Ach, Volksverpetzer II

Hierzu

Dass niemand je von sexueller Belästigung gehört hätte, halte ich mal für ein Gerücht. Dass Joko und Klaas, eher Entertainer als Enthüllungsjournalisten, die richtigen für das Thema sind, bezweifle ich generell, aber:

Vorher der Denkanstoß: Es müssen also erst zwei Männer kommen, damit Frauen in einer wohl noch nie im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Art und Weise über sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen reden können.

Stimmt, diese spezielle Art ist wohl neu (ich gucke allerdings schon lange kein Fernsehen mehr). Und aus verschiedenen Gründen bin ich nicht der Ansicht, dass Joko und Klaas genau die richtigen für ein ernstes Thema sind. Die paar Mal, wo ich was von denen gesehen habe, fand ich deren Art – egal, wie gespielt oder echt das sein sollte – zu sehr auf „Fremdschämen“ ausgelegt. Ich bin mir immer unschlüssig, soll ich mit ihnen lachen oder über sie? Und wieso eigentlich? Weiterhin, dass die sich die 15 Minuten Zeit bei Pro7 „erkämpfen“, ist mehr Narrativ als alles andere. Was jetzt, weil uns ja allen klar ist, dass das einfach für die Show ist, nichts ausmacht. Und wäre das Thema sexuelle Belästigung in den letzten Jahren und Jahrzehnten tabuisiert gewesen, würde ich ja verstehen, wenn sich jemand freut, dass wenigstens Joko und Klaas da 15 Minuten für frei haben. Aber natürlich ist das Thema schon oft thematisiert worden.

Was wir jedoch dann in den 15 Minuten, durch die uns die tolle Sophie Paßmann führt, sehen werden, ist beschämend, ekelhaft und widerlich.

Wieso „jedoch“? Natürlich wird das ein „worst of“. Apropo „Fremdschämen“ – eigentlich müsste das hier bei Joko und Klaas zu Eigenschämen geführt haben, uneigentlich war das damals vllt. auch nur eine Schauspielerin, die instruiert war. Und natürlich kann es auch sein, dass die beiden sich dahingehend geändert haben.

Der Titel lautet in Anlehnung an die Ausstellung „Körperwelten“ dann auch konsequenterweise „Männerwelten“.

Ich war in Körperwelten, besonders widerlich, ekelhaft oder gar beschämend war das gar nicht. Aber ja, Männer sind totes Fleisch.

„What I was wearing“ bildet dann den Stinkefinger zeigenden Abschluss: Niemand ist an einer Belästigung, an sexueller Gewalt oder einer Vergewaltigung selbst schuld!

Jaaa, sagen wir mal, dass kein Mensch für seine Kleidung bestraft werden soll – Belästigung ist aber trotzdem nicht dasselbe wie sexuelle Gewalt und Vergewaltigung. Es ist noch nicht einmal „so ähnlich“.

„ABER MÄNNER WERDEN AUCH SEXUELL BELÄSTIGT!!“

Ja, Stefan, das mag schon auch mal vorkommen. Aber gib zu, dass du dich überwiegend nicht belästigt fühlst, wenn du ungefragt Nachrichten von nackten Brüsten bekommst!

Erstens, Brüste und Penisse sind nicht äquivalent zueinander. Zweitens, ob Stefan sich von Brüsten belästigt fühlt oder nicht, hat mit der Frage, ob Frauen Männer sexuell belästigen, nichts zu tun. Drittens, angenommen, Stefan fühlte sich durch unverlangt zugesandte Fotos der Geschlechtsorgane von Frauen, die er per I-Net kennen lernt, tatsächlich NICHT belästigt – wäre das keine Begründung, Frauen Fotos von seinem Penis zu schicken? Wenn ich will, dass ich auf eine bestimmte Weise behandelt werde, sollte ich diese Weise auf andere anwenden.

Gib zu, dass es kein Äquivalent zu „Frauenhäusern“ gibt.

