taz kommt davon

Aus gegeben Anlass stellt die taz ihre interne Diskussionen online – herumzanken plus Träffik generieren, wie geil ist das denn bitte?

Ich fange mal hiermit an:

Kann es wirklich wahr sein, dass wir uns innerhalb unserer Zeitung allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz nicht mehr darauf verständigen können, was unter Menschenwürde zu verstehen ist

Offensichtlich. Bzw., ich persönlich würde schon noch einen Unterschied machen, ob jemand darüber schreibt, dass bestimmte Menschen auf einer Müllhalde leben sollte, das wäre auch für sie selbst am besten, oder ob Menschen tatsächlich auf einer Müllhalde leben – Journalisten scheinen die Macht der Worte immer etwas zu überschätzen, besonders ihre eigenen – aber davon ab. Ihr habt unterschiedliche Ansichten zum Thema Menschenwürde.

Wer die Kolumne verteidigt, tut dies im Regelfall unter Verweis auf eine Opferrolle.

Achwas? Ja, sowas. Ich gebe ja zu, dass die taz schon differenzierter ist als andere, aber DAS ist erst jetzt aufgefallen?

Ihr privilegierten Weißen habt ja keine Ahnung. Ihr wisst nicht, wie es sich anfühlt, aufgrund äußerer Merkmale diskriminiert zu werden, lebenslang benachteiligt zu sein.

Es gibt in D. keine Diskriminierung gegen Weiße, ja. Das beweist nicht, dass es keine schwarzen Rassisten gibt, sondern nur, dass es zu wenig davon gibt, um die Weißen ernsthaft zu benachteiligen. Aber bestimmt gibt es weiße Schwule, weiße Juden, weiße Frauen, weiße wasweißichs, die Diskriminierungserfahrungen haben und grundsätzlich auch
„vom Fach“ sind. (Aber, Mycroft, schwul und so sind ja keine äußeren Merkmale.“ – „Ja, das wird denen ein Trost sein.“)

Und deshalb eine – ja, auch unsachliche – Wut zu empfinden.

Hengameh Yaghoobifarahs Familie kommt aus einem Land, das sich selbst „Land der Arier“ nennt. Sie ist nicht besonders dunkelhäutig. Was, wie ich schon sagte, nicht heißt, dass niemand sie je diskriminiert hat, aber ähhh, ernsthaft jetzt? Vor allem, es geht in der Glosse ja nicht um Rassismus, sondern um Polizeigewalt allgemein. Brutale, überzogene, willkürliche Polizeigewalt, die es ja tatsächlich gibt. Aber – und an der Stelle löst sich das Fachkraftargument in Wohlgefallen auf – die kann auch Weiße treffen. Also auch indigene Weiße, nicht nur hellhäutige Menschen, die sich tatsächlich zu Recht Arier nennen können. Vor allem: HY ist kein Mann, ich schon. Wer von uns würde bei einer „zufälligen“ Polizeikontrolle eher durchsucht werden. Oder überhaupt durchsucht?

Deshalb werde ich die Kolumne, um die es hier geht, auch nicht brav nach außen hin verteidigen und nur intern kritisieren. Das wäre falsch verstandene Solidarität. Den Korpsgeist, der andere Organisationen auszeichnet, halte ich im Hinblick auf die taz nicht für erstrebenswert.

Gegen Lindemann hat das niemand gestört, oder?

Dann er hier:

Der Text ist keine Satire.

Ähh, doch. Er arbeitet mit Überspitzung, kritisiert die Wirklichkeit und ist polemisch. (Es gibt noch das Kriterium, dass Satire witzig sein muss, aber das ist sinnlos. Irgendwer wird immer irgendwas nicht witzig finden, und bei Satiren sind das meistens die Kritisierten.) Ja, der Text ist kränkend – aber welche Satire ist das nicht – er ist nicht besonders „literarisch“ – aber dann ist es eben handwerklich schlechte Satire – und er ist Gegenstand einer Anzeige – Scheiß Rechtsstaat, wa!?

Denn Satire darf ja irgendwie alles. Auch das stimmt nicht. In der taz ist die Liste der zu vermeidenden Worte und von satirischen Bemerkungen auszusparenden Gruppen im Laufe der Jahre länger geworden.

Die haben eine Liste? Die haben da wirklich eine Liste an nicht-legitimen Zielen? Okeeeee.

PolizistInnen werden in diesem Text als untauglich für jeden anderen Beruf beschrieben und landen am Ende als Abfall auf dem Müll

„Als Abfall“ ist so nicht richtig. Man kann das auch als arbeitslose, obdachlose Slumbewohner(m/w/d) denken, die mit ihren Kindern die Mülldeponie nach Verwertbarem oder zumindest Essbarem durchsuchen. Müllhalden in D. haben übrigens am Ende eine Abdeckung aus Erde, die mit Gras oder Bäumen bepflanzt wird. Aber das ist wohl nicht gemeint, und soviel Kenntnisse von Abfallwirtschaft zu haben ist ja unzumutbar.

