Renitent übel Fünnef

Was wäre ein bessere Zeitvertreib, in Zeiten des Sozialen Distanzierens, als einfach mal wieder Computerspiele zu zocken? Heutiges Beispiel:

Resident Evil V

Diskläimer: ich habe das Spiel nicht gespielt, sondern kenne es per Yt-Letsplay. Wenn jetzt einer sagt: „Spiel es doch gefälligst selbst, Du Kacknoob!“, nun, ich habe auch nie in Antigone mitgespielt, maße mir aber trotzdem eine Meinung an. Außerdem äußere ich mich nicht zur Steuerung, Graphik oder ähnliche Dinge, sondern zu Story und Charakterentwicklung. Aber gut, wer Kritik nur von echten Spielern(m/w/d) lesen will, braucht hier nicht weiterzulesen. Ok? Danke.

Um den Hauptkritikpunkt zu erläutern, beginne ich mit dem ersten Teil der RE-Serie: Resident Evil (RE) von 1996. Fast ein Viertel Jahrhundert her. Da konnte man als Jill Valentine oder Chris Redfield spielen. Das unterschied sich etwas durch die Spielmechanik und durch die Story, so dass man zwei Spielerlebnisse zum Preis von einem hatte. Als Jill spielen, ist einfacher. Manche sehen das vllt. als frauenfeindlich, aber man könnte das auch als männerfeindlich sehen, denn Jill ist eindeutig kompetenter:

  • kann mehr schleppen
  • kann Schlösser knacken
  • verliert ihre Knarre nicht in der Introsequenz!
  • kann Klavier spielen

Jedenfalls, beide Charas trennen sich und erleben unterschiedliche Abenteuer imselben Gebäude. Was nicht ganz schlüssig ist, aber möglicherweise hat Silent Hill das Paralleldimensionsgedöne von Umbrella geklaut. Diese „kommunizierenden“ Truhen – tust Du was in eine, ist es in jeder. Magic! Was würde passieren, wenn Agent 47 das Umbrella-Anwesen infiltrierte, um jemanden zu eliminieren, versteckt sich in einer Truhe und ist plötzlich im Raum mit der Zielperson? Egal, das wird nicht passieren.

Das war lange vor Gamergate.

Nun, irgendwann kam RE V in Planung. Ok. Und weil die RE (vage) auf dem Zombie-Mythos beruht, der Zombie-Mythos (vage) auf dem Voodoo, und Voodoo eigentlich aus Westafrika kommt (ob einer von denen denkt: „Hey, unsere Kultur hat ein eigenes Computerspiel!“?), kam man auf die Idee, dieses Spiel in (West-)Afrika spielen zu lassen. RE IV spielte schon an einem exotischen Ort, nämlich Europa. Genauer gesagt, Spanien. Noch genauer, in dem Teil von Spanien, wo 2004 noch mit Peseten bezahlt wird. Das Dorf da heißt übrigens Pueblo, was so viel heißt wie „Dorf“. Ok, ein Spiel, wo die Krähe ganz am Anfang eine Handgranate droppt, wenn man sie erschießt, ist evtl. nicht ganz der Meilenstein in Realismus, auf den Mio. von Fans gewartet haben. Und der Materieerhaltungssatz gilt da auch nicht.

Aber in RE V eben halt Afrika. Irgendwo in Afrika. Wohl Westafrika, weil die westafrikanische BSAA-Abteilung zuständig ist, aber genauer als das Dorf, das alle Dorf nennen, ist das auch nicht. Es herrschen, wegen der Biowaffen, bürgerkriegsähnliche Unruhen. DER Teil von Afrika halt. Und man findet an jeder Ecke Waffen und Munition. Und eine Handgranate in einem Stapel Wassermelonen auf dem Markt. Kann quasi überall sein, wo es Wassermelonen gibt. Außerdem findet man ständig Gold, Edelsteine und einheimischen Schmuck, den man plündern, äh, looten kann, um ihn zu verhöckern. Afrika! Es gibt weiterhin ein Dorf in der Nähe von Ölfeldern, dessen Bewohner an einer Krankheit leiden, die dem Rest der Welt egal ist. Ist das noch sozialer Kommentar oder schon reproduzierte Vorurteile? Außerdem findet das Finale in einem aktiven Vulkan statt, demzufolge müsste das Kamerun sein oder evtl. das angrenzende Nigeria. Oder die vorgelagerten Inseln, aber nagut.

