Spalter!

Meta-Meta.

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tl,dr: Pickert findet Kelle doof, weil die Lesbenfriedhöfe doof findet.

Disklämer: Wenn Lesben gerne eigene Friedhöfe haben wollen, ist das ihr gutes Recht, welche zu finanzieren, und ich kann – Empathie gelevelt! – sogar nachvollziehen, was in ihnen vorgeht. Allerdings aus anderen Gründen als der Pinkstinksquotenmann.

“Was geht in Menschen vor, die in Berlin unbedingt auf einem Extrafriedhof für Lesben beerdigt werden wollen, weil sie bis in den Tod nur unter “ihresgleichen” ruhen mögen?”

Lesben fühlen sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt, was kein reines Gefühl ist, sie können mit der einen Hälfte der Gesellschaft wenig anfangen und mit der anderen zwar schon, ist aber von deren Seite aber größtenteils unerwiedert, so bleiben gemeinsame Hobbys, Berufe oder sonstige Interessengruppen. Aber ja, möglichst unter sich zu bleiben kann einer viel Stress ersparen. Sehe ich total ein.

Immer wieder lese ich diesen Satz und schwanke zwischen Belustigung, Unverständnis und blankem Entsetzen.

Toll, wenn Männer über ihre Gefühle reden, woll? Diese Bandbreite. Dieser Ausdruck. Dieses Nicht-Entscheiden-Können. Ja, und der Satz ist von einer Frau. Da sieht man mal, wie falsch Geschlechterklischees sind.

Wie kann man angesichts der eigenen identitären Privilegien das Bedürfnis anderer nach gleichberechtigter Teilhabe für so lächerlich, ja für so anmaßend halten?

Vllt. hat sie einen Sohn und merkt nichts von seiner patriarchalen Dividende? Vllt. findet sie es albern, eine sexuelle Orientierung mit einer Religion oder einem Fußballverein gleichzusetzen? Ja, Schalkefriedhof, BVB-Friedhof. Jetzt nicht in Berlin, natürlich.

Der Satz stammt von Birgit Kelle, einer erklärten Gegnerin von queer-feministischen Emanzipationsbemühungen, die gerne und regelmäßig als Kronzeugin derjenigen in der Gesellschaft auftritt, die finden, dass das alles gerade zu weit geht.

Kronzeugen sind ehemalige Komplizen bei Verbrechen, denen mildere bis gar keine Strafen angeboten werden, wenn sie gegen andere Komplizen aussagen. Wer sind jetzt die anderen Verbrecher in der Metapher? Die queer-feministischen Emanzipatoren(m/w/d), was keinen Sinn ergibt, weil Kelle offenbar kein Teil davon war, oder „diejenigen in der Gesellschaft“? Aber dann müsste sie ja GEGEN die aussagen. Männer, ey. Wissen nicht, was sie wollen.

Das Interessante daran ist nicht, dass Kelle sich seit ihrem “Dann mach doch die Bluse zu” Text über die sexistischen Übergriffigkeiten Rainer Brüderles stets auf die Seite derer stellt, die keinerlei Fürsprache oder Anwaltschaft brauchen

Warum erwähnt er es dann? Jeder braucht „Anwaltschaft“, wenn es um juristische Probleme geht. Oder jedenfalls metaphorische Anwaltschaft, wenn es um juristische Metaphern geht. Ich habe den Eindruck, dass Pickert hier Kelle nicht nur als „Kronzeugin“ främen will, sondern als Verräterin.

… sondern die Art und Weise wie sie das tut.

Ahh! In der Zeitung! Wie kann sie nur! Defund the news!

Der ausgemachte Feind heißt dabei Identitätspolitik.

Ja, die Schalker und Borussen immer. Schlimm, wie sie ihre Identität vor sich her tragen.

Eine Politik also, die darauf basiert, das Gruppen spezielle Rechte und Privilegien für sich einfordern, und der von Gegner*innen vorgeworfen wird, dass sie die Gesellschaft spaltet.

Wenn es „spezielle“ Rechte sind, also Privilegien im eigentlichen Sinn, kann man schon zurecht den Vorwurf machen. Reine Lesbenfriedhöfe jetzt nicht, die Lesbengemeinde Berlins hat das Grundstück sicher ganz normal gekauft.

