Warum Definitionen wichtig sind III

Die folgende Rassismusdefinition ist von Albert Memmi. Der letzten Monat leider gestorben ist.

„Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“

Man beachte bitte das „oder“ zwischen „Privilegien“ und „Aggressionen“. Man kann andere benachteiligen oder ihnen gegenüber Privilegien haben, ohne aggressiv zu sein, und man kann aggressiv gegenüber Menschen sein, gegenüber man keine Vorteile oder sogar Nachteile hat.

Es ist also erstens nicht so, dass „Rassismus“ nur echt ist, wenn er mit Diskriminierung anderer einher geht, und zweitens kann man auch rassistisch sein, wenn „nur“ aggressiv ist. Ein arbeitsloser Weißer, der das Auto eines wohlhabenden Schwarzen anzündet – und zwar nur des Schwarzen, das Auto von dessen weißen Nachbarn lässt er heile – ist also ebenso rassistisch, als wenn die Erwerbssituation umgekehrt wäre.

Es kann also tatsächlich Rassismus gegen Weiße geben. Wie oft der vorkommt, sei mal dahingestellt, aber die Definition schließt das nicht aus. Das heißt jetzt aber nicht im Umkehrschluss, dass Weiße in einem Land, in dem 90-99% Weiße leben, ernsthaft diskriminiert werden. Denn, wiederum gem. obiger Definition, Diskriminierung ist kein notwendiges Kriterium für Rassismus.

D.h., zu Ende gedacht: Rassismus kann auf Gegenseitigkeit beruhen. Wie Enten und Aale, die in Australien gegenseitig die Jungtiere fressen. Oder – für die romantischen Teile meiner Leserschaft – wenn Liebe erwiedert werden kann, dann ja wohl auch Hass. Aber Theorie und Praxis stoßen auf ihre Grenzen, wenn sie IHR begegnen:

Ja, dieses Volk hat Angst. Es hat einfach zu viele Leichen im Keller – und Angst vor Rache. Angst vor den Schwarzen. Von den indianischen Ureinwohnern, die außerhalb der Reservate überhaupt nicht mehr zu sehen sind, ganz zu schweigen.

Ja, nur weil sie Schwarzer ist, ist sie trotzdem keine Expertin. Und jaaa, mit „dieses Volk“ meint sie offenbar nicht die Afroamerikaner und die Ureinwohner. Hmmmmm. Echt jetzt?

Nebenbei frage ich mich, wie viel von dieser Rachefantasie jetzt Projektion und wie viel vorweggenommene Schadenfreude ist.

Aber bei Twitter steht das hier:

Auch die Weißen in Amerika haben Angst. Sie fürchten die Rache der Schwarzen. Mit Grund. Denn das Land ist bis heute zutiefst rassistisch. Alice Schwarzer hat es selber erlebt – in den fortschrittlichen Kreisen.

Ja, nee, Schwarzer ist nicht selbst Opfer von Rassismus geworden. Aber welchen Eindruck soll man jetzt kriegen? Ich frage für Stokowski.

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