Körperkontakt

Als jemand, dem Körperkontakt nicht so wichtig ist – obwohl ich ihn nicht grundsätzlich vermeide – ist es natürlich interessant, andere Menschen zum selben Thema zuzuhören. Also auch Niels Pickert.

Ich hätte nicht gedacht, dass mir Körperkontakt so fehlen würde.

Hey, ich habe in Coronazeiten ungefähr so viel Körperkontakt wie zuvor. Mein Leben ist ziemlich coronakompatibel. Bitte nicht zuviel Neid jetzt.

Neben dem für mich doch ziemlich anstrengenden Gefühl, eingesperrt zu sein,

Ich bin auch so oft draußen wie vorher. Und das heißt jetzt wirklich nicht „nie“, sondern einmal die Woche Außendienst, am WE Spazieren, und sonst Einkaufen und Edeka boykottieren.

ist die Abwesenheit von körperlicher Nähe eines meiner verdeckten Hauptdefizite, die mir die Pandemie über die Wochen immer deutlicher vor Augen führt.

Ja, Pandemie, richtig. Bekomme ich trotzdem mit. Mein Hauptdefizit ist Kino, aber letztens war ich in Tenet, es war toll, aber ja, nur, weil ich die Pandemie bis dato ziemlich gut aussitze und außerdem eine Ausrede hatte, meine Ex nicht wiederzutreffen, heißt das nicht, dass ich kein Mitleid mit anderen Menschen haben kann. Die mir immer sagten, ich solle mehr unter Leute und so. Ihr tut mir jetzt ja soooo leid!

Und das, obwohl ich viel Intimität in meinem Leben habe. Das ist einer der Vorteile einer sehr haptischen, kuschelbedürftigen sechsköpfigen Familie.

Haptisch bin ich auch, ich mag das Gefühl von Büchern, Holz und bestimmten Stoffen, aber nur in der Richtigen Richtung zum Gewebe. Ähm, wo waren wir?

Corona hat mir mit erschreckender Deutlichkeit klargemacht, wie sehr mir der freundschaftliche Körperkontakt mit Männern fehlt. Und zwar nicht erst seit März dieses Jahres.

Ja, warum ist ihm das jetzt erst aufgefallen? Tja, aber besser spät als nie.

Und selbst wenn es weniger umarmungsfeindliche Zeiten wären, zeichnen sich Männerfreundschaften nicht gerade durch eine Nähe aus, die von Zärtlichkeit geprägt ist und nicht von krachenden “Der Fußballclub hat gewonnen” Körpern

Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Grenzen, wie viel Körperkontakt – Umarmen, Hände schütteln, Wangenküsschen, Wei – sie als angemessen oder übergriffig finden, aber nicht jeder Körperkontakt ist „zärtlich“. Und ja, das ist nicht nur Privatvorliebe, sondern teilweise auch kulturell, insofern gehört das jetzt in den Bereich Gesellschaftskritik, aber wenn eine FRAU sagen würde, ihr wäre der und der Grad an körperliche Nähe mit der und der Person unangenehm, welcher Feminist würde sie dafür kritisieren?

die bei jedem Kontakt “No homo/nicht schwul/Sportausnahme, wir dürfen das” zu schreien scheinen.

Wenn ein Mann bei einer Frau aus dem Bekannten/ Kollegenkreis Körperkontakt sucht und dabei „No hetero/nicht sexuell/Sportausnahme, wir dürfen das“ ruft, ist das dann ok?

ass 2/3 aller Männer keine Freundschaft haben, in der intime Gespräche und Berührungen Platz haben, ist so offensichtlich wie schade.

Der Bento-Link, tl, dr: Frauen sind die besseren Menschen, weil sie die besseren Freundschaften haben. Nebenbei: Gespräche über intime Themen sind nicht dasselbe wie „intime Gespräche“. „Intime Berührungen“ sind für mich „Berührungen im Intimbereich“, nicht Händchen halten. Aber die 2/3 sind „offensichtlich“, wer braucht statistische Erhebungen?

Und dass Männer sehr unterschiedlicher Milieus angeben, unter der Beendigung einer Männerfreundschaft nicht sonderlich zu leiden, ist nicht etwa ein Anzeichen für emotionale Stabilität, sondern hochgradig besorgnisserregend.

Ja, Herr Pickert findet es nicht gut, wenn Männer nicht leiden. (Kann sein, dass er meint, dass sie schon leiden, aber darüber gegenüber einem Fragebogen lügen, aber auch das ist vllt. nicht so verwerflich, sorry, „besorgniserregend“, wie behauptet.)

Gleichzeitig existieren Studien, die belegen, dass Männer mit ihren Bromance-Beziehungen zu anderen Männern zufriedener sind als mit ihren romantischen Beziehungen zu Frauen.

