Schlimmer geht immer

Jaaa, der Spiegel sollte mehr Zugang zu Expertinnen und nicht-weiblichen Experten haben als Pnikstinks.

Leider nehmen sie trotzdem Stokowski.

Viele Weiße interessiert der gewaltsame Tod von George Floyd nicht so sehr wie das, was darauf folgte

Viele Weiße interessiert beides nicht. Manchen Weißen ist alles außer Fußball egal. Und bei einigen Weißen könnte ich mir vorstellen, dass denen tödlicher Machtmissbrauch derartig evident falsch erscheint, dass sie sich nicht die Mühe machen zu sagen: „Dieser tödliche Machtmissbrauch ist falsch!“

Die Gewalt in den USA eskaliert, so kann man es jetzt überall lesen, und es stimmt und stimmt nicht. Es ist wahr, dass die Gewalt eskaliert – aber sie tut es nicht erst, seit die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt sich ausweiten.

Wer hat konkret gesagt formuliert, dass der Tod von George Floyd noch NICHT zu der Eskalation gehört? Also, es gibt bestimmt welche, die das so sagen und meinen, aber es gibt auch Leute, die die Erde für eine Scheibe halten. Stokowski schießt hier auf Pappkameraden.

Ein weißer Mann tötet einen wehrlosen schwarzen Mann, und im Nachgang erklären weiße Menschen schwarzen Menschen, wie sie zu trauern haben.

Jaaa, dito. Wer trauert? Wer behauptet, dass jemand trauert?

Im Deutschlandfunk wird berichtet: „In den USA kommt es weiter zu Plünderungen, Krawallen und Gewaltausbrüchen nach dem Tod vom George Floyd.“ So lautete der erste Satz zur Meldung in der Nachrichtenübersicht am Sonntagabend. Komisch, denn da kommt die Polizei irgendwie nicht vor.

Ich gehe mal davon aus, dass die Polizei schon vorkommt, und nicht einfach irgendwo sich ein paar Donuts holt. Insofern vermisse ich die Information nicht, aber gut. Gemeint ist, dass die Formulierung „nach dem Tod von George Floyd DURCH einen Polizisten“ lauten sollte. Ja,

Die Tötung wird natürlich später in der ausführlicheren Meldung genannt, aber: Warum werden die Plünderungen als Erstes genannt und welcher Eindruck soll dadurch von den Protesten entstehen?

Keine Ahnung, welcher Eindruck entstehen soll. Es kommt mir aber etwas verschwörungstheoretisch vor, wenn aus der Tatsache, dass eine Einleitung nicht die kompletten Infos enthält, direkt eine Absicht hergeleitet werden soll. Mal ein Beispiel in einer ganz anderen Sache:

 Beim Todesfall in einer Viersener Kita verdichten sich die Anzeichen, dass das Verhalten der Erzieherin schon früher hätte auffallen müssen. Ob sie psychologische Hilfsangebote annahm, ist offen.

Es wird nicht gesagt, dass die Erzieherin NICHT die Tote ist, sondern eine mutmaßliche Mörderin. Das Opfer ist ein kleines Mädchen, das einen Tag zuvor erst drei wurde, und – im Unterschied zu George Floyd – nicht mal erwähnt wird. NaTÜRlich wird das später nachgeholt, aber: Sollte hier etwa der Eindruck erweckt werden, die Erzieherin habe sich umgebracht? Oder sei nicht zurechnungsfähig? Oder – kA – man solle etwa Mitleid mit IHR haben? Alles drin – wenn man Verschwörungen sucht, so wird man schnell fündig.

Über friedlichen Protest wird seltener berichtet

Über Männer, die weder Täter noch Opfer von Gewalt werden, eigentlich auch nicht. Bzw., irgendwer schon, aber Stokowski berichtet nur von männlichen Tätern, weiblichen Opfern und gelegentlich von männlichen Opfern. Noch so ein Grund, warum man solche Kritik jemand anderes schreiben lassen sollte.

Wie friedlich, wie ruhig, wie leise müssten Menschen dagegen protestieren, dass immer wieder schwarze Menschen aus rassistischen Gründen ermordet werden, ohne dass Weiße ihnen erklären, was sie alles falsch machen?

