Mathe erklärt die Welt, aber Mai Thi Nguyen-Kim macht das Video dazu

Ging ja schon rum, aber hier nochmal.

Der neue Corona-Virus ist noch nicht gut erforscht, daher gibt es für viele Parameter nur geschätzte von-bis-Werte, und jenachdem, mit welchen man rechnet, bekommt man sehr ungünstige oder nicht so ungünstige Kurvenverläufe. Ein sehr wichtiger Aspekt ist: die Fläche unter der Kurve ist die Zahl der Menschen, die infiziert werden. Wie viele das sind, ist eben abhängig von der Basisreproduktionszahl Ro und der vorhandenen Immunität. Wird die Kurve flacher, weil man die Nettoreproduktionszahl kleiner bekommt, wird sie länger, weil die Fläche gleich bleibt. Länger heißt bis nächstes Jahr, wenn es hoffentlich einen Impfstoff gibt, und mann die notwendige Herdenimmunität quasi künstlich herstellt.

Jetzt ist es nicht so, dass der jetzige Zutand bis nä. Jahr durchgehalten werden kann. Die Idee im Video ist, dass man (jedenfalls in D.) die Nettoreproduktionszahl Rt auf unter 1 drückt, so dass die Anzahl der Infizierten zurückgeht. Irgendwann – beim Rechenbeispiel mit Rt = 0,5 wäre das rd. zwei Monate – gibt es so wenig Fälle, dass man alle Betroffenen nachverfolgen kann. Wenn man diese Personengruppe komplett erfasst, können alle anderen wieder (fast) machen, was sie wollen. Und wenn es den Impfstoff gibt, löst sich das Problem auch. Allerdings reichen die jetzigen Maßnahmen für ein Rt < 0 wohl nicht, man bräuchte Abschottungen im „Wuhan-Style“. Hat nix mit Kung-Fu zu tun.

Jetzt kann man das natürlich auch optimistischer sehen: wenn die Testzahlen und die „Überwachungsmethoden“ deutlich besser sind als Anfang März, muss die Infiziertenzahl nicht so gedrückt werden. Bzw., geringere Infiziertenzahlen stellen natürlich einen Wert an sich dar, aber wenn die Kapazitäten der Behörden, Kranke, Infizierte ohne Symptome und Genesene zu überwachen steigen, dass sie alle erfassen, die zu dem Zeitpunkt dazu gehören, kann man den Rest viel entspannter sehen. Die Risikogruppen und die Überträger kann man so viel leichter trennen, die Reproduktionszahl bleibt vllt. über 1, aber nicht sehr viel, die Intensivpatientenanzahl bleibt im hinkriegbaren Bereich (den man vllt. ausgebaut hat), und wenn sich das Virus irgendwann doch zu sehr vermehrt, gibt es hoffentlich die Impfung.

Hat natürlich andere Probleme: Will man Lockdown „Wuhan-Style“? Vor allem, will man den zwei Monate lang? Will man danach, dass der Staat weiß, welche Krankheit man hat und wo man sich aufhält? Oder gibt es sinnvolle Kompromisse?

Spontan würde ich sagen, wenn man einen zuverlässigen Antikörpertest – nicht für Corona allg. sondern für den Covid-19-Erreger – flächendeckend einführen könnte, viel gewonnen. Wer Antikörper hat, ist bis auf weiteres keine Ansteckungsquelle UND keine Risikogruppenmitglied mehr. Man bekäme ein Attest und dürfte andere Menschen treffen. Ob man sein Friseurgeschäft wiedereröffnen dürfte, weiß ich nicht, weil man zwar andere Immune, aber immer nur eine nicht-immune Person zugleich bedienen dürfte, und außerdem, weil das ein unfairer Wettbewerbsnachteil für die nicht-immunen Friseure(m/w/d) wäre. Hätte aber enorme Vorteile in Zusammenhang mit der Frage, wer Umgang mit Risikogruppen haben darf, und außerdem in Hinblick darauf, wann man die Epidemie überwunden hat.

