Taktisch dummstellen für Profis

Eigentlich gilt ja: „Lukas locutus, causa finita“, also, wenn Schoppe eine Sache für erledigt erklärt, dann ist sie das auch, aber hier vermute ich Ironie. Ironie, was ist das überhaupt? Dazu stellen wir uns mal janz dumm. Ironie ist kluges Dummstellen. D’oh!

Taktisches Missverständnis

Als jemand, der sich sein ganzes Leben dumm stellt, weil Oma mir mal den Tipp gab, kenne ich mich mit dem Thema bestens aus.

Eine „taz“-Kolumnistin schrieb über Polizisten auf Müllhalden, dann drohte ihr der Bundesinnenminister mit Anzeige. Nicht nur er will den Text partout fehlinterpretieren.

Kolumnist:in, wenn ich bitten darf. Oder wenn HY bitten darf. HY ist übrigens kein Pronomen, sondern eine Abkrzg..

Wer einmal Kind war, und wer war das nicht, kennt vielleicht die Aufforderung, man möge sich nicht dumm stellen, oder genauer: sich nicht mutwillig dumm stellen.

Ja, die kenne ich auch. Aber hauptsächlich wurde ich schon ermuntert, mich dummzustellen. Haben die meisten gar nicht gemerkt.

Es geht dabei meist darum, aus taktischen Erwägungen, zum Schutz oder zur Beförderung eigener Interessenbestimmte Dimensionen eines Problems zu leugnen.

Pro-Tipp: wenn man das tut, bzw. plant zu tun, wie Hugendick und Schneider gerade, ist es taktisch unklug, genau diese Taktik vorher zu beschreiben. Es sei denn, man hält sein Publikum für einen Haufen Idioten, wie Hugendick und Schneider. Wie sie es tun, meine ich, nicht wie sie es sind – was dachtet Ihr jetzt?

Was im privaten oder familiären Rahmen also Tradition hat, lässt sich derzeit in extremer Form im öffentlichen Diskurs beobachten – so man das Gebrüll nun wirklich so nennen will.

„Wollen“ ist vllt. das falsche Wort, aber ja. Öffentlicher Diskurs ist kein Wunschkonzert auf dem Ponyhof.

Je nach Sichtweise begann die Dummstellung bereits am vergangenen Montag

Eigentlich begann das Dummstellen, als HY diesen Text geschrieben hat. Vermutlich war der nämlich schon vorher fertig, ich kenne mich mit Vorlaufzeiten in der Presse nicht so aus.

eine zukünftige berufliche Selbstverwirklichung auf einer Müllhalde zu suchen, weil sie sich doch unter „ihresgleichen“ am wohlsten fühlten.

Nein, von „Selbstverwirklichung“ war keine Rede – es ging um Möglichkeiten der Erwerbsarbeit für arbeitslose Polizeikräfte, und wie man sie von der übrige Bevölkerung fernhalten könnte. Und es ist sehr die Frage, wer oder was mit „ihresgleichen“ gemeint ist oder sein könnte.

Dabei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die mutwillige Dummstellung gar nicht unbedingt bei Text und Kolumnistin ihren Anfang hatte.

Kolumnist:in. Verdori!

Sie begann vielmehr dort, wo die Redaktion offenkundig nicht ausreichend antizipieren wollte, dass eine solche Kolumne auf eine Öffentlichkeit treffen könnte, die selbst wiederum nur allzu bereit sein würde, sich dumm zu stellen.

Achnee, echt jetzt? Eine kontroverse Satire könnte eine Kontroverse auslösen? Wie doof muss man sich stellen, um hinterher sagen zu können, dass man damit nicht gerechnet hat, aber trotzdem nicht wegen Unzurechnungsfähigkeit irgendwo eingewiesen wird?

