Kochtrauma

Hierzu fällt mir einfach kein besserer Titel ein. Tl, dr: es geht um die Frage

Warum sind Star-Köche fast immer männlich und weiß?

Waaaillll: Allmächtige, allumfassende und vor allem globale Weltverschwörung des Patriarchats, natürlich. Wieder ein Rätsel weniger.

Fernsehköche sind meist weiß und männlich – wie Horst Lichter oder Johann Lafer. Was macht das mit uns?

Ich finde, die Formulierung: „was macht das mit einem Menschen“ sollte für Dinge reserviert bleiben, die erstens traumatisch sind und denen man zweitens kaum entkommen kann: Leben in der DDR, Leben als Kurdin in der Türkei, Kindheit im Schrank unter der Treppe.

So vermitteln uns Fernsehen und andere Food-Medien ein einseitiges Verständnis von Essen.

Nicht von „Kochen“, nicht von „Genuss“ vs. „Ernährung“, nicht von gesunden oder umweltfreundlichen Gerichten. Von „Essen“. Weil wir ohne Fernsehen nicht wüssten, wie dieses „Essen“ geht, und deshalb einseitig indoktriniert werden. Immerhin wissen wir, wie man ein Klo benutzt.

Vergangenes Wochenende war ich bei meinem Großvater zu Besuch. Er hat kein Internet, aber einen Fernsehanschluss … Diesmal blieb ich bei einem Ranking der liebsten „Hausmannskost nach Muttis Art“ hängen. 

Solche Rankings sind das Click-Bating des Fernsehens. Und natürlich mag jeder Mensch die Hausmannskost der eigenen Mutti am liebsten. Und wenn meine Großväter noch leben würde, würde ich mehr Zeit mit ihnen verbringen und weniger mit dem Fernseher, und nicht nur wegen der viereckigen Augen…

Der Reihe nach wurden die Top 10 Gerichte vorgestellt, aber keines davon wurde von einer Mutter zubereitet

Paprikasoße ungarische Art wird auch nicht notwendigerweise in Ungarn oder von Ungarn hergestellt. Die Formulierung „nach xys Art“ bedeutet, dass irgendetwas nachgekocht wird.

Stattdessen standen immer wieder Männer am Herd.

Genau – der Mann steht vorm Herd, die Frau dahinter. Wie im richtigen… achnee, doch nicht.

Ein typischer Anblick in deutschsprachigen Fernseh-Kochshows. Es sind vor allem weiße Männer, die seit Jahren vor der Kamera kochen

Da die meisten deutschsprachigen Menschen weiß sind, ist das nicht so überraschend. Seien wir doch froh, dass es keine Frauen sind, die irgendwelche Rollenklischees reproduzieren.

Der einzige Schwarze: Nelson Müller.

Bei einem Prozent an der deutschsprachigen Bevölkerung könnte es jetzt also 99 weiße Fernsehköche geben, ohne dass Schwarze unterrepräsentiert wären. Aber letztens hat Attila „die Geißel der Menschheit“ Hildmann ja den Beruf gewechselt, d.h., ein Platz ist wieder frei. Immerhin lernen wir daraus: „Alufolie, die reißt, ist weggeworfenes Geld.“

Und welche Köchinnen kennt man aus dem Fernsehen?

Ich? Gar keine. Die meisten der erwähnten Männer aber auch nicht. Aber ich gucke auch keine Kochshows. Vllt. deshalb? Achwas, mein getreuer Aluhut und meine Immunität, die mir das Patriarchat für treue Dienste im Zusammenhang mit weltweitem Verschwören und so verliehen hat, lassen das an mir vorübergehen.

Wie kann das sein? Wo sich doch gleichzeitig so lange das Bild hielt und bei manchen immer noch hält, Frauen würden „hinter den Herd gehören“.

Tja. Wieso sind Kochshows überhaupt beliebt? Und bei wem eigentlich?

Eine Begründung liegt wahrscheinlich in den Gastronomie-Strukturen und gesellschaftlichen Bedingungen selbst.

Ahhhh…. Ich hatte im Geschichtsunterricht mal eine Frage mit „das hatte politische Gründe“ beantwortet. Wo mir gesagt wurde, dass sei die „durch treffende Wörter“-Analyse aus dem Deutschunterricht. Man ergänze: die „Wie man leicht sieht“-Antwort aus dem Matheunterricht.

die langen Öffnungszeiten von Restaurants schlecht mit dem Familienleben vereinbar seien.

