Achwas II

Frauenquoten führen nicht dazu, dass Frauen in männerdominierten Berufen beliebter werden. Wer hätte das gedacht? Keine:r.

Glücklicherweise gibt es eine Möglichkeit, mit der man Mädchen zumindest keine Geschlechterklischees beibringt: christliche Mädchenschulen.

Ich habe zwölf Jahre meines Lebens eine christliche Mädchenschule besucht. Sexistische Stereotype wie zum Beispiel, dass alle Mädchen schlecht in Mathe seien, gab es bei uns nicht

Ja, das haben sich meine Mutter und meine Ex auch anhören müssen. (Evt. noch mit dem Vorwurf: „Was stimmt denn mit Dir nicht?“) Gelten Männer, die gut in Mathe sind, jetzt irgendwie als besonders männlich und attraktiv? Ja? Nein?

Wenn wir uns für sogenannte MINT-Fächer, also Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, interessierten, wurden wir ermutigt, diese Richtung weiter zu verfolgen: „Da bekommst Du auf jeden Fall einen Job. Da werden immer Frauen gesucht.“

Ok, in DER Formulierung ist das komisch. Aber wenn man sich für ein Feld interessiert, in dem man nicht nur gut verdienen kann, sondern für das man sich auch interessiert, sollte man Kindern und Jugendlichen auch so etwas wie Motivation verpassen.

Uns wurde beigebracht, wie wichtig es sei, „den Männern“ zu zeigen, dass wir das alles mindestens genauso gut könnten wie sie.

Wenn irgendein Mann irgendetwas besser kann als irgendeine Frau, bedeutet das nicht, dass jeder Mann das besser kann aks jede Frau. Wenn der beste Komponist bspw. Beethoven ist, und Beethoven ein Mann ist, heißt das ja auch nicht, dass jeder Mann musikalisch ist, oder zumindest musikalischer als jede Frau. Also gilt das auch nicht umgekehrt.

Ich bin naturwissenschaftlich und handwerklich interessiert, fand Astrophysik in der 12. Klasse spannend und bezeichnete mich damals auch schon als Feministin. Warum also nicht den alten weißen Männern mal zeigen, wie der Hase läuft und ein paar Rollenbilder aufbrechen?!

Im Unterschied zu Männern, die einfach eine Ausbildung machen oder studieren, weil sie – nicht immer zu Recht – danken, Talent dafür zu haben? Auch Männer, die in typischen Frauenberufen arbeiten, machen das meistens nicht, um Geschlechterklischees zu bekämpfen. Wobei eine gewisse kämpferische Grundeinstellung nicht schaden kann.

So kam ich, vor zwei Jahren, in meine Ausbildung. Ziemlich naiv, würde ich rückblickend sagen.

Na, eigentlich nicht naiv – sie hat damit gerechnet, auf Vorurteile zu treffen, und genau das ist passiert. Vor allem ist die Aussage: „Frauen werden immer gesucht!“ genau das Gegenteil von: „Frauen werden benachteiligt.“

Vor allem junge Männer fühlen sich durch die gezielte Förderung von Frauen benachteiligt.

Ach, das sind keine Gefühle. Das ist empirisch messbar.

Und auch als betroffene Frau kann ich bestätigen, dass es sich schnell abwertend anfühlt, „nur“ die Quotenfrau zu sein.

Um ehrlich zu sein, in der Politik wird tatsächlich nicht nach Kompetenz gewählt, sondern nach Eigeninteressen. Was soll ich Bismarck wählen, wenn der keine Politik für mich macht? Wenn man einen Ausbildungsplatz tatsächlich nur hat, weil der Betrieb eine Quoten-Alibi-Frau braucht, ist das tatsächlich kein guter Anfang. Jetzt kann man natürlich versuchen zu beweisen, dass man mehr als die Quote ist, sondern eine gute Angestellte und Kollegin, und wenn das nicht gelingt – ja, dass sage ich als Männerechtler – liegt es nicht unbedingt an der Frau.

Das liegt aber nicht an der Quote selbst

Ja, manche Männer mögen keine Frauen in ihrem Beruf. Manche haben nichts gegen Frauen als solche, haben aber Vorbehalte gegen Quotenfrauen, -behinderte und -sonstige, weil sie befürchten, den Qualifikationsmangel der Quotenmenschen kompensieren zu müssen. Und manche sind einfach Kollegenschweine.

Sie ist nur ein Anfang in Richtung Gleichberechtigung, mit ihr alleine erreicht man noch lange keine Gleichbehandlung.

Nein? – Doch. – Ohhh! Offensichtlich kann man den konkreten Mitarbeiter(m/w/d) nicht per Verordnung zwingen, jemanden zu mögen. Aber das hätte man sich eigentlich auch denken können.