Sind das dieselben Weißen, die auch gegen die Krawalle bei Globalisierungsgipfeln und dergleichen sind? Also auch gegen Krawalle von Weißen?

Aber Weiße kritisieren nicht nur, dass es zu Krawallen kam, kritisiert wird auch friedlicher Protest: eine vermeintlich zu harte Wortwahl, zu viele Emotionen, zu viele Pauschalisierungen.

Okeee. Aaaalso, manche Weiße kritisieren Krawalle, manche davon, weil sie generell gegen Krawalle sind, manche mehr, weil sie diese Krawalle nicht für zielführend halten. Manch andere kritisieren auch friedliche Proteste, wegen Wortwahl, Emotionen und/oder Pauschalisierungen. Mit „kritisieren“ ist manchmal gemeint, dass man komplett gegen die kritisierte Aktion ist, manchmal bloß, dass man FÜR die Aktion ist, nur mit der Umsetzung unzufrieden ist. Demzufolge gibt es eine Vielzahl von möglichen Kombinationen aus „Art der Kritik“ und „Ziel der Kritik“, so dass es eine Menge unterschiedlicher Positionen hat, die man als Weißer (und auch als Schwarzer) (m/w/d) dazu haben kann. Aber natürlich macht Stokowski den Ebonier-Syllogismus: manche Ebonier engagieren sich im Umweltschutz, manche Ebonier tragen Pelz – alle Ebonier sind Heuchler.

Trauerkritik, ein hässliches Genre, das manchmal aus offensichtlichem Rassismus entsteht, manchmal auch, weil einige Menschen unfähig sind zu erkennen, dass andere vom Tod George Floyds getroffener sind als sie selbst (was aber nicht heißt, dass dahinter nicht auch Rassismus steckt).

Nun, wenn jemand angeblich NICHT sieht, warum manche Menschen vom Tod mancher Menschen betroffener sind oder sein könnten, ist das eher Dummstellen als alles andere. Aber ja, es gibt auch Rassisten, die sich dummstellen. Ist aber so oder so keine „Trauerkritik“. Auch die, die einfach nur mit Plakaten auf eine Demo gehen, nennen das Demo und nicht Trauerzug. (Ok, eine als „Trauerzug“ getarnte Demo gab’s mal in Chemnitz oder wo…)

Die Journalistin Mirjam Fischer schrieb darauf „Bruder?“, weil Kuhnke mit Floyd nicht direkt verwandt ist, und Leute diskutierten, ob eine schwarze Frau einen schwarzen Mann „Bruder“ nennen darf.

Es ist schon klar, was mit „Bruder“ gemeint sein soll. Solidarität und so. Allerdings ist auch klar, was mit dem Einwand gemeint ist – weder Stokowski noch Fischer sind meine Schwester.

Wie unangemessen, wie respektlos kann man anderen in ihre Trauer hineingrätschen?

Wäre George Floyd bei sagen wir einem Autounfall gestorben, hätten nur seine Familie und Freunde um ihn getrauert. Es ist also nicht der Verlust eines lieben Menschen, oder auch eines bewunderten Vorbildes, sondern die Angst, dass das einem lieben Menschen, einem bewunderten Vorbild oder einem/r selbst passieren kann. Eine berechtigte Angst wohlgemerkt, aber Trauer und Angst sind nicht dasselbe. (Bestreitet allerdings nur Stokowski – we hat behauptet, dass Frauen sich besser mit Gefühlen auskennen?)

Arno Frank schreibt in einem SPIEGEL-Kommentar, Plünderungen seien „der Moment, in dem der politische Protest unweigerlich kippt – und seine moralische Berechtigung verliert“. Sicher? „Der politische Protest“, also der gesamte Protest, verliert seine Berechtigung? Wie soll das gehen? Muss dann auch die Französische Revolution für ungültig erklärt werden, weil da auch dies und das passierte? Noch mal zurück, noch mal gesittet von vorne?

