Sei kein Mann II

Auch, wenn ich das schon hatte. Ze:tt recycelt ja auch.

Aber ein paar Sachen sind neu und liefern einen Mehrwert.

Im englischen Original heißt Sei kein Mann, das neue Buch von JJ Bola, Mask off, also Maske ab.

Das ist in Corona-Zeiten das völlig falsche Signal. Außerdem heißt es Maskulismus.

Eine Maske, die Männer von Geburt an in toxische Geschlechterrollen drängt.

Wieso Rollen? Mehr als eine? Und kein Mensch ist toxisch.

Dafür müssten Männer anfangen, sich selbst und ihr Verhalten zu reflektieren, lernen, sich zu öffnen und Verletzlichkeit zuzulassen.

Verletzlich ist man von alleine. Wenn, muss man lernen, sich vor Verletzungen zu schützen. Aber ja, seitdem ich mein Balzverhalten überdenke, bin ich viel erfolgreicher damit.

Von klein auf.

Niemals ist man verletzlicher als als Kind. Was für ein Quatsch. Aber ja, kleine Kinder, reflektiert Euer Verhalten und lasst Verletzungen zu.

Männer, die zur Elite gehörten, trugen früher Make-up und Perücken als Zeichen ihrer Stellung in der Gesellschaft.

Heute gibt’s Seife und Shampoo. Seitdem auch der Pöbel sauber und gesund aussieht, hat die Oberschicht keine Möglichkeit mehr, auf dieser Schiene zu protzen. (Witzigerweise haben Frauen, die zu Elite gehörten, früher AUCH Make-Up und Perücken getragen. Ist mehr ein Klassending als ein Geschlechterding…)

Ein weiteres Beispiel sind High Heels. Die wurden von Pferdereiter*innen aus Persien nach Europa gebracht.

Wenn das Pferdereiterinnen und -reiter waren, war das ebenfalls kein Geschlechterunterschied. Aber männliche Adelige pflegten sich als Kavallerie zu främen, weil das historisch deren Ursprung war.

Sie haben darum gewetteifert, wer den höchsten Absatz hat. Dabei galt: je höher, desto modischer.

Ja, auch im Kapitalismus geht es um Absätze. Merke: wer die höchsten Absätze erzielt, hat gewonnen. Und das soll nichts kompensieren, bei dem es nicht auf die Größe ankommt.

Heute wird ein Mann, der Absätze trägt, von der Gesellschaft abgelehnt.

Tja. Oder ein Mann, der seine Leibeigenen peitscht. Trachten ändern sich.

Alles, was als weiblich gilt, wird diskreditiert. Diese sehr willkürlichen Darstellungen und Performances von Männlichkeit variieren auf der Welt.

Die Äußerlichkeiten können in der Tat sehr unterschiedlich sein. Aber wenn es nur um Kleidung, Frisur und Schminke ginge, wäre das ja fast egal, woll?

Das zeigt, dass die Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Mann zu sein, durch gesellschaftliche Normen definiert wird.

In welcher Gesellschaft werden körperlich anstrengende und gefährliche Aufgaben – mit der wichtigen Ausnahme von Schwangerschaften – Frauen zugeschrieben?

Es hat sehr wenig mit Biologie zu tun und viel mehr mit sozialer Konditionierung.

Es hat mit beiden zu tun. Und der Grund für die soziale Konditionierung ist ein biologischer – Männer kriegen keine Kinder, also ist es logisch, dass Männer alle anderen gefährlichen und anstrengenden Tätigkeiten übernehmen.

Trotzdem versuchen wir immer noch, die Biologie als bestimmenden Faktor heranzuziehen.

Stimmt. Wenn es erstmal serienreife künstliche Gebärmütter gibt, ist das Thema durch.

Die ganze Idee, dass Männer stärker, logischer und weniger emotional seien, ist Sozialisierung.

Dass Männer durchschnittlich stärker sind, ist zigfach empirisch beobachtet und gemessen worden. Dass Männer logischer seien, ist ein dummes sexistisches Vorurteil. Dass Männer weniger emotional seien, dito. Sozialisierung ist, dass es Männern weniger nutzt als Frauen, ihre Gefühle zu zeigen. Wessen Schuld ist das?

Ich habe Männer schon untröstlich weinen sehen, weil ihre Fußballmannschaft verloren hat.

Fußball. Das ist mir viel zu emotional.

Wenn wir doch angeblich das stärkere Geschlecht sind, ist es völlig unlogisch, wegen eines Fußballspiels zu heulen.

Männer sind vllt. körperlich stärker, aber das mit der Logik ist – wie gesagt – Tinnef.

Das hinterfragen wir nicht genug.

