taz geht auch anders

Nämlich so:

Ich habe die Kolumne als eine polemische und satirisch-groteske Kritik an einer Machtstruktur,

Ja, dass das eine polemische Satire ist, sehe ich ähnlich. Und die Polizei ist eine Machtstruktur, aber die Medien auch. Die Exekutive ist die zweite Gewalt, und Ihr seid die vierte. Als Macht #zigmillionenunddrölfzig lehne ich mich zurück und geniese das Spektakel.

an einem Gewaltmonopol

Wo steht das bei HY? Das Gegenteil von einem Gewaltmonopol wäre außerdem ein Gewaltpolypol, und das ist ja noch schlimmer

und an einer Reihe von ungeklärten und unverhinderten Ermordungen in Deutschland gelesen.

Der juristische Klugscheißer in mir meint, dass es bei einigen Fällen sogar ungeklärt ist, ob der fragliche Todesfall eine Ermordung war. Der Bezug war aber nicht Ahmed A. oder andere Fälle, sondern die rechten Netzwerke. Beides sicher kritikwürdig, aber nur zur Dokumentation, wie unterschiedlich man etwas lesen kann.

Ich stehe zur Autor:in, das Ressort ebenso und auch viele weitere Kolleg:innen aus dem Haus haben direkt, intern oder öffentlich bereits ihre Solidarität bekundet.

Ja. Und manche solidarisieren sich mit der Polizei. Solidarität beweist nur, mit wem man solidarisch ist, nicht, wer Recht hat.

Was die Aufregung um die taz- zwei-Kolumne derzeit vor allem offenlegt, ist, dass wir innerhalb der Redaktion nicht alle gleich sind. Zum einen, weil Solidarität etwas ist, das nicht allen im gleichen Maße und ohne Zögern zuteil wird.

Ja, das ist das Problem mit Solidarität. Solidarität ist eine begrenzte Ressource, mit gehandelt wird. Solidarität gegen Solidarität. Leistung und Gegenleistung. Und wie bei jedem Handel kann man über den Tisch gezogen werden. Kann sein, dass man Euch keinen „Gegenwert“ zutraut, kann sein, dass Ihr gerade hart abgezogen werdet.

Zum anderen, weil das Wort „Identitätspolitik“ von einigen, meist weißen Kolleg:innen immer wieder gebraucht wird, um Autor:innen, Redakteur:innen und Ressortleiter:innen, die sich selbst als BPoC (Schwarze Menschen und People of Color) verstehen, Kompetenz, Vernunft, Objektivität oder Relevanz abzusprechen.

Auch das ist ein Spiel, das oft auf Gegenseitigkeit beruht – oh, die Abgründe menschlichen Sozialverhaltens. Und die Nationalsozialisten machten „asozial“ zum Schimpfwort. Und die DDR führte das weiter. Diese Ironie, sowas kriegt man heute nicht mehr hin. Aber wieauchimmer – jetzt käme es etwas auf die Argumentation an. Haben die wirklich gesagt: „Ihr BPOCs seid inkomptent, unvernünftig, nicht objektiv und irrelevant?“ Und was ist Euer Argument genau: „Jede und jeder einzelne von uns BPOC wurde letzte Woche mehr diskriminiert und beleidigt als Ihr alle zusammen in Eurem ganzen Leben; offensichtlich kennen wir uns besser mit Rassismus aus, deshalb schreiben wir alles zum Thema.“ oder: „Ihr habt eh‘ keine Ahnung, also könnt Ihr Euch nicht dazu äußern.“? (Ich kenne eine Menge Fälle, bei denen Journalisten über Dinge reden, mit denen sie sich jeweils nicht oder schlecht auskennen, und die ihnen entweder schlecht erklärt wurden, die falsch verstanden wurden, oder die in der Redaktion verschlimmbessert wurden. Ich bin da insofern auf Eurer Seite, dass man wenigstens einmal ein Thema nur von Fachleuten angeht.)

Als ginge es am Ende um Betroffenheit versus Nichtbetroffenheit.

Nachdem mir viele Leute genau das sagen, kommt mir die Vermutung, dass es genau darum gehen soll.

Es ist erstaunlich, dass diese Kolleg:innen annehmen, sie selbst seien objektiv und identitätslos.

Eigentlich ist die Frage, ob die weniger befangen oder voreingenommen sind als Ihr, aber das sind sie wohl auch nicht. Nur geht es um (mehrheitlich weiße) Polizei und deren Rechtsverständnis oder hier -unverständnis, und weiterhin darum, wie viel Polemik und Satire man als Kollege(m/w/d) unterstützen will.

Als könnte man sie nicht genauso einzeln auffächern in die jeweilige Sprecherposition, die für alles, was sie sagen, maßgeblich ist. Es ist eben das Private politisch und im Grunde ist alles Identitätspolitik.

Ok, was ist dann jetzt das Argument? Weiße können nicht mitreden, weil sie die falsche Sprecherposition haben, oder Weiße dürfen andere nicht wegen ihrer Sprecherposition kritisieren, weil sie selbst eine haben? Das Argument, dass Weiße beim Thema Rassismus befangen sind, habt Ihr aber anscheinend vergessen.