Das mag, streng nach Definition, keine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sein, riecht aber ähnlich übel.

Vor allem, es ist scheißegal, ob das „streng“ nach Definition wäre oder nicht. Wenn jemand seine Menschenfeindlichkeit veröffentlicht, wird soe das natürlich so formulieren, dass man ioi daraus möglichst keinen Strick drehen kann. Und bei politischen Gegnern würdet Ihr solche kleinkarierten Haarspaltereien auch nicht akzeptieren.

Man identifiziert eine Gruppe, die in der eigenen Community als Feindbild tauglich erscheint, und bekübelt sie mit Herabwürdigungen, die ein kleines bisschen – zwinker, zwinker – lustig gemeint sind.

Also ja, wenn jemand aus Menschenverachtung eine Satire schreibt, ist diese Satire menschenverachtend, aber immer noch eine Satire. Wenn jemand jemanden verächtlich machen will, und dafür eine Satire benutzt, hört soe nicht auf, diese Person zu verachten. Dass das erst jetzt auffällt.

Das erinnert an rechte Hate Speech.

Nooiiiinnn, echt? Ok, es gibt viele Menschen, die das Hufeisenmodell ablehnen, aber „Hate Speech“ ist „Hate Speech“. Ob einemwd die Braunhemden oder die Schwarzhemden einen Genickschuss verpassen, ist dem Genick egal.

Rechtsextreme Hassrede richtet sich zwar gegen Minderheiten, während hier eine Berufsgruppe attackiert wird, die eine Wahl getroffen hat. Aber Polizisten sind selbst schuld, ist gedankenarme Ablenkung.

Ach, eigentlich nicht. Polizisten sind selbst schuld, wenn keiner sie leiden kann, und HY ist selbst schuld, wenn keiner sie leiden kann. Ist ja nicht so, dass es moralisch oder ethisch oder sonstwie geboten wäre, andere Menschen leiden zu können, oder? („Ähh, doch?!“ – „Mist!“)

Wie wäre es mit: Singles sind Müll? (Nehmen anderen die Wohnung weg.) Unterschichtsangehörige sind Müll? (Hätten sich mehr anstrengen sollen.) Oder: taz-KolumnenschreiberInnen sind Müll?

Oder Männer? Ach, hatten wir schon.

Und verstehen nur weiße Männer das nicht, die unfähig sind, ihr Privileg zu begreifen, von der Polizei nicht rassistisch angegangen zu werden?

Ja, wenn man von der Polizei angegangen wird, weil man schwul ist, oder Gewerkschafter, oder Umweltschützer, oder generell gefährlich (=männlich) aussieht, ist das ja nicht so schlimm. Benno Ohnesorg wäre noch viel toter, wäre er Schwarz gewesen.

Die Sprecherposition aber zu essentialisieren und zum entscheidenen Dreh-und Angelpunkt zu machen macht den Dialog fast unmöglich.

Achwas, Du, als Mitglied der vierten Macht von Deinem Elfenbeinturm herab predigend, hast doch eh‘ keine Ahnung.

Wird die Sprecherposition als finales Argument benutzt (Betroffenheit versus Nichtbetroffenheit), schrumpfen Argumente zur B-Note. Das ist die Persiflage jedes aufklärerischen Diskurses.

Eben. Satire darf das.

Das linksalternative Bild, dass eine taz-Autor:in mit Migrationshintergrund, die „nach oben“ (Polizei) tritt, alles darf, weil sie angeblich aus einer Position der strukturellen Unterlegenheit schreibt, ist allzu gemütlich. 

Jetzt gib hier mal nicht so an. Bürgerliche Konservative sind da genauso schlimm.

Klasse ist dort zwar theoretisch mitgedacht. Praktisch aber spielt der 16-jährige Biodeutsche aus bildungsfernem Haushalt in einer Kleinstadt, für den ein Polizeijob ein Geschenk wäre, keine Rolle.

Bei Twitter stand, dass die Polizei als Verteidigerin des Kapitalismus es unmöglich macht, ihre Mitglieder als Angehörige des Proletariats zu begreifen. Allerdings ist das Proletariat fast vollständig nach Pakistan, Bangladesh und anderswo ausgelagert worden. Von daher: Keks.

Es gibt eine uneingestandene Nähe des Konzepts der Intersektionalität, der Mehrfachdiskriminierung mit individualistischen Mustern, die durchaus anschlussfähig an neoliberale Ideen sein können.

Achwas? Hochnasige Menschen, die sich aufgrund Ihrer Herkunft und sozialer Stellung berechtigt sehen, andere verächtlich zu machen? Ja, was denn sonst?

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