Anders ist es ja gar nicht zu erklären, dass die Redaktion ihre Kolumnistin

Kolumnist:IN!!!! Und es gibt taz-ächlich eine andere Erklärung, die in den taz-Kommentaren zum Thema tatsächlich genannt wird: offenbar sind die Ressorts da recht unabhängig voneinander. Entweder, die beiden haben die gar nicht gelesen, oder die stellen sich dumm.

als der Hass auf deren vermeintlichen Hass bereits tobte, mit zwei prominent platzierten Texten scharf kritisierte.

Nicht alle, die HY kritisieren, hassen sie auch. Umgekehrt ist möglich, dass HY vllt. doch, wirklich und ohne ironischen Bruch, die Polizei tatsächlich hasst. Entweder kommt vor beiden „Hass“ ein „vermeintlich“ oder vor keinem. Entweder sind die so dumm, oder sie verstellen sich.

Es dokumentierte aber, wenn man sich eben nicht dumm stellt, zu diesem Zeitpunkt vor allem eines: Eine Redaktion forderte von einer Kolumnistin die Deutungshoheit zurück.

Ne:in. Bzw., „Deutungshoheit“ hieße: „Ich Vorgesetzte, Du mitarbeitende Person, ich deute alles, Du nix!“, oder man ersetze „Vorgesetzte“ mit „Minister“, „Polizei“ oder „Zeit“. Die taz scheint ja Wert darauf zu legen, dass es keine Hoheit im Deuten geben soll. Das könnte man merken, würde man aber nicht sagen, um den taktischen Vorteil nicht zu verspielen.

Dementsprechend ist nachträglicher Widerspruch auch nicht per se falsch, manchmal würde man ihn sich sogar wünschen.

Liebe Zeit-Redaktion, da steht „manchmal“. Bitte nicht hauen! (Ganz schlauer Move!)

Vor allem aber besteht eigentlich gar keine Notwendigkeit, den eigenen intellektuellen Anspruch demonstrativ zu unterlaufen.

Ich habe dazu andere Erfahrungen gemacht. Doofstellen erleichtert einem das Leben derartig, dass es eine Freude ist. Relativ. Danke, Oma!

Dies aber geschah, als Bettina Gaus, … die Möglichkeit der Satire überhaupt nicht in Betracht zog und Stefan Reinecke … forsch beschied: „Dieser Text ist keine Satire.“

Ja, die hier. Satire beruht auf Ironie, Ironie beruht auf Dummstellung, wenn man sich im Umgang mit Satire dumm stellt, ist das dann nicht durch doppelte Verneinung ok? Nebenbei ist Satire kein exakt definierter Begriff; persönlich halte ich das aber schon für Satire. Immunisiert weder gegen Kritik noch beweist das, dass der Satiriker(m/w/d) das Ziel nicht hasst bis ins Mark, aber rein formal und so.

Nun hängt es immer vom Einzelnen ab, einen Text auch als die Kunst anzusehen, als die er sich ausgibt.

Dann ist es aber kein „dumm stellen“, dann ist es ehrlicher Widerspruch, einen Text bspw. als Satire anzusehen. Ok, da schreiben zwei Leute einen Text, aber wenn darunter die Stringenz der Argumentation leidet, ist das vllt. richtig dumm gewesen.

Ein Leser kann den Anspruch gern verwerfen, ihm widersprechen, den Text geschmacklos oder gar unmoralisch finden und ihm im Privaten den Kunststatus aberkennen

Nicht nur im Privaten, sondern auch im Politischen. Die taz ist doch politisch, oder? Was genau Eckhart gesagt hat, und wieso dies entweder keine Satire oder aber menschenverachtende Satire sei, steht da übrigens gar nicht. Zumindest einige Menschen geben sich mit dem Verriss von HY mehr Mühe als das.

Dieser Vorbehalt sichert gerade der satirischen Kolumne gewisse Freiheiten zu, die ein Kommentar, eine Reportage oder eine Buchrezension in einer Zeitung nicht besitzen.

