Mathe erklärt die Männerwelt

Bevor ich das weiter ausführe – es ist ein dummes sexisitisches Vorurteil, dass Männer grundsätzlich besser in Mathe seien als Frauen. Es gibt viele Frauen, die mit Mathe ihre Brötchen verdienen. Und es gibt viele Männer, die damit einfach nur scheitern. Pinkstinks macht einen guten Job, solche Vorurteile zu widerlegen. Ich weiß jetzt natürlich nicht, ob Nils Pickert tatsächlich nicht rechnen kann, oder nur so tut, um das Klischee auf den Kopf zu stellen. Es ändert leider nichts im Ergebnis.

Männerwelten

Das Ganze ist ein offenbar sehr notwendiger Reminder an #MeToo#Aufschrei#ImZugpassiert und viele andere Debatten, in denen Frauen immer wieder klar machen, wie alltäglich Sexismus und sexualisierte Gewalt sind.

Also, ich kann mich an die vorherigen Debatten erinnern. Ich hatte mich teilweise auch daran beteiligt. Aber ja, da man damit offenbar Traffic und Zuschauerzahlen generiert, ist es natürlich notwendig, dass Thema immer wieder aufzubereiten. Man kann ja auch nicht immer über Corona reden, oder?

15 Minuten #Maennerwelten, in denen ausgesprochen erfolgreich etwas versucht wurde, um das sich auch Pinkstinks von Anfang an bemüht:

Neidisch? Immer diese Neiddebatten.

Nämlich den Mainstream mit als randständig oder gar unwichtig betrachteten Inhalten zu bestrahlen.

Es ist der Mainstream, der strahlt, nicht der, der bestrahlt wird. Aber ja, das Narrativ, dass das Thema Sexismus randständig sei, höre ich öfters. Komischerweise hauptsächlich von einer Gruppe.

Wenn die BILD Zeitung über dein Anliegen berichtet, dann ist das weniger ein Ausweis dafür, wie relevant dieses Anliegen ist, sondern es zeigt, wie massentauglich du es bespielt hast.

Ach, DEShalb hat die BILD mal mit Frau Schwarzer Werbung gemacht! Jetzt ist mir das endlich klar. Ich würde die BILD jetzt nicht ganz als Indikator dafür nehmen, aber immerhin besser als die Schlagzeile: „Grüne wollen Fleisch teurer machen!“ (Wollen sie ja auch, d’oh!) Die ganzen Kritikpunkte – die er der Einfachheit halber bloß wiedergibt – überspringe ich mal, weil hier schon behandelt.

Was bleibt ist auch ein wenig Resignation angesichts der Tatsache, dass wir immer noch nicht bei den Tätern und der längst überfälligen gesellschaftlichen Debatte sind.

Hat jetzt weniger mit Mathe zu tun als mit gesundem Menschenverstand, aber entweder ist er SEHR naiv, oder er stellt sich dumm. Aber so richtig. Natürlich sind „wir“ nicht bei den Tätern. Wie sollte man die auch erreichen können? Einem Vergewaltiger interessiert es wohl eher wenig, was sein Opfer für Kleidung trägt. Einem Vergewaltiger ist normalerweise auch klar, dass das Opfer nicht vergewaltigt werden will, auch wenn er als Schutzbehauptung etwas anderes sagen wird. Die schiere Information, dass eine bekanntermaßen strafbare Handlung tatsächlich strafbar ist, wird die allergrößte Mehrheit der Straftäter nicht abschrecken, sonst wären sie ja nicht straffällig geworden. (Ein geringer Prozentsatz ist vllt. nicht oder eingeschränkt zurechnungsfähig, für den gilt das in der Form NICHT – aber die „erreicht“ man noch schwieriger.)

Denn auch wenn wir mit der Moderatorin des “Männerwelten” Beitrags, Sophie Passmann, hoffen, dass er ganz viele Männer zur Einsicht und zum Umdenken bewegt, [Passmanns Danke-insta-post]

zeigt diese nächste Runde Huch, Frauen erfahren sexualisierte Gewalt, wer hätte das gedacht

Wer hätte das gedacht, dass Nils Pickert, langjähriger Feminist und Kämpfer gegen das Böse, so naiv ist. (Bitte nicht alle „HIER!“ schreien, danke.) Dass es Erwachsene in D. gibt, die noch NIE von sexueller Belästigung gehört hätten, halte ich mal für ein Gerücht. Es mag Leute geben, die die Menge unterschätzen, aber „wer hätte das gedacht“ sagt niemand. Bzw., wenn, dann ist das nicht wahrheitsgemäß. Oder, wenn das jetzt ironisches Dummstellen ist, von wegen, er weiß, dass das Thema schon seit Jahren nicht nur von seinem beruflichen Umfeld diskutiert wird, und glaubt daher einfach nicht, dass das „wer hätte das gedacht“ ehrlich gemeint sei, ok, aber dann haut er das heraus:

… wieder einmal, wie weit wir noch am Anfang stehen. Wir sind immer noch an dem Punkt, an dem Betroffene überhaupt ihre Stimme gegen die allgemeine Gleichgültigkeit finden und sich selbst und anderen vergewissern müssen, dass das wirklich passiert ist,

Ähja. Leute, die bis gerade nicht gewusst haben wollen, dass es sexuelle Belästigung und Gewalt tatsächlich gibt, sind ja nicht „gleichgültig“.

dass es ein Problem ist, Gewalt ist, und das darüber gesprochen werden darf.

Hat jetzt keiner von den vermeintlichen Heuchlern bestritten. Aber anscheinend meint Pickert NICHT, dass die ganze „Davon habe ich nicht gewusst“-Sprüche gelogen seien.

