlich so, dass etwas jemanden als Nachteil angerechnet wird oder zum Vorwurf gemacht wird. Aber nein.

Männer schrieben mir, was sie als Jungen insbesondere von ihren Vätern hatten erdulden mussten, weil sie Lust auf Röcke, Glitzer und Verschönerung hatten.

Also Zustimmung? Sympathiebekundung? Solidarität und so? Ja?

Weil sie Trost brauchten.

Ok, jetzt als Erwachsener ist es etwas spät, aber besser spät als nie.

Weil sie sich weigerten zu kämpfen.

Also sogar im Gegensatz zu Pickert, der die Hände ja oben gelassen hätte, gegen einen überlegenen Gegner?

Weil sie weinten:
Backpfeifen. Kopfnüsse. Schläge. Tritte. Gürtelhiebe. Prügel mit schweren Gegenständen.

Es gibt Männer, denen passiert das als Erwachsene auch noch, nur von ihrer Frau. U.a. weil es Frauen gibt, die genau DAS von Männern erwarten: Trost statt Trostbedürftigkeit, Kampfbereitschaft statt Schutzbedarf, und generell nicht weinen.

Andere berichteten, wie sie aus einer Gruppe heraus Gewalt gegen Einzelne verübt hatten und sich mittlerweile darum bemühen, Abbitte zu leisten.

Das ist doch mal ein Grund, sich doch zu schämen. Also, Gruppe gegen Einzelne jetzt hier, nicht die Abbitte. Wobei das natürlich schwierig ist. Aber immerhin, darüber reden ist fast genauso gut.

 Je mehr ich davon las, desto deutlicher wurde, wieso sich so viele Männer schämen, Opfer zu sein und so wenige dafür, zu Tätern zu werden.

Ist das bei Frauen etwa umgekehrt? Warum sollte überhaupt jemand erst Täter(m/w/d) werden und dann ein Gewissen entwickeln? Also, das kommt ja vor, aber die meisten Menschen ändern sich ja nicht einfach so. Wenn jemand mit 14 „vier gegen einen“ mit iosem Gewissen vereinbaren kann, kann soe das meist auch noch mit 44.

Weil wir sie dazu erziehen, sie dazu auffordern, es ihnen schmackhaft machen und einbläuen.

„Einbläuen“ ist das Stichwort. Weil „wir“, also nicht ich jetzt, Jungen und Männer schlagen, lernen „die“ daraus, dass es besser ist, andere zu schlagen als selbst geschlagen zu werden. Also „lernen“ in Gänsefüßchen, das ist ja ziemlich offensichtlich, also kämen die von alleine drauf.

Dabei sollte es genau andersherum sein.

Man sollte Jungen beibringen, dass es gut ist, geschlagen zu werden und schlecht, zu schlagen? Achwas. Am besten, wir schlagen die, die selber schlagen, aber die nicht, die nicht geschlagen werden. Und die, die doch geschlagen werden, belohnen wir, indem… ach, keine Ahnung.

Und nicht nur für Männer.

Ok, natürlich auch Mädchen so erziehen. Gleichberechtigung.

Gewalt zu erfahren oder erfahren zu haben, ist kein Makel.

In welcher Welt ist das ein Makel? Gewaltopfern werden Denkmäler gesetzt, Kirchen geweiht, Gedenktage eingerichtet, Orden verliehen und was nicht alles. Opferbereitschaft gilt also als Tugend; wie kann Opfer sein dann ein Makel sein? Süß ist es, und EHRENVOLL, fürs Vaterland zu sterben. Genau die Geschlechterrollenklischeescheiße, die jeder Feminismus zu bekämpfen vorgibt.

Zum Täter zu werden kein Ausdruck von Stärke oder Kompetenz.

Naja, kommt auf die Tat an, würde ich sagen. Einem Kind ins Gesicht zu schlagen, indem man es übel austrickst, ist kein Zeichen von Kompetenz, und dass man stärker ist, war auch so klar. Hat jetzt aber eh‘ niemand behauptet, oder?

Aber wir erzählen Männlichkeit viel zu häufig falsch herum. Wir finden Täter faszinierend und Opfer verachtenswert.

