Sei kein Mann!

Ich habe erfahren, dass die Realfilmversion von Mulan nicht im Kino kommt – scheiß cancel culture! („Aber Mycroft, das ist eine rein marktwirtschaftliche Entscheidung…“ – „Scheiß Markt! Wo ist dieser Marx, wenn man ihn mal braucht! Marx regelt auch nichts!“) Aber immerhin gibt es die Gegenposition:

Sei kein Mann! (Ihr müsst nicht so schnell sein wie wildes Wasser…)

SPIEGEL: Herr Bola, welche Art von Mann sollen die Leser nicht sein?

Eigentlich ist die Frage doof, weil da doch eindeutig steht: sei KEIN Mann. Also gar keiner. Nicht: „Sei nicht der Mann, der nachts Frauen auf dem Heimweg belästigt und tagsüber bei Twitter trollt.“ Uneigentlich wissen die vermutlich, was gemeint ist, weil sie das Buch gelesen haben (ich nicht, aber immerhin scheint es nicht SO misandrisch zu sein).

Bola: Das gesamte Rollenbild „Mann“ in unserer Gesellschaft basiert auf falschen Vorstellungen. Wenn wir sagen: Sei ein Mann! Dann meinen wir eigentlich: Sei stark, weine nicht, kämpfe für dich.

Es ist ja jetzt genau der Punkt, dass Rollenbilder immer konstruiert sind. Ein Rollenbild macht ja keine Aussage, wie Männer „von Natur aus“ oder „normalerweise“ sind, sondern darüber, wie sie sein sollen. Also basiert es auf keinerlei „Vorstellungen“, sondern Wünschen. Die Idee dabei ist, dass Männer dazu erzogen werden müssen, sonst bräuchte man so eine Sollvorschrift nicht. Zweitens, obwohl er sich die Aussage: „Sei ein Mann“ ja nicht mehr zu eigen macht, benutzt er das „wir“. Drittens hat mir nie jemand gesagt, ich soll für mich kämpfen, sondern bitteschön für andere. (Dass ich für mich kämpfen muss, weil es sonst kein/e andere/r macht, ist zwar die Konsequenz daraus, aber eigentlich ist gemeint: „Sei stark und heul nicht, ich helfe Dir sowieso nicht.“)

Dabei haben auch Männer Gefühle, genau wie Frauen.

Das wird ja auch kaum bestritten – Männer dürfen ja Gefühle haben, sie sollen sie bloß nicht zeigen.

Ich sage darum: Sei kein Mann.

Tatsächlich ja, das ist die Konsequenz daraus. Trotz einer etwas anderer Herleitung.

SPIEGEL: Sie sind heute Autor, früher entsprachen Sie selbst durchaus diesem Männerbild.

Autoren zeigen auch nicht immer Gefühle. Also nicht ihre eigenen jetzt.

Sie waren damals ein ambitionierter Basketballspieler mit Ausblick auf eine Profikarriere. Und, wie Sie schreiben: Sie zeigten wenig Gefühl, waren dafür häufig aggressiv.

Jaaa, eigentlich wird von Sportlern erwartet, sich sportlich zu verhalten, andererseits ist „aggressiv“ nicht ganz verkehrt dabei. Wollte Bola jetzt Profisportler werden, weil er aggressiv war, oder wurde er aggressiv, eil seine Karriere ihn aggro machte? Huhn oder Ei?

Bola: Männer unterdrücken Ängste und Trauer oft und zeigen stattdessen Wut und Aggressionen. Aber auch das sind Gefühle.

Ja, aber das sind Gefühle, die Männer kultivieren sollen, um Karriere zu machen oder Probleme zu lösen. Ängstliche und traurige Männer sind zu wenig zu gebrauchen. Irgendwie hat er nicht verstanden, wie das Rollenbild gedacht ist.

Die Erwartungen an Männer entsprachen oft nicht dem, was ich empfand.

Die Erwartungen an Frauen entsprechen auch nicht immer dem, was Frauen so empfinden. Habe ich gehört. Es steht mir als Mann weder zu, Erwartungen an Frauen zu haben, noch zu wissen, was sie empfinden.

