Weiße Psyche

Jaaaa, ne.

Ist klar, jetzt.

Menschen mit Migrationshintergrund als „Ausländer“ bezeichnen, Schwarze Personen „Farbige“ nennen und weiterhin das N-Wort benutzen.

Und Niederländer Holländer nennen, und Franzosen Froschfresser, und Schwaben Almans.

Was ist denn schon dabei, wenn man selbst doch nicht rassistisch ist?

Das ist praktisch nie die Argumentation. Das Argument von Leuten, die solche Wörter sagen, ist normalerweise: „Ich meine das nicht rassistisch.“ statt: „Ich bin nicht rassistisch.“ (Oder das Argument ist, dass sie zwei Leute von Menschen hassen: 1. solche, die andere aufgrund ihrer Abstammung abwerten, und 2. Holländer. (Aufatmen bei Menschen aus Seeland, Friesland, Gelderland…)) Aber gut.

Vieles, wenn man denjenigen zuhört, die selbst von Rassismus betroffen sind und sich schon seit Langem einen sensibleren Umgang mit der Sprache wünschen.

Ja, mir „der“ Sprache. Sonst käme jetzt ja die Frage: „Unsere oder Eure?“ auf. aber auch gut, präzisere Sprache ist grundsätzlich besser.

Sie wollen zum Beispiel People of Color, Schwarze Menschen (mit großem S – warum, könnt ihr hier nachlesen), rassistisch markierte oder rassifizierte Menschen genannt werden.

Ich weiß nicht, woran man merkt, ob jemand „Schwarzer Menschen“ oder „schwarze Menschen“ sagt. Sagt man im Singular „Person of Color“ oder „PoC“? Oder, liebe Kinder, schreibt mal in Eurem Schulaufsatz etwas über rassistisch markierte Nachbarskinder, wenn die aus Ungarn sind oder so. Und BIPoC bin ich übrigens auch, nämlich „I“ wie Indigen.

Und es gibt Worte, die klar verletzen.

Wie „toxische Männlichkeit“? Die meinen bestimmt „toxische Männlichkeit“. Kein Mensch ist toxisch.

Diese Forderung einer diskriminierungssensiblen Sprache erfährt oft Unverständnis.

Najaaaaa, das kann ja auch vorgetäuscht sein.

Sogar von Menschen, die sich gegen Rassismus positionieren.

Auch das kann vorgetäuscht sein.

Die Abwehrreaktionen sind oft heftig: Dann ist von Sprachvergewaltigung, Zensur oder Übersensibilität die Rede.

Ja, aber viele halten ein halbes Dutzend unterschiedlicher Begriffe für etwas unüberschaubar. Ein anderes Argument ist, dass der Nutzen umgekehrt viel überschaubarer ist. Wenn ich Schwarze Menschen verachte, höre ich nicht damit auf, wenn ich sie PoC nenne. Wenn ich sie nicht verachte, fange ich nicht damit an, weil jemand sie Mohr nennt oder so. Höflichkeit hat eine Funktion, aber Höflichkeit ist kein Ersatz für Wohlwollen und gute Absichten.

Und warum lehnen ausgerechnet auch diejenigen diskriminierungssensible Sprache vehement ab, die sich für nicht-rassistisch halten?

Jaaaa, hmmm, wie naiv seid Ihr? Oder anders – wieso glaubt Ihr zu wissen, dass das Menschen sind, die sich für nicht-rassistisch halten?

„Höflichkeitsnormen fordern im gesellschaftlichen Kontext ja eigentlich, dass Menschen mit den richtigen Namen bezeichnet werden“, sagt Amma Yeboah

Ja, Spitznamen sind nur was für gute Freunde. Freundinnen nicht, weil ich natürlich keine Frauen mitdenken kann, da ich dafür zu dumm bin.

Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, forscht unter anderem zu Rassismus und psychischer Gesundheit.

Dass sie zu Rassismus forscht, ok, aber zu psychischer Gesundheit? Echt jetzt? Dass die nicht zu körperlicher Gesundheit forscht, hätte ich ja nie gedacht.

„Gerade die Forderung von People of Color und Schwarzen Personen, mit bestimmten Begriffen benannt zu werden und mit anderen nicht, triggert bei weißen Menschen oft ein Angriffsverhalten“

Ja. Ok. Was genau ist der Unterschied zwischen People of Color und Schwarzen Personen? Sind letztere nicht eine Teilmenge von ersteren? Wenn doch, wieso die Redundanz? Wenn nicht, was ist der Unterschied? Und könnte das Angriffsverhalten vllt. auch darin getriggert werden, dass Weiße nicht wissen, wer wie genannt werden will, und leicht genervt sind?

