Richtig streiten

Gemäß jetzt.

Ok, sind bestimmt alles Tipps und Ideen, die bestimmt irgendwo funktionieren. Bestimmt. Aber so?

Ich sitze gemütlich mit meinem Vater in der Sonne, als er plötzlich sagt: „Durch die Politik ändert sich auf der Welt ja eh nichts mehr.“

Das ist ein so seltsamer Satz, dass da bestimmt irgendwie kurz davor ein Gespräch stattgefunden hat, in dem es über Mieten ging. Oder Renten. Oder welches Thema halt der Vater meint.

Nach dem ersten Schock zähle ich verzweifelt die aktuellen Beispiele auf, die mir einfallen, um seine These zu widerlegen: Rechte für Homosexuelle, Diesel-Fahrverbote, das Recht auf selbstbestimmtes Sterben und die Umsetzung des Volksbegehren Artenvielfalt.

Ja, das ist ja alles umgesetzt. Aber jetzt, also ab heute, bleibt der Status quo erhalten. Jedenfalls ist das die Aussage gewesen. Oder, das ist alles ausgedacht.

Ein großer Fehler, denn damit kann ich ihn nicht umstimmen. Im Gegenteil: Wir beginnen zu streiten.

Tja.

Gerade bei politischen Themen denke ich teilweise völlig anders als meine eigenen Eltern

Wobei sie bei unpolitischen nur teilweise teilwese anders denkt?

Dass ich damit nicht alleine bin, zeigt eine Studie, die 2018 vom Pew Research Center durchgeführt wurde. Die Forscher*innen befragten darin US-Amerikaner*innen zu politischen Differenzen in ihrer Familie. Dabei gab mehr als ein Drittel der Befragten an, fast niemanden oder nur ein paar Familienmitglieder zu haben, die dieselbe politische Position vertreten wie er*sie selbst.

„Genau dieselben“ heißt was genau? Dieselbe Partei oder dieselbe Meinung zu zwanzig Fragen, die mehr oder weniger politisch sind?

Was die Studie nicht verrät: Wie geht man eigentlich mit damit um, wenn Familienmitglieder komplett unterschiedliche politische Positionen vertreten?

Ja, böse Studie. BÖSE Studie. Erforschst etwas, aber gibst keine Handlungsanweisung.

Diskutiert man Meinungsverschiedenheiten offen aus oder ignoriert man sie der familiären Harmonie zuliebe?

Kommt das nicht auch auf die anderen an?

 In einer dänischen Studie von 2015 fanden die Forscher*innen heraus, dass junge Menschen, die politisch ganz anders denken als ihre Familie oder Freund*innen, seltener mit diesen über Politik diskutieren.

Ja, je mehr andere meiner Meinung sind, desto mehr macht es Spaß, über meine Meinung zu reden. Das nennt man Filterblase. Gibt’s sonst auch auf Twitter. Aber wie geht man in der Familie damit um?

Um das herauszufinden habe ich mit David Lanius gesprochen.

Der kennt Deinen Vater doch gar nicht?

Aus einer demokratischen Perspektive ist es natürlich schon problematisch, weil so bestimmte Konflikte, die ja offensichtlich da sind, nicht ausdiskutiert werden können.“

Ja, dafür gibt’s ja Twitter.

David Lanius versteht zwar, dass ich im ersten Moment so fassungslos und wütend reagiert habe. Er sagt aber auch, dass man diesen Impuls lieber unterdrücken sollte. Immerhin wisse man anfangs meistens noch gar nicht, was der*die andere wirklich sagen will.

Nämlich? Hier, der ganze Artikel hängt sich an dieser einen Anekdote auf, aber wir, die Lesenden, wissen immer noch nicht, was damit gemeint war. Meint er, dass nicht die Politik verändern soll, sondern die Reptiloiden? Spoilerwarnung: wir werden es nie erfahren.

Stattdessen solle man also erst einmal zuhören und versuchen herauszufinden, was wirklich hinter der Aussage steckt.

Ich glaube, dass weiß sie selbst nicht mehr. Weil sie halt nicht richtig diskutiert hat. Schade.

Und dabei vor allem echtes Interesse zeigen, denn: „Wenn ich nichts vom anderen lernen möchte, brauche ich nicht mit ihm zu diskutieren“, so der Diskussionsforscher.

Gut zu wissen. Merke ich mir!

Kurz zusammengefasst – so reagierst du auf politische Konflikte in der Familie:

Ich tue immer so, als müsste ich gerade auf Toilette.

Unstimmigkeiten früh genug ansprechen, um spätere emotionale Eskalationen zu vermeiden. Schon vor dem Gespräch überlegen, was man genau sagen will.

Wie, vorher überlegen, dann was sagen? Das geht auch? Gut, dass mir das auch mal eine sagt. Echt super, so ein Streitforscher.

Erst einmal vorurteilsfrei zuhören, echtes Interesse signalisieren, den Gesprächspartner ernst nehmen.

Genau – Verwandte sind nicht Twitter. Es ist wirklich unfair Menschen gegenüber, die man schon das ganze Leben lang kennt, die wie irgendwelche Twitter- oder FB-Leute zu behandeln. Wer das macht, der kann sich seinen Kuchen demnächst auch alleine essen.