Nicht alle Frauen haben Familie. Nicht alle Köche haben Familie.

Die indisch-britische Starköchin Romy Gill sagte, dass sie ihren Beruf nur durch einen unterstützenden Ehemann ausüben konnte und die Küche als Arbeitsplatz immer noch von Sexismus und Rassismus geprägt sei.

Ja, das Betriebsklima in der Gastronomie soll nicht das beste sein, habe ich gehört. Aber ja, zwei Zitate ersetzen eine längere Recherche über den Überhang von Männern in Koch-Branche.

Ein Blick in die britische oder US-amerikanische Food-Medienbranche zeigt allerdings, dass auch hier weiße Männer dominieren. In seiner 2014 veröffentlichten Abschlussarbeit hat Journalismusdozent Evan Kropp die Geschlechterverteilung bei drei Koch-Fernsehsendern und den Shows „Top Chef“ sowie „Kitchen Nightmares“ untersucht.

Ja. Weil das natürlich genau auf D. übertragbar ist.

Er kam zum Schluss, dass Männer mehr Bildschirmzeit bekamen und Frauen und Männer jeweils stereotyp auftraten.

Und? Ist das jetzt die Folge oder die Ursache? Wie viele Frauen und wie viele Männer wollen da eigentlich mitmachen? Werden die proportional übernommen, oder werden Frauen stärker ausgesiebt, besonders, wenn sie nicht stereotyp genug sind? Oder werden vllt. auch Männer ausgesiebt, wenn DIE nicht stereotyp genug sind?

Und es geht eben auch nicht nur um den ungleichen Anteil von Männern und Frauen – sondern auch darum, welche Köch*innen welches Essen in den Medien wie präsentieren. Um den weißen Blick.

Ja, wenn ein indonesischer Koch erklärt, dass man Erdnusssoße nur nach indonesischer Art zubereiten soll, und auf gar keinem Fall auf chinesische Art, wäre das eine erfrischende Abwechslung zu den Gefahren der Corona-Verschwörungs-Übernahme-Umvolkung, die wir sonst so bekommen.

Die Chefin des Südostasien-Büros Hannah Beech hatte sich vorher durch asiatische Früchte wie die Mangostan getestet – und sie eine „Übung in Enttäuschung“ genannt.

Ja, eine Frucht zu beleidigen, ist natürlich genau so schlimm wie eine nationale Küche oder eine ganze Kultur. Oder alle Kulturen Asiens.

Das Problem an diesem Statement oder überhaupt Artikeln wie diesem ist der weiße Blick, der „ausländisches“ Essen oftmals ohne kulturellen Kontext einordnet und die eigene „absolute“ Bewertung aufdrückt.

Es ist eine Frucht, die an einem Baum wächst. Es ist keine bestimmte Zubereitung, kein Obstkuchen oder -likör. Es ist ein Naturprodukt. Vllt. gibt es unterschiedliche Sorten, wie bei Äpfeln oder Wein, aber hey…

Geschmäcker können und dürfen variieren, aber jedes Gericht hat auch immer einen kulturellen, sogar politischen Hintergrund.

Ja, ein Gericht. Etwas, was auf eine bestimmte, kulturell vermittelte Weise hergestellt wird, hat einen kulturellen und ggfs. politischen Hintergrund. Wenn ich mich an Besuche in der DDR erinnere, gab es drei Sorten Eis und überall Soljanka. Man kann dazu tatsächlich eine politische Meinung haben. Oder eine flüchtige Bekannte meinte mal, es sei besser, Vietnam von Nord nach Süd zu bereisen, weil im Süden Essen und Wetter besser ist. Sie kommt nebenbei aus Saigon. „Heißt das jetzt nicht Ho-Chi-Minh-Stadt?“ – „Das ist mir egal.“ Daumenregel – wenn man Sachen essen kann, die nicht in der Gegend wachsen, ist das eigentlich ein gutes Zeichen für Freiheit, Weltoffenheit und so weiter.

Zubereitungsarten haben nicht selten etwas mit Klasse und Ressourcen zu tun.

Achwas? Jetzt auf einmal ist Klasse wichtig?

Deshalb ist es auch so bedeutsam, wer über Essen schreibt, es vor der Kamera zubereitet und bewertet.

