Stokowski vs. Lindemann

Wie konnte ich die üblichste Verdächtige vergessen?

Ok, da war ihr Artikel noch nicht online, aber nachdem sie sich schonmal einschlägig zu einem ähnlichen Thema geäußert hat, war ja klar, dass sie sich auch hierzu äußert. Da war das Thema: Künstler verübt im richtigen Leben ein Verbrechen, was sagt das über seine Kunst/Publikum aus? Jetzt ist das Thema: Kunst gibt ein Verbrechen wieder, was sagt das über den Künstler aus? Na, was wohl?

Eins vorweg: es gibt Menschen, die Lindemann/Rammstein abfeiern und dergleichen Texte nicht als einfache Provokation lesen, sondern als Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen. Das Argument ist, dass gerade WEIL das eine Auseinandersetzung mit bspw. Sex mit Bewusstlosen sein soll, die erste Person gewählt wurde – für Gamer: die Ego-Perspektive – um dem Publikum einen möglichst unmittelbaren Zugang zur Psyche des Täters zu ermöglichen. Ob das so sein soll, weiß ich nicht, aber das Argument wird von den Lindemann-Kritikern(m/w/d) weitestgehend ignoriert. Noch eins vorweg: mein Verdacht ist, dass Lindemann einen dicken Stapel mit Ideen und Konzepten voller potentieller Songtexte hat, aber alle, für die ihm keine gescheite Melodie einfallen, landen in der Zweitverwertung als Gedichtsammlung. Und seine vorhandene Bekanntheit ermöglicht ihm, einen Verlag zu finden. Genial. Andere Dichter(m/w/d) haben einen ungeliebten Brotjob, weil sie von Luft und Lyrik nicht leben können, aber Lindemann kriegt das Abfallprodukt seines Brotjobs auch noch verkauft. Sagte ich Genial? Ich meinte: Brilliant.

Aber fangen wir mit dem „Provokations“-Argument an, weil ich tatsächlich der Meinung bin, dass ein Schock-Effekt beabsichtigt ist. (Ich kann es zwar nicht direkt beweisen, halte es aber für plausibel.)

Provokation als Wert an sich ist ein interessantes Phänomen, wenn man bedenkt, wem sie zugestanden wird. Die Kinder in diesem Chor, der Ende letzten Jahres im WDR das „Umweltsau“-Lied sang – das war natürlich keine Kunst.

Auch, wenn ich die damalige Aufregung für überzogen halte (und bis dato hat Lindemann ja auch keine Morddrohungen erhalten, soweit ich weiß) – es gibt drei Unterschiede:

  1. es wurde nicht ernsthaft behauptet, dass das Umweltsau-Lied keine Kunst sei
  2. den Kritikern(m/w/d) war immerhin klar, dass das lyrische Ich nicht identisch mit den Kindern ist, dass also nicht nur die konkreten Großmütter der konkreten Kinder gemeint sein sollen, sondern deren ganze Generation
  3. Lindemann macht im fraglichen Gedicht niemanden – außer höchstens sich selbst – einen Vorwurf wie „DU bist ein Vergewaltiger, eine Umweltsau, etc.“, was allerdings exakt der Vorwurf beim Umweltlied war

Tod allen Hühnern!

Wenn aber ein alternder Rockmusiker davon fantasiert, über eine ohnmächtige Frau zu robben, dann wird da schon etwas Höheres dran sein, das Feministinnen einfach nicht verstehen.

Vllt. robbt er ja auch über einen ohnmächtigen Mann? Oh, diese Ambiguität, oder dieser Ambiguismus! Also gut, eine moralisch aufgeladene, künstliche aufgeblähte Empörungswelle ist ok, wenn Frau Stokowski mitmacht, aber nicht, wenn sie auf seiten des Shit-Sturm-Opfers ist. (Und ich vermute, dass das zumindest einige Feministinnen verstehen, aber so tun, als ob nicht.)

Ihre restlichen Punkte halte ich für deutlich weniger gut begründet.

Was zur Kunst gehört und was nicht, das ist aktuell wieder eine Frage, die gestellt wird, anlässlich des neuen Gedichtbands von Till Lindemann.