Wieso, gibt es doch?

Ich habe jedenfalls noch nicht von „Männerhäusern“ gehört.

Ja, weil es viel zu wenig davon gibt, und DU Dich außerdem anscheinend nur um die Probleme von Frauen kümmerst.

Wenn, dann assoziiere ich damit irgendwie etwas anderes.

Assoziieren ist nicht dasselbe wie nachlesen. Das disqualifiziert Dich, nicht Stefan.

Ein Klaps auf den Hintern, das Starren in Ausschnitte, das Antätscheln von Händen oder Armen, ein blöder, herabwürdigender Spruch oder das fehlende Zutrauen oder das Absprechen von Kompetenzen.

Jemand, der sich weiter oben über männliche Gewaltopfer lustig macht, sollte erstmal seine eigenen Privilegien checken – Frauen, denen man Kompetenzen abspricht, haben wohl oft doch welche, ihm hingegen scheinen Kompetenzen zugeschrieben worden zu sein, obwohl er keine hat.

Liebe Volksverpetzer, nur, weil jemand ein Mann ist, kennt jemand sich nicht notwendigerweise mit Männerproblemen aus.

Starke Frauen zeigen in diesen 15 Minuten, wie gewaltvoll, abwertend und abstoßend sich Männer verhalten können, wenn sie meinen, Macht zu haben.

Tja, sagen wir mal, dass ich das schon vorher wusste.

Wenn sie glauben, sie wären die Könige der Welt, der Schwarm aller Frauen.

Oh, das hat damit weniger zu tun. Aber ja, eine falsche Selbstwahrnehmung macht das nur noch schlimmer.

UNSERE AUFGABE ALS CIS MÄNNER

Und nein, die Aufgabe für uns (cis) Männer ist jetzt nicht, uns von der Verantwortung reinzuwaschen und zu betonen, dass ICH jetzt nicht das Problem bin.

Nein, DU bist ja auch ein völlig anderes Problem. Außerdem ist „cis“ immer noch eine Vorsilbe. Und wieso werden Transmänner exkludiert, (Cis)Schwule aber nicht? Weil Schwule Frauen Dickpics schicken? Kann sich fast nur um eine Verwechslung handeln.

Wir haben eine Verantwortung, nicht nur, unser tägliches Verhalten zu ändern,

Da ich mich nicht so verhalte, wie kritisiert, muss ich mein tägliches Verhalten rein gar nicht ändern. Aber ja, ich bin für mein Verhalten verantwortlich. Nicht für Deines.

sondern es allen anderen ebenfalls einzubläuen.

„Einzubläuen“ heißt, jemanden so zu verprügeln, dass soe viele blaue Flecken kriegt. Das ist also entweder ein Aufruf zur Gewalt, ODER, Du hast keine Ahnung, was das Wort bedeutet, das Du benutzt, ODER, Du verwendest es metaphorisch, und Metaphern sind halt scheiße.

Den Mund aufzumachen, wenn wir Sexismus sehen.

Gerne. Du hast weiter oben suggeriert, dass es keine Männerhäuser gäbe, und dass das daran läge, dass Männer keine Schutzhäuser bräuchten. Das ist Sexismus, weil es eine moralische Ungleichheit bei den Geschlechtern behauptet. Mund weit genug auf für Dich?

Denn alles andere ist schlimmstenfalls der status quo und bestenfalls immer noch eine stille Duldung und ein Wegsehen.

Ähmnja. Wenn jemand jemand anderem per Mail oder sonstwie ein bestimmtes Foto zuschickt, kriege ich das legalerweise gar nicht mit – trotzdem soll ich jetzt irgendwie für Dickpics mitverantwortlich sein?

Kleine Kritik am Ende: Es hätte durchaus Zeit und Raum gegeben, auch die Perspektiven von trans Menschen, Sexarbeiterinnen und Sexismus in Verbindung mit Rassismus einzubauen.

