Blödsinn, Deligitimieren, Sinnlosigkeiten II

Brief an die Deutschen

Worum geht es Achille Mbembe? In der taz schildert er sein „Denken des Überquerens von Identitäten“.

O-Ha. Jetzt wird’s richtig schlimm.

Ich sehe mich in Deutschland nicht auf der Anklagebank. Ich möchte jedoch ein paar Schlüssel zum Verständnis vorlegen für alle, die eine konstruktive Debatte mit meinem Werk führen wollen, das nur teilweise auf Deutsch vorliegt.

Ok, es ist nicht unsere Schuld, dass nicht jedes Ihrer Bücher ins Dt. übersetzt wurde. Bzw., das liegt am Markt. Aber ich nehme an, in den nicht-übersetzten steht irgendeine Stellungnahme, die Ihre Ansichten zur Shoah, Apartheid, Sklavenhandel und dergleichen klarstellen?

Um die Entstehungsgeschichte eines Werkes und seine möglichen Widersprüche zu verstehen, muss man den Kontext seiner Entstehung und seine Entwicklung kennen:

Ja, aber um den Inhalt eines Werkes zu verstehen, sollte das egal sein. Wenn ich das Making-of eines Filmes sehen muss, um den Film zu verstehen, ist der Film halt kacke. Oder ich bin doof.

welche großen Fragen versucht es mit welcher Ausdrucksweise zu beantworten, in welche großen Debatten greift es ein, welche großen Wendungen entstehen daraus?

Hmm, Kolonialismus und Postkolonialismus, in Ihrem Fall? Bzw., wenn ein Buch „Apartheid Israel“ heißt, geht’s um eine Frau irgendwo aus der Nähe der Beteigeuze, die denkt, „Apartheid Israel“ sei ein schöner Aliasname?

Denen, die den Sinn meiner Herangehensweise oder den Inhalt meines Denkens wirklich mit der Perspektive eines interkulturellen Dialogs verstehen wollen, werden Verhörmethoden nicht weiterhelfen.

Hat hier auch keiner versucht, mein Herr. Aber ja, die ganzen israelgutfindenden Deutschen mit ihrem Wasserborden immer, oder wie man das eindeutscht.

In einer Zeit der Suche nach Sündenböcken, der Exkommunizierungen und der Beschimpfungen hoffe ich, dass diese Schlüssel den Weg zu einer sachlichen Debatte über die großen moralischen und politischen Fragen öffnen, zu denen einige von uns uneinig sind.

Ok, eine Metapher aus der jüdischen Religion, eine aus der katholischen und zwei kulturneutrale – wieso ausgerechnet Sie von Sachlichkeit reden, ist mir ein Rätsel.

Mein intellektuelles Herangehen kann als ununterbrochene Reise beschrieben werden, oder eher noch als endlose Wanderung von einem Ufer zum anderen.

Mit anderen Worten, Sie erreichen das andere Ufer nie. Oder ich verstehe Ihre Metaphern, Vergleiche und quasi alles falsch.

Es zwingt uns, die Komfortzone des Bekannten zu verlassen und sich bewusst der Gefahr der Erschütterung der eigenen Gewissheiten auszusetzen. Denken bedeutet in diesem Zusammenhang, Risiken einzugehen, auch das Risiko, falsch verstanden oder ausgelegt zu werden.

Wer SO formuliert, macht aus dem Risiko eine Gewissheit. Sie WOLLEN falsch verstanden werden, ja?

Das doppelte Erbe meiner Heimat Kamerun

In Kamerun, wo ich geboren wurde, erhielt ich ein doppeltes Erbe. Das erste entstammt meiner Schulbildung in hervorragenden christlichen Institutionen. Ich wurde nicht nur der klassischen europäischen Kultur ausgesetzt. Die katholische Kirche, ihre Dogmen, ihr Katechismus und ihre Mythologie wurden sehr früh Teil meiner Vorstellungswelt.

Ohnein, Sie wurden ausgesetzt? Wie Jim Knopf etwa? Katholische Mythologie, m-hm. Hat ja auch noch nie Antisemiten gegeben, die katholisch erzogen wurden. Weil: Witler.

Dies erklärt vielleicht, dass später das Christentum als solches zum Gegenstand meines Denkens wurde. Da ich es vor allem als Gebilde der Wahrheit verstand, widmete ich mich zu Beginn meines intellektuellen Werdegangs als Erstes der Kritik des Absoluten.

Soll das heißen, dass Sie religionskritisch sind? Also gut, seien Sie’s ruhig, aber soll es das heißen?

Nicht nur Religionen beruhen auf Theologien des Absoluten, auch weltliche Mächte, auch der Staat in unseren Ländern.

Ahhh, ein Staat, der mit einer Religion verknüpft ist. Ich verstehe. Glaube ich. Das Buch heißt aber nicht „Theokratie Israel“ oder so.

Das zweite Erbe erhielt ich von meiner Großmutter, einer des Lesens und Schreibens unkundigen Bäuerin, die sich am Kampf gegen den Kolonialismus beteiligt hatte und dabei ihren einzigen Sohn verlor, der am 13. September 1958 von der französischen Armee ermordet wurde.

Ja, diese französische Armee immer. Ist das jetzt die Schuld Israels? Oder schreiben Sie auch ein Vorwort für „Apartheid Frankreich“? Was hat das Datum damit zu tun, was Sie über Israel, Juden oder sonstwen denken oder sagen?

Von welchem Standpunkt auch immer man es betrachtet, gehören die Völker Afrikas zu diesen Besiegten. Wie entrinnt man als historische Gemeinschaft der Niederlage und lernt erneut zu gewinnen?

Indem man ein selbstständiger Staat wird? KA, fragen Sie bitte die Reichsbürgerbewegung. Oder nein, lassen Sie’s besser! Aber als Philosoph haben Sie bestimmt eine Antwort gefunden.

Diese Erfahrung des Ausradierens des Gedächtnisses der Besiegten hat eine wichtige Rolle in meinen Überlegungen zur Erinnerungspolitik und meinen Analysen des postkolonialen Staates und zeitgenössischer Erscheinungsformen der Tyrannei gespielt.

Ich freue mich ja so für Sie! Aber wissen Sie, Erinnerungskultur – nicht Erinnerungspolitik – ist tatsächlich auch in D. eine Sache, die wichtig ist. Je mehr Erinnerung, desto weniger Chancen für Diktaturen. Und wissen Sie, wer da noch MEHR Interesse dran hat? Der Staat Israel. Niemals Vergessen!

Sehr früh verbanden sich in meinem Geist die Erzählung der Bibel und die antikoloniale Erzählung, bis ich sogar der Bibel und ihren Figuren verbundener war als der Kirche und ihren Dogmen, dem vergessenen Gedächtnis der Besiegten mehr als der Staatstheologie, die das Monopol der Wahrheit beansprucht.

Jaaaa, das ist tatsächlich ein Gund, warum man lesen können sollte – man kann die Bibel, den Koran oder halt das GG selber lesen und muss nicht den Autoritäten darin vertrauen. Jetzt habe ich allerdings gelesen, dass die israelische Politik „der größte Akt der Feigheit des letzten halben Jahrhunderts“ sei, von 2015 aus gesehen. Da die Apartheid erst etwa zwanzig Jahre zuvor aufgelöst wurde (jedenfalls offiziell), ist die offenbar nicht so schlimm, Ihrer Meinung nach.

Morgen noch mehr.

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