Manchen erscheint es dennoch ganz hilfreich, BPoC immer wieder eine Opferhaltung zu attestieren

Ja, bei manchen zumindest ist das nicht allzu schwer. Was ist Eure Vermutung – die wollen die arme, überwiegend weiße Polizei vor Eurer Kolleg:in beschützen, oder die finden, dass die Diskussion eine bestimmte Eskalationsstufe nicht überschreiten sollte, aus welchem Grund auch immer? Oder, die sind einfach gegen Hassreden und wollen nicht als bigotte Heuchler dastehen. Keine Ahnung, ehrlich gesagt.

Die Enttäuschung, als BPoC mit dem Totschlagargument „identitätspolitisch“ abgekanzelt zu werden, wie es auch die Autor*innen/Kolleg*innen in der letzten Ausgabe der taz am Wochenende getan haben, ist gerade in einem Haus wie diesem groß.

Ok, vllt. sind die Weißen bei der taz auch einfach heimliche Rassisten, die BPOC nur zu Alibizwecken eingestellt haben. Und heimlich kriegen die Weißen auch immer noch ein extra Monatsgehalt. Das politische (Gehalt) ist privat und so.

Denn die taz ist ein Umfeld, in dem andere Emanzipationsbestrebungen verstanden und unterstützt werden, etwa jene von Frauen oder Homosexuellen.

Nur, weil jemand Rassist ist, mus soe nicht gleichzeitig Sexist(m/w/d) und/oder homophob sein. Ja, das kommt häufig zusammen vor, aber dass das immer zusammen vorkommt, ist auch nur ein Vorurteil. Haben homosexuelle und/oder weibliche Leute bei der taz eigentlich auch mal eine Satire geschrieben, bei der Menschen auf einer Müllkippe leben sollten?

Dagegen wird die Gleichstellung von BpoC gerne in verschachtelten Vorträgen als neoliberal oder schlicht egoistisch abgetan.

Jein. Das Argument, nur BPOC könnten/sollte/dürften sich zum Thema Rassismus äußern, bzw., wenn sie’s tun, ist jede Stufe der Eskalation legitim, wurde so kritisiert. Die Gegenposition, wie ich sie von außen mitkriege – kann ja sein, dass das intern anders formuliert und, vor allem, anders gemeint war – ist, dass nicht jede Eskalation (Menschen auf den Müll) gerechtfertigt ist, und dass auch Weiße sich zum Thema Rassismus äußern können/dürfen/sollen.

 Gaslighting, also eine Form der Manipulation, durch die unterstellt wird, der Wille sich für die eigenen Rechte einzusetzen, käme allein aus einer Motivation andere abzuwerten oder um den Preis, andere Missstände stillschweigen akzeptieren zu müssen.

Ihr seid mündige Menschen und müsst Euch nicht manipulieren lassen. Außerdem werdet Ihr selbst am besten wissen, was Eure Motivation ist. Und persönlich finde ich, dass man nicht alle Probleme auf einmal lösen kann, also ist es logisch, sich erstmal auf eines zu konzentrieren. Aber trotzdem, hat mal bei der taz eine LGBT-Person gearbeitet und eine vergleichbar aggressive Satire dort veröffentlicht, und die wurde irgendwie weniger hart angegangen?

Seriösen Journalismus scheint man für viele nur machen zu können, indem man andere betrachtet, ohne dabei sich selbst zu erkennen.

Das ist natürlich Quatsch. Vor allem widerspricht dies den Lehren des Sun Tzu.

Ohne emotional zu werden. Auf gar keinen Fall sollte man als BPoC gar wütend werden, das wird gerne als Hass ausgelegt.

Warum sollte es Euch besser gehen als Incels? Achja, weil es allen besser gehen sollte als den Incels. Einschließlich den Incels selbst.

Und dann wird wiederum unterstellt, es ginge nur um Clickbaiting und um Aufmerksamkeit.

Ja, ok, DER Vorwurf ist etwas seltsam, wenn der aus dem eigenen Kollegenkreis kommt – Ihr versucht, Geld für Eure Zeitung zu verdienen? Mit Artikeln im Internet?

„Mit einer Biografie als schwuler, urbaner Migrant lässt sich auf den Aufmerksamkeitsmärkten mehr Kapital generieren als mit einem Dasein als Normalo in Eisenhüttenstadt“ und dazu kann man nun wirklich nicht mehr viel vernünftiges sagen, außer: Dieses „Kapital“ könnt ihr gerne haben und das Trauma gibt’s gratis dazu.

Die traurige Wahrheit ist aber leider, nicht einmal die anderen Normalos in Eisenhüttenstadt interessieren sich ernsthaft für ihren Mitnormalo, aber so ein schwuler Migrantenurban, das ist mal was anderes. Ist wirklich nicht gut, aber für beide Parteien.

Es heißt für viele in Themengebieten zu arbeiten, wo es wenig Prestige, aber umso mehr Hate-Speech gibt.

Einschließlich solcher, die Ihr selber schreibt?

2 Gedanken zu “taz geht auch anders

  1. Ich bin ja 100%ig für freie Meinungsäußerung, auch im Falle Fettie: So kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, was für eine widerwärtige Person das ist und was für eine menschenverachtende Ideologie dieses Drecksblatt vertritt.

    Nun aber haben wir in Deutschland keine freie Meinungsäußerung, sondern vielfältige Zensurparagrafen. Und die werden jetzt nach der vollen Härte des Gesetzes angewendet; Gesinnungsjustiz geht nämlich gar nicht. Paar Tausend Euro Geldstrafe und 6 Monate auf Bewährung wären da angemessen; „Rechte“ bekommen das für deutlich mildere Aussagen.

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