Bola: Patriarchat ist ein menschliches Konstrukt, Männlichkeit ist etwas Veränderbares.

Ja, Ruhm und Ehre dem allmächtigen Patriarchat und seinen Penisverlängerungen!

Es gibt ein Schlüsselerlebnis, das ich als Jugendlicher hatte. In London lief ich mit meinem Onkel durch den Stadtteil Tottenham. Wir hielten Händchen, unter Kongolesen ist das eine Geste des Respekts und der Zuneigung.

Das ist nicht nur im Kongo so, sondern mWn auch in Thailand, in Syrien oder auch dem arabischen Land, in dem Uncharted III spielt. „Händchen halten dürft ihr!“ (Gaming Sins meint zwar nein, aber das Spiel hat recht: Schwul sein ist da vllt. verboten, aber Händchenhalten zählt nicht als schwul. Eine Sünde weniger für Uncharted III!)

Als wir so durch die Straßen gingen, wurden wir von Passanten ausgelacht. Das war mir peinlich.

Das glaube ich ihm. Andere Länder, andere Sitten.

Aber mir wurde auch bewusst, dass Männlichkeit nicht für alle Kulturen das Gleiche bedeutet – auch wenn bestimmte Erwartungen dann doch wieder alle Vorstellungen von Männlichkeit über die Kulturen und Jahrhunderte verbinden.

Jaaaa, woran DAS wohl liegen mag? Entweder, bestimmte Eigenschaften sind DOCH genetisch, oder bestimmte Rollenbilder sind besonders nützlich und effektiv.

Etwa die, dass ein Mann dominant sein soll. Männer haben im Patriarchat meistens die Rolle eines Versorgers, eines Beschützers.

Wohingegen sie im Matriarchat die ganze Zeit auf der faulen Haut liegen?

Und sie haben Privilegien in unserer Gesellschaft, bekommen zum Beispiel oft bessere Jobs.

Wohingegen im Matriarchat Männer auf dem Bau, in Bergwerken und in den anderen gefährlichen Berufen arbeiten müssen?

SPIEGEL: Was ist für Männer am Patriarchat dann verkehrt?

Dass sie nicht den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen dürfen?

Bola: Das Patriarchat ist ein System, das Menschen unterdrückt. Zwar sind Frauen am meisten davon betroffen.

Ok, er mag das wirklich glauben. Ansonsten bitte einmal „Frauen am meisten betroffen“ im Feminismus-Bullschitt-Bingo ankreuzen und einen Kurzen im Feminismus-Trinkspiel auf EX, bitte. Nicht auf die Ex.

Die Männer, die von diesem System profitieren, das ist nur eine kleine Elite.

Ja, sowas. Ruhm und Ehre der allmächtigen Weltverschwörung der patriarchaischen Elite!

Stärke ist oft nur eine Maske. Das habe ich als Sozialarbeiter bei jungen Männern immer wieder erlebt. Bei Problemen versuchten sie anfangs, hart zu sein. Wenn die Probleme größer wurden, gingen manche daran kaputt.

Im Unterschied zu Frauen? Versuchen die gar nicht erst, stark zu sein, oder gehen sie nicht kaputt, oder sind ihre Probleme kleiner? Fragen über Fragen…

Von Obdachlosigkeit, Drogenmissbrauch und Selbstmord sind Männer im Schnitt stärker betroffen als Frauen. 

Oh nein! Frauen am wenigsten betroffen! Wen schert es dann? Feministen jedenfalls nicht.

Männer sollen im Patriarchat für sich selbst sorgen und allein mit ihren Problemen klarkommen.

Also genauso wie im Matriarchat. D’oh!

Bola: Die meisten Männer würden die Probleme nicht zugeben. Ein Mann, der sich von außen beeinflussen lässt? Auch so etwas ist gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Ja, wenn einem sowieso nicht geholfen wird? Wo ist da der Sinn? Aber schön, dass er „gesellschaftlich“ schreibt, und nicht „von anderen Männern“.

Wir Männer wissen auch um die Privilegien, die wir haben, und wollen die wenigen Vorteile, die wir in diesem System haben, nicht einfach aufs Spiel setzen.