Bei inhaltlichen Streitpunkten ruhig und sachlich argumentieren, reflektiert antworten, emotionale Ausbrüche vermeiden.

Auch das gilt NUR bei Verwandten und Angeheiraten. Oder vllt. noch in der Kirche oder anderen Gebetseinrichtungen sowie Bibliotheken, um die Stille des Ortes nicht zu stören.

Um eine Diskussion zu beenden, die Aufmerksamkeit wieder auf Gemeinsamkeiten lenken oder die Situation durch einen Witz auflockern.

Ich kenne einen über einen Rabbi, aber der hat schon so ’nen Bart. Das war ein Witz über einen Juden, kein Judenwitz! Hallo?

Politische Konflikte nicht auf die zwischenmenschliche Beziehung übertragen.

Ja, das ist sehr wichtig. Scheidungsstreitigkeiten, die eskalieren, nennt man auch „Rosenkriege“, nicht wegen der Romantik, sondern nach einem mittelalterlichen Bürgerkrieg, der u.a. die Vorlage von Game of Thrones war. Politische Konflikte führen zu Kriegen, zwischenmenschliche Konflikte zu Mord und Totschlag, aber wenn man beides vermischt, wird’s richtig übel.

*Unsere Autorin möchte nicht, dass alle Leser*innen wissen, was ihr Vater politisch denkt. Deswegen bleibt sie in diesem Text anonym, ist der Redaktion aber bekannt.

Ok, aber das hat sie ja auch gar nicht erzählt…

3 Gedanken zu “Richtig streiten

  1. Fuck ist der Artikel dämlich. Und ich hab den Eindruck, sie hat halt keine Argumente für ihre Position, sonst – wie Du sagst – würde sie die ja *bringen*.

    Ich rede mit meiner Verwandtschaft übrigens auch nur noch in der Form über Politik, als ich ausschließlich ihre Positionen unterstütze. „Habt ihr gehört, dass man eine Pädophiliebefürworterin öffentlich als dumme Fotze titulieren darf? Das ja furchtbar!“ . „Genau! Solche Gedankenverbrecher sollte man einfach sofort vergasen“.

    Spart Zeit und Ärger. Politik & Familie sind 2 getrennte Geschichten; bei sowas gibt’s nur böses Blut – und es ist halt Blut. Sinnhaftigkeit? Mei, das sind „alte Leute“, die ändern ihre Meinung eh nicht mehr, das haben sie vielleicht in ihren 30ern. Ich bin jetzt grad 40, da müsste schon was *großes* passieren – man kann kontroverse politische Positionen bei Leuten, die man lieb hat, auch einfach übergehen.

    Meine Oma war (richtig) _hart_ – Nazi – also, „unter ‚weißtschon‘ hätte man ’solche Leute‘ ja ‚weißtschon'“. Als sie 90 war , war ich mit ihr in Griechenland, und der Jack Harkness-aussehende Überschwule bot Oma einen Arm an, um sie zur Toilette zu bringen (meine Oma konnte toll laufen) – da kam dann der gleiche Satz mit einem „aber der war ja sehr nett“ am Ende. Meine Oma wurde leider nur 91. Kinder indoktrinieren ist scheiße.

    Politische Diskussionen sind was für einen netten Abend mit einem Bier – oder mirwegen hier mit Renton, dem ich noch ein „war schön“ schulde.

    Gefällt mir

    1. So krass ist es in meiner Familie nicht, aber ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe, ältere Verwandte zu erziehen.

      Und jetzt fällt mir auf, normalerweise kommt in solchen persönlichen Artikeln immer eine Auflösung, wie der Streit ausging oder ob sie sich mit ihrem Vater versöhnt hat. Oder vertöchtert halt. Aber nein, es wird einfach das Thema auf Energiesparen gewechselt.

      Gefällt 1 Person

  2. Sie „sieht ihren Vater ja nicht so oft“. Nehmen wir den MRA-Occams’s Razor und schieben es darauf: Mama.

    Und fairerweise hab ich den OT nicht bis zum Ende ausgehalten, aber „wie wenige Ladestationen es für E-Autos immer noch gibt, könnten wir uns stundenlang gemeinsam auslassen“ zeigt schon irgendwie, dass die Frau echt absolut *keine* Probleme zu haben scheint. Wohlstandprobleme, denke ich mal.

    Und ich möchte mal anmerken, dass meine Oma ein super-lieber Mensch war, die niemals irgendwem was getan hat. Freilich musste man da ggf. mal Omas rechten Arm fangen, wenn der Volksmusikabend den Freischütz von Jännerwein spielt (das ist melodisch das Horst-Wessel-Lied, und ich weiß das auch nur deswegen), aber das zu verurteilen… Omas und kleine Kinder sind da sehr ähnlich; muss man halt erziehen. Insofern widerspreche ich Dir da – ein bisschen.

    Vorteil an Omas vs. Kindern ist: Niemand guckt Dich blöd an, wenn Du deine Oma hinsetzt und sagt „kschht“.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s