Antirassismus vs. Antiantisemitismus

Im Zuge der MbembeDiskussion, aber auch in der allgemeinen Rassismusdiskussion kam die Frage auf, warum und wieso die Kolonialzeit so wenig im dt. Geschichtsuntericht vorkäme, also fast gar nicht. Bzw., ob außer Griechen, Römer, Karl dem Großen, Ottonen, Napoleon und Bismark etwas vorkäme, was nicht die Nazizeit ist?

Und insofern, ja. Völkermord in Namibia kam nicht vor. Weil das nur ein Prozent oder so des Holocaustes war, vllt., weil Namibia nicht so ein wichtiges Land ist, sorry, und weil die dt. Kolonialgeschichte für Deutschland nicht so wichtig war, wie bspw. die französische für Frankreich. Glaubt Ihr nicht? Nungut, der heutige Wohlstand in D. kommt von der Industrialisierung, diese wiederum begann Anfang des 19. Jahrhunderts. Deutscher Zollverein und so. Die Industrialisierung führte zur Ausbeutung von Arbeitern und Bauern – aka Proletariat – was zu zwei Gegenbewegungen führt: einmal dem Marxismus – tl,dr: wenn die Reichen den Armen alles wegnehmen, müssen die Armen eben den Reichen alles wegnehmen – und später dem Nationalsozialismus – tl,dr: weil die Reichen uns unterstützen, nehmen wir den Leuten in anderen Ländern alles weg, einschließlich derer Länder. Sonderfall Juden, die werden komplett ausgerottet. Hitlers „Lebensraum im Osten“ war ein völlig orthodoxes Kolonialismusprogramm. (Dass die dt. Kolonialgeschichte nicht annähernd so „reichhaltig“ war wie die spanische, englische, portugiesische, etc., ist vllt. etwas, was man als teutscher Plattriot(m/w/d) irgendwie kompensieren musste, aber davon mal ganz ab.)

Jedenfalls könnte man als deutscher Geschichtslehrer auf die Idee kommen, dass der deutsche Kolonialismus mangels Masse und der sonstige Kolonialismus, weil er kein deutscher Kolonialismus war, für die heutige Situation in D. nicht so relevant war wie die Industrialisierung. Die, wie gesagt, den hiesigen Wohlstand verursacht hat. Und Umweltprobleme. Und Marxismus. Und Nationalsozialismus. Aber immerhin auch das allgemeine Wahlrecht, weil, je komplizierter die Technik in der Industrie ist, desto mehr Leute müssen zur Schule gehen, um die zu bedienen, und je mehr Leute zur Schule gehen, desto weniger lassen die sich gefallen. Außerdem die allg. Schulpflicht. Die Pflicht, in Schulen zu gehen, wo Geschichte unterichtet wird. Das Schulsystem ist übrigens auch noch vom vor dem Krieg.

Jedenfalls, wenn ein postkolonialer Denker sagt: „Hey, Deutsche! Eure proletarischen Vorfahren im 19. Jahrhundert waren gar keine ausgebeutete Opfer, sondern ausbeutende Täter und daher böse Menschen!“, bricht er natürlich eines der größten und stärksten der mitteleuropäischen Stammestabus. Normalerweise würde man ihn an den Odins Bäumen aufhängen, seinen Vögeln zum Fraß… Victim-Bläming vorwerfen. Aber Antisemitismus ist natürlich der größere Vorwurf.

Dass daraus der Schluss gezogen wird, Antiantisemitismus und Antirassismus würden in Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Redezeit und sonstigen Ressourcen stehen, ist etwas bitter, weil das schon sehr nach Opferolympiade klingt.

Da aber, der Menge und der Art nach, der Holocaust und die Kriegsverbrechen der Nazizeit jene der dt. Kolonialzeit deutlich überwiegen, allzu allgemeine Vergleich relativieren den Holocaust. Was jetzt nicht heißt, dass man die Mohrenstraße nicht nach einem schwarzen Wissenschaftler nennen sollte. Aber man darf einem anderen schwarzen Wissenschaftler sagen, dass er falsch liegt. Nicht, weil er schwarz ist, nicht, weil man die eigene Geschichte verdrängen will, sondern weil er falsch liegt.

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