Die Autobiographie des Woody Allen

Wird jetzt doch veröffentlicht. Jedenfalls in D.; also, wenn die Buchläden nicht alle pleite gehen, heißt das. Ist doch schön.

Problem war hier ein mehrfaches: die übliche Trennung natürlich, darf man Werk und Verbrechen ein-und-desselben Künstlers trennen, und wenn nicht, darf man Fans der Kunst die Verbrechen des Künstlers zum Vorwurf machen? Dann natürlich – und ein Stück gehe ich diese Argumentationsrichtung tatsächlich mit – muss man als Künstler/Autor/etc.(m/w/d) dieselbe Plattform teilen wie jemand, mit dem man nicht assoziiert werden will? Und drittens, ob die Unschuldvermutung auch außerhalb des Gerichtes gelten sollte.

Zur Trennung Kunst-Künstler(m/w/d)-(mutmaßliche)Verbrechen möchte ich hier einwenden, dass das nicht der typische „Micheal-Jackson-hat-(vllt.)-Kinder-missbraucht-also-sollt-Ihr-Thriller-nicht-mögen!“-Argument ist. Erstens ist geht es um eine Autobiographie und nicht um einen Roman, d.h., hier werden nicht fiktive Personen einer fiktiven Situation ausgesetzt, die keinerlei Parallelen zur Wirklichkeit haben müssen, sondern jemand gibt die Wirklichkeit wieder (oder nimmt in Anspruch, das zu tun), und kann daher nach ganz anderen Kriterien kritisiert werden als „normale Kunst“ (wie Jacksons tanzende Zombies), und zweitens macht dieses Werk (vermutlich) auch zu der strittigen Frage, ob oder ob nicht Allen seine Stieftochter sexuell missbraucht hat, eine Aussage, und die hat dann viel weniger Distanz zur Sache, als es „normale Kunst“ hätte (zur Existenz tanzender Zombies (und Jackson hat DA sogar noch einen Distanzdisclaimer eingebaut)). Man könnte sich daher auf den Standpunkt stellen, dass man kein Problem mit den sonstigen Erzählungen von Woody Allen hätte, die bei Rowohlt seit Jahren erscheinen, aber „Ganz Nebenbei“ als Nicht-Fiktion den Verlag (und dessen übrigen Autoren(m/w/d)) zu sehr auf dessen Seite-by-Proxy bringt. Im konkreten Fall sehe ich das zwar nicht so, aber wenn meinetwegen ein verurteilter Neo-Nazi seine Biographie darüber schreibt, wie seine Opfer ihre Köpfe immer mit Absicht gegen seinen Baseballschläger schlugen, wohl schon. Die, die den offenen Bief schrieben, hatten die Biographie aber anscheinend nicht gelesen. Was jetzt nicht deren Schuld ist, weil das Original nicht veröffentlich ist, aber inhaltliche Argumente fehlen.

Zwotens, das Argument, sich selbst von jemanden distanzieren zu wollen. Nun, in einer idealen Welt veröffentlichen alle Verlage alle Arten von Büchern, und niemand dächte, dass bspw. Lobo ein Neo-Nazi sei, nur weil (falls) er imselben Verlag veröffentlicht wie ein Neo-Nazi, der den Holocaust mit dem „jüdischen Lemmingtrieb“ erklären will. Im richtigen Leben kann ihm das leider doch passieren. Außerdem kann man bestimmt nachvollziehen, dass Lobo keine Verträge mit jemanden machen will, der Neo-Nazis eine Plattform bietet. Insofern ja, Lobo et alii müssen nicht jeden Quatsch mitmachen. Nur ist das hier ein Fall, der nicht einmal zu Anklage kam, weil die Polizei keine hinreichenden Beweise fand. Und ja, nach Lügde könnte man sich die Frage stellen, ob es überhaupt „hinreichende“ Beweise gibt, wenn man nicht Wäschekörbe voller Datenträgern mit Beweisfotos und -filmen findet. Gegentest: Gesetzt, er wäre unschuldig: welche Bedingungen hätte Allen erfüllt haben müssen, dass man keinen „offenen Brief“ geschrieben hätte?

