Der Lisa-Eckhart-Overkill

Um das mal irgendworan festzumachen: hier.

Bisher hatte ich Eckhart nur von ihrer Kritik am Regenbogenfisch und der dahinterliegenden „Moral“ gekannt, und diese Kritik teile ich rundum.

Der Spruch mit den Juden ist aber schon ein Tritt in die Fresse. Punkt ist zwar, dass er wohl in die Fresse von jemand anderem sollte, aber trotzdem.

Satire sollte nicht genutzt werden, um Menschen zu erniedrigen, sondern um die Realität durch aggressive, aber ästhetisch veredelte, manchmal unterhaltsame Gesellschaftskritik zu verändern.

Satire erniedrigt immer irgendwen. Meinetwegen nicht immer konkrete Personen, sondern Institutionen, aber vom Prinzip her – in der Institution stecken ja auch Menschen. Insofern teile ich diesen Kritikpunkt so gar nicht. Nebenbei besagt die Forderung: „Man tritt nicht nach unten“ ja genau das: Man tritt. Es wird nur diskutiert, wer die legitime Ziele sind oder sein sollen. Worin ich allerdings Eckhart nicht zustimme, ist, dass ihre Gesellschaftskritik darin besteht zu sagen: „Wer gegen Weinstein, Polanski und Allen ist, ist (wie) ein Nazi.“ Manche bestimmt, aber eben nicht alle. (Mich persönlich trifft das eh‘ nicht, ich bin für eine differenzierte Betrachtung der drei.)

„Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den dummen Vorwurf gewettert, denen geht es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht es wirklich nicht ums Geld, denen geht es um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld.“

So, und jetzt meine Interpretation – ein bisschen eckhartfreundlich, und vllt. zu hart um die Ecke gedacht (got it? GOT IT?) – aber eben meine: das Vorurteil, dass Juden dauernd Frauen, und zwar unschuldige christliche Frauen, haben wollten, ist jetzt genausoein Vorurteil wie das von geldgierigen Juden. Tatsächlich schließen die sich auch nicht aus, sondern es gab auch das Vorurteil vom Juden, der einen europaweiten Mädchenhandel betreibt. Und nur der Jude. Weil: Isso. Und Eckhart weiß das und ihr Publikum sollte das eigentlich auch wissen – außer den paar Leuten, die tatsächlich so wenig Vorurteile gegen Juden haben, dass sie noch nicht einmal wissen, welche Vorurteile gegen Juden es gibt – und weil es das Vorurteil „Es geht denen um die Weiber“ gibt, kann die Überraschung darüber nicht echt sein, und deshalb ist es ironisch. Und deshalb soll das nicht heißen: „Stimmt“, sondern: „Stimmt auch nicht!“ Es funktioniert aus zwei Gründen trotzdem nicht, erstens, weil manche nicht verstehen, was sie meint:

Über wen oder was macht sich aber Eckhart genau lustig, wenn sie das antisemitische Klischee des geldgierigen Juden evoziert?

Des geldgierigen UND des sexgeilen Juden, aber ja: über wen macht sie sich lustig?

Über Antisemiten, die so denken?

Wohl nicht. Sie sprich von „wir“, die immer gegen den dummen Vorwurf gewettert haben.

Über die von ihr behauptete moralische Ambivalenz, die eine Gesellschaft aushält, wenn sich Zugehörige marginalisierter Gruppen amoralisch verhalten?

Das glaube ich nicht, aber kann sein. (Die Gesellschaft hält das locker aus.)

Mokiert sie sich über die Selbstreflektion einer progressiven Gesellschaft, die vermeintliche Redeverbote über angeblich unantastbare Bevölkerungsgruppen erteilt? 

Wohl eher das, aber mMn ist ihr Vorwurf, dass die, die gegen das Antisemitismus-Vorurteil wettern, selbst antisemitische Vorurteile hätten, nur halt andere, und es den Juden krumm nähmen, wenn einige von ihnen dieses Vorurteil (scheinbar oder tatsächlich) bedienen.

Durch diese wispernde Uneindeutigkeit schafft Eckhart Resonanzräume, die zulassen, dass sie mit echter Bestätigung echter Vorurteile befüllt werden können.

Weil: ich hatte nie Vorurteile gegen Juden, aber wenn jemand aus Österreich kommt und über Vorurteile gegen Juden spricht, dann werden die wohl ihre Richtigkeit haben. Heim ins Österreich!

Ich finde das nicht SO uneindeutig, aber nunjaa; der andere Grund – ihr Vorwurf stimmt so nicht. Vielen Leuten, die gegen Weinstein, Polanski und Allen „wettern“, ist möglicherweise gar nicht bewusst, dass das Juden/Menschen jüdischer Abstammung sind. Anderen ist das wohl klar, aber die machen das nicht davon abhängig. Und manche haben halt antisemitische Vorurteile, denen kommt das gerade recht, aber das sind ja nicht die, die vorher gegen Vorurteile gewettert haben. (Wobei alle Sätzen mit „wir“ so oder so einen Haken haben können.) Und drittens, da man die Fälle Weinstein, Polanski und Allen trennen sollte, sollte man auch die „Kritik“ an ihnen trennen – aber das ist vllt. dem Format des Kabaretts geschuldet.

