Gut, dass es gar keine Cancel Culture gibt

Weil: Böhmermann

Manche Sachen von ihm finde ich lustig, manche ok, manche verteidige ich sogar, obwohl mein Humor ein anderer ist, weil ich z.B. in „Desinfektionsmittel gegen Juden“ eine Aussage gegen Antisemitismus sehe und nicht gegen Juden. Warum? Nun, Satire dreht dumme Ideen weiter bis zu deren logischen, aber absurden Konsequenzen, und wenn Antisemiten Judentum mit Krankheiten vergleichen, vor denen der (ansonsten) gesunde Volkskörper zu schützen sei, nuuun, dann ist Desinfektionsspray die logische, aber absurde Konsequenz. Und ja, es gibt bestimmt Menschen, die das wörtlich nehmen und sich in ihren antisemitischen Vorurteilen bestätigt sehen, aber die meisten, die das wörtlich nehmen, scheinen sich nicht als Antisemiten zu sehen. Wieauchimmer… ein Buch zu dem Thema wurde gekänzelt. Also, nicht ganz.

Nur leider hielt ich ihn für insgesamt zu selbstverliebt und zu wenig selbstironisch, um wirklich witzig zu sein. Und hey, ich hatte Recht:

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ führte ein Interview mit TV-Satiriker Jan Böhmermann, eingeplant für das vergangene Wochenende. Laut Böhmermann ließ Herausgeber Jürgen Kaube das Interview kurzfristig aus dem Blatt werfen, es erschien ohne diesen Beitrag.

(Die FAS ist die Sonntagszeitung der FAZ…) Oh nein, wie schrecklich – gibt es etwa DOCH eine Cancel Culture? Zum Glück nicht, denn:

Böhmermann protestiert in einem Brief an Kaube und veröffentlichte das Interview in 73 Teilen auf Twitter.

Nabitte – jeder kann sich seine eigene Plattform bauen, um seine Meinung unters Volk zu bringen. Jetzt ist Böhmermanns Plattform zwar ziemlich groß, aber als Sportsmann, der er ist, hat er doch letztens noch 14.000 Follower bei Twitter geblockt. Weil sie die falschen Vokabeln verwendeten oder so. Er hat sie sich alle ordentlich durchgelesen, um sicherzugehen, dass niemand, die oder der „Umvolkung“ ironisch verwendet, versehentlich mitgeblockt wird oder so. So.

Böhmermann fasst das Interview in dem Brief zusammen mit: „Das Gespräch drehte sich unter anderem um ‚Cancel-Culture‘, eine kritische Betrachtung des Versagens demokratischer Gatekeeper im Erkennen und Verhindern rechtsextremer Diskursmanipulation

Hahahahahaha! Gut gespielt, FAZ, gut gespielt. Warum über Känzelkultur reden? Machen! Torhüter sein! Wenn hier einer Diskurse manipuliert, dann machen die Medien das ja wohl selber!

und, na klar, ein bisschen was zum Schmunzeln war auch dabei.“

Ach, das ist so ein „Understatement“. Ich könnte mich kringeln.

Die „FAS“ wollte etwa wissen, ob man sich vor dem „Social-Warrior-Twitter-Mob“, vor Jan Böhmermann und seinen 2,2 Millionen Followern fürchten müsse.

WoW – World of Wokeness. Wähle Deine Rasse und Deine Klasse. Und Dein Geschlecht. Aus Balancing-Gründen dürfen Wham nur nur SJW werden. Und 2,2 Mio. Follower sind etwas viele, vllt. noch ein paar blocken, Balancing und so?

„Grundsätzlich ja. Ich kann das schlecht geschauspielerte Gejammer über das Phantom Cancel-Culture menschlich nachvollziehen. Es fühlt sich sicher beschissen an, wenn man hauptberuflich von der Großartigkeit seiner eigenen Position derart überzeugt ist,…

Und ob er das nachvollziehen kann. Er muss das Gejammer noch nicht einmal schauspielern, es fühlt sich für ihn beschissen an. Also jetzt, nachdem er abgekanzelt wurde, jedenfalls.

dass man persönlich beleidigt davon ist, dass man innerhalb von fünf Minuten von zehn anonymen Twitter-Nutzerinnen auf 280 Zeichen argumentativ ausmanövriert wird.

