Wir basteln uns ein Beispiel

Machen wir Gedankenexperiment – um zu einem bestimmten Thema eine Aussage zu treffen, verwendet man eine beispielhafte Situation. Die Situation selbst ist gerne ausgedacht, aber sie ist nicht willkürlich konstruiert, sondern entspricht prinzipiell entweder der Realität, über die man eine Aussage treffen will, oder aber dem Zustand, den man gerne erreichen will.

In beiden Fällen ist wichtig, dass man alle relevanten Parameter des Gedankenexperimentes nennt. Wenn man wichtige Informationen absichtlich weglässt, ist das Beispiel nutzlos.

Wie hier z.B.

Es werden einfach Vorurteile wiedergegeben, erwartet, dass das Publikum die Lücken in der Darstellung mit Klischees schließt, und DAS macht dann eine Aussage über die eigenen Klischees und Vorurteile. Diskurs!

Eine Frau geht mit ihrer Freundin spät abends die Hamburger Reeperbahn entlang. Als sie an an einer Gruppe junger Männer vorbeikommen, pfeift ein Typ aus dem Pulk ihr hinterher und ruft etwas, mit dem er sich, viel deutlicher als hier beschrieben, auf ihr Aussehen sowie ihre sexuelle Verfügbarkeit bezieht. 

Der letzte Satz ist lustig – „viel deutlicher als hier beschrieben“, haha. Es ist absolut undeutlich, was der Mann gesagt hat. Füllen wir die Lücke mit ein paar Möglichkeiten.

  1. „So hässlich, wie Du bist, bist Du bestimmt noch Jungfrau!“
  2. „So gut, wie Du aussiehst, lässt Du bestimmt nicht jeden ran!“
  3. „Du bist schön, hast Du einen Freund?“
  4. „Nicht schlecht! Gibt’s bei Euch Rabatt?“

Ja, es soll darauf hinauslaufen, dass es egal ist, WAS der Mann sagt. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass es schon deshalb Unterschiede gibt, weil der Mann unterschiedliche Ziele hat oder Annahmen bzgl. der beiden Frauen haben kann.

Die Frau will das aber gar nicht. Sie gibt dem Typen zu verstehen, dass er das lassen soll.

Jaaa. Und wie?

  1. „Nerv‘ mich nicht, die Nutten stehen zwei Straßen weiter!“
  2. „So viel Geld hast Du doch eh‘ nicht!“
  3. „Ganz genau, Junge, ganz genau!“
  4. *Mittelfinger-von-der-geballten-Faust-abspreiz*

Je nach Kombination von dem, was er sagt, und ihrer Antwort ist das mehr eskalierend oder deeskalierend.

Er wird sauer und bepöbelt die Frau, die zusieht, dass sie schnell aus der Situation verschwindet.

Ok, JETZT bepöbelt er sie also – hat er sie demnach vorher höflich angesprochen? Und war ihre Antwort auch dementsprechend höflich? Sachlich? Freundlich? Also, bei beiden jetzt? Ist er betrunken oder unter sonstigen Drogen stehend? Oder sie? Kennen sie sich, oder treffen sich gerade zum ersten Mal? Das sind Informationen, die man als Außenstehender haben müsste, um die Situation zu beurteilen. „Aber Mycroft, geht es nicht darum, dass man die Situation nicht von außen einschätzen kann?“ – „Wenn das so wäre, wie sollte man jemals irgendeine Situation einschätzen?“

Der Typ würde vermutlich so etwas denken wie: „Also, wenn ich der sage, dass ich sie attraktiv finde, dann ist das jawohl ein Kompliment, und es ist unhöflich und zickig von ihr, wenn sie sich darüber nicht freut.“

Das ist jetzt ein verbreitetes feministisches Narrativ: Männer seien generell nicht fähig einzuschätzen, wie ihre Sprüche ankommen. Aus Empathiemangel hielten sie demnach böse Beleidigungen für nette Komplimente. Das triffet aber nur auf einige zu. Anderen ist durchaus klar, dass ihre Sprüche beleidigend sind, weil sie Frauen tatsächlich beleidigen wollen. Beispiel wären oben Satz 1+4 der „Männersprüche“.