Oder – ist jetzt eher mathematisch betrachtet – wenn man feststellt, dass – reines Beispiel – das Virus bei Temperaturen von dauerhaft über 15 C° im Freien und in Verbindung mit Mundschutz auch ohne Kontaktsperren eine Nettoreproduktionsrate von 1,1 hätte, wäre es vllt. eine Option, die Schutzmaßnahmen im Sommer entsprechend zu lockern (weil man dann hoffentlich genug Mundschutze hat). Bis zum Herbst hätte man Krankenhauskapazitäten und dergleichen weiter ausgebaut, außerdem wären viel mehr Leute immun, und dann könnte man trotzdem noch überlegen, wieder Kontaktsperren einzuführen.

Ein Anti-Covid-19-Medikament, das die Kranken heilt oder zumindest die Genesungszeit reduziert – 10 Tage statt 20 auf der Intensivstation bedeutete, dass je Intensivstationbett doppelt so viele behandelt werden können – wäre auch gut. Wird aber eher so lange dauern wie ein Impfstoff, der verhindert, dass die Krankheit überhaupt ausbricht UND, dass die Krankheit übertragen wird, also viel nützlicher ist. Was vllt. passiert, ist, dass ein Mittel gegen eine andere Krankheit auch bei Covid-19 gut anschlägt, was den Verlauf und die Weitergabe der Krankheit betrifft.

Der Hauptunterschied zwischen Medikament und Virus wäre aber, dass es beim Virus evt. mehr Freiwillige für die Testphase gibt. So ein paar Millionen sogar. Wird eher an der Menge des Serums scheitern.

Es gibt also etliche Möglichkeiten, alle können spekulieren, aber die Szenarien, wo das alles bald vorbei ist, gibt es nicht. Schweden verschärft seine Schutzmaßnahmen, die Zahlen in den USA steigen kontinuierlich. Panik ist unangemessen, aber 

So, und jetzt an alle, die sich fragen, wozu öffentlich-rechtliches Fernsehen, Radio und eben Funk gut seien: DAFÜR!

Dafür sind die gut – ein „Staatsfunk“ würde Euch mit Durchhalteparolen bombardieren, bis ihr um Gnade winselt.

2 Gedanken zu “Mathe erklärt die Welt, aber Mai Thi Nguyen-Kim macht das Video dazu

  1. Vorab: Ich finde es ja schön, dass Du wenigstens – im Gegensatz zu eigentlich fast allen – verstanden hast, dass eigentlich jedwede Maßnahmen ohne viel Glück oder einen Impfstoff nur dazu führen, dass die Kurve länger wird, aber die Menschen „drunter“ gleich bleiben.

    Ich hab auch das 20-Minuten Video überflogen (man kann ja auf 1,5x-speed stellen), das war nicht so doof wie der Kommentar bei der ARD, aber wenn GEZ-Medien kommen, werd ich halt allergisch.

    tL;dr nur für Dich:

    – Von einem Impfstoff träumen ist schön, aber unrealistisch. Ein Impfstoff gegen HIV wäre auch toll, aber den gibt es auch nicht.
    – Ein Medikament nützt nicht allen
    – ein Jahr ist vollkommen unrealistisch, das wirtschaftlich durchzuhalten
    – Singapur zeigt, dass es herzlich wenig nützt
    – der Effekt in Wuhan/China ist, dass jetzt jeder eine Tracking-App auf dem Handy hat. Der feuchte Traum der „Programmierer“ von UniComp (Ira Levin, This Perfect Day).

    Klar, man muss keine unnötigen Risiken eingehen und kann auf das Beste hoffen, aber wenn Leute mit Formaldehyd-Verdampfern in Hazmat-Anzügen bei Dir durch die Straßen laufen, weißt Du, was los ist (lies das Buch, wenn Du es nicht kennst).

    Lang hier:

    https://wp.me/p5hGPc-1m6

    Und da wir sowieso anderer Meinung sein werden und gerade nur rumhypothetisieren können, beide: Ich schätze Deine Meinung sehr, auch wenn ich sie nicht teile.

    Gefällt mir

    1. Spontan wäre meine Antwort, wenn ein Impfstoff in realistischer Zeit nicht machbar ist, gibt’s Plan F wie Filtermasken für alle, das Gesundheitssystem kommt trotzdem über seine Grenzen, und die Wirtschaft geht trotzdem ein.
      Achja, und ab dem Sommer werden Geldfälscher auf gefälschte „geheilte Corona“-Atteste umstellen. Man muss ja mit der Zeit gehen.

      Gefällt 1 Person

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