Männerwelten und Logik

Weil das Thema ja endlich mal diskutiert wird, auch von Stokowski.

War ja klar.

Dem Anfang stimme ich ja sogar zu – 15 Minuten können eine Diskussion, die angeblich nie im Mainstream war, nicht baschließend wiedergeben, feminismusinterne Diskussionen sind ja eigentlich was gutes, und Joko und Klaas haben eine Vorgeschichte zum Fremdschämen – allerdings hat Frau Stokowski eine Quote zu erfüllen. Wenn sie zu wenig Widerspruch auslöst, muss sie wieder Kartoffeln für die Verlagskantine schälen.

Da stürze ich mich natürlich in die Bresche, weißer Ritter for the win!

Man konnte oft lesen, „Männerwelten“ sei „bewegend“ gewesen, aber bewegend zu was? Wir hatten #aufschrei, wir hatten #MeToo, wir hatten Titelseiten voll mit Frauen, die erzählen, was ihnen angetan wurde, offene Briefe und Reden und Kampagnen

Ja, Eure Unterstützer sind leider eine Bande übler Maulhelden. Tut mir ja leid, dass Ihr das auf die Art erfahren musstet, aber besser so, als ewig im Unklaren zu leben.

Wie oft muss noch gesagt werden: „Ja, das passiert wirklich“?

Jedesmal? Also, ohne Scheiß, jedes Mal? Und vllt. am besten bei der Polizei, das ist die Institution, die hierzulande mit der Annahme von Strafanzeigen befasst ist? Und möglichst zeitnah, bevor der Täter noch mehr Verbrechen begeht? Weil, ähm, Eure Maulhelden, nunja, die bringen’s nicht. Bzw., wenn Ihr lieber über Eure Probleme diskutieren wollt, anstatt sie abzustellen, bitteschön. Aber dann beschwert Euch nicht.

Die bloße Abbildung von Machtverhältnissen bedeutet nicht ihre Zerstörung, und die kurze Erzählung eines Übergriffs ist zu wenig, um zu erfahren, was die Umstände waren, warum das passierte und wie man folgende Taten verhindern kann.

Ja, bei der Polizei wird man erstmal vernommen, das ist nicht schön. Und es ist bestimmt oft unangenehmer, als es sein müsste. Aber man kann folgende Taten am besten verhindern, indem man den Täter anzeigt. Nicht 100%ig, aber am besten. Und das scheiß „Man wird Dir eh‘ nicht glauben!“-Narrativ kriegt man nicht überwunden, indem man es nicht versucht.

Wenn ich von einer solchen Verletzung höre, dann interessiert mich die Geschichte ihrer Heilung mehr als die der Verwundung selbst.

Ja? Okeee, aber wäre es nicht noch interessanter, die Verwundung überhaupt zu verhindern? Und – da es hier um Straftaten geht – reicht es nicht, darüber zu reden, weil es Straftätern i.d.R. egal ist, wie es ihren Opfern geht. Außer, sie sind sadistisch.

In den „Männerwelten“ kommen Männer eigentlich nicht vor (außer ihre Penisse). Es bleiben Taten mit Opfer, ohne Täter. Aber Gewalt gegen Frauen ist kein Naturphänomen. Was ist mit der Gegenseite? Wer war das? Wie oft macht er das? Haben sie je darüber geredet? Bereut er es? Wurde er bestraft? Wenn ja, war er überrascht? Tut es ihm leid? Wenn ja, würde er andere davon abhalten, dasselbe zu tun wie er damals?

Ach, das ist mit etwas Empathie leicht zu erraten.

  1. die Gegenseite sind eigentlich männliche Opfer von Frauen, aber egal
  2. das war Klaus, Klaus ist leider etwas seltsam
  3. er macht das täglich
  4. „sie“ haben nie darüber geredet
  5. er bereut es natürlich nicht, aber er behauptet natürlich, dass er es natürlich doch tut
  6. da man ihn erwischt hat, ja
  7. es überrascht ihn, dass er erwischt wurde, aber Klaus ist auch etwas dumm
  8. es tut ihm leid, dass er nicht besser aufgepasst hat und daher erwischt wurde
  9. natürlich würde er nie jemanden abhalten, dasselbe zu tun, das wäre ja geheuchelt

Natürlich muss man nicht jeder öffentlichen Person jeden Fehler jahrelang hinterhertragen,

Echt nicht? Ok. Ich wette, wenn Joko und Klaas das thematisiert hätten, gäbe es auch irgendwen, der das kritisiert, weil sie sich ins Rampenlicht drängten und das Opfer retraumatisierten.

ein perfekter Moment …, zu sagen: Guckt mal, ich war auch mal so, und heute weiß ich es besser. (Wenn es denn so ist).

Nun, das ist genau das Problem – es gibt nicht genug Empathie, um sicher zu sagen, ob jemand lügt oder ehrlich ist. Was das Problem mit Maulhelden ist. Bzw., mit Menschen allgemein, die ettwas sagen. Taten zählen daher mehr als Worte.

Das Bekenntnis von denen, die Frauen heute respektieren und den Weg dahin bereit sind zu zeigen. Es ändert sich nichts, solange Männer nicht ihr bisheriges Verhalten reflektieren, einander auf Fehler hinweisen und solange Täter mit „der ist halt so“ entschuldigt werden.

