Pro Gester, on!

Als ich in grauer Vorzeit für meinen Bio-LK paukte, hatte ich unter anderem die historischen Vorläufer der Evolutionstheorie. Mein Word-Programm nahm an, Lamarck müsse eigentlich „Lahmarsch“ heißen, und ich hätte mich nur vertan. Keine dumpfe Maschinenhörigkeit in diesem Dojo!

Wie komme ich jetzt daraud? Deshalb.

„Frau Merkel: Wie war das eigentlich in ihren Wechseljahren, ist Ihnen da das Aufstehen um 5 Uhr morgens schwergefallen?“ So ein Interview würde ich zu gerne lesen. Ihr auch?

Nein, eigentlich nicht. Das ist ja eigentlich die Frage, ob sie bereut, keine eigenen Kinder zu haben. Oder ob sie mit ihrer Figur zufrieden ist. Oder…

„Das Private ist doch politisch, Frau Merkel – komm, erzählen Sie doch mal! Das kann doch nicht immer leicht gewesen sein, …

Ach, eigentlich wäre es für Scheiß und Kichern toll, mal zu sehen, wie Merkel mal so richtig entgleist. Oder wie cool und unbarmherzig sie solche Fragen auflaufen lässt. Sie ist nebenbei so weit rechts, dass der „das Private ist politisch“-Spruch wohl nicht zu ihrem Standard-Vokabular gehört. Eventuell aber „übergriffig“.

Oder gehören Sie zu den ca. 30% glücklichen Frauen, die vom massiven Progesteron-Abbau ab Mitte Vierzig kaum etwas spüren?“

Nie die Antwort vorgeben. NIE! Haben Sie in der Journalistenschule denn gar nix… ok, schon gut.

Egal, wie ich es ausdrücke, alles, was mit dem Hormonwandel im mittleren Alter von Frauen zu tun hat, unterstreicht mir mein Windows-Rechtschreibprogramm rot.

Ruhm und Ehre der Patriarchaischen Weltverschwörung. Evo-Chris hat übrigens als getreuer Darwinanhänger per Zeitreise dafür gesorgt, dass Lamarck zum Lahmarsch gemacht werden muss. Tod unseren Feinden, wuhu!

„Progesteronmangel gibt es nicht!“, zischt Microsoft. „Hör auf, über deine Befindlichkeiten zu schreiben! Mach die weg! Frau Merkel hat auch nicht gejammert!“

Merkel jammert auch sonst nicht. Niemand, der jammert, wird befördert. Außer bei gewissen Nicht-Regierungs-Organisationen. Aber bei Doch-Regierungs-Organisationen kommen nur die Harten in den Kanzlergarten.

Nö, im Gegenteil: Wir müssen mal reden, Microsoft, Frau Merkel, Gesellschaft! Um mich herum, in meinem Freundeskreis, fallen die unfassbar talentiertesten Journalistinnen, Redaktionsleiterinnen, Frauen, die sich die Karriereleiter hochgeschuftet und nach wie vor sehr schnell arbeiten müssen, um. Wie Fliegen.

Ja. Das ist jetzt nicht die Schuld von Frau Merkel, von Microsoft und erst recht nicht von der Gesellschaft. Aber gut, Karriere ist echt hart.

„Burn-Out“ heißt es dann meistens, aber machen wir uns nichts vor: Das ist schon komisch, dass es uns alle im gleichen Alter trifft.

Jaaa, wenn es nicht arbeitsplatzspezifisch ist, sollte es nach neuster Definition nicht „Burn-Out“ heißen.

Brustschmerzen, als stille man drei Babys gleichzeitig ab. Gefühlt könnte man mit den Dingern jetzt das Patriarchat abschießen, wenn sie abnehmbar wären.

Anscheinend sind das andere Brustschmerzen als die, die Männer vor Herzinfarkten haben, oder? Oder jedenfalls meint sie was anderes mit „Brust“. Eventuell ist das der Grund, warum Herzinfarkt bei Männern und Frauen andere Symptome… ich hör schon auf.

Histamin-Empfindlichkeit mit hochroten Köpfen beim klitzekleinsten Glas Wein. Gerne begleitet von Schweißausbrüchen was einem vor Scham noch röter werden lässt.