Ein positives Arbeitsumfeld und eine gute Atmosphäre sind dabei genauso wichtig – das musste auch ich die vergangenen zwei Jahre erst lernen.

Ok, ich kenne den Betrieb ja nicht. Ich weiß nicht, wie die Vorgesetzten das „verkauft“ haben, ich weiß nicht, wie gut oder schlecht das Betriebsklima sonst ist. Vllt. ist sie eine ganz doofe Mitarbeiterin, vllt. ist der Betrieb einfach nur ätzend, vllt. irgendwas dazwischen. Ich habe mal eine Reportage über Männer und Frauen im Radio gehört, deren Geschlecht im jeweiligen Beruf in der Minderheit ist. Ein Tipp, den ich von der Frauenseite mitgenommen habe, ist der, sich nicht helfen zu lassen, wenn Männer an der Stelle auch keine Hilfe (angeboten) bekämen. Ein anderer: wenn die Typen alle nackte Frauen in ihren Spinden aufhängen (also, Fotos von denen jetzt!), dann einfach nackte Männer aufhängen (Fotos!!!). Möglichst Fotos von Männern, die besser aussehen als die Kollegen, ist klar.

Ich dachte, es würde reichen, „auch als Frau“ einen guten Job zu machen. Schon in den ersten Wochen wurde mir klar, dass es nicht so ist. Für meine männlichen Kollegen war es kein Problem, Anschluss zu finden.

Das stimmt SO auch nicht. Aber wenn Männer unter Männern keinen Anschluss finden, ist das Frauen offenbar egal, oder sie merken es halt nicht.

Bei Gesprächen über Autos, Fußball und „Weiber“ wurden sie zu Brüdern. … Für Autos und Fußball hatte ich mich nie wirklich interessiert.

Ich auch nicht. Obwohl ich ein Mann bin. Irgendwie scheint da jemand Vorurteile über Männer zu haben. („Aber Mycroft, Du hast ja auch nie eine Ausbildung in so einem Betrieb gemacht.“ – „Achwas? Warum wohl?“)

Wenn ich das abwertende Gerede über Frauen ansprach, wurde mir entweder versichert, dass ich damit natürlich nicht gemeint sei…

Da hat wohl jemand die #menaretrash-Debatte mitgekriegt, und mach sich jetzt darüber lustig, indem er deren Argumente aufgreift. „Argumente“, höhö.

oder ich war halt die „verklemmte, prüde Feministin“, so wurde zumindest mehrfach über mich gesprochen.

Einfach mal ein paar Männer-Pin-Ups in den Spind aufhängen. Oder gleich nackte Männer, zur Abschreckung. Dann kommt man nicht in den Verdacht, prüde zu sein.

Jetzt darf ich plötzlich nichts mehr heben und meine Kollegen sind erstaunt, dass ich Flugzeuge interessant finde und mir Steuerungstechnik Spaß macht.

Einfach trotzdem heben. „Ich bin nicht schwanger!“ sagen. Hilfsangebote sind etwas, was man denen abgewöhnen muss (vor allem, wenn das „flirten“ sein soll.) Und wenn man Flugzeuge interessanter findet als Autos, kann man das ja auch so sagen, wenn man ein gesprächsthema will.

Im dritten Monat meiner Ausbildung wurde ich von einer Angestellten der Personalabteilung gefragt, ob ich mich gut eingelebt hätte. Als ich das bejahte, sagte sie, dass sie sich für mich freue, da ich ja doch irgendwie „die Quotenfrau“ in der Ausbildung sei

Ok, erstens, wenn man sich nicht so gut eingelebt fühlt, warum sagt man das nicht? (Ok, mir fallen da mehrere Gründe ein, aber das ist jetzt eine Personalerin, keine unmittelbare Kollegin. Die fragt möglicherweise nicht aus Höflichkeit, sondern um ggfs. zu helfen.) Und zweitens, wenn man gar nicht weiß, dass man als „Quotenfrau“ betrachtet wird, ist das etwas, was man vllt. diskutieren sollte. Jetzt wiederum besser nicht mit den Kollegen, aber irgendwer hat ja die Entscheidung getroffen, sie zur Azubi zu machen.

Männer fördern bevorzugt andere Männer und bilden untereinander Netzwerke, in die Frauen gar nicht erst reinkommen.

Keine Ahnung, die Frau oder Tochter von jemanden, der drin ist, käme ja auch rein. Und eine Quote ist ja auch ein Netzwerk für die Minderheit, nur größer und anonymer.

Und es ist wichtig, Stereotype und Rollenbilder aufzubrechen.

Häng. Dir. Fucking. Pin-Ups. In Deinen Scheiß-Spind. Oder suche Dir Freunde im Betrieb, die Fußball hassen, Flugzeuge mögen und/oder auf Männer stehen.

