Richtig abrechnen

Ok, liebe Eltern.

Ich kenne genug Geschichten, wie schwer es ist, Beruf und Kinder unter einem Hut zu bringen, und besonders, wenn Schulen und KiTas und sonstige Betreuung wegfällt.

Aber als ich #Coronaelternrechnenab gelesen habe, dachte ich zuerst an eine Satire. Nach all den vielen komischen Sachen, die der Staat von mir will, schicke ich dem Staat einfach auch eine Rechnung.

Nee, denkste.

Pink stinks sagt, dass das ernst gemeint ist, und die bei Pink stinks würden ja nie Witze über Satire machen, oder?

Man beachte, dass da „Fiese, geldgeile Mütter“ steht, obwohl es #Coronaelternrechnenab heißt. Väter sind mal wieder unsichtbar. („Aber Mycroft, die Unsichtbarkeit von fiesen, geldgeilen männlichen Elternteilen ist doch eigentlich männerfreundlich“ – „Nein, Sexismus ist Sexismus!“) Jedenfalls, so’n Quatsch.

Die Grundidee der Aktion von Sonja Lehnert und Rona Duwe bestand darin, darauf aufmerksam zu machen, dass Eltern gerade neben ihrer Erwerbstätigkeit ein sehr viel höheres Maß an Betreuungsarbeit und Lehrtätigkeit zu leisten haben als überhaupt zu bewältigen ist.

Das „neben ihrer Erwerbstätigkeit“ ist wichtig, da komme ich später zu. Aber bis dahin würde ich einfach denken, dass die einfach auf ein Problem hinweisen. Und ein Problem in Geld darzustellen, ist ja eigentlich auch immer sehr anschaulich. Allerdings:

Nicht nur wir meinen daher unseren Appell an die Politik sehr ernst.

Bezieht sich auch auf die Rechnung, die jemand dem Staat stellt, weil soe ios Kind(er) betreuen musste? Ja? Dann ist es also keine Satire. Nur geht es nicht um die Öffnung von Schulen und Kindergärten…

Sondern darum, dass die Politik die Belange derjenigen, die gerade bis zur Erschöpfung und darüber hinaus am Rödeln sind wenig bis gar nicht in Betracht zieht. Weil man es mit uns ja machen kann, wir uns das Kinderhaben selber ausgesucht haben und es aus Liebe tun.

Der Grund ist noch nicht einmal, dass „Ihr“ Euch das Kinderhaben ausgesucht habt oder dass „Ihr“ es aus Liebe tut. Der EINE Grund ist, dass die Politik nicht die physikalische Fähigkeit hat, genug Corona-sichere Betreuungsplätze zu erschaffen, und Online-Untericht – selbst, wenn er flächendeckend eingeführt wäre – bräuchte trotzdem eine reale Aufsichtsperson (aka IHR), die dafür sorgt, dass das Kind das auch macht. Der andere Grund ist, dass IHR eine Pflicht habt, Eure Kinder zu betreuen. Warum sollte der Staat Euch bezahlen, dass Ihr Eure Pflicht erfüllt, wenn er Euch einfach bestrafen könnte, wenn Ihr es nicht tut? Ihr kriegt ja auch kein Geld dafür, dass Ihr Eure Autos zum TÜV bringt, oder dafür, dass Ihr keine Leute umbringt. „100 Tage ohne Amoklauf! Wo bleibt meine Belohnung?!?“

Stattdessen produzieren diverse Ministerien zum Muttertag die drölfzigste Version eines warmen “Ja gut gemacht und jetzt haltet gefälligst die Schnauze und macht weiter” Händedrucks.

Immerhin. Leute, die Ihr Auto zum TÜV bringen, kriegen gar nix.

Und dazu gehört auch, mal ein Preisschild an all die Dinge zu hängen, die mehrheitlich von Frauen und mit großer Selbstverständlichkeit erwartet werden.

Das Preisschild würde ich anders beschriften, aber ja. Wenn ich zum TÜV fahre, stelle ich das dem Staat demnächst auch in Rechnung. Was? Wenn mein Auto nicht kaputt geht und ich deshalb keinen Unfall baue, haben doch alle was davon, oder?

Was macht es eigentlich mit Kindern, wenn sie lediglich als finanzielle Belastung dargestellt werden?

Ja, aber eigentlich ist die Frage – wenn meine Steuern teilweise für Schulen ausgegeben werden, in denen normalerweise Kinder anderer Leute betreut werden, jetzt aber coronabedingterweise nicht – kriege ich diese Steuern dann nicht zurückerstattet?

Ist es wirklich eine gute Idee, die Sache so anzugehen? Sollte man sich nicht aus Liebe kümmern?

Nein, Geld ist eine stabilere Motivation. Aber am besten wirkt die Drohung, die Eltern von verwahrlosten Kindern einzubuchten. Ernsthaft, was ist Euer Plan? Setzt Ihr Eure Kinder aus, wenn Ihr kein Geld kriegt?