Der Grund dafür: die Dominanzposition, in der sich weiße Menschen befinden. „Zu dieser Position gehört auch das gefühlte Geburtsrecht, Menschen zuzuordnen, zu definieren und zu bezeichnen“, so Yeboah.

Ja, das vllt. auch. Wenn es aber keine Definition gibt, welche Menschen „Schwarze Personen“ und welche „People of Color“, bzw., die Definition erst noch ausdiskutiert werden muss – hmm, vllt. will man solange die eigene benutzen?

Das heißt: Weiße Menschen bewahren mit ihrer Weigerung, der Forderung von Schwarzen Menschen und People of Color nachzukommen, eine Art ‚Definitionshoheit’.

Sind das dieselben Menschen, die drei Jahrzehnte nach dem Verbot von Teer (außer in Tabak, weil: „Bio“-Teer) von „frisch geteerten Straßen“ schreiben? Ich glaube, das ist mehr Unlust, alle dreißig Jahre ein neues Wort zu lernen.

Deswegen fühlen sie sich häufig angegriffen, wenn ein von Rassismus betroffener Mensch zu ihnen sagt: „Bitte nenn’ mich nicht so, sondern anders.“

Sind türkisch-stämmige Deutsche eigentlich auch von Rassismus betroffen? Ich meine, die sehen schon weiß aus, haben eine Vergangenheit als Kolonialreich und verwenden Wörter für Menschen, die so nicht genannt werden wollen.

Dominanzverhalten setzt sich gegen die Höflichkeit durch.

Ja, aber das ist immer so.

Aber wie kann man damit umgehen?

Als Weißer oder Nicht-Weißer?

Weil die Menschen, die mit Abwehr reagieren, das häufig nicht mit voller Absicht machen – sprich: sich eigentlich nicht rassistisch verhalten wollen – ist laut Amma Yeboah vor allem eines wichtig:

Wo?Her? Will die das wissen? Bzw., umgekehrt gefragt – wenn man weiße Allys sucht, hat man doch zwei Varianten: Menschen, die einen aus Höflichkeit so nennen, wie man will, oder solche, die das nicht tun. Einfach alle, die das nicht tun, aussortieren – ein paar trifft das zuunrecht, aber hey! Es gibt so viele potentielle BPoC-Allys…

„Die Entwicklung eines Selbst-Bewusstseins – also sich bewusst zu werden darüber, wie ein Mensch in gesellschaftlichen Zusammenhängen positioniert ist und woher die eigenen Abwehrimpulse kommen, das zu reflektieren und sich zu fragen: ‚Was ist das in mir, das sich dagegen wehrt, Menschen mit den richtigen oder gewünschten Namen zu bezeichnen?‘“

Also, ich löse das Problem, dass ich Menschen grundsätzlich nicht per Hautfarbe anspreche. „He, Sie rassistisch markierter Mensch da!“ klingt für mich ähnlich falsch wie: „Hallo Frau PoC!“ Ich spreche Weiße ja auch nicht mit „Guten Tag, PonC.“ oder „Hallo, Weiße!“ an. Entweder kenne ich den Namen der Personen, oder ich lasse den Vokativ ganz weg. Dann muss ich niemanden „beweichnen“. Ansonsten, wenn ich über Menschen rede, dann halt als „Afrodeutsche“, „Euroamerikaner“ oder „Chinesen“.

Sie findet es wichtig, an weiße Menschen nicht andauernd nur Forderungen zu stellen, sondern ihnen auch Tools für ihr anti-rassistisches Bemühen zu liefern.

Eigentlich sollte es kein „Bemühen“ sein. Einfache Höflichkeit, Leute nach ihren Namen fragen, Hände schütteln, etc. pp… Diese Therapeutinnen machen aber auch aus allem eine Wissenschaft.

„Die weiße Psyche braucht Zeit, um sich selbst in der eigenen Welt kennenzulernen.“

Weil Weiße Psychen bekanntlich langsamer sind als Schwarze, woll.

Martina Tißberger schätzt die psychischen Gründe für die Abwehr von diskriminierungssensibler Sprache ähnlich ein.

Sprich: auch sie kann sich nicht vorstellen, dass jemand bewusst die Entscheidung trifft, die Abkürzung BPoC für gekünstelt und unpraktisch zu halten. Typisch Wham halt.

In der Lehre erlebt sie im Rassismus-Kontext immer wieder, dass die Emotionen ihrer weißen Studierenden gerade zu Anfang hochkochen.