Identitätspolitik, so die Anklage, stellt die Abkehr von einer gemeinsamen, gesamtgesellschaftlichen Vision für alle dar

Ahh, wenn das die Anklage ist, und Kelle die Kronzeugin, dann ist Kelle Teil einer marginalisierten Gruppe? Wenn nicht, passt die Metapher nicht. Aber Metaphern sind eh Scheiße.

 Nach diesem Verständnis läuft eine Gesellschaft damit Gefahr, zu einer Ansammlung von widerstreitender Partikularinteressen zu zerfallen

Und das kann nicht passieren, weil?

in der sich immer die Person durchsetzt, die die größte Diskriminierungserfahrung vorweisen kann.

Das ist jetzt arg verkürzt. Wenn eine Gruppe tatsächlich Privilegien will, also Sonderrechte, hat das Individuum mit den meisten Mitgliedschaften in privilegierten Gruppen erstmal nur die meisten Sonderrechte. Eine behinderte Frau kann sowohl auf Behinderten- als auch auf Frauenparkplätzen parken. Eine behinderte Frau wird trotzdem nicht Gottkaiserin von Deutschland. Die Kritik am Intersektionalismus ist nicht, dass die Person, die die „Opferolympiade“ gewinnt, belohnt wird, sondern dass die Verlierer nicht von „dabeisein ist alles“ profitieren, weil man ihnen auch dann nicht hilft, wenn sie als Individuen Hilfe brauchen. Dieselbe Gruppe zu sein wie die Aldibrüder immunisiert einen nicht magischerweise gegen Obdachlosigkeit.

 Aber die Annahme, dass Gesellschaften daran zugrunde gehen, weil Minderheiten seit der Jahrtausendwende immer häufiger “eine Extrawurst” fordern, ist falsch.

Nein, nur die Obdachlosen gehen zugrunde. D’oh.

Unabhängig davon, dass es gute Gründe gibt, Identitätspolitik zu kritisieren

Aber nicht, wenn Kelle das macht, weil… Keks.

und ein waches Auge darauf zu haben, dass Diskriminierungserfahrung nicht die einzige Form relevanter Expertise für alle Bereiche ist

Achwas?

wird hier nur eine Strategie zur Verhinderung gleichberechtigter Teilhabe aufgefahren.

Leute, die sich mit mir offenbar selbst dann nicht solidarisieren werden, wenn ich obdachlos würde, werden sich mit mir auch nicht solidarisieren in Situationen, in denen es mir besser als „obdachlos“ geht. Also nie. Leute, die sich mit mir nicht solidarisieren werden, können nicht auf meine Solidarität hoffen. Das ist schon etwas schlecht für eine solidarische Gesellschaft. Da ich von Wham witzigerweise weder Solidarität fordere, weil ich auch ein Wham bin, noch die welche von mir fordern, bin ich dahingehend kaum gebunden. Ist das Sinn einer Gesellschaft?

Die Extrafriedhöfe
Als Katholikin kann Birgit Kelle also überhaupt nicht verstehen, dass Lesben einen Extrafriedhof haben wollen.

Aber als Evangelin könnte sie? Steile These.

Weil es ja auch keine speziellen Friedhöfe für Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften gibt

Weibliche Homosexualität ist keine Religion. Es ist auch nichts, was man sich auswählt, wie eine Religion oder Fußballvereinsmitgliedschaft. Wie gesagt, das stört mich weniger als Kelle, die Analogie ist aber wiedermal sehr daneben.

Die rote Linie wird bei Identitätspolitik scheinbar gerne hinter den eigenen Privilegien gezogen: Das, was ich will, ist allgemein, universell und immer gültig.

Will Kelle Friedhöfe NUR für Katholiken? Gab’s mal, als Zeichen der religiösen Toleranz gegenüber Katholiken in Ländern, wo die vorher verboten waren, die Katholiken jetzt, nicht die Friedhöfe. Von der Analogie her könnte man das übertragen. Aber Friedhöfe nur für Heteroas kämen trotzdem ein kleines bisschen böse rüber, oder? DAS wäre nämlich die korrekte Analogie: weil es Friedhöfe nur für Heteroas gibt, muss man welche nur für Lesben bauen.

Das Nullsummenspiel
Politik ist kein Nullsummenspiel und Emanzipation muss nicht als Verteilungskampf verstanden werden.

Solidarität ist aber eine begrenzte Ressource, bzw. dabei werden begrenzte Ressourcen verteilt. Aber ok, es muss nicht notwendigerweise ein Nullsummenspiel sein, wenn ausschließliche Rechte verteilt werden, keine materiellen Vorteile.