Alle Gedichte sind Kunst. Ob Gedichte gut oder schlecht sind, schön oder hässlich, pädagogisch wertvoll oder moralisch verkommen, ist irrelevant. Es ist sogar egal, ob der Text des Gedichtes einen Sinn hat oder – wie der Beispieltext von Nietzsche – komplett aus Lautmalerei besteht. Und Gedichte müssen sich noch nicht einmal reimen, um als Gedicht zu zählen; Lindemanns Text ist also nicht einmal so ein experimenteller Text, der die handelsüblichen Definitionen oder Kriterien überdehnt, die ihn zu einem Gedicht machen sollten. Man könnte ihn sogar singen (der Text in Klammern ist dann der Hintergrund-Chor), aber dazu hätte man eine gescheite Melodie gebraucht. Also qualifiziert sich dieser Text als Gedicht, und weil er ein Gedicht ist, und Gedichte Kunst, ist dieser Text Kunst. Das heißt nicht „große“ Kunst oder „gute“ Kunst, aber die Diskussion, ob das überhaupt Kunst sei, kann an der Stelle abgebrochen werden.

Ist das Kunst, und darf man so etwas drucken? Ja, natürlich.

Wo ist dann das Problem?

Aber wo Kunst ist, ist auch Kunstkritik.

Ja, aber das macht Ihr ja nicht. Ihr kritisiert das Gedicht nicht als „schlechte Lyrik“, und Lindemann als schlechten Dichter, sondern als „moralisch schlecht“ und Lindemann als schlechten Menschen. Uwe Boll wurde z.T. sehr hart kritisiert, was für miese Computerspiel-Verfilmungen er gebracht hat – und Videospiel-Verfilmungen haben generell keinen guten Ruf – aber dass Uwe Boll ein schlechter Mensch ist, sagen die wenigsten. Was Ihr macht, ist keine Kunstkritik, sondern moralische Kritik. Was Ihr natürlich auch machen dürft, aber dann benennt es auch so, wenn Ihr den Anspruch habt, moralisch vorbildliche, redlich argumentierende Menschen zu sein.

„Ihr“, denn Stokowski verweist auf andere Kritiker:

die Lindemann-Texte seien „abscheuliche Gedichte“, die aber durchaus „klüger sind als ihr Autor“ und zeigen, „wie die Gewalt die soziale DNA in sämtlichen Bereichen des Zusammenlebens bestimmt.“

Blödsinn: Entweder, Lindemann erzählt da aus einem eigenen Leben, dann sagt das nur was über Lindemanns Bereiche des Zusammenlebens aus, oder er hat sich die Sachen nur ausgedacht, dann sagt das überhaupt nichts über das Zusammenleben irgendwelcher Leute aus. Bzw., rein statistisch gibt es leider Menschen, die ihren Partner(m/w/d) unter Drogen setzen, mit sexuellen Hintergedanken, aber nunja. Ob Gedichte oder sonstige Kunst die Wirklichkeit wiedergeben oder nicht, ist in beide Richtungen kein Argument.

„Das ist sexistischer Dreck. Und der bleibt sexistischer Dreck, auch wenn er sich reimt.“

Das mag sogar sein – welches Geschlecht hat nochmal das Opfer? – aber das ist eine Kritik des Inhaltes, nicht der Form. Ein meisterhaftes Fresko, das eine Atombombenexplosion zeigt, mag künstlerisch großartig sein, ist aber inhaltlich schrecklich. Ist das jetzt die Botschaft an Künstler(m/w/d): „Es reicht nicht, gut malen, dichten oder schauspielern zu können; wenn Du unser Lob willst, darfst Du nur solche Dinge darstellen, die uns gefallen!“? „Aber Mycroft, jemand, der einen Atompilz malt, will damit ja nicht unbedingt sagen, dass Atompilze gut sind!“ – „Das mag sein, aber jemand, der das Bild sieht, könnte Atomwaffeneinsätze ja trotzdem für eine gute Idee halten.“ – „Na, dann wäre die- oder derjenige aber schon vorher extrem menschenfeindlich unterwegs gewesen.“ – „Ja, und jemand, der Lindemanns Gedicht für eine Idee hält, die er oder sie gerne umsetzen würde, etwa nicht?“ – „Nein, dieses Gedicht ist geeignet, sexuelle Vorleiben komplett zu verändern.“

es gibt in dieser Debatte keinen Vergewaltigungsvorwurf, lediglich den Vorwurf, mit einem Gedicht, das unzweifelhaft eine Vergewaltigung beschreibt, diese Art von Gewalt zu verherrlichen.