In dem Fall denkt der Mann eher sowas: „Der blöden [Schimpfwort] habe ich gezeigt, was ich von dem [anderes Schimpfwort] und seinem [noch ganz ein anderes Wort mit entsprechendem Adjektiv] halte.“

Die Frau hingegen hätte wohl eher folgendes gedacht: „Für mich war das überhaupt kein Kompliment, ich fühle mich von dem Typen benutzt. Er hat mich als sexuell verfügbares Ding dargestellt, um sich vor seinen Kumpels zu profilieren. Er hat mich weder gefragt, ob ich ein Kompliment hören möchte, noch hat er mein Nein auf seinen Spruch respektiert.“

Mit den Kumpels könnte sie so oder so recht haben, aber welcher Mann fragt: „Möchtest Du ein Kompliment hören?“? Und nebenbei, an ihrer Stelle würde ich evt. auch nur: „Was für ein Arschloch!“ denken.

Aber gut, was lernen wir daraus? Gar nix. Wir wissen weder, was er gesagt hat, noch, was sie geantwortet hat. Pinkstinks unterstellt natürlich, dass die erste Frage schon prinzipiell beleidigend war, sonst würden die das ja ausformulieren.

Nett oder sexistisch? Darf der Typ jetzt bestimmen oder die Frau?

Wieso steht da „Typ“ und „Frau“, und nicht „Mann“ und „Frau“? Oder „Typ“ und „Typin“? Soll das Wording uns irgendwie – beeinflussen? Da da daaa…

Für alle, die jetzt noch zweifeln, versuchen wir es einmal mit dem Holzhammer und hauen ihnen damit auf den Fuss. Wer darf jetzt bestimmen, wie weh der Schlag getan hat – wir oder die, die die ihn abbekommen haben?

Ein Schlag mit einem Holzhammer ist objektiv ein Angriff. Bzw., praktisch jeder Mensch würde das so sehen, also unterliegt das nicht der individuellen Wahrnehmung. Genauso würde man: „Du bist so hässlich, dass Du bestimmt noch Jungfrau bist!“ objektiv als Beleidigung auffassen. Und gegenteilige Behauptungen des Beleidigers(m/w/d) ignorieren.

Das ganze Beispiel ist kein Beispiel für „unterschiedliche Wahrnehmung“ oder „Missverständnis“, denn dazu fehlt einfach der Kontext. Hat der Mann die Frau beleidigen wollen oder nicht? Hat er etwas gesagt, was er selbst gerne hören würde? Oder hat er etwas gesagt, was er zwar ehrlicherweise für ein Kompliment hält, aber auch völlig anders verstanden werden kann? Oh, die Fallstricke und Tretminen der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Weiterhin, in dem Beispiel scheint es so gedacht zu sein, dass die Frau den ersten Spruch für ein Kompliment, aber halt ein unerwünschtes Kompliment hält, und erst das nach ihrer Zurückweisung eine Beleidigung darstellt. Ein unerwünschtes Kompliment hört genauso auf, ein Kompliment zu sein, wie unerwünschte Störgeräusche aufhören, zu stören. Die Beleidigung besteht in unerwünschten Komplimenten eher darin, dass eine Frau beleidigt ist, weil ein Mann, der sich rein gar keine Chancen bei ihr ausrechnen sollte, ihre Zeit mit Flirtversuchen verschwendet.

Soll heißen, genauso, wie der Mann die Frau beleidigen WILL, aber hinter das als Schutzbehauptung ein „Kompliment“ nennt, kann die Frau Komplimente als „Beleidigung“ bezeichnen. Menschliches Miteinander…

Eigentlich müsste doch für jedes menschliche Miteinander klar sein, dass immer nur die Person, an die das Kompliment, der Kommentar oder die Geste gerichtet ist, bestimmen kann, ob sie das nett oder sexistisch findet und dass das Empfinden dieser Person bestimmt.

Die Tatsache, dass Männer lügen, beweist nicht, dass Frauen immer die Wahrheit sagen. Oder, um beim Holzhammerbeispiel zu bleiben – der, der den Holzhammer auf den Fuß bekommen hat, kann sagen, dass es ihm wehtut, aber über das Schmerzensgeld entscheidet ein Gericht.

Das hat jetzt NICHTS damit zu tun, dass man unerwünschte Komplimente, Flirtversuche oder Sexangebote zurückweisen darf. Sexistisch und nett sind eigentlich beide nicht gut. Nett ist das Geschwisterchen von Scheiße, und sexistisch ist auch nicht viel besser.

Denn erstens wird Mädchen noch immer gern gesagt, dass Jungs durch unfreundliches, abwertendes oder gar gewalttätiges verhalten nur ihre Zuneigung zeigen wollen.