Nein. („Aber es gibt doch erfolgreiche Serien über Kannibalen, Serienmörder, Mafiosi, Auftragskiller und Methköche!“) Ok, Täter faszinieren manchmal schon, aber Opfer sind selten verachtenswert. („Doch, Du Opfa!“) Opfer werden nicht verachtet, wenn sie nichts dafür können, weil sie von den Nazis grausam zu Tode geschunden wurden, oder weil sie Kinder sind. Opfer, die ihre Situation beenden könnten, es aber nicht tun, kann allerdings mehr oder weniger Geringschätzung begegnen. Die Pauschalität der obigen Aussager lehne ich trotzdem ab. (Und natürlich die Verknüpfung Täter, Opfer und Männlichkeit.)

Wir fabrizieren oder glauben Lügen darüber, was es bedeutet, ein Opfer zu sein und wer dafür die Verantwortung trägt.

Pickert zitiert ein Artikel aus einem Motivationsratgeber. Dieser definiert Opfer anscheinend NICHT als Gewaltopfer, sondern mehr als „hilflos“ oder „unfähig, die eigene Situation zu verbessern“. Aber ok, EIN einzelner Ratgeber mit einem Wording, das man selbst nicht verwendet, belegt, das „wir“, liebe Kinder und Exkinder, Lügen fabrizieren oder glauben.

„Vermeide unbedingt, in die Opferrolle zu fallen“

Notabene: Opferrolle ist nicht Opfer. Opferrolle heißt, dass man regelmäßig oder typischerweise Opfer von jemanden ist oder wird. Klingt nicht erstrebenswert.

„Wenn du erst einmal ein Opfer bist, übernimmst du die Rolle der Hilflosigkeit, in welcher du nichts mehr tun kannst, um wieder rauszukommen.“

Das muss nicht sein, weil das Leben eben kein Schauspiel ist, in dem wir Rollen spielen, insofern ist der Tipp sehr irreführend. Andererseits ist es wichtig, sich Möglichkeiten zu schaffen, sich selbst zu helfen.

„Erinnere dich daran, es gibt keinen Ritter in glänzender Rüstung, der dich retten kann.“

Und genau DA fangen manche an, Opfer doch zu verachten: wenn eine Person Opfer von irgendwas oder -wem wird, aber dann einfach nur auf Hilfe wartet oder um welche bittet, obwohl es Möglichkeiten hätte. Warum jemanden helfen, der sich selber helfen könnte, es aber nicht tut? Das ist u.a. das Argument beim GPG…

„Es ist deine Situation, und du allein, mehr als jeder andere, bist dafür verantwortlich, sie zu ändern.“

Man beachte, dass da nicht steht, man sei dafür verantwortlich, da hineingekommen zu sein. Aber so, wie ein kleines Kind für seine Eltern NICHT verantwortlich ist, ist ein Erwachsener für sich selbst DOCH verantwortlich. Allein schon, dass Pickert das vermischt, ist schlimm. Aber kein Mensch und kein Motivationsratgeber, kein Mann und keine Frau, keine Erwachsenen und keine Kinder, kämen auf die Idee zu sagen: „Nils, du Opfer, Du hast Dich von Deinem Vater austricksen schlagen lassen! Wir verachten Dich und machen Dich für diese erbärmliche Niederlage, die uns ansonsten nicht tangiert, voll und ausschließlich verantwortlich!“ Die ganze Schamproblematik ist so extrem von der Realität losgelöst – wenn er tatsächlich Scham empfindet, ist das kein Scham, der von „der“ Gesellschaft verursacht, vermittelt oder gefordert wird. Insofern bringt es nichts, dass sich die Gesellschaft ändert. Wobei weniger Gewalt an sich ja gut wäre, aber aus grundsätzlichen Gründen.

Ich hoffe, dass wir diesen Ozean voll Gewalt irgendwann mit Liebe zuschütten. Mit Zärtlichkeit, Nähe, Vertrauen und Verzeihen.

Und ich hoffe, dass diese schmalzigen Vergleiche mal aufhören. So haben wir alle unsere Träume.

Es ist nicht eure Aufgabe, kein Opfer zu sein.

Haben Sie mal daran gedacht, dass es „unser“ Ziel sein könnte, kein Opfer zu sein, zu werden oder zu bleiben? Und dass „wir“ damit das andere Ziel verbinden, keine Täter zu sein, zu werden oder zu bleiben? Weil diese Täter-Opfer-Dichotomie selbst ohne Gleichsetzung mit der Mann-Frau-Dichotomie SEHR einseitig und verengend ist? Ein empathsicher Mensch hätte.

4 Gedanken zu “Ein Ozean an Opfern

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