Ja, Rassisten mögen es nicht, wenn man sie Rassisten nennt. Nicht-Rassisten mögn es auch nicht, wenn man sie Rassisten nennt. Leute, die sich nicht aufregen, wenn man sie Rassisten nennt, haben vermutlich einen an der Klatsche.

„Meine Theorie ist, dass die Abwehr in diesem Fall aus dem Unbewussten heraus operiert.“

Ja, oder sie fühlen sich beleidigt. Oder sie tun so, um zu verbergen, dass sie zurecht als böse Menschen gefrämt werden.

Das sei aber keine Kleinigkeit, denn: „Da hängt eine über 500 Jahre alte Geschichte des Imperialismus, Kolonialismus und des Versteckens von Rassismen dran, die allerdings in der Geschichtsschreibung ‚des Westens‘ unter eine historische Amnesie fällt.“

Komisch, dass sie davon weiß, wenn das unter Amnesie fällt, was? Aber ja, es gab 500 Jahre Imperialismus und Kolonialismus, nur das Verstecken von Rassismus gibt es erst seit 50 Jahren oder so, in den 450 Jahren davor wurde der nicht versteckt. Aber als Amnesie-Patientin weiß sie das natürlich nicht.

„Was den Menschen im ‚Westen‘ bewusst ist, ist lediglich ihre vermeintliche Fortschrittlichkeit, nicht aber, dass diese den Preis der Unterdrückung und Ausbeutung außereuropäischer Kulturen und Menschen hat“

Ja, das Proletariat ist bekanntlich nie ausgebeutet worden. D’oh! Ja, die Welt ist etwas komplizierter, ohne Kolonialismus keine Industrialisierung, aber ohne Industrialisierung kein Proletariat, keine Arbeiterbewegung und keine SPD, und jetzt kommt Ihr und sagt, dass das europäische Proletariat in Wahrheit Unterdrücker und keine Unterdrückten sind. Ja, wer das ablehnt, tut dies bestimmt aus unterbewussten Gründen.

Rassismus sei nun mal ein gesellschaftliches Verhältnis – und damit zugleich „ein Grundstein ‚westlicher‘ Gesellschaften“.

Jein. Die westlichen Gesellschaften basieren auf dem Kapitalismus, und der wiederum basiert – im Unterschied zum Kolonialismus und zu Sklavenhaltersystemen – darauf, dass alle Marktbeteiligten frei sind. Frei, ihre Preise zu nennen und zu ändern, frei zu entscheiden, welche Güter oder Dienstleistungen sie anbieten, und frei, sich am Markt überhaupt zu beteiligen oder nicht. Das wird dadurch natürlich eingeschränkt, weil viele Kapitalisten daran arbeiten, den Kapitalismus zu Lasten der anderen Marktbeteiligten zurechtzubiegen. Das führt dann dazu, dass es in D. kaum noch Proletariat gibt – freu – aber dafür Proletarier aus Rumänien importiert werden, die diese Rolle bei Tönnies übernehmen – buh! Der Punkt hier ist, dass es weniger Rassismus als Klassismus ist, was der Kapitalismus fördert, aber es gibt natürlich große Überschneidungen.

Menschen, die in westlichen Gesellschaften sozialisiert wurden, wähnen sich also oft automatisch auf der ‚richtigen Seite’,

Alle Menschen tun das.

„Sie sind sich nicht vollständig darüber bewusst, dass der eigene Wohlstand auch davon abhängig ist, dass rassistisch markierte Menschen, vor allem jene in nicht-westlichen Kulturen oder Migrant*innen, ausgebeutet werden“, erklärt Tißberger.

Und wenn ich die Leute bei Tönnies frage, wie sie gerne genannt werden möchte, ändert das was genau?

Demnach sind Migrant*innen insbesondere in systemrelevanten Berufen prekärer beschäftigt als andere Arbeitnehmer*innen – zum Beispiel im Pflegebereich.

Ja, einige von denen sind tatsächlich schwarz. Aber so eine polnische Pflegekraft ist jetzt trotzdem nicht ganz das, was man als BPoC bezeichnet.

Martina Tißberger betont aber auch, dass Menschen für ihre Lebensweise zur Verantwortung gezogen werden können – auch wenn ihnen die eigene rassistische Prägung nicht bewusst ist.

Ja, das sind tatsächlich zwei paar Schuhe – dass KiK seine Klamotten in Pakistan nähen lässt, unter genau solchen Bedingungen von genau solchen Menschen, die damals Onkel Marx zu seinem Buch „inspirierten“, ist sicher etwas, womit man KiK-Kunden konfrontieren kann. Aber ich behaupte mal, die KiK-Kunden kaufen da, weil es billig ist, nicht, weil sie Pakistanis für schlechte Menschen halten. Oder umgekehrt, wenn dieselben Klamotten zum selben Preis von Polen hergestellt würden, würden sie sie genauso kaufen. Das ist teils Bequemlichkeit, teils Geldmangel und hat nichts mit vorhandener oder mangelnder rassistischer Prägung zu tun.