Mal blöd gefragt: inwiefern? Wenn der Vorwurf wäre: „Ich möchte in meiner Freizeitgestaltung – und das ist Kunstgenuss nunmal – nicht mit Vergewaltigungen konfrontiert werden.“, ok. Aber WIE genau würde jemand, der eigentlich lieber mit wachen Menschen einvernehmlichen Sex hat, das hier als Verherrlichung verstehen? Sind das dieselben Menschen, die aus „Das Schweigen der Lämmer“ kommen und sagen: „Ich will unbedingt Menschenfleisch probieren, am liebsten Leber mit Dicken Bohnen.“? Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen. „Aber Mycroft, Vergewaltigungsdrogen kommen viel häufiger vor als Kannibalismus!“ Ok, anderes Beispiel. Ich war letztens in einem Theaterstück; ein Teil der Handlung waren Eheprobleme (Treue und Sorgerecht). Der Mann setzte seine Frau unter Drogen, damit die Sex mit einem Esel hatte. Freiwilligkeit Fehlanzeige. Und dem Esel ging es auch nicht so gut. Das war nämlich ein – ebenfalls unfreiwillig – verzauberter Mensch, der mit der Situation völlig überfordert war. (Und in manchen Übertragungen den sexuell völlig unkonnotierten Namen „Bottom“ trägt.) Es gab auch keinerlei Quittung für Oberon, hinterher versöhnt er sich wieder mit Titania. Wenn ein paar Jahrhunderte, in denen Shakespeares „Sommernachtstraum“ eines seiner häufiger gespielten Stücke war – auch für Schulaufführungen – die Rape-Culture nicht vorangetrieben haben, kommt es auf Lindemann auch nicht an. Oder, Shakespeare ist doch ein so schlechter Einfluss, dann sollte man sich als erstes darum kümmern: keine Aufführungen oder Lesungen von Shakespeares Stücken und Lyrik, keine Zusammenarbeit mit Schauspielern und Regisseuren, die(m/w/d) Sommernachtstraum etc. aufgeführt haben (also Allen UND Mia), und – natürlich – man lässt sich nicht vom selben Verlag wie Shakespeare verlegen. NEVER! Oder gebt zu, dass Ihr Lindemann einfach nicht leiden könnt. Der Vorwurf, drogeninduzierte Vergewaltigungen zu verherrlichen, wird ja nicht dadurch gekontert, dass Shakespeare seine Verherrlichung besser gedichtet hat.

„Ob sich dafür ein großer Verlag und ein SZ-Redakteur als Herausgeber gefunden hätten, wäre der Autor kein bekannter Rocksänger?“

Tja, hätten Shakespeares Sonette einen Verlag, wäre er nicht so ein bekannter Stückeschreiber? Wir werden es vllt. nie erfahren.

 Helge Malchow, … äußerte sich zur Kritik, was als Vorgang bemerkenswert ist, dann aber doch ernüchternd ausfiel. „Die moralische Empörung über den Text dieses Gedichts basiert auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, dem sogenannten lyrischen Ich, mit dem Autor Till Lindemann“, ließ er verkünden.

Tja. Shakespeare lebte mWn getrennt von seiner Frau – vllt. hatte er auch böse Rachephantasien?

Was nicht viel mehr heißt als: Das ist ein Gedicht, ihr Heulsusen, der hat die gar nicht vergewaltigt.

Wieso nochmal „die“ vergewaltigt? Die implizierte Annahme, dass man Männer unter Rohypnol nicht vergewaltigen könne, ist zutiefst sexistisch. Aber ansonsten: Ja, das ist das Gegenargument für die Kritik an Lindemann.