Die Ehe für alle nimmt der Ehe für manche nichts weg.

Nein. Die steuerlichen Vorteile von Eheleuten werden mit der Steuerlast von Singles und juristischen Personen querfinanziert. Aber ja, den Heteroa-Paaren wird nix weggenommen.

Fakten versus Gefühle
Immer wieder wird linker Identitätspolitik unterstellt, sie wäre nicht faktenbasiert.

Nicht nur der linken Identitätspolitik. Aber Leuten, die wollen dass alle über ihre Gefühle reden, geraten leicht in den Verdacht, Fakten ignorieren zu wollen.

Diskriminierung wäre nur empfunden, Gender nur ausgedacht und Forderungen stets unrational.

Diskriminierung ist mal real, mal nicht, „Gender“ ist das sozial konstruierte Geschlecht, im Unterschied zum naturwissenschaftlich definiertem „Sex“, also ausgedacht wie Geld, und manche Forderungen sind rationaler als andere.

Gegen den Stand der Wissenschaft, dass Geschlecht nicht binär ist

Welcher Wissenschaft genau? Biologie? Medizin? Sozialwissenschaft? Mathematik? Unterschiedliche Wissenschaften definieren Geschlecht unterschiedlich, und manche Definitionen definieren Geschlecht binär, manche nicht.

Mädchen keine angeborene Pinkvorliebe haben

Pink ist auch keine natürliche Farbe. Natürliche Vorkommen von „pastellrot“ heißen „rosa“.

trans Frauen ebenso Frauen sind wie trans Männer Männer wird nicht argumentiert sondern ignoriert.

„trans“ ist eine Vorsilbe. Man sagt ja auch Transporter, Transit, Transitor und – wenn’s mal komplizierter wird – Cis-Trans-Isomerie.

Macht und Ohnmacht
Spielen wir Oppression Olymics mal durch: Ist es so? Ist es wirklich so, dass jemand, der schwarz, trans, homosexuell, behindert und jüdischen Glaubens ist, alle Trümpfe in der Hand hält?

Wieso „er“, eigentlich? Aber gut, die betreffende Person dürfte „Neger“ sagen, ohne als rassistisch beschimpft werden, „Tunte“, ohne als „homophob“ zu gelten, theoretisch auf jede Toilette gehen, auf Behindertenparkplätzen parken und jüdische Witze erzählen, ohne jedesmal den Unterschied zwischen jüdischen Humor und Judenwitzen erklären zu müssen. Dafür wäre sie das Hauptziel von antisemitischen, rassitischen, schwulen- und lesbenfeindlichen Sexisten (m/w/d), für die das ein Sechser im Lotto ist, was ja wiederum ein schwerer Nachteil ist. Dafür gäb’s den Zusatz-Bonus: ehe diese Person Obdachlos wird, verkauft sie die Rechte ihrer Lebengeschichte an Hollywood, es gibt einen riesigen Shitstorm, wer für die Rolle ALLES ungeeignet wäre, und bei den meisten Talkshows könnte sie die komplette Gästeliste stellen. Gut, ich wollte nicht tauschen, aber besser das als obdachlos.

Würde diese Person immer bevorzugt werden, bis sie an der Spitze eines Verbands, Unternehmens oder gar des Staates lebt?

Vermutlich nicht. Wenn ein Verband eine Quote für Transpersonen, eine für Schwarze und eine für Homosexuelle hat, wäre sie aber schonmal in der engeren Wahl. Der Punkt hier ist: Identitätspolitik, zu Ende gedacht, will eine Quote für alle drei.

Gespaltenheit
Identitätspolitik von Marginalisierten spaltet nicht, sondern ist Ausdruck einer gespaltenden Gesellschaft.

Die Lesben, die ihren eigenen Friedhof wollen, um unter sich zu bleiben, wollen sich von der übrigen Gesellschaft abgrenzen, wie damals die kleine katholische Gemeinde im ansonsten protestantischen Sachsen oder wo. Es ist nicht so, dass die Lesben ansonsten super integriert wären, insofern sollte man sie jetzt nicht als Sündenböcke betrachten, aber:

Hier werden Betroffene als Überbringer*in der Nachricht für die Nachricht angegangen.

…stimmt so auch nicht. Schalke und BVB-Fans werden nicht aktiv ausgeschlossen, haben aber trotzdem eigene Friedhöfe.

