J. K. Rowling, Terf des Jahrtausends

Jetzt scheint noch nicht pleite zu gehen. Und um meine Inspirationsquelle und MPDG im Gespräch zu halten, hier. Dort wird die bange Frage gestellt

Darf ich Harry Potter noch gut finden?

Nein. Du nicht. Alle anderen schon, aber die finden auch Michael Jackson toll und hören ihn noch und sind demnach keine bigotten Heuchler, wenn sie auch Harry Potter noch mögen. Und eigentlich ist es noch „komplizierter“.

Aber von Anfang an:

Mit ihren wiederholt kritischen Äußerungen bezüglich trans*Menschen auf Twitter sorgte Schriftstellerin J.K. Rowling in den vergangenen Wochen für Aufsehen.

Tja, so könnte man das auch nennen. Ist jetzt aber nicht ganz das schlimmste, was je über transsexuelle Personen(m/w/d) gesagt worden ist. Was würdet Ihr erst machen, wenn sie twittert, wen Hermine wählen würde?

Stattdessen verteidigt die Autorin ihre ursprünglichen Aussagen und stellt eine Reihe weiterer bedenklicher Thesen auf.

Wenn sie bei Twitter fragt, wie nochmal „Frauen“ geschrieben wird, ist das Ironie und demnach Satire. Aber verklagt sie halt.

Und ich habe mich gefragt, was die Debatte um J.K. Rowling nun eigentlich für mich als Fan bedeutet.

Ok, magst oder mochtest Du Rowling als Person oder einfach nur wegen ihres Produktes? Es gibt bestimmt auch Leute, die Jackson als Person eher merkwürdig als sympathisch fanden, seine Musik aber trotzdem toll und wichtig finden.

Wenn ich mich von den problematischen Ansichten einer Autorin distanzieren möchte, wäre es dann nicht die logische Konsequenz, auch von ihrem Werk Abstand zu nehmen?

Was Rowling twittert, ist nicht Teil des Potter-Kanons. Im Potter-Kanon kommen Menschen vor, die eine andere Gestalt, ein anderes Geschlecht oder sogar eine andere Spezies werden können. Einfach ignorieren. (Ja, Daumbledore ist nur deshalb schwul, weil das Rowling das sagt, nicht, weil das in den Büchern vorkommt – also, wenn Rowling was sagt, was ihr hören wollt, übernehmt ihr das ja auch…)

Muss ich all meine Bücher, DVDs und Merch-Artikel auf der Stelle wegschmeißen? 

Mach doch – da Du sie bereits bezahlt hast, tut das in der Harry-Potter-verarbeitenden Industrie keinen mehr weh, aber wenn es Dir besser geht…

Oder muss ich in diesem Fall Autorin und Werk trennen?

Müssen nicht unbedingt, aber natürlich ist das eine Option. Jedenfalls für Leute, die nie jemanden dafür kritisieren, dass diese Kunst und Künstler(m/w/d) trennen wollen. Wie gesagt – Dumbledore ist schwul, wenn man zwischen beidem nicht trennt. Wenn Ihr das jetzt zum Anlass nehmt, das Verhältnis Kunst/Künstler zu überdenken – gut. Aber könntet Ihr mal bitte, und sei es nur theoretisch, annehmen, dass manche Menschen diese Trennung schon immer vornehmen? Die meinetwegen Naidoo im Radio hörten, mitsangen, aber trotzdem keine Aluhutträger mit Band und Ehrenreichsbürger wurden?

Kurzum: Darf ich Harry Potter noch gut finden?

Wenn Du das machst, erfüllst Du die moralischen Standards nicht, die Du an andere stellst. Also nein.

Die Diskussion um die Trennung von Kunst und Künstler*in ist keineswegs neu. 

Achwas.

 Dürfen Radiosender die Songs von Michael Jackson noch spielen? 

Ja, dürfen sie. Wenn sie es machen, wird sie niemand bestrafen. Problem ist, wenn man jemanden in seinem Beruf boykottiert, weil er angeblich ein Verbrechen begangen hat, obwohl er bei den Vorwürfen, die vor Gericht landeten, freigesprochen wurde, und gegen die postumen Vorwürfe sich nicht wehren kann, schadet man ihn (und seine Erben) wirtschaftlich, was den Rechtsstaat unterläuft. Anteilig käme es Jackson auf diese Tantiemen zwar nicht an, und inzwischen braucht er eh‘ kein Geld mehr, aber beim nächsten Mal trifft es jemand, der nicht so reich wie Michael Jackson ist. Da kann man jedenfalls sehr stark von ausgehen.

Sollte man die Musik von Xavier Naidoo noch hören?

Wieso „noch“? Wieso „NOCH“? Halloo? Naidoo??! Nein, sollte man bleiben lassen.

Darf man Filme von Harvey Weinstein oder Woody Allen noch sehen?

Ok, außer ihrer jüdischen Abstammung und dass sie im Filmbusiness arbeiten, haben die nix gemein. „Guckt nichts vom Juden!“, was? Irgendwie wird der ganze Fragenkomplex sinnlos von jemanden, die gar nicht den Anspruch erhebt, zwischen überführten Vergewaltigern, Menschen, deren Anklagen in Freisprüchen endeten, und drittens Menschen, bei denen es noch nicht einmal zu einer Anklage kam, zu unterscheiden.