Nur: Das wusste man ja schon, dass es da um ein Gedicht geht.

Achwas. Entweder, Ihr unterstellt Ihm, dass Lindemann persönlich – nicht sein lyrisches Ich – dergleichen schonmal getan hat oder tun will, oder aber, dass er – nicht das lyrische Ich – seine Leserschaft dazu aufrufen will oder zumindest unwillentlich dazu aufruft, weil das als „Verherrlichen“ verstanden werden könnte. In den ersten drei Fällen kritisiert Ihr Lindemann, nicht sein lyrisches ich, und macht diese Trennung nicht, im vierten macht Ihr diese Trennung zwar, aber unterstellt, dass seine Leserschaft dies nicht tut. Und da hat der Verlag recht: diese Kritik basiert auf dem Fehlen dieser Trennung.

Genauso falsch wie die Gleichsetzung von Autor und lyrischem Ich ist die Gleichsetzung von Kritik mit „moralischer Empörung“.

Stimmt nicht ganz: es gibt verschiedene Arten von Kritik; „literarische Kritik“ ist nicht dasselbe wie „moralische Empörung“. Erstere bezieht sich bei Gedichten auf Formalien wie Reimschema, Versmaß und Wortwahl, und wie diese emotionale Reaktionen bei der Leserin oder nichtweiblichen Leser erzeugen oder auch nicht. „Moralische Empörung“ ist, wenn man über etwas moralisch empört seid. Und das seid Ihr.

Kunst darf von Gewalt handeln, sie darf sich in Täter hineinversetzen, grausame Dinge beschreiben

Ja, wo ist denn dann das Problem?

– aber sie muss sich eben auch gefallen lassen, dass dann diskutiert wird, wo die Grenzen liegen.

Im Prinzip ja, aber erstens „diskutiert“ Ihr ja nicht, Ihr setzt einfach fest, dass das unmoralisch ist, und zweitens ist das wie mit der Kugelform der Erde: diese Diskussion ist schon lange ausdiskutiert. Es gibt kein Gesetz, keine Vorschrift und keine sonstige Regel, die die Themen oder Gegenstände von Kunst begrenzen – außer evt. im Rahmen von „Genregrenzen“ – ergo ist in der Kunst alles erlaubt, was nicht durch solche Gesetze beschränkt wird, die die Rechte anderer schützen. Strafrecht, Urheberecht, Jugendschutz oder auch Tierschutz. Wenn Ihr also diskutieren wollt, ob hier eine „Grenze“ überschritten wird, müsst Ihr entweder das Gesetz nennen, das Eurer Meinung nach gebrochen wird, oder Ihr formuliert ein Gesetz, das es EMn geben müsste.

Wie jedes Mal, wenn misogyne Kunst kritisiert wird, …

Die wiederholte Betonung, dass das frauenfeindlich sei, lässt mich fragen, ob Ihr auch ein Gedicht über die Vergewaltigung eines Mannes – als das man dieses hier lesen kann – auch kritisieren würdet, und wenn nicht, ob das nicht sehr sexistisch von Euch wäre. Ich frage für Carmen Catulli (16).

beste Werbung. Das ist speziell in diesem Fall allerdings ein mittelmäßiger Einwand, denn erstens verkauft sich Lyrik prinzipiell fast ausnahmslos extrem schlecht, und man kann davon ausgehen, dass ein feministischer Shitstorm keine nennenswerten Mengen Geld auf Lindemanns Konto spült,

Wenn man an sich wenig Geld damit verdient, ist etwas Mehrumsatz proportional schon recht viel, aber gut.

und zweitens ist es fragwürdig, ob man aus Sorge, dass Lindemann und KiWi nun ein paar Euro mehr verdienen könnten, einfach schweigen sollte.

Da würde ich sogar zustimmen – wenn jemand Stokowskis neustes Buch nur kauft, um mich zu ärgern, hält mich das ja trotzdem nicht ab, sie zu kritisieren. Ist in beiden Fällen ein Fall von nicht-tödlicher Triage: manche Menschen kaufen das Buch sowieso, manche sowieso nicht, und bei den unentschlossenen ist die Frage, ob Leute von der neagativen Kritik eher abgeschreckt oder eher ermutigt werden, nicht notwendigerweise im Voraus zu beantworten.