Wird es das? Oh, aber nicht von mir.

 Wenn beispielsweise Rebecca ihren Eltern traurig und wütend berichtet, dass ein Junge aus aus ihrer Klasse sie immer wieder am Griff ihres Ranzens durch die Klasse schleudert, obwohl sie ihm deutlich gesagt hat, dass sie das nicht will, 

Offenbar ist dem Jungen klar, dass das Mädchen das nicht will. Deshalb macht er das doch. Wie gesagt, dass männlichen Wesen die Empathie fehlt zu erkennen, dass Mädchen nicht „durch die Klasse geschleudert“ werden wollen, ist ein feministisches Vorurteil.

dann kann es auch 2020 noch passieren, dass Rebeccas Eltern mit einem verschmitzten Lächeln darauf hinweisen, dass er bestimmt in sie verliebt ist, weil: „Was sich neckt, das liebt sich“.

Vllt. haben die sich in der BDSM-Szene kennegelernt? Ich finde es traurig, wie alternative Lebensstile hier wieder schlecht geredet werden. Aber natürlich brauch Rebecca ein Safeword. „Frau Schmidt“ z.B., wenn so die Lehrerin heißt.

Unangebrachtes Verhalten wird also mädchen- und frauenfeindlich umgedeutet 

Wieso „umgedeutet“? Die Mitarbeiterinnen von Pinkstinks und Nils Pickert glauben wohl nicht an den Sinn von Gegenlesen. „Aber Mycroft, Du haust auch manchmal…“ – „Ich bin auch keine NGO mit mehreren Leuten.“ – „Aber ich…“ – „DU bist nur eine Stimme in meinem Hinterkopf.“ „:-(„

Zweitens werden Frauen, die sich selbst behaupten und ihre Grenzen deutlich machen, gern mal als anstrengend oder empfindlich bezeichnet und abgewertet. Als Kinder werden Mädchen eher dazu erzogen, sich zurückzunehmen, lieb und dankbar zu sein, was verinnerlicht und in alle Lebensphasen und -bereiche übertragen wird. Äußern sie Bedürfnisse, sind sie zu fordernd, ärgern sie sich, sind sie hysterisch, lehnen sie etwas ab, sind sie undankbar.

Weigern sich Männer, körperlich anstrengende und/oder gefährliche Aufgaben zu übernehmen, werden sie als schwach und feige bezeichnet. Äußern sie Bedürfnisse, gelten sie als Machos, ärgern sie sich, als aggressiv, lehnen sie etwas ab, sind sie toxisch. Kein Mensch ist toxisch.

Dieses Schlechtmachen von intuitivem Verhalten kann das Vertrauen in die eigene Intuition zerstört und dafür sorgen, dass Rebecca eben als Mädchen nicht STOP ruft, wenn der Junge sie durch die Klasse schleudert

Komisches Beispiel. Aber ein Mensch wird auch durch Erziehung nicht komplett determiniert. Oder, es ist eine sehr bedenkliche Erziehung gewesen.

und als Frau auch nicht, wenn ihr im Club jemand blöd oder zu nah kommt, oder wenn ihr Chef sie im Statusmeeting feixend fragt, ob ihre Brüste eigentlich echt sind.

Im Club steckt da vllt. wirklich ehrliches sexuelles Interesse dahinter. Der Chef will sie nur fertig machen. Zwei verschiedene Situationen, aber ja, dagegen muss man sich wehren können.

Der Typ, der nachts auf St. Pauli die Frau angemacht wurde, hat weder irgendwelche positiven Signale von der Frau empfangen, noch abgewogen, ob es angebracht ist, sich ihr in einer sehr offensiven Sprache zu nähern, er hat sie schlicht und einfach belästigt, weil er vor seinen Kumpels als potentester Macker dastehen wollte.

Ja? Das stand da aber nicht. Bzw., das ist, was man den Gedankengang der Frau entnehmen konnte, nicht das, was man dem Gedankenganges des Mannes entnehmen könnte. Impliziert also, dass der Mann an Zwiedenk leidet. Und natürlich wird er weiterhin als „Typ“ gefrämt, das dient nicht der Abwechslung. Und ich kaufe ein „hatte“ im Austausch für „wurde“. Und – ganz generell – wenn man sich das Beispiel ausgedacht hat und daher weiß, wer der Böse(m/w/d) ist und wer die Gute(m/w/d), ist es ziemlich billig zu sagen: „Ist doch klar, wer Recht hat!“

Aber wie geht denn unsexistisches Verhalten?