Die grundsätzliche Frage, die sich deutschsprachiges Kabarett also immer wieder stellen muss: ist der gesellschaftliche Schaden, den ich durch ein ironisiert reproduziertes Ressentiment erzeuge größer als die humoristische Aufklärung, die ich leiste, wenn ich dem Publikum vermeintlich den berühmt-berüchtigten Spiegel vorhalte?

Englischsprachiges Kabarett nicht? Französischsprachiges? Nebenbei, so gesehen, wie wollte man den gesellschaftlichen Schaden und die humoristische Aufklärung messen? Wer sollte hier den Schiedsrichter spielen? Außerdem – das ist jetzt aber reine Vermutung meinerseits – wieso würde Eckhart oder sonst ein Kabarettist dem eigenen Publikum den Spiegel vorhalten? Wäre hier nicht eher die gemeinte Pointe: „Guckt mal, die ach so progressiven Gutmenschen. Immer anti-Antisemitismus, aber wollen nicht mit Allen in denselben Verlag!“

Ist #metoo antisemitistisch? Eigentlich nicht. Gibt es bei #metoo Antisemitismus? Doch, auch. Ist die Kritik an Weinstein, Polanski und Allen deshalb antisemitisch*? Keine Ahnung. Und DAS ist eigentlich mein Hauptproblem mit dieser Satire – selbst die, die Allen kritisieren, der weder angeklagt wurde noch im Ausland lebt, formulieren ihre Kritik „semitismus-neutral“, sei es, weil sie wirklich keine Antisemiten sind, sei es, weil sie zu schlau sind, sich ihren Antisemitismus anmerken zu lassen, sei es, weil einige von denen so und andere so sind. Eckhart hat eigentlich keinen Anhaltspunkt, oder jedenfalls keinen offensichtlichen, oder einen, den sie benennen würde, um ihren Vorwurf zu belegen.

Ich meine, wenn ich eine Satire schreibe, dass Kabarettisten(m/w/d) alle kleine Katzen mit Vorschlaghämmern erschlagen würden, um vorm Auftritt in Stimmung zu kommen… Moment, WDR, habt Ihr noch was frei…

Die Teilnahmslosigkeit und das Unverständnis des WDR im Vergleich zum Canossagang, den er aufgrund der auch von Rechten hochgejazzten Umweltsau bereit war zu gehen, ist befremdlich.

Einerseits JA, da waren die zu jammerlappig, andererseits nein, die wissen, woraus sich ihr Publikum hauptsächlich zusammensetzt.

Ein VIEL wichtigeres Problem mit #metoo, was jetzt nichts mit Antisemitinnen zu tun hat, ist der Umgang mit Biden. Ok, der aktuelle US-Präsident ist menschlich, politisch und besonders im Umgang mit Frauen eine Katastrophe. Und außerdem ist er in der flaschen Partei (von den Demokraten aus gesehen). Was also tun?

A: man sucht einen Gegenkandidaten, der diese drei Mängel nicht aufweist.

B: man sucht eine Gegenkandidatin, der man quasi qua Geschlecht keine sexuelle Belästigung zutraut, die sympathischer als Hilary ist (easy!), ihre Haare in einem angenehmeren Ton tönt, und ihr mangelndes Alter (unter 60!) damit kompensiert, dass sie noch nie pleite gegangen ist.

C: irgendeinen halbwegs besseren Typen als Trump, der – sobald auch nur der Verdacht einer Vermutung eines Vorwurfs einer sexuellen Belästigung durch ihn im Raum steht – freiwillig von seiner Kandidatur zurücktritt, weil er „den Wahlkampf seiner Partei nicht dadurch gefährden wolle, dass er sich natürlich einer entsprechenden, langwierigen Untersuchung stellt, deren Ausgang er aber voller Zuversicht entgegensehe, weil er sich nichts vorzuwerfen habe“ oder

D: nichts von alledem, sondern einen Typen, der vllt. nur etwas besser als Trump ist, aber dafür in der richtigen Partei.

Protipp: ein schmieriger Typ, der Frauen ziemlich herablassend behandelt, aber offen damit umgeht, ist zumindest kein Heuchler. Parteigenossinnen und -genossen, die solche Menschen schon auf Verdacht aus Amt und Würden jagen wollen, auch oder GERADE, wenn diese in derselben Partei sind, sind auch keine Heuchler. Oder Heuchlerinnen.

Aber wenn man vor die Wahl gestellt wird zwischen einem schmierigen Typen und einem schmierigen Typen, der außerdem ein Heuchler ist und eine Heuchlerin als Vize einstellen wird – was erwartet Ihr?

 

*Nebenbei, also ganz nebenbei – dass gleich drei der bekanntesten Ziele der #metoo-Bewegung Juden sind, ist jetzt nicht die Schuld der Juden als solchen. Dass in der Showbranche, mit ihren sehr hohen Einkommensunterschieden ein entsprechendes Machtgefälle entsteht, welches sexuelle Ausbeutung zwar nicht erst ermöglicht, aber schon erleichtert, und das andererseits die Leute, die hier ganz oben in der Macht-und-Einkommensskala stehen, auch recht berühmt macht, überproportional viele Juden arbeiten, hat historische Gründe. Und zwar: wenn man Juden jahrhundertelang bestimmte (fast alle) Berufe und Branchen einfach verbietet, darf man sich hinterher nicht beschweren, wenn in den beiden erlaubten – Finanzen und Showbiz – besonders viele Juden arbeiten.

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