Zwei Cousinen von mir haben mich mal dahin mitgeschleppt. Also zum Fußball. Yäy.

Es wird viel darüber gesprochen, dass Männer heutzutage in unserer Gesellschaft leiden. Die Mehrheit der obdachlosen Menschen sind Männer. Die Mehrheit der Menschen, die drogenabhängig sind, sind Männer. Die Mehrheit der Menschen, die Gewaltverbrechen erleben, sind Männer.

Ja, aber der Linksextremismus! Ähh, sorry, falscher Whataboutismus. Männer thematisiseren das nur, um von Frauenproblemen abzulenken und die Diskussion zu derailen. Übrigens, wer die Unfallquoten vergisst, ist natürlich besonders whataboutistisch.

Die Suizidrate bei Männern ist höher als bei Frauen. Über das Warum möchte aber keine*r reden. Frauen sind nicht der Grund, warum diese Statistiken existieren. Es liegt an uns Männern.

Stimmt. Frauen – oder jedenfalls die feministischen – haben diese Statistiken nicht aufgestellt. Cui bono, woll? Achja, und „keineR will darüber reden“ stimmt so ja auch nicht.

Nur die wohlhabendsten Männer einer Gesellschaft profitieren wirklich von dieser Struktur.

Ach, ist die patriarchaische Weltverschwörung etwa nicht für alle Männer da? Wurde sie vllt. gar unterwandert? Von einer – anderen Weltverschwörung?

Diese Männer bewegen sich nicht in unseren alltäglichen Kreisen. Dennoch prägen sie oft die öffentliche Wahrnehmung.

Ist Merkel etwa eine Marionette der Illuminaten?

Sie forcieren zum Beispiel bestimmte Bilder von Männlichkeit in den Medien, obwohl sie von diesen nicht betroffen sind.

Ja, ich fühle mich mit so einer Merkelraute und -kleid viel mächtiger.

Jeff Bezos wacht wahrscheinlich nicht morgens auf und fragt sich, ob er stark genug ist, um sich in einem physischen Kampf zu behaupten.

Wenn er so mächtig ist, warum ist seine Ex-Frau jetzt die zweitreichste Frau der Welt? Wenn jemand, den er definitiv nicht leiden kann, ihn so abzockt, welche Sorgen müssen „wir“ uns dann machen?

Wenn du ein gewöhnlicher Mann der Arbeiter*innenklasse und machtlos bist, hast du das Gefühl, dich beweisen zu müssen.

Ja, als Frau der Arbeiterklasse ist es aber noch schwieriger. Da muss man beweisen, dass man den 50-kg-Sack auch heben kann. (Gendersternchen, wenn es explizit über Männer geht – what the f*ck?)

Du läufst die Straße entlang und ein Typ schaut dich schief an. Es entwickelt sich ein Kampf, weil ihr beide versucht, euch in dieser Gesellschaft wie „echte“ Männer zu fühlen.

Habe ich noch nie gemacht. Kommt auch eher selten vor. Also anekdotische Evidenz und so. Ach, es ist so klischeegetrieben.

Toxische Männlichkeit betrifft aber nicht nur die Arbeiter*innenklasse. Es gibt sie in allen Gesellschaftsschichten.

Das ist natürlich eine einleuchtende Erklärung, warum es so wenig Schlägereien gibt. Es gibt auch nur noch sehr wenig Arbeiter in modernen Industrienationen. Die Sparte „Proletariat“ wurde größtenteils  in nicht-so-moderne Industrienationen ausgesourcet.

Sie manifestiert sich nur unterschiedlich. Je weiter man aufsteigt, desto weniger greifbar ist sie.

Kinderbluttrinken? Bestimmt meint er Kinderbluttrinken.

Die sogenannten Boys Clubs an Eliteschulen und Universitäten neigen beispielsweise dazu, ein toxisches und veraltetes Bild von Männlichkeit aufrechtzuerhalten.

Ist das so ein „anglofones“ Ding? Oder wird jetzt wieder „Männlichkeit“ und „Oberschicht“ durcheinandergeworfen?

In diesen privilegierten Kreisen wird oft gedacht, dass Regeln, die für die Allgemeinheit gelten, für einen selbst keine Rolle spielen.

Das wäre eigentlich ein Argument GEGEN Männlichkeitsbilder. Wenn die Männer der Unterschicht sich kloppen müssten, um ihren Wert zu beweisen, würden die der Oberschicht das genau NICHT tun, um sich von den dummen Proleten abzugrenzen. Wenn Homosexualität bei Arbeitern verpönt ist,  nun Ja…

Wir müssen Jungs und jungen Männern beibringen, wie sie ihre Emotionen auf gesunde Weise verarbeiten können, ohne Gewalt als Ventil zu benutzen. Oft warten wir, bis ein Junge gewalttätig wird, um mit ihm über Gewalt zu sprechen.