Wieso verlangen die Eltern so viel Geld, wenn sie nicht einmal wirklich für den Job qualifiziert sind?

Weil die den Sinn und Zweck von Betreuungsangeboten nicht verstanden haben. D’oh!

Welche Berechtigung sollte es haben, die eigene Überforderung an Erzieher*innen und Lehrer*innen weiterzugeben, die wirklich genug zu kämpfen haben?

Welche Berechtigung sollte es geben, die eigene Überforderung an irgendwen weiterzugeben, wenn die Ursache höhere Gewalt ist? Außer, dass man überfordert ist.

Und ist es nicht einfach schlicht und ergreifend die Aufgabe von Eltern, dass jetzt in dieser Pandemiekrise zu leisten. Die verlangt schließlich allen viel ab und Eltern eben das, wofür sie laut Artikel 6 des Grundgesetzes “zuvörderst verpflichtet sind”.

Fun-Fact: Eltern sind zuvörderst verpflichtet, aber nur Mütter haben Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. Pech für Niels Pickert.

 Ich fürchte, wenn wir nicht aufhören aufeinander loszugehen, weil wir uns das Ausmaß der Überforderung von anderen Menschen nicht vorstellen wollen oder können, dann wird die gesellschaftliche Abrechnung, die dieser Tage ansteht, sehr viel deutlicher und schmerzvoller Ausfallen als die fiktiven Rechnungen von Müttern, die sich für ihre Kinder aufreiben und statt echter Unterstützung lustige Bildchen vom zuständigen Ministerium bekommen.

Ja, die Bildchen sind echt nicht hilfreich.

Es sollen aber keine „fiktive“ Rechnungen sein, oder höchstens insofern, dass nicht damit gerechnet wird, dass das bezahlt wird.

Wird es nicht. Und zwar nicht aus irgendwelchen romantischen Gründen wie „elterliche Liebe“ oder dergleichen, sondern:

  1. weder die Bundesrepublik Deutschland noch eines ihrer Organe hat einem Deal zugestimmt in Form von: „Wir kriegen nur Kinder, wenn IHR deren Betreuung min. xy Stunden die Woche garantiert.“ (Wäre das so, bekämet Ihr regelmäßig Geld, wenn Eure Kinder krank zu hause bleiben müssen, und IHR die solange betreut.)
  2. die Schließung von Kindergärten, Schulen und allen sonstigen Einrichtungen und Möglichkeiten, in denen Kinder zeitweise betreut werden können, erfolgte aus Gründen, die die BRD und ihre Organe nicht zu vertreten haben. Sie hat die Pandemie weder ausgelöst noch aus Fahrlässigkeit zugelassen, dass die Schließungen notwendig wurden. (Und ja, die sind notwendig – Eure Rechnungen wären ein Klacks im Vergleich zu der Welle an Klagen wegen Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge, die das verbleibende Steueraufkommen aufbrauchen werden, wenn D. nichts unternommen hätten und mehr Menschen an Covid-19 stürben als unvermeidbar…)
  3. Ihr müsst Eure Rechnung richtig stellen – Ihr seid ganz überwiegend keine gelernten Kindergärtner oder Lehrer, Ihr bekämet höchtens so viel wie ein Babysitteremwede, die oder der ios Taschengeld aufbessert. Oder wie als Zivi. Wenn Ihr schon meint, dass der Staat Euch Geld schuldet, stellt ihm Euren Verdienstausfall in Rechnung. Angenommen, ich hätte ein Kind. Dessen Mutter und ich teilen uns die Erziehungsarbeit, d.h., während der 40 h/Woche, in der das Kind sonst in der Schule oder auf dem Schulweg wäre, ist hälftig sie und hälftig ich dafür zuständig. Wir müssten dafür beide halbtags arbeiten, was unsere Arbeitgeber/Auftraggeber so erlauben. Wir kriegen aber entsprechend weniger Geld. Dieser Verdienstausfall wäre demnach coronabedingt; wenn der Staat also daran die Schuld trägt, dass wir unsere Kinder selbst betreuen, anstatt diese Leistung teilweise outsourcen zu können, und dieses fehlende Outgesource Einnahmeverluste verursacht, nun, wo bleibt unser Geld?

Und ja, meine Rechnung belohnt Menschen mit hohen Stundensätzen. Aber ja, wenn man Kinderbetreuung bepreisen will, muss man nicht nur betrachten, was sie kostet, sondern auch, welch höheres Einkommen sie Eltern ermöglicht.

Hier wird übrigens noch darauf hingewiesen, dass das ganze System des „für Kinderbetreuung bezahlt werden“ – bei konsequenter Anwendung – dazu führen müsste, dass Eltern demnächst die Schulkosten ihrer Kinder selbst und komplett bezahlen, und nicht über sowas sozialistisches wie die Solidargemeinschaft oder so querfinanziert werden. Aber haha „konsequente Anwendung“, haha!

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