Corona-Optimismus

Wo ich mal dabei bin, sie hier nochmal.

Vom Prinzip her sind diese „Mach’s Beste draus“-Spriche zweischneidig – einerseits ist es vllt. tatsächlich hilfreich, nicht nur apathisch an die Decke zu glotzen, bis alles vorbei ist, andererseits wird eine Katastrophe verklärt…

Dies vorweg gesagt, kann man aber einen Mittelweg zwischen Decke glotzen und Corona toll finden finden.

Eventuell auch dahingehend, eine neue Gesellschaft zu erfinden. Weil, wenn die alte Gesellschaft nicht funktioniert, liegt das nicht an uns, sondern an der Gesellschaft. Fangen wir also mit einem völlig irreführenden Vergleich an:

Metaphorisch gesprochen: Wenn wir gerade Verletzte und Leichen aus einem brennenden Wrack mit Totalschaden bergen, erscheint es pietätlos, noch am Unfallort darüber diskutieren zu wollen, wie man das Auto sicherer hätte bauen können.

Vor allem sinnlos – man hat keine Konstruktionspläne vom Auto dabei.

Dennoch ist genau das der sinnvollste Zeitpunkt. Denn sind alle Wunden versorgt und das Auto wieder repariert, besteht keine Dringlichkeit mehr, über eine neue Karosserie nachzudenken.

Erstens: ein brennendes Wrack mit Totalschaden ist nicht mehr zu reparieren. Zweitens: hierzulande zumindest hat jedes Auto eine Zulassung und muss regelmäßig zum TÜV. Ich will nicht sagen, dass es unmöglich ist, dass ein Auto wegen eines Konstruktionsfehlers in Flammen aufgeht, aber sehr unwahrscheinlich. Drittens, insofern ist die Metapher nicht völlig falsch: am Unfallort sollte man mit der Ursachenforschung beginnen. Was auch tatsächlich so praktiziert wird (Fahrerfehler, Fremdverschulden, Meteoriteneinschlag?). Viertens: wenn die Überlebenden wieder aus dem Krankenhaus kommen und das Auto verschrottet wurde, besteht tatsächlich immer noch eine Dringlichkeit, über ein neues Fahrzeug nachzudenken: „Braucht man wirklich noch einen Fünfsitzer, wenn gerade die halbe Familie ums Leben gekommen ist?“ Wie, pietätslos?

Wir müssen uns an folgende drei Gedanken gewöhnen: 1. Es wird länger keine Rückkehr zu irgendeiner Normalität geben. 2. Es kann keine Rückkehr zu jener Normalität geben, die wir vor dem Coronaausbruch hatten. Denn es gab 3. nie so etwas wie Normalität.

Denn, 4., bin ich ein Ingenieur aus NRW und sie eine Journalistin aus München. Was ihr „normal“ vorkommt, ist mir vllt. fremd und umgekehrt.

Desaster stellen unsere Definition von „normal“ infrage, indem sie bereits schwelende Probleme sichtbar machen, deren Existenz wir bis dahin als systembedingt akzeptiert und verdrängt hatten.

Die wunderbare Welt des „wir“ – eigentlich sollte es klar sein, dass es keinen Konsens gibt, was eigentlich „normal“ ist. Aber ja, nehmen wir mal die Krise als Anlass, die Dinge zu überdenken.

Ein Zurück in den Status quo aus Dezember 2019 anzustreben würde deshalb bedeuten, all die zivilisatorischen Brüche und Ungerechtigkeiten nicht nur hinzunehmen, sondern wissentlich beibehalten zu wollen.

Nun, ja. Was in dem Zusammenhang immer wieder vorkommt, ist die Forderung, systemrelevante Berufe besser zu bezahlen. Es ist weder ihre noch meine Entscheidung, dass die so bezahlt werden, wie sie werden, aber dessenungeachtet…

Nur einige Beispiele: Der Love-Parade-Prozess wird eingestellt, weil sich jetzt zu viele Menschen auf zu engem Raum gesundheitlich gefährden würden.

Ja, ich hätte es auch schöner gefunden, wenn das anders ausgegangen wäre. Man hätte insbesondere mit Video und Glasscheiben arbeiten können. Allerdings: der Prozess wurde bereits in großen Teilen eingestellt, dass er nicht komplett zu Ende war, lag an den letzten Angeklagten, die gerne ein Urteil statt eine Einstellung des Verfahrens wollten.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen musste eine Flugpflicht-Regelung vorläufig aufheben, um sogenannte Geisterflüge zu verhindern, also leere Flugzeuge, die bis dahin gezwungenermaßen durch die Gegend flogen, um Slots auf exklusiven Flugrouten zu schützen.

AMtsschimmel – auch das ist NICHT auf „unseren“ Mist gewachsen. Außer im allgemeinen Sinne, dass „wir“ alle gerne Flugzeug fliegen, so dass der Markt umkämpft ist und Flugrouten eine begrenzte Ressource darstellen.

Die Menschenfeindlichkeit und eurozentrische Ignoranz, die strukturell schon immer Teil unseres Wohlstands war, ist jedoch an den Grenzen am wenigsten zu übersehen.