Wenn man sich selbst als nicht-rassistisch wahrnimmt, passiert Folgendes: Man wehrt diskriminierungssensible Sprache ab, weil es nicht zum Selbstbild passt, dass Begriffe, die man ‚immer schon‘ verwendet hat, rassistisch verletzend sein könnten.

Hmmm, das erklärt wohl auch, warum sich alle wundern, was ich gegen „toxische Männlichkeit“ habe. Das Wort, nicht die Sache. Weil es die Sache nicht gibt.

Wenn also beispielsweise jemand einen rassismussensiblen Begriff verwendet, den man selbst nicht nutzt oder man auf die eigene, potentiell verletzende Sprache aufmerksam gemacht wird, versteht man das oft automatisch als konkreten Rassismusvorwurf, den man natürlich abwehrt.

Es ist ja auch meistens ein konkreter Rassismusvorwurf.

Schließlich hält man sich selbst für nicht-rassistisch.

Es ist eigentlich egal, ob man sich für nicht-rassistisch hält oder nicht-rassistisch ist oder doch rassistisch ist: alle, außer vllt. den offen rassistischen oder den extrem nicht-rassistischen, werden einen Vorwurf dahingehend abwehren wollen.

„Wenn ich mich für Geflüchtete engagiert habe, regelmäßig an Amnesty spende, guten Kontakt zu meinen rassistisch markierten Nachbarn pflege, dann denke ich mir in solchen Momenten: Also mir kann man bitteschön nichts vorwerfen!“

Nuuun, ich glaube, die Reaktion ist mehr: „Ich habe jetzt so viel in Antirassismus investiert und werde trotzdem kritisiert, da hätte ich es auch gleich bleiben lassen können.“ Aber hey, was verstehe ich schon von Weißen Psychen?

„Normalerweise sollte ich dann aber erwidern: ‚Vielen Dank. Ich habe einen neuen Begriff gelernt, der entspricht ja viel mehr meiner Intention.‘ Doch das tun viele Menschen nicht.“

Ach, wenn ich Leuten sage, dass Straßen heutzutage asphaltiert werden statt geteert, bedankt sich auch keine/r. Schade, was?

Schon die Schriftstellerin Toni Morrison wusste, dass Sprache nicht harmlos, sondern auch eine folgenschwere Handlung ist: „Gewaltsame Sprache repräsentiert nicht nur Gewalt, sie ist Gewalt.“

Schriftsteller sind bekannt für ihen Einsatz von Metaphern. Oh, es ist ja eine SchriftstellerIN! Die auch. Jedenfalls, Gewaltsame Sprache ist in Wahrheit nicht dasselbe wie Gewalt, daher werden Beleidigungen nicht so hart bestraft wie Körperverletzung.

„Weiße Menschen brauchen mehr Bildung über ihre Rolle in der Menschheitsgeschichte sowie Räume, in denen sie sich als Teil eines globalen Kollektivs erleben können.“

Ich will kein Teil irgendeines Kollektivs sein. Ein globales Kollektiv gibt es eh nicht, aber trotzdem. Ich zumindest hatte Kolonialgeschichte in der Schule, wenn auch nur peripher.  Da der restliche Geschichtsunterricht auch fast nur von Weißen handelte – einschließlich Mittelmeeranwohner und Menschen in Vorderasien – vllt. sollte man mehr über die Rolle von Nicht-Weißen Menschen in der Weltgeschichte sprechen?

Amma Yeboah fordert etwa, dass Bildungscurricula um globale Perspektiven erweitert werden, um Beiträge von Schwarzen und People of Color.

Ok. Die Menschen in Papua-Neuguinea hatten Ackerbau schon rd. 500 Jahre vor denen in Mitteleuropa. Und die haben diese Technik aus dem Mittelmehrraum importiert, während die in Papua-Neuguinea Ackerbau selbst entwickelt hatten. Mit dieser Info hören alle Rassisten bestimmt auf, Rassist zu sein.

Mit mehr Verständnis über das weiße Selbst besteht unter demokratischen Verhältnissen die Chance, dass die Abwehr und Angriffslust weniger wird.“

Ihr Verständnis über das „Weiße Selbst“ ist jetzt auch nicht das größte – sonst wüsste sie, dass es „das“ weiße Selbst nicht gibt.

6 Gedanken zu “Weiße Psyche

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s