Cancel Culture

Wenn Lisa Eckhart nicht in Hamburg irgendwelche Witze macht, weil – angeblich – Leute im „linken“ Viertel dagegen seien, und man nicht für „die“ Sicherheit garantieren könne, aber dann wird zurückgerudert, und es lag gar nicht daran, sondern an [Keks] zwei anderen Autoren, die nicht auf derselben Bühne auftreten wollten, dann ist das immer noch „cancel culture“. Bzw., wenn es das nicht ist, ist es einfach Willkür. Cancel Culture heißt: „Etwas, was eine Person sagt, tut, getan hat oder erreichen will, ist so schlimm, dass das ein böser Mensch ist, und man ioi keine Bühne – real, virtuell oder metaphorisch – bieten sollte. Oder wenn doch, werde ich mich weder auf dieselbe Bühne stellen noch Geld für sie ausgeben, um diesen Scheiß noch zu unterstützen. Oder mich mit Kontaktschuld anzustecken.“

Aber immerhin besser als der offene Brief gegen Woody Allens Biographie, wo es um unbewiesene Vorwürfe geht. Vormodern halt.

Wobei ich dazu sagen möchte, dass ich das nicht lustig finde:

Am meisten enttäuscht es von den Juden; da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.

Warum nicht? Weil das ein Judenwitz ist? Nein. Bzw., Judenwitze – im Unterschied zu jüdischen Witzen – finde ich auch nicht witzig, aber „nein“, weil das eigentlich kein Judenwitz ist. Bzw., es kommen zwar Juden darin vor, aber verspottet werden „wir“. Weil „wir“ am meisten von den Juden enttäuscht seien, was ja impliziert, dass wir von Juden mehr als von anderen erwarten, was ja tatsächlich antisemitisch von „uns“ ist: der Moslem und der Evangelikale und der Kathole und der Buddhist, die müssen keine hohen Anforderungen erfüllen, aber der Jude, jaha, DER muss immer noch einen halben Meter höher springen. Weil es ja Aufgabe von Juden wäre, „uns“ zu beweisen, dass „unsere“ „ehemaligen“ Vorurteile ja nicht gerechtfertigt waren. Und wenn „wir“ diese Erwartungshaltung als „Anti-Antisemitismus“ ausgeben, ist das noch nichtmal geheuchelt von „uns“, sondern völlig meschugge. Und Lisa eckt hart an, wenn sie sagt: „Haha, Ihr Trottel, Juden sind gar nicht besser als andere Menschen!“ (Außerdem, Männer könnten Ihre Chancen bei Frauen mit Geld erhöhen – Buuuh!)

Also, warum finde ich es dann nicht witzig? Nun, ich finde mich in diesem „wir“ nicht wieder. Ich „wettere“ nicht gegen Vorurteile gegen Juden. Solche Vorurteile haben keine Gründe, sondern höchsten Ursachen, die Ursachen waren im Mittelalter oder so mal relevant und aktuell, also noch VOR den Hexenjagden, und es ist weder die Aufgabe von Juden, diese zu widerlegen noch von sonstwem, und – ehrlich gesagt – ich wüsste auch niemanden, der das tatsächlich in der Form tut – oder die – dass man gegen Vorurteile „wettert“. Und das ist jetzt das Problem, was wohl viele mit dieser Art Satire haben: wenn es kaum Leute gibt, die von „den“ Juden „am meisten“ enttäuscht sind, liegt die Vermutung nahe, dass das tatsächlich doch gegen Juden geht.

Andererseits – wer weiß? Auch Linke können Antisemiten sein. Dass Marx jüdischer Abstammung war, beweist nix. Jesus auch, und hat je jemand behauptet, es gäbe keine judenfeindlichen Christen?

Ansonsten: Hört den Betroffenen zu. Es ist gibt nebenbei ein pro- und/oder antijüdisches Vorurteil, dass Juden mehr Meinungen hätten, als es Juden gibt. „Zwei Juden, drei Meinungen.“ oder so, und deshalb fände man zu jeder Meinung einen passenden Juden und/oder Jüdin. Das ist natürlich Blödsinn, es gibt viel mehr Juden als Meinungen, allerdings gibt es zu den meisten Fragen mehrere Blickwinkel, die man einnehmen kann, aber das ist halt nicht die Schuld der Juden, sondern systemimmanent. Sorry dafür.

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