Achwas? Der Wohlstandsunterschied EU vs. Nicht-EU ist an der EU-Außengrenze amleichtesten zu sehen? Ja, gut, dass ich das jetzt gelesen habe.

Eine Politik, die es nicht hinkriegt, Menschen an der Außengrenze so zu retten, dass sie nicht elendig verrecken (kommen Sie mir nicht mit den 50 Kindern), aber mit Frühlingseifer Erntehelfer aus dem Ausland einfliegen lässt beziehungsweise lassen muss, um den nationalen Spargelhaushalt aufrechtzuerhalten, kann nie normal gewesen sein.

Ja, EU-Bürger kriegen in EU-Ländern Arbeitserlaubnisse, Nicht-EU-Bürger kriegen noch nicht einmal ein gescheites Flüchtlingslager. Dass ich beide Aktionen bzw. Nicht-Aktionen blöd finde, ändert aber nichts daran, dass die EU für die EU da ist, d.h., für rumänische Spargelstecher – die in Corona-Zeiten wohl noch viel schlechter andere Arbeit gefunden hätten – also mehr als für Flüchtlinge, die bestimmt auch Spargel stechen würden, wenn man sie ließe. Solidarität ist halt Solidarität für die Solidargemeinschaft.

Denn diese Normalität schaut achselzuckend dabei zu, wie Männer, Frauen und Kinder während des gesamten Osterfests hinweg im Mittelmeer treibend verzweifelt auf Rettung hoffen und ignoriert ihre gefunkten Hilferufe.

Eigentlich sollte man sich mit Libyen irgendwie einigen: Libyen baut Solarkraftwerke, spaltet mit dem Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, pumpt den Wasserstoff nach Europa – weil man Wasserstoff prinzipiell speichern kann, Strom prinzipiell nicht – kriegt dafür G.E.L.D., und die ganzen Arbeitskräfte, die die Anlagen bauen, sind Flüchtlinge aus Afrika. Win-Win-Win. Wo waren wir? Achja.

Natürlich geht es auch darum, erst mal Infektionen in den Griff bekommen. Und das Homeschooling. Und die Pflege- und Altenheime. Und das Gesundheitssystem. Tatsächlich sind aber diese quietschenden Stellen gleichzeitig die Schäden eines ökonomischen Prinzips, das nur so lange hält, wie alles halbwegs funktioniert.

Niemand, nicht einmal die fremdenfeindlichsten Verschwörungstheoretiker behaupten, die Flüchtlinge wären an Corona schuld. Außer Klaus. Aber der ist irgendwie komisch.

Wir sind etwa vernünftigerweise für den virologisch empfohlenen Lockdown und fragen gleichzeitig aus existenziellen Gründen vorsichtig nach dem erhofften Ende

Du vllt., ich habe akzeptiert, dass mir keiner die Frage nach dem Ende ehrlicherweise beantworten kann.

wir sind theoretisch kantianisch und solidarisch, aber praktisch stehen wir selbst im Park rum wie die Bademeister und echauffieren uns, „dass ja alle im Park sind“.

Ich stehe nicht im Park, aber wenn, würde ich mich nicht echauffieren. Ich bin ein anderes „wir“.

Die Beschulung der Kinder überfordert uns und ist auf eine Weise zeitintensiv, dass sie das Arbeiten daheim kaum ermöglicht, aber gleichzeitig kritisieren wir zu Recht das Expertenpapier von Leopoldina, obwohl es für sukzessive Schulöffnungen ist, weil wir ahnen, dass man einen Haufen Achtjähriger schwer dazu bringen kann, Spielen mit Körperkontakt zu unterlassen

Ja, Pink Stinks, nech? Ein Video aufnehmen, dass man überfordert sei, aber dieses auf der eigenen NGO-Seite veröffentlichen – aka: bei der Arbeit – verbindet elegant das Geldverdienen mit dem Geldfordern. Ernsthaft – weil Kinderbetreuung in Krisenzeiten ein Problem ist, ist sie es auch in Nicht-Krisen-Zeiten? Passt mal auf, was passiert, wenn Lehrkräfte und Kinderbetreuung(m/w/d) das Geld haben wollen, was ihnen als systemrelevant ja zusteht.

Diese Wachsamkeit gepaart mit der Verständigkeit darüber, dass es sich um eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung handelt, ist genau die Energie des zivilisiert Revolutionären, die es bräuchte, um nicht zur nostalgisch verklärten „Normalität“ zurückzukehren, die, wenn überhaupt, zuvor nur für die Privilegiertesten unter uns existierte.

Eine Normalität, in der Flüge kosten, was sie infolge CO2-Bilanz kosten müssten, in der Spargel kostet, was er infolge Mindestlohn kosten müsste, und in der Kinderbetreuung kostet, was sie kosten müsste, wenn man den Gedanken zuende denkt, würde dazu führen, dass sich nur noch die Privilegiertesten sich das überhaupt leisten könnten.

Als links-grün-versiffter Gutmensch, der seit fast 15 Jahren nicht mehr geflogen ist, keinen Spargel mag und keine Kindererziehung betreibt, kann mir das natürlich egal sein.

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