Jemand, der mit Soljanka und drei Eissorten als ca. 50% aller gastronomischen Angebote groß wurde, muss natürlich Experte(m/w/d) für Mangostanen und andere Tropenfrüchte werden.

Felicitas Then kochte Paella. Als es um die Handhabung der Garnelen ging, kommentierte die bekochte Moderatorin, dass Then die ja sogar mit den Köpfen esse, woraufhin sie antwortete, sie sei ja im früheren Leben auch Asiatin gewesen.

Wenn schon Wiedergeburt, denn schon schon rein statistisch ein Vorleben in Asien – aber hätten das dann nicht alle? Für Protokoll, ich verstehe, warum das ein harter Diss von Asiatinnen und Asiaten ist, selbst wenn Then selbst die Köpfe auch mitisst; nur ist das jetzt eine VÖLLIG andere Liga, als eine bestimmte Frucht nicht zu mögen. Außerdem lernen wir daraus, weil Frauen rassistisch sein können, indem sie sich abfällig über Mangostane und/oder Garnelenköpfe äußern, sind männliche weiße Köche ein Problem? Ähh, nein?

Seit einigen Jahren boomt nun aber die vietnamesische Küche. Ich halte diese Errungenschaft für das Ergebnis von mutigen Restaurantbetreiber*innen, aber auch weißer Legitimation.

Nein. Das heißt nicht „Legitimation“, das heißt Nachfrage. Wie in Angebot und Nachfrage. Sowas kapitalistisches. Wenn weiße Deutsche kein vietnamesisches Essen äßen, und vietnamesische Deutsche offenbar das Essen aus ihrem Landesteil lieber mögen, wäre der Markt für vietnamesische Restaurants zu klein, um zu boomen.

Ich erinnere mich daran, wie das DB Magazin Bánh mì vor ein paar Jahren zum Trendfood auserkor.

Wortspiel? Wortspiel. Die dachten, dass wäre Bahn falsch geschrieben.

ein Gericht, was eine Mitschülerin mal als „komisches Brot“ bezeichnete, als ich es aus der Brotbüchse holte.

Als ich mal in der Bahn auf Klassenfahrt ein Sandwich auspackte, was meine Mutter gemacht hatte, kam als Reaktion: „Was soll denn das sein?“

 ich habe keine Lust darauf, dass dies in Abhängigkeit vom Wohlwollen weißer, meist männlicher Food-Kritiker und ihren Medienplattformen geschieht

Food-Kritiker ist auch ein interessantes Fäming – es wird kritisiert, dass Menschen essen? Was Menschen essen? Wie Menschen kochen?

Nicht-weiße Gerichte sind kein kurzlebiger Trend oder exotische Neuigkeit

Kartoffeln, Erdnüsse, Kaffee, Schwarzbrot… was? Schwarzbrot ist nicht weiß.

Sie werden in ihren Herkunftsländern schon seit Jahren verspeist

Wenn da jetzt „Jahrhunderte“ stünde, wäre das ein Gegenargument zu „kurzlebig“. Und ich vermute, zumindest bei Mangostan stimmt das auch.

Ich wünsche mir diverse Fernsehköch*innen und Foodjournalist*innen, um vom weißen Blick wegzukommen.

Ok, sie ist Journalistin. Sie kennt auch tatsächlich Leute, die in der Gastronomie tätig sind oder waren. Hat sie mal irgendwann oder -wo den Versuch unternommen, in dieser Richtung journalistisch tätig zu werden? Wenn ja, woran ist das gescheitert? Meinetwegen an der hammerharten Phalanx aus weißen Foodjournalisten(m/m/m), aber es würde mich interessieren. Wenn nein, warum sollten andere tun, wozu sie selbst dann offenbar keine Lust hat.

So würde es gleich besser schmecken.

Wem? Niemand hält sie davon ab, Mangostane zu essen. Niemand zwingt sie, dt. Gerichte zu essen. Ob es ihr schmeckt, hängt nicht davon ab, ob andere es mögen oder nicht. Ob es mir schmeckt, hängt auch nicht davon ab. Wenn es aber darum geht, sagen wir laotische Küche dem dt. Publikum schmackhaft zu machen, wer ist da hilfreicher – jemand, der oder die aus Laos kommt und die laotische Küche lobt, oder ein weißer, deutscher, meinetwegen auch weiblicher Mensch, der sich mit den besten Gerichten nach Muttis Art auskennt, und laotische Küche lobt? Hilfsweise kann man auch einen Starkoch aus Nigeria nehmen, der uns erklärt, dass Erdnüsse nur aus Nigeria was taugen, aber nur so, wie seine Mutti die zubereitet, und der laotische Küche lobt. Aber so rein vom Werbeeffekt her?