Hm. Hmmm. Hmmmmmmmm. Kann es eigentlich sein, dass Sex das einzige ist, was Frauen und Männer verbindet? Oder meinetwegen Sex und Familienplanung?

Sie scheint sich aber nicht einfach zu ergeben oder aufrecht erhalten werden zu können, sondern muss sich gegen Widerstände durchsetzen, die von traditionellen Männlichkeitskonzepten herrühren und durch die Verkomplizierung von Männerfreundschaften sogar die psychische Gesundheit gefährden.

Es gibt zig fiktive Geschichten von Männerfreundschaften, die nicht erotisch oder sexuell waren, und die sehr populär sind oder auch schon in eher prüden Zeiten waren. In dem Link weiter oben sind Männer zu Freundschaften ja auch erfolgreich befragt worden. Offenbar ist es nicht annähernd so kompliziert, wie es hier gefrämt werden soll.

Der Psychotherapeut Robert Garfield hat das 2016 in einem Buch als Male Code bezeichnen, den Mann brechen müsste, um die Kraft von Freundschaft wirklich zu erfahren.

Ja, wenn Männer grundsätzlich nicht so sind, wie die Gesellschaft sie haben will, wer hat denn dann diese Gesellschaft geformt? Hmm, gibt’s da nicht so ein Wort für? Frowen? Phrauen? Helft mir mal auf die Sprünge!

Männer verharren zu oft in Funktionsfreundschaften: …

Keine Ahnung, was er mit „zu oft“ meint. Aber wäre ein Mensch, mit dem man eine prinzipiell lebenslange Paarbeziehung führt, nicht etwas „mehr“ als eine Funktionsfreundschaft?

Aber wer von denen ist noch mal der “Sie hat mich verlassen, mir geht es beschissenen” Freund? 

Tja, das ist der Punkt, wo die lebenslange Nicht-Funktionsfreundschaft keine große Hilfe ist. Zum Glück habe ich Cousinen zum Ausheulen. Die bauen einen auf mit Sprüchen wie: „Vllt. bist Du ja jetzt auf den Geschmack gekommen und findest bestimmt wen anderes, mit der es besser klappt?“ Ok, nicht optimal. Aber Kneipentour zum Ablästern ist etwas zu Klischee für mich modernen Feingeist.

Der “Mein Kind ist krank” oder 

Mangels Partnerin habe ich kein Kind und mangels Kind dieses Problem nicht. Aber dafür gibt’s Verwandte.

 oder der “Ich bin so einsam” Freund?

Den gibt’s nicht – entweder bin ich einsam, dann habe ich keinen Freund, oder ich habe keinen Freund, dann bin ich einsam.

Der “Nimm mich in den Arm, mir ist das alles zu viel hier” Freund?

Wenn mir was zu viel ist, warum würde ich da bleiben?

Ich hatte einst so einen Freund. Einen Kindheits- und Jugendfreund, der mir so viel bedeutet hat, dass all diese Dinge hätten möglich sein müssen. …

Denn geliebt habe ich ihn zweifellos – auch wenn ich es ihm nie gesagt habe. Ich wäre ihm auch gerne körperlich näher gewesen. Aber er und ich waren das, was die Entwicklungspsychologin Niobe Way als “emotional analphabetisch” bezeichnet.

Tja, das ist natürlich traurig. Die Notwendigkeit guter Freundschaft erklärt sich aber nicht aus dem oben genannten, sondern aus der Gesellschaft, in der die beiden aufgewachsen sind. Und wenn man denkt, die kapitalistisch-faschistische Ausbeutergesellschaft sei an allem Schuld…

Die Gefühle waren also da, aber die Möglichkeit und der Raum, sie auszudrücken, fehlte. So sehr, dass es einer absoluten Ausnahmesituation bedurfte, um den Male Code zu brechen.

Oder halt das allumfassende Patriarchat, was in allen anderen Situationen als ein Männerbund beschrieben wird, gegründet mit dem Ziel, Frauen auszugrenzen. Moment, eigentlich müsste das allumfassende Patriarchat Männerfreundschaften als emotionalen und vertrauenstechnischen Pol der Sicherheit im Unterschied zur bürgerlichen Ehe doch stärken?

Der einzige Moment, in dem ich meinen Freund nicht knuffend, rempelnd, raufend oder schubsend berührte, war als mich unsere Klassenlehrerin aufforderte, ihm ins Gesicht zu schlagen.

Ruhm und Ehre dem Siegeszug des Sozialismus, woll? Kinder, wenn Ihr Euch das gefragt habt – SO sieht staatlich vorgeschriebener Gruppenzwang und Herdentrieb aus. DAS ist der Grund, warum es toll ist, nicht mehr da zu leben. Und das ist der Grund, warum die Hufeisentheorie nicht ganz so verkehrt ist.

