Der gefürchtete Worst-Hessel-Case

Ja, man kennt das ja, die Geschichte spielt vor 90 Jahren, aber es gibt halt nichts neues unter der Sonne von Berlin:

Untermieter(m/w) führen eine alternative Lebensform – hier: die sog. „wilde Ehe“ – in einer Berliner Ein-Zimmer-Wohnung in der Großen Frankfurter Str., spätere Stalinallee, heutige Karl-Marx-Allee, Mieterin möchte die Wohnung aber gerne selber bewohnen, und gerät in Streit mit dem abgebrochenen Jurastudenten und der Näherin (Pratchett-Fans mögen sich ihren Teil dazu denken), aber weil die beiden das Untermietverhältnis nicht sofort auflösen wollen, geht die Mieterin zu Polizei. Wegen Eigenbedarf und so. Die Polizei hatte angeblich Wichtigeres zu tun, als sich um Mietstreitigkeiten zu kümmern. War ja klar – der abgebrochene Jurastudent war Mitglied in so ziemlich jeder rechtsextremistischen Vereinigung, Parteijugendorganisation und paramilitärischer Gruppe, die damals erlaubt inzwischen verboten war, oder verboten hätte sein müssen, oder tatsächlich doch noch erlaubt war, jedenfalls SEHR umtriebig in der rechten Szene. Wenn irgendwelche Linke eine Wohnung besetzen, erfahren sie hingegen bereits nach wenigen Jahrzehnten die volle Härte des Gesetzes.

Da die Mieterin mit der notorisch rechts-blinden Berliner Polizei nichts anfangen konnte, wandte sie sich an Parteifreunde ihres verstorbenen Mannes, den Kommunisten, die um die Ecke in ihrer Stammkneipe beim Bier saßen. Jetzt ist es eigentlich mit ihrer kommunistischen Ehre nicht vereinbar gewesen, Eigentümerrechte durchzusetzen oder gegen Mieter zu sein, allerdings erwähnte die Frau dann den Namen ihres Untermieters:

„Horst Wessel“ – „Ach, DER ist das? Sach‘ dat doch gleich!“

Das Bier runter, die Reihe dicht. Geschlossen marschieren die Genossen unter der Anführerschaft Albrecht „Ali“ Höhlers zur fraglichen 1-Zimmer-Wohnung, wo der Ali dem Nazi direkt in die Fresse schießt. Ähh, ich meine natürlich, Wessel hat bis zum letzten Schuss Blut und zum letzten Tropfen Pulver mannhaft gegen die bolschewikischen Truppen, an Mann und Material deutlich überlegen, gekämpft, bis er über eine Woche später an einer Blutvergiftung starb. Zu dem Zeitpunkt stilisierte Goebbels ihn bereits als Helden und Märtyrer der Bewegung, der todesbedingt nur noch im Geiste mitmarschieren konnte.

Und daraus lernen wir, liebe Kinder, dass es relativ einfach ist, bei Nazis zum Helden und Märtyrer zu werden – es gibt eine Menge Menschen, die einen ins Gesicht schießen würden, und da die meisten Nazis weder besonders heldenhaft noch musikalisch sind, ragte Wessel schon damit sehr aus der braunen Masse heraus. Das soll jetzt keine Aufforderung sein, irgendwelche Helden- und Märtyrerträume ausgerechnet bei den Nazis verwirklichen zu wollen, sondern soll die niedrigen Standards bei denen wiedergeben.

Außerdem, die Wohnsituation in Berlin ist inzwischen vllt. besser, aber nicht gut.

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