„Erstaunlich, wie viele Menschen das Geschäftsprinzip von Till #Lindemann auch nach 25 Jahren Rammstein noch immer nicht verstanden haben.“ Nur kann man eben etwas verstanden haben und trotzdem angreifen.

Ja. Nur, wenn man nach 25 Jahren Angriff Lindemann zu keiner Änderung des Geschäftsprinzips gebracht hat, ist der Angriff vllt. nicht sehr effektiv. Wählt ein anderes Pokemon.

Wer das für große Lyrik hält, der ist offensichtlich bereit, wirklich alles zu verteidigen, wenn es nur von einem Entfant terrible kommt.  

Das ist ein Missverständnis – ich halte das keinesfalls für große Lyrik, ich bin aber trotzdem bereit, das zu verteidigen. Kunstfreiheit gilt für alle. Wenn Ihr bei Shakespeare und Goethe keine Grenzen zieht, warum dann bei Lindemann? Wenn von Lindemann eine Gefahr ausgeht, wie viel mehr von Shakespeare und Goethe, die deutlich mehr gelesen werden?

Denn das „lyrische Ich“, das in solchen Fällen immer hervorgehoben wird, ja, es existiert tatsächlich, aber allein seine Existenz adelt es nicht.

Das hat auch keiner behauptet.

Zufällig tut dieses lyrische Ich in Gedichten, Songtexten, Romanen, die heute als frauenfeindlich kritisiert werden, immer dasselbe: Frauen erniedrigen und böse Wörter sagen wie ein Neunjähriger.

Manche Gedichte, Songtexte und Romane haben gar kein lyrisches Ich, und sie werden trotzdem als frauenfeindlich kritisiert. Aber ja, wenn das lyrische Ich etwas frauenfeindliches sagt oder tut, wird das als frauenfeindlich kritisert, Obristin Offensichtlich.

Wie durch Magie fügt es sich immer wieder in die Tradition, gewalttätiges Verhalten von Männern als irgendwie auch niedlichen Hilfeschrei einer gebrochenen Seele zu vermarkten.

Auch das hat bezüglich Lindemann niemand behauptet. Die Behauptung ist, dass das lyrische Ich zwar jemanden mit K.-O.-Tropfen vergewaltigt, dies aber nichts sei, was Lindemann tut, plant oder verherrlicht. Insofern wäre das auch kein „niedlicher Hilfeschrei“. Oder umgekehrt, wenn Lindemann dergleichen tatsächlich schonmal getan hat oder tun will, und das wäre tatsächlich ein Hilfeschrei – und kein unnötiger Hinweis an die Strafverfolgungsbehörden – wäre es die Aufgabe der Kritiker, das zu belegen. (Spontan fällt mir dazu höchstens Marion Zimmer Bradley ein.)

Klar, man kann Kunst einfach als einen Mülleimer begreifen, in den man seine „dunkle Seite“ entleert, ohne sie zuvor großartig zu bearbeiten.

Naja, wenn er das vertont hätte, wäre es bearbeiteter. Vllt. nicht „großartig“ bearbeitet, aber immerhin. Nur wäre der Text dann trotzdem noch genauso gut oder schlecht, wie er jetzt ist.

 „Das Konzept hinter dem lyrischen Ich ist genial“, schrieb die Autorin Paula Irmschler mal: Man tut lauter eklige Sachen, die man nicht tun sollte, aber halt „nicht ernst gemeint“.

Das hat damit nichts zu tun. Wenn Lindemann ein Gedicht schreibt, in dem das lyrische Ich kleine Hunde aus dem Tierheim holt, alten Frauen über die Straße hilft und einen Corona-Impfstoff entwickelt, würde ja auch niemanden die reale Person Till Lindemann als einen guten Menschen loben. Das lyrische Ich eines Gedichtes und die Person, die es geschrieben hat, sind nicht identisch. Es kann vorkommen, dass die Ansichten und Taten des lyrischen Ichs die seiner Schöpferin(m/w/d) wiedergeben, aber das ist keine Vorschrift. Zum dreiundrölfzigsten Mal.