Hmmm, wenn jemand schriebe, dass Juden auf einer Müllhalde sich am besten selbst verwirklichen könnten, wäre das eine Satire. Eine üble, judenfeindliche Satire, die bestens im Stürmer aufgenommen wäre, aber wenn das eine eine Satire ist, ist das andere auch eine. Denn keine Definition von Satire macht Satire davon abhängig, wer über wen herzieht. Der Judenvergleich ist übrigens eine Analogie zur Geschlechtertauschprobe – man ersetzt im Text eine Gruppe Menschen mit „Juden“ oder ein Adjektiv, das eine Gruppe bezeichnet mit „jüdisch“. Dann überlege man, ob das für den Stürmer passend wäre. Wenn ja, überdenke man die Textstelle mit der ursprünglichen Gruppe nochmal.

Doch so wie schlechte Lyrik eben immer noch Lyrik ist, so ist auch schlechte Satire noch Satire.

Und so, wie gedichtete Beleidigungen einen Straftatbestand erfüllen können, können satirische Beleidigungen das auch.

Dass Yaghoobifarahs Text als Satire aufgefasst werden möchte, erschließt sich schon nach wenigen Zeilen

Um Leute zu widerlegen, die DAS nicht für Satire halten oder sich dumm stellen, ok. Viele Leute bestreiten das aber auch gar nicht, sondern halten den Text für eine beleidigende und hasserfüllte Satire, d’oh!

Die Perspektive dieser Kolumne folgt einem kenntlich zugespitzten Gedanken: dass Polizisten und Polizistinnen aufgrund etlicher interner, bekannter Skandale und Enthüllungen sowie mutmaßlich und weniger mutmaßlich rechtsradikaler Beamter in ihren Reihen nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln seien.

Jein. Der Gedanke ist, dass man sie nicht vermitteln sollte. Ist jetzt ein bisschen haarspalterisch, aber da gehen die Interpretionen schon auseinander.

Die Autorin wendet nun die Verdachts- und Profilingmechanik mancher Polizisten gegen die Polizei selbst. Aus den Enthüllungen über einzelne Polizisten und Sondereinheitsstrukturen strickt sie satirisch einen Generalverdacht in Bezug auf den sehr unsatirischen, sehr realen Generalverdacht

Ja, macht sie das, um einen ironischen Spiegel aufzustellen, oder, weil sie diesen Generalverdacht tatsächlich hat? Unschuldsvermutung und so verlangt, dass man da den ironischen Spiegel sieht, aber als ironischen Spiegel verweigere ich ihr jetzt einfach dieselbe Unschuldsvermutung, die sie Lisa Eckhart verweigert. Satire darf das!

Hierin erkennen Kritiker nun verschiedentlich eine menschenfeindliche Entsorgungsfantasie, die Menschen mit Müll gleichsetze. Aber ist die wirklich gegeben?

Keine Ahnung? Ich bin dumm. Erleuchtet uns mit Eurer Weisheit!

Das Missverständnis ist möglicherweise beabsichtigt

Ach? Waaas??? Nein, echt jetzt? Das gehhhtt?? Da wären wir ja nie drauf gekommen, weil wir (Zeitleser) ja ohne Eure Hilfe ja niemals, also, dass ist ja, das wäre – Hirnfick!

Aber mitnichten werden hier Polizisten zweifelsfrei mit Abfall „gleichgesetzt“, wie Bettina Gaus schrieb. Das Wort „ihresgleichen“ lässt sich auf Gegenstände, zu denen „Abfall“ gehört, sprachlich ja gar nicht korrekt beziehen.

Doch. Bzw., das wäre eine sogenannte „Metapher“. Das kommt aus dem Englischen von „Me Tap Her“ und bezeichnet eigentlich eine Sexualpraktik. Im übertragenen Sinne meint man damit auch die rhetorische Figur, wenn eine Wort eine ganz andere Sache bedeutet. Also ein Wort für Gegenstände auch Personen oder umgekehrt. Aber natürlich erkennen die beiden das nicht, denn das würde ihre Intelligenz verraten. Und Verrat wird nicht geduldet!

„Ihresgleichen“ gilt nur für Personen und dass die Autorin vorher den Abfall zu Personen aufgewertet hätte, ließe sich nicht belegen.