Aber irgendwem kam der Gedanke: „Wenn wir dauernd eine weiße Spielerfigur schwarze Gegner erschießen lassen, kommt das nicht irgendwie rassistisch rüber?“ – „Sie meinen, weil wir Weiße als mordlüsterne Irre darstellen?“ – „Ja, das auch.“ – „Ich hab’s, wir bauen eine schwarze Figur ein.“ Und das ist die Backstory von Sheva Alomar: Sie ist eine schwarze Frau. Eine schwarze Frau als Figur in einer Geschichte ist ja eigentlich eine gute Idee, aber wenn man das nur aus Alibi-Quoten-Gründen macht, sieht das so halbherzig aus, wie es wohl auch war.

Ok, jetzt könnte man ja sagen, dass niemand gerne möchte, dass ios Heimatland als Freilufttestgelände für Biowaffen zweckentfremdet wird, so dass man keine tiefere Motivation für Sheva bräuchte, aber da Chris als Chara bereits eingeführt ist, wäre es als Charakterbogen oder aus Symmetriegründen gut gewesen, wenn man ihr etwas mehr Tiefe verliehen hätte, und – das gab’s noch nie – Rassismus, Sexismus und andere Probleme (außer Biowaffen) aktiv erwähnt. Z.B.

  • Sexismus: Sheva empfindet es als Degradierung, das Kindermädchen für Chris zu spielen, gibt aber alles, damit ihre (männlichen) Vorgesetzten hinterher nicht sagen: „Das Mädel kann ja nicht einmal richtig babysittern!“
  • Rassismus: Sheva ist sehr skeptisch, dass Probleme, die Amis verursacht haben, von Amis gelöst werden können (oder wollen); Chris muss sich ihr beweisen
  • Postkolonialismus: Sheva war früher Angestellte der hiesigen Umbrella-Abteilung, die ein sehr beliebter Arbeitgeber war und auch für Infrastruktur gesorgt hat (Straßen, Eisenbahnen, Krankenhäuser). Chris ist zwar misstrauisch, aber am Ende erweist sich Shevas Vorgeschichte als nützlich
  • irgendwas mit Viren: Sheva hat an einem Impf-Test-Programm teilgenommen. Was genau, weiß man nicht, da das zuständige Labeor einem „Zwischenfall“ zum Opfer fiel. Finden wir’s heraus!
  • „Halloho? Mein Heimatland wird von BOWs überrant. Das WILL ich nicht, Du empathiebefreites Stück Weißbrot!“

Natürlich wurde es das allseits beliebte „Motivation durch totes Familienmitglied“-Klischee.

Aber das Hauptproblem, warum Sheva kein annähernd so tiefer Chara ist wie Chris, und der ist jetzt auch kein Meisterwerk an Tiefe und Komplexität, ist simpel: Man kann Sheva nicht einfach spielen. Man kann sie zwar im Mehrspielermodus spielen UND im Storymodus, wenn man den Storymodus einmal durch hat. Man kann aber NICHT, wie bei RE I, am Anfang zwischen ihr und Chris wählen. Man kann nicht irgendwann im Spiel wechseln (weil Chris z.B. gefangen ist), oder beliebig wechseln, um Rätsel zu lösen, wie in RE 0. Es gibt auch keinen DLC, in dem man sie spielt. Sie ist einfach nur eine schwarze Frau, die hinter Chris herläuft, Anweisungen ausführt und nicht sterben darf.

Achja, und sie wird mit dem Hintern zuerst vorgestellt. Sie – und weibliche RE-Charas im Allg. – ist jetzt keine, die sich Sexualisierung gefallen lässt, insofern ist das nicht so schlimm, wie einschlägige Seiten es machen, aber es ist nicht annähernd so gut, wie es sein könnte.

Edit: Tippsel und Formulierungen…

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