Der Tod von George Floyd spaltet nicht die US-amerikanische Gesellschaft. Floyd wurde vielmehr Opfer einer durch Rassismus gespalteten Gesellschaft

Eigentlich wurde er das Opfer eines sadistischen Polizisten. Aber ja, wenn Polizeigewalt und kriminelle Gewalt in den USA kein Problem wäre, und/oder wenn Hautfarbe und soziale Klasse in den USA nicht in einem starken statistischen Zusammenhang stünden, wäre das nicht so eskaliert.

Die Kritiker von Identitätspolitik sind aber umgekehrt auch selten Befürworter davon, verhaftete Verdächtige durch unnötige Härte oder Sadismus zu Tode zu bringen.

Die Kritik an der Identitätspolitik marginalisierter zielt nahezu ausschließlich darauf ab, den Status Quo zu erhalten und Minderheiten dazu aufzufordern, sich hinter den Interessen der Mehrheit zu versammeln.

Weil das in der Demokratie so Usus ist? Bzw., die härtere Kritik richtet sich tatsächlich dagegen, dass Minderheiten eigene Interessen verfolgen. Die weniger harte dagegen, dass die Mehrheit der Minderheit dabei helfen soll.

Während die Mehrheitsgesellschaft sich auf ein “Aber es war doch immer so nett mit uns” versteift, zeigen Marginalisierte auf, was schon viel zu lange schiefläuft, und werden dafür in ihren Ansprüchen delegitimiert. Dabei ist Politik immer Identitätspolitik.

Ähm, sich selber zu zitieren ist kein Beleg. „Die“ Mehrheitsgesellschaft gibt es übrigens nicht, und Minderheiten konkurrieren durchaus miteinander. Niemand zwingt Mädchen, pink zu mögen, oder rosa. Wenn jemand Produkte in den Farben „für Mädchen“ bewirbt, muss man die ja nicht kaufen. Markt regelt, wenn schon überhaupt irgendwas, DAS.

Und die Kritik an Extrafriedhöfen nur der billige Versuch, die Existenz des eigenen Extrafriedhofs als normal, als rational, als common sense hinzustellen

Inzwischen muss man gar nicht mehr katholisch sein, um auf einen katholischen Friedhof zu liegen, jedenfalls in D.; nur mit dem BVB-Logo auf dem Grabstein gibt’s ein Problem.

Die Frage ist wieso Menschen wie Birgit Kelle nicht wahrhaben wollen, dass die große Erzählung von der offenen und toleranten Mehrheitsgesellschaft eben immer auch eine Lüge ist

Wegen Paywall weiß ich jetzt nicht genau, ob Kelle überhaupt von der „offenen und toleranten Mehrheitsgesellschaft“ erzählt. Ich persönlich halte die Gesellschaft weder für beliebig offen noch für endlos tolerant. Ich behaupte dergleichen auch nie. Ich wüsste auch nicht, wer das so behauptet (Unterschiedliche Auffassungen, wie offen und tolerant „die“ Gesellschaft sei, werden verschiedentlich diskutiert, ja.), von daher kommt mir das mehr wie ein Strohmann vor. Ich kann aber nur mich selber ändern und – indirekt durch Wahlen – die Gesetzgebung. Solange die Gesetze fair sind und ausgelegt werden, habe ich meine Verantwortung wahrgenommen. Ich schulde anderen einen gerechten Staat, keine gerechte Gesellschaft. Und Kelle auch.

 Die Antwort auf diese Frage ist womöglich so einfach wie erschreckend:

Kelle denkt vllt. wirklich, dass sie in einer offenen und toleranten Gesellschaft lebe, weshalb das keine Lüge ist, wenn sie das erzählt? Nein, naTÜRlich nicht.

Die eigenen Privilegien fühlen sich offenbar noch mal sehr viel besser im im Angesicht von Minderprivilegierten an.

Gefühlte Gefühle können nicht als „offenbar“ deklariert werden. Ich traue Pickert ehrlich gesagt auch nicht genug Empathie zu, sich in katholische Frauen hineinzuversetzen. Aber ja, völlig plausibel. In einem Grab zu liegen, als Frau, in dessen Nähe ein paar tote Lesben liegen, muss sich natürlich viel besser anfühlen, als wenn man die Lesben nach sonstwohin verbannt hätte. Kennt man vom Ku-Klux-Klan, der verbietet Schwarzen ja auch eigene Friedhöfe…

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