Es gibt kein fertiges Buch mit Sprüchen, Kommentaren, Gesten etc., die okay sind und denen, die grundsätzlich nicht gehen. Es gibt nur ein Wort, das immer stimmt und immer richtig ist: Konsens.

Wenn ich die Gedanken von Frauen lesen könnte, könnte ich mir eine Menge Gespräche sparen und direkt Konsens herstellen bzw. feststellen, dass ich ihn nie erreichen werde. Aber ja. „Konsens“ ist übrigens auch ein schönes Safe-Word für Rebecca. 

Dafür bedarf es natürlich vorab einer gesunden, menschenfreundlichen Einschätzung der Situation, zum Beispiel sollten Vorgesetzte sich grundsätzlich überlegen, ob sie sich Kommentare über Aussehen und sexuelle Vorlieben am Arbeitsplatz vielleicht sowieso sparen.

Kein Sex am Arbeitsplatz! Was ist das denn für eine komische Vorliebe? „Ich liebe meinen Beruf!“ – „Wir ja auch, aber doch nicht SO!“

Aber hier wiederum: der Chef, der seine Angestellten(m/w/d) in Hinblick auf Aussehen, Sex oder wasauchimmer niedermacht, macht das nicht aus Versehen oder mangelnder Empathie, sondern mit dem Ziel, diese niederzumachen.

Wir empfehlen also, zuerst zu checken, ob es ein Machtgefälle gibt, durch ein Arbeitsverhältnis oder zum Beispiel dadurch, dass fünf betrunkene Männer einer Frau gegenüberstehen.

Ach, jetzt ist es nur noch eine Frau, und die Männer sind besoffen? Ja gut, aber Betrunkene checken immer, ob es ein Machtgefälle gibt. Außerdem achten die stets darauf, die Handbremse zu lösen, wenn sie Auto fahren. Ist nur ein bisschen weltfremd, Euer Beispiel.

Ist dem so, ist es eine sehr schlechte Idee, etwas „nett zu meinen“. Wenn aber die Zeichen auf Augenhöhe stehen und bei allen Beteiligten Sympathie wie Empathie vorhanden sind, dann ist wahrscheinlich, dass das nett Gemeinte sich auch wirklich an das Gegenüber richtet und keine Machtdemonstration o.ä. ist.

Sympathie, ok – meinetwegen. Aber Empathie ist keine Voraussetzung für Nettigkeit. Je besser man sich in andere Menschen hineinversetzen kann, desto leichter findet man Möglichkeiten, sie zu verletzen.

Und Sympathie müsste als Kriterium hier ja auch auf Gegenseitigkeit beruhen.

Und außerdem, entscheidet Euch – entweder, der Typ in dem Beispiel will die Typin in dem Beispiel nicht wirklich anflirten, sondern sich nur gegenüber seinen Kumpels profilieren. Ok. Dann hätte er doch gar kein Interesse daran, irgendwie „nett“ statt „sexistisch“ rüberzukommen. Oder aber, er will sie anflirten, weil es sich aus Alkoholgründen oder sonstweshalb Chancen ausrechnet. Dann hätte er ein Interesse daran, möglichst unsexistisch rüberzukommen, so mit Augenhöhe und so, aber dann würde die ganze Passage „… hat weder irgendwelche positiven Signale von der Frau empfangen, noch abgewogen, ob es angebracht ist, sich ihr in einer sehr offensiven Sprache zu nähern“ nicht stimmen. Er hätte (fälschlicherweise) positive Signale wahrgenommen und/oder abgewogen, mit was für einer Sprache er sie anspricht (welche Sprache das war, bleibt Euer Geheimnis).

Das ist ein Widerspruch, der davon kommt, dass Ihr „Männer, die zu doof sind, sich empathisch und sozial kompetent zu verhalten“ und „Männer, die nicht zu doof dafür sind, aber diesen Skill aus Gründen GEGEN Ihr Gegenüber einsetzen“ vermischt.

Allerdings ist das noch immer keine Garantie. Denn ob etwas nett gemeint oder sexistisch ist, bestimmt immer und ausschließlich die Person, die es empfindet, und da immer richtig zu liegen, kann ja gar nicht funktionieren.

Und deshalb sollte man sich nicht mehr mit anderen Leuten auseinandersetzen also nötig – Ausgangssperre jetzt!

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