Wie soll jemand für uns Politik machen, der sich nicht mit unseren Interessen und Erfahrungen identifizieren kann

Wie sollen sich Politiker(m/w/d) überhaupt mit normalen Leuiten identifizieren? Nach der Logik ist Empathie und Demokratie quasi unmöglich.

Sexistische, rassistische und diskriminierende Sprüche und Witze waren an der Tagesordnung. Er müsse jetzt zu der „der fetten Sau“, sagte ein Kollege über die Mitarbeiterin der Personalabteilung.

Ok, SO ein Betrieb.

Ein Kollege nannte mich eine „Scheiß Veganer-Fotze“. Ich könnte noch so viele weitere Beispiele nennen.

Ich will ja nicht sagen, dass man als Veganerin aufhören sollte, Veganerin zu sein, nur um beliebt zu werden, aber beim Betriebsgrillen ist das vllt. auch ein ernster Hemmschuh, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Vllt. haben die nichts gegen Frauen, sondern gegen Veganer. Ein Grund mehr, alles selber zu tragen: „Ich bin Veganerin, nicht unterenährt.“

Als ich meinem Ausbildungsleiter von den psychischen Belastungen erzählte, sagte er mir, dass ich auf andere „arrogant“ wirke und etwas an meiner Einstellung ändern oder kündigen solle.

Okee, wenn man sich nicht für Fußball, Autos, „Weiber“ und Fleisch interessiert, ist das netzwerken etwas schwierig. Aber Frauen, die sich für mindestens zwei davon interessieren, hätten mehr Chancen, sich da auch zwischenmenschlich einzubringen; dass ist jetzt erstmal keine Erfahrung, die man pauschal verallgemeinern kann. Und „arrogant“ ist oft die Differenz zwischen wahrgenommener Anspruch und wahrgenommener Wirklichkeit.

Ist es meine Aufgabe, mich für eine Gleichstellungsbeauftragte im Betrieb einzusetzen?

Ist die nicht vorgeschrieben? Wenn nicht, gibt’s die nicht.

Meinem männlichen Ausbildungsleiter zu erklären, dass ich nicht mehr in einer Abteilung arbeiten kann, die sexistische Witze macht?

Die Dosis macht das Gift, oder? Kann ein Betrieb das Humorniveau seiner Angestellten vorschreiben? Ich glaube, nein…

Mit den männlichen Jugend- und Auszubildenden-Vertretungen und Betriebsräten über all das zu reden, nur um zu hören, dass bei Veränderungen der männliche Geschäftsführer zustimmen müsste, was sie als unwahrscheinlich erachteten?

Wenn der sie wirklich nur eingestellt hat, um zu beweien, er habe nichts gegen Frauen, einige seiner Angestellten sind Frauen, dann will er diesen Beweis nichts kosten lassen. Also wird er bei der nächsten Quotenfrau auf deren Interesse für Fußball, Autos, Fleisch und/oder Weiber achten.

Wenn man sich jedes Mal aufs Neue beweisen muss, und das Gefühl hat, nur geduldet zu werden, wenn man die Beste ist.

Trage die Sachen selber. Nick freundlich, wenn andere über Fußball reden. Mach Witze über Männer. Wenn Du dann immer noch „das Problem“ bist, liegt es nicht an Dir.

Für mich ist im Januar mein Ausflug (oder Kampf?) als Quotenfrau vorerst zu Ende, dann schließe ich meine Ausbildung ab und werde das Unternehmen verlassen. Ob ich überhaupt irgendwas in den Köpfen meiner Kollegen ändern konnte?

Es gibt auch eine Menge Männer, die nach der Ausbildung den Betrieb verlassen und FROH sind, da wegzukommen. Aber gut, dass ist ja nicht erstrebnenswert. Der Anspruch aber, in der Köpfen von Kollegen und Vorgesetzten was zu verändern zu sollen, ist tatsächlich arrogant. Als Azubi vor allem. „Ich habe Dir schon 1.000x gesagt, wo das ist.“ – „Ich arbeite hier erst seit einer halben Stunde, heut ist mein erster Ausbildungstag.“ – „Oh. Grüne Tür, zweites Regal links. Heute noch!“

Eine Frauenquote ermöglicht Frauen eine faire Beurteilung bei der Bewerbung,

Nein. Vor allem nicht bei Ausbildungs- und Studienplätzen. Wenn ein Ausbildungs- oder Studiengang nicht von alleine eine 50-50%-Quote hat, werden sonst dem mehrheitlichen Geschlecht solange Ausbildungs- und Studienfächer verboten, bis diese erreicht ist. Das wäre ein harter Eingriff in die Berufsfreiheit.

Ein Gedanke zu “Achwas II

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