Ich kriege nach rohen Äpfeln und Feigen rote, juckende Augen. Jemand meinte, dass könne am Histamin darin liegen. Aber ja, das liegt bestimmt nicht am Burn-Out.

Migräne und Bauchschmerzen, gerne nach Histamin-Einnahme-Das Gefühl, Watte im Kopf zu haben, Vergesslichkeit und Unkonzentriertheit. Autoschlüssel im Kühlschrank, wichtige Pressekontakte nicht zurückrufen. Sowas.

Ok, oder besser gesagt: tut mir ja leid, aber das ist jetzt nicht meine Schuld.

Unfassbare Müdigkeit, als hätte man beim Aufwachen eine Bratpfanne übergezogen bekommen und

DAS ist ein komischer Vergleich. Von der Bratpfanne wird man bewusstlos oder stirbt, aber nicht müde.

Schwitzen, schlecht schlafen, gar nicht schlafen.

Ok, das könne aber auch der Klimawandel… ich höre schon auf.

Was ich kürzlich gelesen habe, hat mich zutiefst frustriert: Wir scheinen nämlich ohne Runterzuschalten aus diesen Problemen nicht heraus zu kommen.

Nuuuun, dafür lebt Ihr länger.

Wenn man keine Hormone nehmen möchte (oder nicht darf), kann man zwar einiges tun, was hilft. Keinen Alkohol, keinen Kaffee trinken, keinen Zucker und kein Weißmehl essen.

Bis auf den Kaffee soll ich das übrigens auch nicht, aus völlig anderen Gründen. Weißmehl und Zucker bin ich zwar noch nicht los, aber es geht voran.

Bei Histaminintoleranz immer alles frisch kochen.

Jaaa, mit Apfelsaft und -kuchen habe ich keine Probleme. Außer dem Zucker und das Weißmehl. Achmist.

 Das ist schon mal zeitaufwendig und, let’s face it, so brav ich das mitmache: Spaß geht anders.

Wer hat behauptet, dass Karriere Spaß macht? Das Leben ist kurz, und dann stirbt man.

Der Grundbaustein von Progesteron ist so ein Ding, dass auch für das Stresshormon Cortisol verwendet wird. Jedes Mal, wenn wir uns aufregen oder in Wallungen geraten, überlegt der Körper: Ok, baue ich jetzt Fruchtbarkeitshormone (Progesteron) oder mache ich den Menschen wach, damit sie vorm Säbelzahntiger wegrennen kann (Cortisol)?

Cortisol wird über den Tag in mehreren Schüben verteilt. Das nutzt gegen Säbelzahnkatzen eher wenig. Und Progesteron macht nicht fruchtbar, sondern verhindert weitere Eisprünge, wenn man bereits schwanger ist. Aber ja, im Zweifel ist Cortisol wichtiger. Das Ding, aus dem die beiden synthetisiert werden, ist beim Menschen übrigens Cholesterin. Mehr davon essen, dann ist genug für beide… ach, schon gut.

 Also mehr Cortisol, weniger Progesteron. Das gibt Progesteronmangel (auch, wenn Microsoft ihn nicht kennt), somit Östrogendominanz (weil die beiden sich ausgleichen sollen), somit noch mehr Stress im Körper (Östrogen puscht Histamin nach oben), und was macht Stress? Noch mehr Cortisol und letztendlich Nebennierenerschöpfung.

Cortisol drückt btw. Histamin nach unten. Aber ja, Stress ist nicht unbegrenzt gesund. Das sieht man daran, dass Männer früher sterben.

Das heißt, egal, wie gesund wir essen: Ohne Ruhe und Mediation und Hormonyoga und „Karriere? Och, die überlassen wir jemand anderem!“ wird das nichts mit dem entspannt-durch-die-Wechseljahre-kommen.

Ja, das ist jetzt die Stelle, wo ich Mitleid kriegen muss? Ich frage für einen Freund.

Das ist ungerecht! Okay, ich werde dabei sehr weise, kann lernen, welche Kräuter mir guttun und früher wurde ich für diese Entwicklung entweder geschätzt oder als Hexe verbrannt. Leider lebe ich 2020, da sind Kräuterhexen nicht so hoch im Trend.