Wenn „cis“ kein Adjektiv ist, ist es „trans“ wohl auch nicht. Die Adjektive wären transsexuell und cissexuell. Aber – um Joko und Klaas und Sophie Passmann auch mal zu verteidigen – Zeit und Raum nicht nur für sexuelle Belästigung, sondern auch für die Probleme von Transsexuellen, Prostituierten und rassistisch Benachteiligten, alles emwede, in einer Viertelstunde?

Ok, ich bin zwar kein(e) transsexuelle(r) Prostituierte(r), die/der unter Sexismus in Verbindung mit Rassismus zu leiden hat, aber wenn, wäre ich schwer beleidigt, dass meine geballten Probleme unter „ferner liefen“ hinter „einfach sexistisch“ kämen. Vier Probleme in fünf Minuten oder so.

Die peinliche Selbstüberschätzung von Männern habe ich jedenfalls beschämt verfolgt.

Tja, dann solltest Du an Dir arbeiten. Bist Du vllt. auch stolz auf die Leistungen anderer Menschen? Nun, hör auf damit. Wer auf andere grundsätzlich nicht stolz ist, kann sich für andere auch nicht schämen.

Seine Kollegin ist jetzt tatsächlich besser. yayHey!

WO FANGE ICH JETZT AN?

Vielleicht vorne, bei dem Sportlehrer, bei dem ich in der 7. Klasse Schwimmunterricht hatte und der den dünnen, hübschen Mädchen immer ganz besonders genau gezeigt hat, wie ihre Haltung auf dem Block vor dem Sprung ins Wasser sein muss? Inklusive Griff an den Po oder an den Schenkel?

Mal ganz vorsichtig formuliert, meinem Sportlehrer musste ich auch mal sagen, dass ich eigentlich keine Hilfestellung bräuchte. Hat er allerdings auch eingesehen. Mein Bruder hat sich über seine Schwimmlehrerin beschwert, die auch gerne mal durch die Jungenumkleide ging. Ohne Klopfen oder so. Dass „wir“ Probleme haben, soll nicht heißen, dass Du keine hättest, oder dass Deine nicht so schlimm seien, oder dass Du kein Recht hättest, Dich dagegen zu wehren. Aber Dein Kollege – nicht irgendein Mann irgendwo im I-Net – bestreitet, dass „wir“ Probleme hätten. Und da frage ich mich schon, wieso Menschen, die mir meine Probleme absprechen, Ansprüche auf meine Solidarität erheben.

Oder ganz hinten, bei den unzähligen Wünschen, die ich auf Twitter gelesen habe, ich möge mal von geflüchteten Männern vergewaltigt werden, damit ich meine Meinung zu #refugeeswelcome noch mal überdenke,

Seufz. Und Drosten hat Morddrohungen erhalten. Ich bin im Unterschied dazu für eine bessere Flüchtlingspolitik UND harte Anti-Corona-Maßnahmen; trotzdem muss ich Euch nicht in jedem Punkt zustimmen.

ODER DEM GANZEN KRAM DAZWISCHEN?

Dass ich zig Frauen kenne, die in ihren Beziehungen und Ehen vergewaltigt wurden?

Kennst Du auch Frauen, die noch nie vergewaltigt wurden?

Von dem übergriffigen Typen, der meinen Kopf immer wieder in Richtung seines besten Stückes schieben wollte, damit ich ihm einen blase, weil er Bock auf Sex hatte, aber kein Gummi benutzen wollte

Ja, genau. DER ist Schuld.

Oder bloß von der Männerrunde am Parteistammtisch, die schwiegen und unbeholfen grinsten, als ein Typ verkündete, er habe vielleicht von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber ich hätte vom Blasen garantiert Ahnung!

„Die Partei, die Partei, die hat immer Recht…“ Ja, es gibt solche und solche Stammtische. Aber Parteien sind alle gleich.

Oder soll ich mit dem Vorurteil aufräumen, dass es in linken Zusammenhängen keinen Sexismus gäbe

Ja, immer diese Hufeisentheorie. Ähh, Hufeisenpraxis.