2 Gedanken zu “Kochtrauma

  1. Die ganze aufgemachte Frage auf Basis der Grundprämisse „wenn doch angeblich Frauen hinter den Herd gehören, warum sind dann Starköche fast alle männlich?“ ließe sich leicht beantworten, wenn sich die Verfasser solcher Frauenbenachteiligungen überall witternder Traktate mal mit dem Berufsalltag des Koches befassen würden. Es ist natürlich leicht, ganz im feministisch gipfeltrugschließenden Sinne, nur auf die zu gucken, die für viel Geld durch Fernsehshows tingeln. Aber die erdrückende Mehrheit von Köchen arbeitet in Küchen. Und da geht es erheblich anders zu, als am heimischen Herd. Da ist nicht viel mit mal dies mal das probieren und solange das Essen vor sich hinquackert gemütlich auf dem Smartphone im Netz surfen. Da geht es alles auf maximales Tempo. Da muss alles perfekt getaktet sein. Und vor allem herrscht dort ein Umgangston, den man sonst nur von der Armee kennt. Professionelle Küchen sind in jedem Fall kein Umfeld für Leute, die bei jeder knallharten und kurz angebundenen Sachansage im Kommandoton sofort zum Flennen aufs Klo flüchten. Da heißt es halt nicht mit sanfter Stimme: „Ohne dich jetzt unter Druck setzen zu wollen, aber wie lange, schätzt du, benötigst du noch für die Minestrone?“. Da heißt es dann eher vom Küchenchef: „Wenn die Minestrone nicht in zehn Sekunden zur Abholung bereit steht, spring ich hier jemandem mit dem nackten Arsch ins Gesicht!“.

    Und, so denke ich mal ganz geschlechterstereotyp, dieses Umfeld kann so eher häufiger von Männern als von Frauen ertragen werden. Darum sind, obwohl ja angeblich Frauen an den Herd gehören, Berufsköche auch in der realen Arbeitswelt, leicht nachprüfbar, weit überwiegend Männer. Frauen scheinen einfach weit seltener bereit zu sein, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem man acht Stunden (mindestens) am Stück ununterbrochenen Stress pur hat und, als würde das nicht reichen, pausenlos Anweisungen im Kommandoton zugebrüllt bekommt.

    Aber das hat halt feministische Tradition. Es wird nur nach oben geguckt. Man interessiert sich nur für diejenigen, die auf Chefsesseln sitzen oder ihren Lebensunterhalt mit Fernsehverträgen erwirtschaften. Aber für deren Weg dahin ist man ebenso blind, wie für die erdrückende Mehrheit jener, die irgendwo auf diesem Weg stehengeblieben sind und dessen jeweiligem potentiellen Ziel niemals auch nur nahe kommen werden. Man beweist es immer wieder aufs Neue: Feminismus ist eine sich gerne irgendwie diffus als „links“ maskierende Elitenideologie, die sich für nichts interessiert, was, logisch konsequent, nicht elitär ist.

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  2. Ich verstehe natürlich, dass es Feministinnen nicht abkönnen, dass Frauen nicht mal beim Kochen besser sind als Männer, aber der Rest ist schlicht ignorant.

    Nahezu jeder Asiate wird komisch gucken, wenn Du ihn einen Klumpen Fleisch auf den Teller tust, so wie der Westler bei „leicht scharf“ Feuer spuckt.

    Aber: was ist Bánh mi? Ein belegtes Brötchen? Weil – da nehme ich (als Deutscher) gerne eine Extrawurstsemmel aus Österreich, ein türkisches Kumru oder, natürlich, #1 latschigen britischen Brotersatz mit mehr Bacon als Mehl.

    (kann man bei Subway nachahmen: BLT mit 3x extra Bacon bestellen, und dann alle Zutaten auf die Hälfte umlegen)

    ((würde aber gegen ein Bacon-Kumru wahrscheinlich abstinken))

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