Männer, die Frauen heute respektieren, es aber früher nicht getan haben. Gibt’s bestimmt, aber wer weiß, welche das sind, und welche sich wichtig machen wollen? Ich reflektiere mein bisheriges Verhalten (zu schüchtern). Ich halte es für wenig zielführend, andere auf Fehler hinzuweisen, weil das meist keine Fehler sind, sondern Absicht, und ich entschuldige keine Täter mit „der ist halt so“. (Außer Klaus. Klaus ist irgendwie komisch.) Kann ja sein, dass jemand, den ich mir nicht einfach ausgedacht habe, „halt so ist“, aber das hält ja niemanden ab, ihn zu bestrafen.

Logik, das lieben Männer doch so, oder?

Nun könnte man sagen, ja vielleicht reflektieren sie das ja, aber man sieht es nicht. Klar. Aber man sollte es sehen können.

Man kann es nicht sehen. Ich kann lügen. Ich kann die Wahrheit sagen. Wenn ich ein Verbrecher wäre, würde ich das nicht ohne Not zugeben. Falls ich jemanden Gewalt antun kann, wieso würde ich Hemmungen haben, jemanden zu belügen? Und ja, ich liebe die Logik, nicht „das“ Logik, aber nicht sexuell.

Warum sollte man von Frauen erwarten, dass sie über Übergriffe sprechen, sich verletzlich zeigen, ihre Traumata vor Kameras ausbreiten, ihr Gesicht hinhalten, aber von Männern nicht?

Weil einem Mann, der von seiner gewalttätigen Partnerin erzählt, kaum jemand glauben wird? Und weil man ihm vorwerfen würde, sich auf Kosten von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen? Und Derailing? Und Stokowski ganz vorne mit dabei? Rhetorische Fragen liebe ich eigentlich nicht, aber die sind hier, damit man mal sieht, wie dumm sie sich anhören.

Wie viel Potenzial für Ehre und Respekt gäbe es jetzt für Männer, die sich bekennen, auch schon mal übergriffig gewesen zu sein, und Besserung geloben?

Also, männliche Opfer sollen die Klappe halten zugunsten von männlichen Tätern? Jaaa, macht mal. Für Respekt und Ehre kann man sich zum Glück nichts kaufen, sonst stünden Männer bei Euch schon Schlange.

Vermutung: viel.

Ja, 15-Minuten-Fame. Wie gesagt, wieso sollte ein Verbrecher ein Verbrechen zugeben, um dafür Ehre und Respekt abzugreifen, wenn man ihn im Anschluss verhaftet? Oder, wenn der zugegebene Übergriff entweder nicht strafbar oder schon verjährt ist, was wäre dann so ein Bekenntnis wert? Logik, ey.

Solange es so etwas nicht gibt, müssen wir dann davon ausgehen, dass es da draußen keine fünfzig Männer gibt, die öffentlich gestehen würden, einer Frau gegenüber mal übergriffig gewesen zu sein und dass es ihnen leidtut?

Klar gibt’s fünfzig Männer, die das täten. Wahrscheinlich sogar mehr. Einige von denen lügen, weil sie nie übergriffig waren, manche lügen, weil es ihnen nicht leid tut, manche wären einfach Schauspieler, die Joko und Klaas noch irgendwo herumstehen hatten, und manche sagen offen und ehrlich die Wahrheit.

Das kann man nicht erwarten, werden manche sagen, aber – warum? Zu feige, zu beschäftigt, zu unreflektiert?

Die drei Gründe kommen dazu, ja. Es ist irgendwie nicht logisch, Männern sonst alles Böse zuzutrauen, aber keine Unehrlichkeit. Aber vermutlich hat man gar nicht nach denen gesucht…

Es wäre einfach der nächste logische Schritt, wenn wir Gewalt nicht nur abbilden, sondern bekämpfen wollen.

Wer ist „wir“? Aber, um Gewalt zu bekämpfen, ist der logische Schritt – nachdem sie bereits verboten und strafbar ist – Gewalt anzuzeigen. Aber ja, wenn ein paar Ex-Gewalttäter im Fernsehen auftreten und sagen, dass es ihnen leid täte, hat das keinen Einfluss auf die nicht-Ex-Gewalttäter. Wieso auch?

Und Logik – das lieben Männer doch so, oder nicht? Rationales Geschlecht, dachte ich.

Die traurige Wahrheit ist, dass das tatsächlich nur ein sexistisches Vorurteil ist. Die meisten Männer sind leider völlig unlogische Idioten. Aber ich habe auch mal gehört, Frauen seien besser in sprachlichen Dingsbums. Logik ist Femininum, nicht Neutrum.

2 Gedanken zu “Männerwelten und Logik

  1. Du schreibst immer wieder, dass Frauen doch anzeigen sollten, um weitere Straftaten zu verhindern. Aber gleichzeitig gibts du als Grund an, warum Männer, die Opfer werden, nichts sagen, dass ihnen ja niemand glauben würde. Das gleich Problem haben Frauen bei der Polizei auch: Ich habe angezeigt und es hat nichts gebracht!

    Hier habe ich übrigens auch etwas zum Thema Männerwelten geschrieben:

    https://jalavarietas.wordpress.com/2020/05/21/maennerwelten/

    Viele Grüße,
    Jala

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