„Aufwerten“ wäre ein sehr zynischer Euphemismus, und das ist eine kleinkarierte Haarspalterei, die niemand bei der taz, bei der Zeit oder sonst einem einigermaßen menschenfreundlichen Blatt akzeptieren würde, wenn es um Juden ginge. Und wenn jetzt jemand: „Doch, ich!“ ruft, tja, soeben hat Dein Blatt aufgehört, als einigermaßen menschenfreundlich zu gelten. Glückwunsch!

Innerhalb der Logik und Idee der Kolumne könnte dies sogar eine böse, aber folgerichtige und eben nicht menschenfeindliche Pointe sein:

Wieso könnte? Was sonst wäre das, außer einer Pointe? Wie dumm kann man sich stellen, ohne sich doof vorzukommen? Und da die Pointe polizistenfeindlich wäre, müsste man Polizeimitgliedern ihre Menschlichkeit absprechen, um das für „eben nicht menschenfeindlich“ zu halten.

Aber gut, analysieren wir das mal, ne? Ersetzen wir im Satz „ihresgleichen“ mit denen, die gemeint sein könnten:

  • „Unter Polizisten fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.“
  • „Unter Deponiearbeitern fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.“
  • „Unter Abfällen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.“

Der erste Satz könnte gemeint sein, aber unter Polizisten sind die ja sonst auch, und da steht ja nicht „Nur unter ihresgleichen“. Der zweite Satz könnte gemeint sein, aber wenn Deponiearbeiter „ihresgleichen“ sind, wären Deponiearbeiter Rassisten und Nazis. Und der dritte Satz könnte gemeint sein, weil Mülldeponien vor allem für ihre Abfälle bekannt sind.

Natürlich hat HY das so formuliert, dass vor Gericht die besseren Interpretationen vorgebracht werden können. HY ist ja nicht dumm, HY verstellt sich bloß.

Eine eindeutige „Hassrede“, wie sie mancher darin erkennen wollte, ist die Kolumne jedenfalls nicht.

Das liegt aber nur daran, dass „Hassrede“ auch nicht scharf definiert ist. Nebenbei, was wäre eine Definition von Hassrede, die alltagstauglich wäre, aber sowas nicht erfasst?

Der aktuelle Vorgang ist damit auch beispielhaft für eine inzwischen leidvolle Diskurspraxis, in der ein Satz eines Artikels, eines Romans, einer Rede außerhalb aller Kontexte gestellt wird, damit sich an ihm ein Skandal kondensieren möge.

Naja, der Artikel wird vielfach verlinkt, und es ist nicht so, dass der eine Satz im Gesamtkontext völlig anders interpretierbar ist. Bzw., es gibt – ungeachtet, wie man den konkreten Fall betrachtet – eine Überlappung der Bereiche „Satire“ und „Hassrede“, weshalb das eine kein Widerspruch zum anderen ist.

Und deshalb ist es taktisches Dummstellen, einfach zu belegen, dass etwas Satire ist, und dass es von etwas eine harmlose Interpretation gibt.

Ein Gedanke zu “Taktisch dummstellen für Profis

  1. Ich finde, das was die „verteidigenden“ Medien hier an Framing versuchen ist einfach nur grenzdebil dämlich. „Dass es eine harmlose Interpretation gibt“ exkulpiert absolut überhaupt nicht, und es ist auch dem Tenor des Textes genau Null zu entnehmen. „In dubio pro reo“ ist schön, aber der Text lässt als Gesamtkunstwerk keine rationalen Zweifel an der Aussage zu. Da braucht man marxistische Ausführungen zu „Menschenmüll“ gar nicht zu kennen, wie kennen alle den Antifa-Aufkleber „Nazis in den Müll“.
    Wenn ich schreibe, man sollte die TAZ-Redaktion vergasen, kommt auch keiner auf die Idee, dass ich nur möchte, dass man ihre Atemluft so mit Sauerstoff anreichert, dass ihre Hirne besser funktionieren. Wäre aber nicht die schlechteste Idee.

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