Immerhin, er ist nicht von anonymen Twitter-Nutzerinnen ausmanövriert.  FAZ-Herausgeber Kaube war’s. Warum genau, weiß man noch nicht, aber mein Verdacht ist, dass der gemerkt hat, dass Böhmermann gar nicht witzig ist. Gut, er ist unfreiwillig komisch, aber um das herauszuarbeiten, musste man ihn erstmal canceln. Glückwunsch!

Oder wenn Du als unfehlbarer Querdenker-Kabarettist die geniale Idee hast, deinem senilen Publikum mit antisemitischem Geraune

Hmmm, war das nicht exakt der Vorwurf beim Desinfektionssketch? Entweder, er ist nicht in DER Ecke, hat aber mitbekommen, dass man manchmal zu Unrecht da verortet wird und sollte bei solchen Vorwürfen vllt. nicht immer mitschreien, oder, er ist DOCH in der Ecke und sollte einfach nur die Klappe halten.

oder regressivem Volkswitz den allertraurigsten Applaus aus den toten Händen zu saugen und das dann jemand im Internet bemerkt und Dir laut hörbar widerspricht.

Und Dein Interview aus seiner Zeitung schmeißt. Ok, die meisten von uns haben gar keine Zeitung zum Leute rausschmeißen, aber wir sollten alle eine Zeitung haben.

Wenn ich die Informationshefte der Bundeszentrale für politische Bildung richtig verstanden habe, geht es bei Demokratie um den Wettstreit der Ideen.

Ist das ein Versuch, Selbstironie zu produzieren? Ich dachte immer, es ginge darum, aus unterschiedlichen oder sogar entgegengesetzten Interessen den besten Kompromiss zu machen. Wieder was gelernt.

Und wenn Deine Idee schlecht ist, dann schluck’s runter und denk Dir was Schlaueres aus und fantasier nicht irgendwelche Cancel-Cultures herbei 

Ja. Das wird der Grund gewesen sein. Böhmermann zu interviewen war vllt. gar keine gute Idee.

oder sehne Dich gar gleich neuen Autoritäten, die dir deine kleine Sperrholz-Wahrheit vor dem bösen Wolf beschützen.

Ich glaube, Böhmermanns Eitelkeit kommt immer noch nicht damit klar, dass er selbst keine neue Autorität ist, die sein Sperrholz-Ego vor anderen schützen kann.

Das Medium Twitter macht es nun einmal möglich, auch komplexe Gegenmeinungen so pointiert zu artikulieren, dass Du davon als Großkabarettist oder Leitmediums-Chefredakteur berührt wirst.

Schon, aber im Wettstreit der Ideen hat die FAZ-Absage gewonnen. Je mehr ich vom Interview lese, desto mehr Punkte macht sie gut.

Das, liebe Gemeinde, nennt sich Realsatire. Wie der große Satiriker Juvenal – geistiges Vorbild von Watchmen und der Tribute von Panem – schon sagte: manchmal ist es schwieriger, keine Satire zu schreiben.

Soweit die Worte der heutigen Lesung.

4 Gedanken zu “Gut, dass es gar keine Cancel Culture gibt

  1. Sieht nach einem nicht komplett vergeigten Trollversuch aus, ein Lieblingsthema des Herausgebers mit einem linken Schaustück „Cancel culture ist eigentlich konservativ“ zu verbinden.

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  2. Nochmal zu „Schon, aber im Wettstreit der Ideen hat die FAZ-Absage gewonnen. Je mehr ich vom Interview lese, desto mehr Punkte macht sie gut.“

    Es sieht so aus, als ob OK-Böhmer das doch als Punkt für sich rechnet. In der letzten Folge von „Fest & flauschig“ am Sonntag plauderte er munter mit Schulz über sein „Cancel-culture-Opfer-Sein“, verglich sich auch recht gewagt mit Lasselsberger, ließ immer wieder beiläufig den Namen Hegel fallen und empfahl eine Hegelbiografie (und eben nicht die von Kaube).

    Glaub das ist durchaus bewusst als Gesamtkunstwerk geplant und in seiner Blase macht er da Punkte zumindest unter den „Eingeweihten“.

    Das zahlt am Ende tatsächlich auf die Behauptung „Cancel-Culture gibts gar nicht von links, ist eigentlich eine konservative Kulturtechnik“ ein.

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