Darf man Kevin Spacey für seine Schauspielkunst bewundern?

Ja. Selbst, wenn er der übelste Verbrecher von ganz Hollywood ist, dass man es ihm nicht eher angemerkt hat, ist doch oskarverdächtig.

Auf diese Fragen gibt es selten eine einfache Antwort.

Doch.

Und je mehr man das Werk eines Künstlers schätzt, desto schwerer fällt die Entscheidung.

Ach, pass mal auf: bei einem Hollywood-Film, bei dem tausende von Menschen in Lohn und Brot gesetzt wurden, Künstler, Handwerker, Zulieferer, Reinigungskräfte und so weiter, sind schon rein statistisch irgendwelche Verbrecher(m/w/d) beteiligt. Neben Vergewaltigung hielte ich Drogendelikte, Geldwäsche und Steuerhinterziehung sowie alles, was mit Unterschlagung, Lohnbetrug u.ä.m. zu tun hat, für die häufigsten. Der Anspruch, das das alles Sauberleute sind, ist schön, aber leider nicht sehr realistisch. Soll ich jetzt einen Film und die tatsächlich anständigen Beteiligten boykottieren, um die Verbrecher zu bestrafen? Genausogut dürftest Du zu keinem Bäcker, wenn in der Bäckereikette ein Neo-Nazi arbeiten könnte. Von Deinem Geld würde sein Gehalt bezahlt.

Aber ich habe jetzt kein Problem mit Menschen, die sagen: „Ich fand Bill Cosby toll, aber jetzt nicht mehr, und ich schaue mir auch nichts mehr an, wo er drin vorkommt.“ Ich habe eher ein Problem mit Menschen, die sagen: „Weil Cosby ein nachweislich schlechter Mensch ist, bist Du ein schlechter Mensch, weil Du seine Serie magst.“ Und ich habe ganz bestimmt ein Problem, wenn jemand sagt: „Auch, wenn gegen Allen nicht einmal Anklage erhoben wurde, bist Du ein schlechter Mensch, wenn Du seine Filme magst.“

„Mit ihren Aussagen stellt sie unsere Realität infrage“

Noiiiin, nicht unsere Realität, unsere schöne, stabile Realität! Hallo, die Frau ist (hauptsächlich) eine Fantasy-Autorin. Ok, sie ist bzgl. des richtigen Lebens mit Euch in manchen Punkten uneins, aber das ist ja wohl nicht dasselbe wie Leute, denen mehr oder wengier zu Recht Vergewaltigungen vorgeworfen werden. Kommt wieder, wenn Rowling das Level von Marion Zimmer Bradley erreicht hat.

In ihren Büchern hat Rowling eine Welt erschaffen, in der Toleranz, Diversität, Freundschaft und Liebe großgeschrieben werden.

In einer Schule, die in praktisch jeder Hinsicht noch aus dem Mittelalter stammt, außer, dass die Prügelstafe abgeschafft wurde. Die Identitätspolitik magisch begabter Menschen ist sehr stark: Es werden iirc genau zwei Heiraten zwischen magischen und nicht-magischen Wesen erwähnt (ich zähle Riesen insofern zu den magischen), bzw., „Heiraten“ ist z.T. ein Euphemismus. Die Mutter des Oberschurken hat dessen Vater mit einer magischen Vergewaltigungsdroge gefügig gemacht. Hach, die Kraft der Liebe. Aber ich freue mich, dass damit typische Geschlechterklischees auf den Kopf gestellt wurden.

Gerade wegen dieses Widerspruchs halten viele Fans auch weiterhin an ihrer Liebe zur Harry-Potter-Reihe fest. Trotzdem: Der Zweifel sitzt tief. 

Die Frage ist – werdet ihr Potterfans jetzt ähnlich kritisiert oder verdächtig gemacht wie Leute, die „Jeannie“ von Falco mögen?

Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Harry Potter ist längst mehr als seine Autorin.

So, wie eine Weinstein-Produktion mehr ist als Weinstein?

Trotzdem existiert Literatur nie im luftleeren Raum. Die Moralvorstellungen, Werte und Meinungen des/der Verfasser*in fließen zwangsläufig auf die ein oder andere Weise in sein/ihr Werk mit ein.

Ist schon mal jemand Terf geworden, weil soe zu viel Harry Potter gelesen hat?

Aber auch wenn man entschieden hat, sich die Freude an seinen Lieblingsbüchern nicht von ein paar Tweets verderben zu lassen, so sollte man dennoch nicht vergessen: Auch die Harry-Potter-Bücher sind nicht unproblematisch.

Ach, nee. Das hat Euch auch sonst nicht gestört. Aber wenn Ihr nicht solche Moralapostel wäret in allen Fällen, bei denen Ihr nicht betroffen seid, aber pro Kunstfreiheit, wenn Ihr die Kunst mögt, kann ich nur sagen: Keks.

 

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