Ja, aber eine unverbrannte Kräuterhexe ist doch besser als eine verbrannte? Und eigentlich, wenn man sich Kräuterkunde fürs eigene Wohlbefinden skillt, brauch man die Wertschätzung anderer doch nicht, oder? Welcher Manager ist je gefeiert worden, weil seine Koks-Kaffee-Kräutermischung so gut angeschlagen hat, dass er bis zu seinem Tod 90-h-Wochen durchhielt?

 Sarah Wagenknecht hatte gerade ihren eigenen Burn-Out (ich sag’s nur: 51 Jahre alt) und auch ansonsten wird es dünn nach oben. Nicht, weil die alle in den Wechseljahren sind, sondern weil nicht genug Kerle da sind, um Frauen mit nach oben zu ziehen und ihnen dort Konditionen zu bieten, in denen sie eine Zeitlang mit reduzierter Kraft arbeiten können.

Warum – außer um den Weißen Ritter auf dem hohen Ross zu spielen – sollten Männer ihre weibliche Konkurrenz besser behandeln als ihre männliche? Das ergäbe doch gar keinen Sinn für die! Ok, die Antwort ist entweder: „Frauen verdienen mehr Rücksicht!“ oder: „Wir leben in einem Kollektiv und sind daher keine Konkurrenz!“ Jetzt sind die Männer am oberen Ende der Karriereleiter eher kein Freunde kollektivistischer Lehren, und wenn Frauen mehr Rücksicht verdienen, verstehen diese Männer das so, dass Frauen mehr Rücksicht bräuchten. Und das heißt im Umkehrschluss, dass die weniger Rücksicht und Unterstützung liefern können. Mal sehen, wie das ausgeht.

Dabei haben wir so unendlich viel zu geben. So viel Erfahrung gesammelt: Wir sind für Wirtschaft, Politik, Journaille und Kampagnen Gold wert.

Die Karrieretypen in der Wirtschaft machen Karriere für sich selbst. Die Politikkarrieretypen haben vllt. noch eine Agenda. Aber in den meisten Branchen geht man davon aus, das man nichts geben will, außer, weil man was dafür haben will.

Selbst, wenn wir zwischendurch ein Jahr Teilzeit für gleiches Geld arbeiten. Ich fordere eine Wechseljahrbezahlung!

Gleiches Geld für ungleiche Arbeit? Oh, dann will ich als Mann auch.. ach, geht ja nicht. Ich bin selbstständig.

Wie findet ihr das? Und, dass wir viel, viel mehr über diese Zeit im Leben von Frauen sprechen.

Man schreibt „Ihr“ groß, wenn man die Anrede meint. Aber ja, Ihr könnte gerne viel, viel mehr über diese Zeit reden. Ihr lebt ja auch länger.

Und nicht jede Frau hat Uterus und Eierstöcke. Darüber müssen wir reden.

Ja, bei mir z.B. wird Progesteron vor allem in den Hoden gebildet. Aber da es bei mir keine Eisprünge zu unterdrücken gibt, weil die a) nicht stattfinden und die b) keine Schwangerschaften stören würden, mangels Uterus, ist es nicht so viel Progesteron. Progesteronmangel als Dauerzustand. Vllt. kippen deshalb so viele Männer mit Schmerzen in der Brust… egal. Wozu Progesteron bei Männern sonst noch gut ist, weiß die Wissenschaft auch nicht genau – außer tatsächlich zur verbesserten Fruchtbarkeit, aber von Spermien – und der Körper baut alles Progesteron, das er nicht braucht, dann weiter um zu Testosteron. Denn Progesteron ist ja ein „weibliches“ Hormon, das muss unterdrückt werden. Aber ich rede immer gerne darüber, wie Menschen ohne Uterus und Eierstöcke überhaupt leben können. Ach, Frauen ohne Uterus und Eierstöcke? Die haben kein Progesteron. Gelbkörperhormon, bekannt nach den Gelbkörpern, die bekanntlich in den Eierstöcken vorkommen. Gut, dass wir darüber geredet haben. (Und ja, Progesteron hat noch andere Funktionen, und ja, das ist bei Transfrauen ein großes Thema, aber ein anderes großes Thema.)

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