Außerdem, angenommen, Lindemann hätte das Gedicht in der zweiten Person geschrieben, also so, dass der Vergewaltiger(m/w/d) als „Du“ angeredet wird und das Opfer mit „sie“ oder „er“ (um diese Frage endlich, endlich zu klären) – wäre das Gedicht also ohne „lyrisches Ich“ weniger problematisch? Wenn ja, warum? Wenn nicht, wieso regt Ihr Euch über das lyrische Ich auf?

Sie schrieb über lyrische Ichs in der Popmusik und stellte fest: Irgendwie „scheinen diese Typen alle das gleiche lyrische Ich als Inspirationsquelle zu haben“.

Ähh, was? Das hier:

„With a taste of your lips, I’m on a ride
You’re toxic, I’m slippin‘ under
With a taste of a poison paradise
I’m addicted to you
Don’t you know that you’re toxic?“ (Nein, kein Mensch ist toxisch!)

ist ja wohl ein anderes als das hier:

„Why she had to go
I don’t know, she wouldn’t say
I said something wrong
Now I long for yesterday“ (Keine Ahnung, wen er meint, als das Lied rauskam, war Paul noch mit Jane zusammen, bei der ihm die Melodie einfiel.)

oder:

„I am just a poor boy
Though my story’s seldom told
I have squandered my resistance
For a pocketful of mumbles“ (Paul war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht wirklich arm. Anderer Paul. Ganz anderes „ich“)

oder:

„Life is a mystery
Everyone must stand alone
I hear you call my name
And it feels like home“ (Madonna fühlt sich nicht zwangsläufig wie zuhause, nur weil jemand „Madonna“ sagt. Es könnte ja auch ein Gebet sein.)

und:

„Mama, just killed a man
Put a gun against his head
Pulled my trigger, now he’s dead“ (Freddy hat sehr wahrscheinlich nie einen Mann erschossen. Aber natürlich wäre das sowieso nicht so schlimm wie eine Vergewaltigung. Jedenfalls die Vergewaltigung einer Frau. Oder warum hat sich in 45 Jahren kein Mensch darüber aufgeregt?)

Und ich könnte ewig mit Texten aus Rock und Pop weitermachen, worin ein lyrisches Ich vorkommt, das offenbar wenig bis nichts mit dem Sänger/Schreiber/m/w/d gemein hat. Will sagen: das Lyrische Ich ist keine Alibi-Schutzbehauptung für „des Künstlers dunkle Seite“, sondern eine Methode, eine andere Perspektive als die eigene einzunehmen, ähnlich wie die Rolle(m/w/d) eines Schauspielers, und diese Perspektive ist ggfs. die eines Verbrechers(m/w/d). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in manchen Fällen Rolle und Schauspieler einander schon sehr ähnlich sind, oder die Rollen sogar harmloser als die Schauspieler sind, wie Charlie und Roseanne. Was denen ihre Jobs gekostet hat. Aber, wie gesagt, Anthony Hopkins mag vllt. gar keine Fava-Bohnen und Cianti, Bruno Ganz hat sicher keine Juden vergast und solche Unterstellungen bei Schauspielern(m/w/d) wären generell ziemlich beleidigend.

„Ist halt nicht ernst gemeint.“ Was hieße „nicht ernst“ in dem Zusammenhang? Dass Lindemann nicht ernsthaft Vergewaltigungen mit Rohypnol propagiert, oder dass er sich über Vergewaltiger lustig macht? Diese Ambiguitätikeiten immer, schlimm.

Jetzt habe ich mir die Finger fusselig getippt, und wofür? Für nix. Lindemanns Lyrik ist sicher nicht die beste seit Shakespeares und Goethes Toden, und Ihr wisst sicher, was das lyrische Ich ist und wer es nicht ist. Im Grunde – und da seid Ihr den Umweltsau-Hatern gleich – braucht Ihr ein Vehikel für Eure politischen Ziele. Und die sind die einseitige Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und irgendwas mit mehr Geld für Euch.

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