Und das ist jetzt der dritte Punkt: die Unschuldsvermutung. Angenommen, jemand würde der Vorwurf in den Raum stellen, Herr Lobo sei ein Einbrecher. Es gibt keine Beweise, die Polizei nimmt ihn nicht fest, aber sagen wir der Spiegel arbeitet zukünftig nicht mehr mit ihm zusammen. Wäre das nicht eine Strafe, die Lobo erleidet, ohne verurteilt worden zu sein? Oder, angenommen, Lobo arbeitet weiter mit dem Spiegel zusammen, aber plötzlich gibt es eine Petition von Spiegelabonementen, dass er entweder nicht mehr für den Spiegel schreibt, oder aber, sie kündigen ihre Abos? Oder – ganz was anderes – einige der wichtigsten Werbepartner des Spiegels sagen: „Er oder wir!“ Sicher kann Lobo auch anderswo veröffentlichen. Das ist also keine „Zensur“. Wäre Lobo vllt. trotzdem unzufrieden mit diesem Szenario? Selbst, WENN der Spiegel seinetwegen auf größere Teile seiner zahlenden Kundschaft verzichtet?

Und das ist der Grund, warum man die Unschuldsvermutung möglichst auch aufs berufliche übertragen sollte – das Individuum wäre sonst zu sehr der Willkür anderer ausgesetzt. Leider ignorieren die Unterzeichner(m/w/d) das geflissentlich. Aus dem offenen Brief:

Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln.

Ergebnislose Ermittlungen der New Yorker Polizei sind also kein Grund. Das sagen die 9/11/Truther auch immer.

Ihr Bruder Ronan Farrow hat sich nachdrücklich gegen die Veröffentlichung im Verlag Hachette ausgesprochen, in dem auch seine eigenen Bücher erschienen sind.

Und der ist unvoreingenommen und unbefangen, weil…?

Der Rowohlt Verlag hat die Bücher Farrows auf Deutsch veröffentlicht und ist damit in derselben Situation wie Hachette.

Bei Hachette war es auch ein Streik der dortigen Angestellten. Aber ja, buckeln wir vor unseren Kunden. Merkt Euch diese Einstellung, falls Ihr mal was kritisches über Konzerne schreibt, die Werbung bei Euren Zeitungen schaltet.

Unter anderem hat Farrow kritisiert, dass Allens Buch in den USA ohne Prüfung der darin enthaltenen Fakten erscheinen sollte. Nach gängiger Praxis müssen wir annehmen, dass ein “fact checking” des Buches auch in Deutschland nicht erfolgen wird.

Ok, das ist das Argument von oben: Ein Roman ist fiktiv und kann daher nicht faktengescheckt werden. Andererseits hat dann wohl auch niemand Farrows Buch gegengescheckt, gängige Praxis und so. Gleiches Recht für alle. 

Wie Ronan Farrow sind wir der Ansicht, dass dieses Vorgehen unethisch ist und einen Mangel an Interesse für die Belange der Opfer sexueller Übergriffe zeigt.

Der Vorwurf ist also 1., dass das Buch nicht kontrolliert wird, wobei nicht klar ist, wie das bei Autobiographien überhaupt gehen soll, und 2., dass man das in Hinblick auf die Opfer machen müsse. DAS kann kein Argument sein: wenn ich die Biographie von jemanden lese, der unschuldig wegen Mordes in der Todeszelle sitzt, aber in letzter Sekunde frei kommt, denke ich doch auch nicht: „Ach, diese ganzen Mörder sind in Wahrheit Opfer des Systems.“

Durch die Veröffentlichung würde der Rowohlt-Verlag den Eindruck erwecken, dass es nach den Diskussionen der letzten drei Jahre … jetzt Zeit ist, das Thema abzuhaken und zu den alten Verhältnissen zurückzukehren.