Ok, DA hat sie Recht. Weil es einfach Gruppenhaftung ist. Mensch A engagiert sich politisch gegen exzessive Polizeigewalt, dass diese hauptsächlich Schwarze trifft, ist nicht seine Schuld, sondern die der Polizei. Mensch B wirft aus „Trauer“ über den Tod eines Menschen, von dessen Eistenz er zu Lebzeiten nie gehört hat, von den Händen und Knien eines Polizisten eine Schaufensterscheibe ein und schleppt den dahinter befindlichen Großbildschirm nach hause, um seine Gefühle besser zu verarbeiten.

Wieso sollte sich Mensch A dafür rechtfertigen?

Das ist allerdings keine rhetorische Frage, weil Stokowski sonst immer gut dabei ist, Menschen in Gruppenhaft zu nehmen.

Warum gibt es so wenige journalistische Kommentare, in denen gefordert wird, rassistische Polizeigewalt endlich als Problem zu erkennen? Weil das so offensichtlich ein Problem ist? Ist das die Idee?

„Menschen sterben, wenn man sie umbringt!“ – „Und?“ – „Das ist unethisch!“ Aber ja, es gibt auch dämliche Journalisten. m/w/d

Dass es falsch ist, einen Menschen zu töten, und das ja alle wissen – dass man aber einem trauernden, wütenden, verängstigten Kollektiv erklären muss, dass Plündern eigentlich gar nicht erlaubt ist, weil die das ja vielleicht gar nicht wissen?

Ist jetzt nichts anderes, als einem nicht-trauernden, nicht-wütenden und nicht-verängstigten Kollektiv (Männern) zu sagen, dass Vergewaltigungen nicht erlaub sind, weil die das vllt. auch nicht wissen. Also, es ist noch nicht einmal „falsch“, es ist sinnlos – die Täter tun das im Wissen um die Illegalität, die Nicht-Täter sind nicht für die Täter verantwortlich.

Nebenbei ist die Kritik an eine Handlung – auch, wenn sie von irgendwelchen mächtigen Weißen kommt – nicht annähernd so wirkmächtig wie Stokowski das vllt. vorkommt. Vor langer Zeit gab es mal die Schlagzeile: „Westerwelle verurteilt Gewalt in Ägypten.“ Es fehlte der zweite Teil: „Gewalt in Ägypten zeigt Westerwelle den Mittelfinger!“

4 Gedanken zu “Schlimmer geht immer

  1. Einerseits stehe ich den Protesten sympathisch gegenueber, andererseits sind sie voellig fehlgeleitet, und das nicht nur wegen der Pluenderungen, sondern vor allem weil Antifa und andere Gewalttaeter es mal wieder „drauf ankommen lassen“.

    Generell ist uebertriebene Polizeigewalt in den USA ein berechtigtes Thema. Es kocht immer nur dann hoch, wenn ein Schwarzer betroffen ist. Weisse sind genauso betroffen. Und m.A. liegt das nicht nur an einzelnen brutalen Polizisten. Es liegt vor allem daran, dass wir palettenweise Gesetze haben, die es dem Staat erlauben sich in fast alles mit Gewalt einzumischen.

    Dass eine betagte DDR Buergerrechtlerin vor Kurzem bei einer Hygienedemo von Polizisten einfach ueber’s Pflaster geschleift wurde, ist in den Medien ignoriert und nur von wenigen Blogs dokumentiert worden. Oder wenn ein Staatsfunk-Gebuehren-Nichtzahler ggf. zu Knast verurteilt wird, wird ihm absichtlich Gewalt angetan, obwohl der Staat ihm einfach den Betrag vom Konto abbuchen koennte (auch gegen seinen Willen).

    Jedem Privatmenschen wird „Verhaeltnismaessigkeit“ vorgeworfen, wenn er sich gegen einen Angriff wehrt (was m.A. falsch ist); der Staat uebet aber immer unverhaeltnismaessig viel Gewalt aus, auch und vor allem bei Buergern, die keine Gewalt ausueben.

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  2. Es gibt ja auch die nicht-gewalttätigen Proteste.

    Nebenbei, Polizist in einem Land mit besonders liberalen Waffengesetzen zu sein, ist vermutlich auch kein Spaß, aber trotzdem kein Grund für Sadismus.

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