Ja. Weil jeder Junge zwangsläufig gewalttätig wird. Wer ist jetzt eigentlich schon wieder „wir“? Und wer definiert „gesund“ außer, dass blaue Flecken das nicht sind?

Es gibt so viele junge Männer, die diese Der-unglaubliche-Hulk-Mentalität haben. Sie tragen ständig Wut und Frustration in sich und glauben, dass nur eine Frau sie beruhigen kann.

Die Wut und Frustation hat meistens konkrete Gründe. Familiäre, schulische, private, berufliche. Aber kein Mensch ist toxisch. Also, Hulks Blut ist es technisch gesehen schon, aber naja… Der Hulk ist kein echter Mann, sondern fiktiv.

Dass man glaubt, dass nur eine Frau einen beruhigen kann, ist übrigens so nicht richtig, weder beim Hulk noch bei realen Männern. Wobei der Frust und die Wut tatsächlich mit Frauen zu tun haben können…

Das wird ihnen so beigebracht.

Von wem? Und vor allem, warum?

Das lässt sich alles darauf zurückführen, wie wir als Männer sozialisiert werden.

Ja, von wehem???

Veränderung kann nur dann eintreten, wenn sich Männer bewusst werden, dass sie sich selbst um ihre Seelen kümmern müssen.

Sagt jetzt jede Religion, mit deren Inhalten ich halbwegs vertraut bin. Man muss sich selbst um sein Seelenheil kümmern. Frauen werden in dieser Hinsicht selten bis nie empfohlen.

Wir müssen aufhören, Frauen emotionale Arbeit aufzubürden, um unsere Probleme zu lösen.

Von „emotionaler“ Arbeit allein werden Probleme eher selten gelöst. Ja, richtig, das bringt nichts.

Viele junge Männer suchen nach einem Sinn im Leben, weil ihnen von klein auf gesagt wird, dass sie führen und dominieren sollen.

Ja, aber Multimilliardäre kontrollieren uns doch sowieso? Und natürlich sind Verschwörungstheorien eine Strategie, das Leben, das Universum und die vielen Unlogiken und dergleichen darin mit sinnvoll aussehenden Theorien zu füllen.

Das Gefühl mangelnder Handlungsfähigkeit, das einen jungen Mann dazu bringt, einer terroristischen Gruppe beizutreten, ist dasselbe Gefühl, das einen jungen Mann dazu verleitet, der Armee beizutreten.

Auch für mich als Zivi ist das eine Aussage, der ich widersprechen muss. Aus SO vielen Gründen. Aber gut, fürs Argument, gefühlte Hilflosigkeit kann eine Motivation für beides sein – aber das läge dann nicht notwendigerweise an der Sozialisation, sondern evt. doch daran, dass man hilflos IST.

Oft werden Aggression und Gewalt als angeborene Charakterzüge von Schwarzen Männern und Men of Color beschrieben.

Wohingegen man ja Wert legen muss auf die Tatsache, dass Weiße genauso aggressiv und gewalttätig sind. Also, die männlichen unter ihnen. (Ob etwas angeboren oder anerzogen ist, ist im Zweifel nebenbei egal…)

Viele dieser Vorstellungen haben ihren Ursprung in Stereotypen und Stigmata aus der Sklaverei und dem Kolonialismus.

Joah. Aber jemand, der diese Vorstellungen erweitern will, indem er einfach männliche Arbeiter*innen pauschal als gewaltätig främt, ist jetzt vllt. nicht der überzeugenste Kämpfer gegen Vorurteile, oder?

Soziolog*innen sagen, dass man irgendwann anfängt, Aussagen über sich selbst zu glauben, wenn man sie lange genug erzählt bekommt.

Dann lass es doch einfach!

Aus einer nicht-schwarzen Perspektive sollte man sich fragen, warum man Angst bekommt, wenn man einen Schwarzen Mann sieht.

Weil er – rein statistisch – der sog. Arbeiter*innenklasse zugehörig ist, und wenn ich ihn schief angucke, verkloppt er mich? Das habe ich erst eben noch irgendwo gelesen.

Im Laufe der Jahre habe ich mit so vielen Männern gesprochen, die nicht auf diese Weise leben wollen.

Hmm, ich lebe gar nicht so. Ich habe weder den Wunsch, meine Wertigkeit oder Männlichkeit mit Gewalt zu beweisen, noch anderweitig. Nagut, an der einen Stelle schon, aber dann erfolgt der Beweis direkt.

Wir alle sind dafür verantwortlich, diese begrenzte Auffassung von Männlichkeit zu erweitern.

Wer? Ist? WIR?

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