Ich hätte den Eindruck nicht. Insbesondere auch deshalb, weil DIESER Fall schon lange vor #metoo und Co. bekannt war. Von anderen Büchern bei Rowohlt mit gegensätzlicher Argumentationsrichtugng ganz abgesehen.

Es geht uns nicht darum, die Veröffentlichung grundsätzlich zu unterbinden. Allen mangelt es nicht an Möglichkeiten, sich mitzuteilen.

Wenn ich böse wäre, würde ich sagen: „Weil Ihr nicht genug Macht habt, Allens Buch komplett vom Markt zu nehmen, gebt Ihr Euch jetzt großzügig.“ Zeitungs-Abos, Werbekunden – wann gibt Euer Verlag klein bei?

Aber der Rowohlt Verlag muss ihn darin nicht unterstützen.

Hat jemand von Euch eigentlich „Er oder ich“ gesagt? Oder sucht sich jetzt einen anderen Verlag? Ihr habt doch auch alle Möglichkeiten, außerhalb des Rowohlt-Verlages zu veröffentlichen, oder?

Das Buch eines Mannes, der sich nie überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt hat,

Was wäre denn „überzeugend“? „Ich war’s nicht!“ offensichtlich nicht.

und der öffentliche Auseinandersetzungen über sexualisierte Gewalt als Hexenjagd heruntergespielt hat,

Öffentliche Diskussionen über die prinzipielle Existenz von sexualisierter Gewalt sind keine Hexenjagd. Rechtstaatliche Maßnahmen gegen Verdächtige sind auch keine Hexenjagd. Jemanden beruflich, wirtschaftlich oder auch in Hinblick auf dessen Möglichkeiten zur Meinungsäußerung schaden zu wollen, ohne vorhergehendes rechtstaatliches Urteil oder sonstige einschlägigen Methoden der Wahrheitsfindung, ist hingegen Wesensmerkmal einer Hexenjagd. Und Woody Allen mag vllt. nicht finanziell auf die Tantiemen angewiesen sein, andererseits, wenn Ihr für Eure Bücher, Reportagen und sonstigen Texte so tiefgreifend recherchiert wie in diesem Fall, wo ihr – nach Jahrzehnte von einem anderen Kontinent aus – einfach „keinen Grund“ habt, Dylan und Ronan Farrow zu glauben; was sind die dann wert? Oder tu ich Euch Unrecht? Habt Ihr mit den Beteiligten Interviews geführt? Akten gewälzt? Oder was Journalisten(m/w/d) sonst so machen? Wenn ja, könntet Ihr das Ergebnis entweder online stellen, oder aber – fair ist fair – bei Rowohlt veröffentlichen? Ich SCHWÖRE, ich werde ein Exemplar kaufen. #abnahmeverpflichtung

sollte keinen Platz in einem Verlag haben, für den wir gerne und mit großem Engagement schreiben.

Bitte nicht böse sein, aber wäre es vllt. möglich, dass Rowohlt mit Allens Werken insgesamt mehr Umsatz macht als mit all Euren Büchern zusammen? Oder umgekehrt, er macht mit Euch viel mehr Umsatz als mit Allen, aber deshalb ist Allen der Underdog, Ihr seid die Mächtigen, und aus Prinzip ist Rowohlt daher gegen EUCH?

Das Problem hier ist nicht, dass Ihr Euch eine Meinung zu dem Thema gebildet habt. Ich gestehe sogar zu, dass es sicher nicht in Eurem Interesse wäre, imselben Verlagskatalog zu landen wie jemand, der wegen Kindesmissbrauchs rechtskräftig verurteilt ist. Oder jemand, der zwar nicht verurteilt ist, aber Pädophilie in den Büchern, die mit Euren veröffentlicht werden, verharmlost. Aber das passiert hier ja beides nicht. Euer Argument besteht darin, dass Ihr den Farrows glaubt – ohne eigene Kenntnisse in der Sache, die zu gewinnen Ihr nichteinmal versucht habt – und dass Ihr zweitens fordert, dass Euer Verlag das auch tut. Weil das sonst schlecht für Missbrauchsopfer wäre. Glauben also als moralische Pflicht.

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