Mich und alle anderen. Weil er nicht bei den Jungpionieren war, die er “sinnlos” und “scheiße” fand. Ich hab ihm stattdessen über die Wange gestreichelt und das war auch gut so.

Ja. Dieser mutige Akt echter Zivilcourage ist etwas, worüber ich keine Witze machen werde. Ich bin herzlich froh darüber, nicht in der Gesellschaft großgeworden zu sein, sondern das alles nur von weitem zu beobachten hatte. Was mich aber nicht davon abhält, darüber Witze zu machen, dass seine heutigen Feinde schlüpfrige Werbeplakate sind. Die zum Teil tatsächlich ungesunden Ideale, die Werbeplakate vermitteln, sind nicht annähernd so manipulativ, schädlich und vor allem nicht so wirkmächtig wie staatlich verordnete Klassenkeile. Und man kommt nicht ins Gefängnis, wenn man sie ablehnt.

Leider nicht häufiger. Leider nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit, obwohl wir uns so nahe waren und es sich gut angefühlt hätte.

Ja, einen „ich lebe in einer menschenverachtenden Diktatur“-Freund habe ich leider auch nicht. Aber es ist mir lieber, keinen zu haben und keinen zu brauchen, mangels Diktatur, als Diktatur und dafür einen passenden Freund. Nein, Merkelhasser, haben wir nicht.

Das Bedauern darüber kann allerdings nur ein Anfang zu besseren, tieferen Männerfreundschaften sein. Um den Prozess einer emotionaler Alphabetisierung bei gleichzeitigem Entlernen von intimitätsblockierendem Verhalten.

Niemand – abseits des Corona-Virusses – hält ihn davon ab, das zu tun. Ändert nichts daran, dass ich im Falle von Problemen lieber jemanden hätte, die/der meine Probleme entweder zu lösen hilft – was in den meisten Fällen außer bspw. Klassenkeile keinen Körperkontakt erforderlich macht – oder zumindest nützlichen Rat gibt, wie ich das anstehende Problem lösen könnte. Wofür ich überhaupt keinen Körperkontakt benötigte. Soll heißen, Funktionsfreundschaften sind nützlicher, und der Nutzen von Berührungen wird etwas übertrieben.

Damit es nicht immer Katastrophen wie den Tod der jeweiligen Partnerinnen braucht, um beispielsweise zwei Sportjournalisten nach Jahren der /Zweckfreundschaft/Bekanntschaft wirklich zu verbinden.

Sagte ich eigentlich, dass mir Fußball suspekt ist? Aber ja, gemeinsame Probleme wie Tod der Partnerin sind sicher etwas, was zwei Männer verbinden kann. Zum Glück stellt sich dieses Problem den meisten Männern ja gar nicht, weil Frauen statistisch länger leben. Was Pickert natürlich als natürlich voraussetzt, deshalb ist der umgekehrte Fall gleich eine „Katastrophe“.

Damit Mann sein eigenes Bedürfnis nach Intimität nicht beständig schlecht redet und beschneidet. Damit wir uns näher sind.

Bedürfnis nach Intimität ist eigentlich Bedürfnis nach Sex. Ja, er will das anders verstanden wissen. Aber da geht es halt los – wenn eine Frau einfach einen bestimmten Abstand haben will, keine körperlichen Berührungen, oder nur Händeschütteln, oder Händeschütteln und Schulterklopfen, dann meint sie damit ja nicht, dass sie nie angefasst werden will, aber wenn, dann nur von sehr bestimmten Leuten. Weil ab bestimmten Stellen – die jede Frau natürlich anders abgrenzt – das Ganze erotisch wird. Und dann ist es nicht mehr tröstend oder sonstwie emotional aufbauend mehr. Bzw., vllt. sogar sehr tröstend und/oder aufbauend, aber eben sexuell. Wenn also Frauen zugestanden wird, dass sie bestimmte Berührungen nur von solchen Menschen wollen, mit den sie auch Sex wollen, dann muss man das Männern auch zugestehen. Weil das auch dann noch so ist, wenn Schwulenfeindlichkeit und Co. kein Thema mehr wäre.

Stattdessen werden Männer als „emotionale Analphabeten“ gefrämt. Bei Frauen wäre das „frigide Zimperliese“, aber hey, bei Frauen ist das sexistisch, Männer hingegen muss man zu ihrem Glück zwingen. Leute zu ihrem Glück zwingen war auch das Projekt der DDR. Muss ja super geklappt haben, wenn Pickert das so toll findet.

5 Gedanken zu “Körperkontakt

    1. Ich hingegen frage mich eher, ob „er“ oder „seine“ „Frau“ die Samenspende für die Leihmutter der bemitleidenswerten Kinder gegeben hat, oder ob sie sich – sofern biologisch in „seinem“ Falle möglich – dabei abwechselten.

      Ich glaube, nach einer noch unmännlicheren Person als N.P. muss man sehr, sehr lange suchen.

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