Ist das Meinung oder kann das weg?

Hier gibt es einen Artikel zu Till Lindemann, der ein Solo-Album rausgebracht hat. Ein Solo-Poesie-Album. Einen Gedichtband. Alles eine Soße.

Warum regt sich niemand auf über diese Vergewaltigungspoesie auf, fragt SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte.

Wieso die Frage? Carsten Otte regt sich doch auf. Und andere Kritiker. Und Tausend Leute auf Twitter. Ist wie die ganzen AfDler, die ständig ihre Meinung, man könne seine Meinung nicht mehr öffentlich sagen, öffentlich sagen. AfDlerinnen sind auch so. Die Frage ist also: warum regen sich nicht alle auf? Tja. Weil das Kunst ist, diese Kunst provozieren soll, und manche Leute entweder ein dickes Fell haben, oder die Provokation nicht unterstützen wollen, oder das tatsächlich als einen Beitrag zur #metoo-Debatte betrachten?

Und ja, man muss das nicht mögen. Und ja, das Thema hatte ich schon, Künstler und Verbrechen trennen ist eine Sache, aber Kunst und Künstler und die Leute, die die Kunst mögen, liegen schon dichter zusammen.

Nuuur. Ein Gedicht über ein Verbrechen ist kein Verbrechen. Ein Bild von einem Kuchen kann man auch nicht essen. Man kann einwenden, dass man ein Gedicht nicht mag, in dem das lyrische Ich ein Verbrecher ist, weil man sich als Leser(m/w/d) mit dem Verbrecher identifizieren müsste (müssen ist ein großes Wort), oder das man das Gedicht nur als schön empfindet, wenn das dargestellte schön ist (Wer reitet so spät bei Nacht und Wind? Das Kind ist tot.), oder – ganz komplex – falls man die Gefühle, die das Gedicht auslöst, hat, hat man die Gefühle eines üblen Verbrechers. Eines fiktiven Verbrechers zwar, aber trotzdem. Ich verstehe, warum man das nicht will. Oder warum Leute etwas gegen Killerspiele haben. Scheiß Schach.

Aber danach zu fragen, ob das strafbar ist, bzw. warum nicht? Okehe, weil das der Kunstfreiheit unterliegt. Heul doch.

Gibt es Hinweise – meinetwegen auch gerüchteweise – dass Lindemann dergleichen Verhalten realiter verwirklicht, zu verwirklichen versucht hat, befürwortet oder verteidigt? Macht jemand Lena Headey Vorwürfe, sie wolle das Verhalten von Cersei „Brotherfucking“ Lennister verherrlichen? Ok, bestimmt. Irgendwer macht auch das. Dennoch: Kunst – übles Miststück – und Künstler – Lena Headey – sind nicht identisch. Die Pläne eines Hauses sind nicht bewohnbar. So zu tun, als wäre das anders, ist nicht einfaches Dummstellen. Das ist das bewusste Ignorieren einschlägiger Kulturtechniken, um etwas, was man nicht mag, härter kritisieren zu können. Persönlich brauche ich zwar keine Gedichte, die sich in die Perspektive eines Verbrechers versetzen, um zu verstehen, warum das Verbrechen verboten ist, aber ich brauche auch keine Rosinen und bin von daher nicht das Maß aller Dinge.

Eine zu Papier gebrachte Straftat.

Wie praktisch jeder Krimi. (In manchen Krimis stellt sich heraus, dass das vermeintliche Verbrechen in Wahrheit ein anderer Vorgang war, aber generell stellen Krimis kriminelles Verhalten dar, daher der Name.)

Mich erstaunt, wie ein pseudopoetisch verbrämter Übergriff von einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung verharmlost wird.

Hmm, meine Vermutung wäre, dass das eine Provokation sein soll, die man als SZ-Redakteur erkennt und sich von ihr daher nicht provozieren lässt.

Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, also dem Verlag etwa von Sibylle Berg, die nicht nur in ihren Kolumnen nun wirklich überall Sexismus und Frauenfeindlichkeit vermutet. Hat die feministische Hohepriesterin nur eine kurze empörte Mail geschrieben, um gegen die Verherrlichung der durch Drogen willenlos gemachten Frau zu protestieren?

Woher weiß Otte, dass die vergewaltigte Person eine Frau ist? Sie hat als Pronomen „Du“, und ihre Geschlechtsorgane werden nicht erwähnt. Meint Otte, dass Männer nicht vergewaltigt werden könnten, oder dass sie gegen Rohypnol immun wären? Vllt. ist das der Grund. Und Sibylle Berg macht sich vllt. nur Sorgen um eindeutig als Frau identifizierte Personen, die außerdem real sind. Lindemann hat jedenfalls auch die lyrische Perspektive eines Homosexuellen und eines Zwitters angenommen – wenn man schon Künstler und lyrisches Ich nicht trennt, kann man über die sexuelle Orientierung des lyrischen Ichs keine Aussage machen.

Als unlängst die ins Deutsche übersetzte Autobiographie von Woody Allen im Rowohlt Verlag angekündigt wurde, gab es einen Brandbrief von Autorinnen und Autoren

Ja, und jetzt wurde die trotzdem veröffentlicht. Also?

obwohl es kein Gerichtsurteil gibt, in dem die mutmaßlichen Taten des US-Filmregisseurs juristisch einwandfrei belegt werden.

Jaaa. Und bei Lindemann gibt es noch nicht einmal mutmaßliche Taten. Vllt. war der Brandbrief eine schlechte Idee?

es bedarf keiner tiefschürfenden Analyse, um den verachtungswürdigen Gehalt dieser Macho-Dichtung zu erfassen

In „Rosenrot“ bringt ein Mädchen einen Jungen dazu, sich in Gefahr zu bringen. Scheiße, immer diese toxische Männlichkeit.

die im Popkosmos auch als Handlungsanweisung für Fans gelesen werden darf.

Und ich darf – im Lyrik-Kritik-Kosmos – das „strafbar“ hier als Handlungsanweisung für die Justiz lesen: „Verbietet endlich etwas!“ Wenn Otte das darf, dann ich ja wohl auch.

Bislang wird hier mit zweierlei Maß gemessen, und das ist schwer zu ertragen.

Ja, als die ganzen Rammstein-Fangirls ihre Freunde und Friend-Zonen in den Abgrund fallen ließen, hat sich auch niemand beschwert. Also ist es Doppelmoral, wenn Lindemann erst jetzt kritisiert wird. („Aber Mycroft, kein Rammstein-Fangirl hat jemals nachweislich…“ – „Klappe! Du siehst doch, dass hier nicht mit Fakten argumentiert wird!“)

Ein Gedanke zu “Ist das Meinung oder kann das weg?

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