Empathie-Gap-Nachklapp

Die taz beschwert sich über die einseitige Berichterstattung zu Srebrenica. Genau wie ich. Weil:

Überall fehlt die Präzision und es wird verharmlost.

Genau! Denn:

Es gibt diese eine Phrase, die in fast jedem Beitrag über den Genozid in Srebrenica irgendwann auftaucht: „8.000 muslimische Männer und Jungen“.

Wenn das nicht auftauchen würde, wäre das zwar noch schlimmer, aber ja. Man könnte schließlich erwähnen, dass die nicht blind auf Menschen geschossen haben, und zufällig hauptsächlich Männer und Jungen ab 13 getroffen hat. Man könnte sogar erwähnen, dass das keine Armee, keine Miliz, Partisanengruppe oder sonstige Guerilla war, die typischerweise eher männerlastig sind. Nein, es war die zivile, unbewaffnete Bevölkerung, und trotzdem hat man gezielt nach dem männlichen Anteil gesucht. (Um Film-Eowyn zu zitieren, kein Schwert zu tragen verhindert auch nicht, mit einem getötet zu werden – ist jetzt keine Botschaft, die mein Ziviherz gerne hört, aber falls faktisch wahr ist…)

Fangen wir an mit „8.000“. Die Srebrenica-Gedenkstätte nennt derzeit die Zahl von 8.372 Opfern – nicht ohne den Zusatz „über“.

Hachja, Journalisten und Mathe. Ok, mehr Präzision kann nicht falsch sein.

Es wäre also richtig, zumindest „mehr als 8.300“ zu schreiben, statt bloß “8000“ oder sogar „7.000“, wie es manche ohne jegliche Basis in Fakten tun.

Oder, man sagt „rund 8.400“. Aber gut, dass die Forschung nach einem Viertel Jahrhundert noch nicht soweit abgeschlossen ist, dass man sagen kann: „Wir haben alle Toten erfasst (und gefunden) und gehen stark davon aus, dass die Dunkelziffer sehr klein ist.“ sagt natürlich auch viel über die Größenordnung und die Folgen dieser Tat aus. Das könnte man sogar dann thematisieren, wenn man von „über 8.000“ Toten spricht.

In jedem Fall erstaunt das Bedürfnis im sonst so präzisen Journalismus, hier so massiv abzurunden.

Präziser Journalismus. Ja. Den gibt es. Danke, taz, für Euren allumfassenden Optimismus.

8.372 ist dabei die Zahl der bisher identifizierten Opfer, die in mehreren Massakern in nur fünf Tagen im Juli 1995 ermordet wurden – also wohlgemerkt nicht die Zahl der zwischen 1992 und 1995 insgesamt in Srebrenica, im Genozid oder im Krieg getöteten Menschen. Im gesamten Bosnienkrieg starben über 100.000 Menschen – in einem Land, das weniger Einwohner hat als Berlin.

Wenn jemand von „8.000 Männern und Jungen“ schreibt, die in „Srebrenica“ getötet wurden, meint soe wohl wirklich nur die Toten in dem Zeitfenster und dem Umfeld, nicht die im gesamten Krieg.

Kommen wir nun zum Wort „muslimisch“. Bosniaken, also bosnische Muslime, durften sich im ehemaligen Jugoslawien nicht als Bosniaken bezeichnen. … Das Recht, sich Bosniaken zu nennen, erkämpften sie erst mit Bosniens Unabhängigkeit 1992.

Ok, aber zum fraglichen Zeitpunkt hatten sie es ja, oder? Aber Zustimmung, man sollte, wenn man darüber berichtet, der journalistischen Präzision zuliebe, und weil es die Leserschaft interessieren könnte, ja erklären, was „Bosniak“ bedeutet.

Es ist natürlich wichtig und richtig, die Opfer auch als Muslime zu benennen. Antimuslimischer Rassismus spielte eine große Rolle im Genozid. Der Fehler liegt darin, die Opfer ausschließlich „Muslime“ zu nennen, während die Täter im gleichen Text nie nach Religion, sondern nach Ethnie („serbisch“) benannt werden.

Es gibt eine Konfession namens „serbisch-orthodox“. Laut wiki gehören ihr 80% aller Serben an. Frage – hätten die solche Muslime, die keine Bosniaken waren, aber zufällig in der Gegend von Srebrenica gelebt hätten, verschont? Wenn ja, richtete sich das ausschließlich gegen Bosniaken. Wenn nicht, ist „muslimfeindlich“ das zutreffende Tatmotiv.

Kommen wir schließlich zu „Männer und Jungen“. Dieser Teil der oft wiederholten Phrase macht ermordete Frauen und Mädchen unsichtbar. Von ihnen sind über 570 bisher identifiziert.

Der Link ist neun Jahre alt. Präzisionsschlag! Ja, die Opfer sind nicht alle männlich. Macht es das jetzt schlimmer oder besser? Dass Frauen, Mädchen und Alte gezielt selektiert wurden, um NICHT erschossen zu werden, zeigt doch, dass die nicht so unsichtbar gewesen sein können. Aber hey, die Toten waren vllt. auch nicht alle Muslime? Oder nicht alle aus Bosnien? Wäre das ein Trost? Ja? Nein?

Außerdem kann man ermordete Neugeborene und Babys nicht unter „Jungen“ oder „Jugendliche“ zusammenfassen.

Stimmt, die sind unter 13. Hat aber auch niemand gemacht. Ist ein bisschen so, als würde jemand sagen: „Hitler hat Millionen Juden umbringen lassen.“ und jemand ruft dann jedes Mal: „Mit der Formulierung werden aber die nicht-jüdischen Polen unsichtbar gemacht!“

Leugner sagen oft, Srebrenica sei kein Genozid, da ja „nur“ oder„überwiegend“ männliche Personen ermordet wurden.

Ja, es gibt keinen Sexismus gegen Männer, woll? Ich wäre hier SO auf Seiten der taz, wenn die nicht ein paar Zeilen weiter oben einen „Frauen aber auch betroffen“-Spruch rausgehauen hätte. Natürlich kann jemand rassistisch (gegen Bosniaken) und sexistisch (gegen Männer) sein. Ja, die Welt, wo man immer nur ein Vorurteil haben könnte, wäre vllt. ein besserer Ort, andererseits, wenn man Vorurteile einfach verbieten könnte, könnte man das auch komplett tun.

Oft fügen sie hinzu, dass die Männer bewaffnet gewesen seien und die Gewalt gegen sie bloß Notwehr. Auch darum ist „Männer und Jungs“ ohne Kontextualisierung so gefährlich.

Ja, im Kontext der taz wird viel über toxische Männlichkeit diskutiert. Die haben vllt. nur ein paar Schlagwörter übernommen wie „väterlose Gesellschaft“, „weitgehend nutzlos“ und „er wurde für den Krieg erzogen“. Gut, die gab es  SO vor 25 Jahren nicht, aber nunja – kein Mensch ist toxisch, aber wenn es Euch stört, dass Serben vor allem Männer, und zwar männliche Zivilisten, erschießen – was ganz offensichtlich daran liegt, dass sie Männer für die schlimmeren Menschen gehalten haben – könntet Ihr Euch von dieser Denke vllt. auch einfach besser distanzieren.

All diese Fehler stecken in der kurzen Phrase „8.000 muslimische Jungen und Männer“.

Ja, besser wäre: „rd. 8.000 überwiegend muslimische Jungen und Männer und rd. 600 Frauen, weibliche Jugendliche und Kinder unter 13.“, ok?

Ein Gedanke zu “Empathie-Gap-Nachklapp

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