Die wenigen Vorteile, schaut Euch das an. Ich bin begeistert. Also fast ironiefrei begeistert, aber der einäugige König im Reich der Blinden rult.

SPIEGEL: Macht und Stärke gilt bei Frauen oft als Vorbild, als Zeichen von Emanzipation. Trügt das?

Macht und Stärke zu haben ist natürlich ein Vorteil. So tun zu müssen, als ob, eher nicht. Also ja, das kann zumindest trügerisch sein. (Ihr müsst nicht so stark sein wie ein Taifun!)

Bola: Ich glaube, es ist wichtig, sich künstlicher Rollenbilder bewusst zu sein.

Rollenbilder sind immer künstlich. Und wenn man sich ihrer bewusst ist, wüsste man das. (Kann sein, dass das jetzt ein Problem der Übersetzung ist, und gemeint ist: „von außen herangetragene“ Rollenbilder)

Bola: Das Hauptproblem liegt aus meiner Sicht in der Erziehung. Kinder und Jugendliche übernehmen Werte und Verhaltensmuster von uns.

Ja, so funktioniert das. Egal, welches Rollenbild. Jetzt kann man sich aussuchen, wie man seine Kinder erziehen will, aber man macht meist das, was man für richtig hält…

Wenn zwei Männer sich schlagen, dann finden wir das immer noch „normaler“, als wenn sich die beiden küssen. Man könnte also sogar sagen: Je destruktiver das männliche Verhalten, desto normaler kommt es uns vor.

Wenn zwei Männer sich schlagen, beschützt der eine vllt. eine Frau. Wenn zwei Männer sich küssen, hat keine Frau was davon. Außer, sie spannt gerne… (Ihr müsst nicht so heiß sein wie Höllenfeuer. Wobei Höllenfeuer so ein tolles Lied ist.) Je gefährlicher ein Verhalten – Beruf, Sport, etc. – ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Mann das macht. Fast alle Frauen-Männer-Unterschiede liegen auf der Vorsicht-Risiko-Achse. Was natürlich Gründe hat; Schwangerschaft und Geburt sind einerseits gefährlich und andererseits nicht delegierbar, so dass ungefähr seit dem Miozän die Regel gilt, dass alle anderen gefährlichen Tätigkeiten von männlichen Vertretern der Spezies unternommen werden.

Bola: Als Jugendlicher begann ich ja, frühere „männliche“ Verhaltensweisen anzuzweifeln. Ich wollte sie verlernen.

Die „Gänsefüßchen“ sind wichtig, aber Formulierungen wie „schlechte“ Verhaltensweisen, oder Verhaltensweisen, die als „typisch männlich“ gelten, wären besser, weil damit keine Vorurteile reproduziert werden. (Ihr müsst nicht mysterisch wie die Dunkle Seite des Mondes sein. Aber schöner!)

SPIEGEL: Was ist für Sie heute ein authentischer Mann?

Eigentlich wäre jetzt die beste Antwort: „Ich“

Bola: Ein menschliches Wesen. Einer, der sowohl maskuline als auch feminine Züge in sich tragen kann. Das heißt nicht, dass sich Männlichkeit oder Weiblichkeit als Begriffe vollkommen auflösen müssen. Es sollte aber keine Hierarchien mehr geben.

Ok, diese Antwort ist bestimmt auch nicht schlecht, aber ich finde meine besser und merke die mir für die Zukunft.

Wetten, dass es immer Hierarchien geben wird? Nicht notwendigerweise geschlechterspezifische, aber irgendwelche.

Weiterführende Literatur: Alles Evolution und Genderama

Ein Gedanke zu “Sei kein Mann!

  1. Anstatt „Sei kein Mann“, also Männlichkeit als etwas schlechtes zu definieren, wie es seit Jahrhunderten üblich ist (weshalb die Männerbasher auch keineswegs originell sind), könnte man auch versuchen, Männlichkeit positiv zu definieren – bzw.: Männlichkeit ist etwas positives, sie ist großartig, weswegen sie niedergemacht werden muss: Männlichkeit und Titanic.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s