DAS IST DIE WAHRHEIT. DAS IST DIE REALITÄT, IN DER FRAUEN LEBEN.

Soll ich darüber schreiben, wie Frauen sich nicht trauen zu sagen, dass sie Spaß an Sex haben, weil sie Angst haben, als Schlampen dazustehen?

Tja, ich sage auch nicht, dass ich Spaß an Sex hätte – wen würde das interessieren? „Oh, Mycroft, sag bloß! Du hast Spaß am Sex? Wie kommt das nur? Die Gene? Die Hormone?“ Natürlich sage ich das nur, damit man mich für keinen Incel hält…

Ja Jungs, ich weiß, was ihr sagen wollt!

„Aber es gibt doch auch übergriffige Frauen und überhaupt sind doch nicht alle Männer so und ich schon mal gar nicht!“

*Schulterzuck* Da das Argument zufällig auf mich zutrifft, ist es nicht schwer, das Argument vorherzusehen. Bzw. ist das Argument ja nicht: „Ich mache das nicht, also macht das niemand.“, sondern: „Ich mache das nicht, also ist es nicht meine Verantwortung.“ Wenn Du jetzt aber ein Gegenargument hättest, warum ich die Verantwortung für etwas übernehmen soll, was ich weder tue, noch gutheiße, noch sonstwie veranlasse?

Wenn ihr sowas sagen wollt, dann haltet einfach die Klappe. Und wenn ihr was Konstruktives beitragen wollt, dann habe ich einige Tipps für euch, so für den Anfang;

Also: nein, kein Gegenargument. Und wenn Du mir sowieso vorgibst, was ich sagen soll, was soll das für eine Diskussion sein?

Sagt nicht, wie leid euch das alles tut, dass die Welt so gemein zu uns ist, und degradiert uns nicht zu den kleinen, wehrlosen Opfern.

Zum ersten: alles klar, lasse ich bleiben! Zum zweiten: habe ich nie gemacht.

Ich brauche Menschen, die solidarisch an meiner Seite stehen.

Wenn ich geschlagen werde, gehst Du dann dazwischen? Wenn mein Einkommen in Gefahr ist, unterstützt Du mich? Wenn ich verachtet werde, verteidigst Du mich? Solidarität ist keine Einbahnstraße. Und Empathie auch nicht.

SEID NICHT DIE SCHWEIGENDE MEHRHEIT, WENN IHR BELÄSTIGUNG MITBEKOMMT.

Auch wenn’s der beste Kumpel ist, der dumme Sprüche reißt.

Ja? Ok, dann hast Du wohl einfach nicht mitbekommen, was Alex geschrieben hat? Oder ist Alex nur ein Kollege und kein Kumpel, und bei Kollegen muss man nichts sagen?

Aber die Tatsache, dass sich dann niemand an deine Seite stellt, sondern nur von der Seitenlinie gut gemeinte Ratschläge gibt, die lässt dich auch verzweifeln.

Ähmm, niemand stellt sich an Deine Seite? Niemand? Hast Du nicht gesehen, dass reichweitenstarke Menschen wie Joko und Klaas und Passmann und … ach, egal.

2 Gedanken zu “Ach, Volksverpetzer II

  1. Zitat:“damit Frauen in einer wohl noch nie im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Art und Weise über sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen reden können.“

    Stimmt 15 min Prime Time auf Pro7, das gab es so noch nicht. Ich unterstelle mal boshaft, dass der durchschnittliche Pro7-“ Zuschauer genau die Zielgruppe ist.

    Seriöse Menschen erinnern sich an #aufschrei. Damals gab es ganze Themenabende im öffentlich-rechtlichen TV. Inhaltlich genau die gleichen Vorwürfe.

    Nun ja nach 7 Jahren ist eine neue Generation Salin-Feministinnen „erwachsen“ geworden, die Aufmerksamkeit und Geld brauchen…

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