Aber selbst wenn, man erreicht die Täter so so oder so nicht – Empathietest: wieso sollte ein Täter seine Taten zugeben? Ihm war schon vorher klar, dass das ethisch, moralisch und strafrechtlich verboten ist. (Nicht-männliche Täter sind natürlich mitgemeint, ich meine nicht-weibliche Opfer ja auch mit.)

Wir sind nach wie vor bei einer kurz auflackernden Empörung der Good Guys über die Bad Guys, also über Männer, die willentlich und wissentlich in die Autonomie und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einbrechen, um ihnen Gewalt anzutun.

Danke für die Definition, was „Bad Guys“ sind. Definitionen sind superwichtig. Aber verstehe ich das so richtig, dass es keine Bad Girls gibt, oder dass sich nur niemand über die empört? Diese Empörung ist nicht kurz aufgeflackert, nicht nur Vergewaltigung, sondern auch sexuelle Belästigung und Exhibitionismus ist verboten. Jedenfalls bei Männern.

Aber was ist mit den ganzen Good Guys, die auch nach der drölfzigsten Runde “Dick Pics sind übergriffig, sexualisierte Gewalt ist real” Runde schon wieder “zum ersten Mal” davon hören und “niemanden kennen, der sowas macht”?

Die lügen? Bzw., die kennen keinen, von dem sie wissen, dass der sowas macht. Mal abgesehen davon, dass Dickpics und körperliche Gewalt – sexualisiert oder nicht – nicht direkt gleich sind. Nun, wenn die drölfzigste Diskussionsrunde nix bringt, dann die dreiunddrölfzigste Runde auch nichts. Könnte es sein, dass Worte nicht so wirkungsmächtig sind wie gehofft?

Was ist mit der Art wie wir Flirten, wie wir Beziehung anbahnen, mit dem was wir Jungen und Männern über Konsens beibringen (beziehungsweise eben nicht beibringen)?

Jaaaa, es gibt sicher Männer, die mit Absagen nicht klarkommen, es gibt aber auch Frauen, die Absagen nicht annähernd so nett formulieren, wie sie das hinterher behaupten. Drittens, anektdotische Evidenz ist anekdotisch, nicht empirisch. Aber das ist nicht der Grund, dass da jemand nicht gut in Mathe ist. Der wahre Grund ist das:

 Wenn fast jede 2. Frau zwischen 18 und 36 Dick Pics geschickt bekommt und davon knapp 90% unaufgefordert, wieso haben dann angeblich nur 5% der Männer ungefragt Dick Pics verschickt bei gerade einmal 22%, die jemals ein Dick Pic versendet haben?

Donk. Erstmal, es wurden auch nur Männer zwischen 18 und 36 gefragt, aber es gibt mehr Männer insgesamt als Frauen zwischen 18 und 36. Zweitens, er will darauf hinaus, dass die Männer lügen – was bei einigen bestimmt auch so ist – aber das ist Kokolores. Weil drittens: wenn jeder Mann, der unverlangt Dickpics verschickt, das 100x macht, könnten die 5% aller Männer 500% aller Frauen welche schicken. Also 400% mehr, als es überhaupt gibt. Bzw., die knapp 50% kriegen mehr als eines. Oder die 50% der Frauen kriegen alle je genau ein Pic von den 5% der Männer, aber die schicken im Schnitt nur 10 Dickpics. Wenn die 12% der Frauen tatsächlich Dickpics haben wollten, aber 30% der Männer danach gefragt wurden, liegt das ja vermutlich auch daran, dass die Frauen Vergleiche ziehen wollten, und nicht, dass die Frauen lügen…

Wie wird Männlichkeit gekränkt, warum wird sie gekränkt, was hat das für Folgen? Wieso glauben zu viele Männer, Frauen mit Dick Pics, sexistischen Sprüchen und Übergriffigkeiten belästigen zu können?

  1. Indem man sie als „toxisch“ bezeichnet,
  2. weil Ihr empathielos seid, und
  3. dass Ihr Euch über mangelnde männliche Unterstützung eigentlich nicht wundern müsst.
  4. Wenn 12% aller Frauen aktiv nach Dickpics fragen, ist es rein mathematisch eine wirtschaftliche Taktik, auch unverlangt welche zu schicken – kostet fast nichts, und wenn 12 von 100 zumindest grundsätzlich daran interessiert sind, ist die geschätzte Erfolgsquote ja ganz okay.

Aber wie oft, wie lange und wie laut wollen wir als Gesellschaft Opfer eigentlich noch schreien lassen, bevor wir die Dinge endlich beim Namen nennen, Geld in die Hand nehmen, Sendezeit zur Verfügung stellen, nachbohren, aufzeigen, Alternativen entwickeln?

Ich als Gesellschaft? Nun, ich halte kein Opfer davon ab, Anzeige zu erstatten und Dinge beim Namen zu nennen. Ich als Gesellschaft habe kein Geld. Der Staat hat Geld, gemeinnützige Vereine haben Geld, NGOs haben Geld… aaaah, Wink mit dem Zaunpfahl?

Pro7 ist nicht „die“ Gesellschaft; ö.-r. Rundfunk wäre evt. „die“ Gesellschaft, aber da ist das Thema ja schon präsent. Wer sich an der Debatte beteiligen will, kann das tun, wer nicht, kann nicht dazu gezwungen werden.

Mein Punkt ist eigentlich der: ich bin nicht die Gesellschaft, ich bin nur ich. Ich ermuntere niemanden, sich übergriffig zu verhalten, bin aber nur sehr begrenzt bereit, für das Verhalten anderer die Verantwortung zu übernehmen. Ich bin keiner von den „Good Guys“, die sich empören, es reicht mir, keiner von den „Bad Guys“ zu sein. Kants Imperativ und so.

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