Immer noch diese Nordhessische Karnevalsmafia!

Nachdem ich mich für das Kopftuch aufstelle, stelle ich mich auch pro-Karneval auf. Beides sind Dinge, die mir sehr egal sind, aber es muss ein Recht darauf geben. Deshalb bin ich gegen sie hier, obwohl ich ihr in vielen anderen Punkten zustimme (z.B. bzgl. Til Schweiger).

Am witzigsten die Einleitung

Nach Hanau entfremdete der Karneval Herkunftsdeutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund noch mehr als in anderen Jahren.

Die Grenze verläuft zwischen Rheinländern und normalen Leuten (zu denen ich mich der Einfachheit halber hinzuzähle); wenn Frau Ouassil sich auch zu den Normalen zählt, kann sie das gerne tun, aber bitte nicht alle Herkunftsdeutsche über einen Hut ziehen, ja?

Gut, dass er vorbei ist.

Amen, Schwester! (Ach nee, es geht noch weiter…)

Hachja…

Deutscher Karneval. Ich weiß: die kollektive, mit Fingerfarben aus dem dm erzeugte Spaßgesellschaftlichkeit ist hier sowas wie Nationalheiligtum. Mehr lokalpatriotische Gesichtsbeschminkung gibt es vermutlich nur beim Fußball.

Nein. Karneval ist ein katholischer Brauch und wird daher in den protestantischen oder atheistischen Landesteilen eher weniger gefeiert. Und die Gesichtsbeschminkung ist selten lokalpatriotisch, auch wenn man gerne über die jeweilige Konkurrenzstadt am anderen Ufer schräg gegenüber herzieht. Rheinufer, natürlich – wer hätte je von elbischen Frohnaturen gehört? Aber Fußball ist natürlich noch VIEL schlimmer, weil tatsächlich Nationalheiligtum und patriotisch undundund…

Als oktoberfesterprobte Münchnerin verstehe ich das: eine Gesellschaft, die nicht gerade für ihre Affektzurschaustellung bekannt ist, will den rauschhaften Exzess, wenigstens einmal pro Jahr ordnungsgemäßes Randalieren.

Nein, beim Oktoberfest geht es einfach darum, möglichst viel Alkohol zu konsumieren. Und Bayern sind nicht repräsentativ für D.; und noch nichteinmal fürs ganze Bundesland, sagt meine fränkische Ex. Ich will jetzt nicht auf den Migrationshintergrund abstellen, aber wenn man aus München kommt und Deutschland erklären will, sorry… Es sind ja auch nicht alle US-Bürger Texaner.

Es geht um Sehnsucht nach Gemeinschaftlichkeit, Geselligkeit, Genitalien.

Alkohol, Anarchie, Arschlecken. Ok, ich bin auch kein Karnevalist, aber ich lebe näher am Ground Zero.

Aber, wie man auch jedes Jahr zur fünften Jahreszeit sieht: es ist eine auffällig weiße Gemeinschaftlichkeit. … Dennoch bleibt Karneval, anders als zum Beispiel und ironischerweise das Oktoberfest, eine homogene, ja, recht deutsche Veranstaltung

Katholische, nicht deutsche. Oder noch nicht einmal so katholische, weil niemand wegen Religion oder Herkunft ausgeschlossen wird, aber wenn bspw. shiitische Hamburger da nicht mitmachen wollen, dann ist das jetzt nicht die Schuld des Karnevals. Anekdote: der Mann einer Cousine von mir hat sich einmal als „Klischeefranzose“ „verkleidet“. Mütze, Hemd, Weste, Baguette iirc auch noch, und ein französischer Akzent. In der kölner Kneipe, so erzählte er später, fanden alle, dass er auch wie ein Franzose tränke. „Wie trinkt denn ein Franzose?“ – „Ja, so viel!“ Außerdem wurde sein französischer Okzent im Laufé des Abends wohl immehr bessär und französischähr. Pierre denkt eben sehr ingenieurmäßig.

und dass sie trotz des Attentats in Hanau stattfand, bestärkt diese Außenwirkung.

Das Attentat, weshalb einige Veilchendienstagszüge ausfielen, war das hier

Die Karnevalisten in Hessen sagten eine Reihe geplanter Umzüge für Dienstag ab – viele hielten jedoch auch an ihren Plänen fest.

Wenn Anschläge auf Karnevalisten Karnevalisten nicht vom Karneval abhalten, was sonst?

Achja, es ist natürlich kein Trotz, sondern latenter Rassismus:

In diesen sogenannten „schwierigen” Zeiten trotzdem „Lebensfreude” zu erleben, ist ein Luxus, den sich Menschen mit Migrationshintergrund gerade nicht leisten können.

Manche Menschen mit Migrationshintergrund feiern Karneval, auch/trotz der Anschläge in Hanau. Manche Menschen mit Migrationshintergrund feiern nie Karneval, weil sie das affig finden, vermutlich. Und manche feiern Karneval normalerweise schon, in diesem Jahr aber nicht, wegen Hanau.

Aber mithilfe kostümierten Wegfeierns eine trötige Alltäglichkeit wieder herstellen zu wollen,

Äh, will das wer? Alltäglichkeit im Karneval mein‘ ich jetzt? Beleg erforderlich.

ist einerseits falsch verstandene Widerständigkeit gegen Rechtextremismus,

Umzüge, die mit sehr anti-rechten Wagen versehen wurden, stellen die politische Komponente der Veranstaltung dar. Ob man damit irgendwelche Rechtsextremisten erreicht, sei mal dahingestellt, aber wenn man einfach KEINEN Karneval gefeiert hätte, wäre der Effekt auch nicht größer. (Oder kleiner, mMn, weil das die Terroristen ermutigt.)

andererseits Demonstration mangelnden Verständnisses darüber, welches Fanal der Anschlag in Hanau darstellt.

Kann ja sein, aber welchen Sinn hätte es, Verständnis zu heucheln?

Die Entfremdung von Menschen mit Migrationshintergrund sei dieses Jahr durch den Karneval (nicht durch Weihnachten, nicht durch Fußball, sondern Kar-Ne-Val) besonders groß,

weil diese sich nun nicht nur vom Staat allein gelassen fühlen, sondern auch von der Mehrheitsgesellschaft.

Sorry, wenn meine Frage herzlos klingt, aber, liebe Menschen mit Migrationshintergrund: Fühlt Ihr das nicht immer?

Dabei ist die romantische Idee, die dem Karneval innewohnt, eigentlich eine gesellschaftskittende:

Karneval hat nichts mit Romantik zu tun. Das könnte man auch in München wissen. Und welche Gesellschaft kittet etwas, was die eine Hälfte dieser Gesellschaft nicht mitträgt?

Der russische Philosoph Michail Michailowitsch Bachtin dachte Karneval als eine subversive Party, die Machtverhältnisse aufbricht und durch gemeinsames Lachen alle Menschen auf Augenhöhe bringt.

Hahahahahahha. HA. Karneval in Russland. Karneval in der orthodoxen Kirche. Karneval unter Stalin. Bachtin hat keine Deutungshoheit. Wie gesagt, als Westfale Karneval zu erklären, mag anmaßend klingen, aber DIESE Expertise schlage ich.

eine kurze Zeit, in der die Mächtigen lächerlich gemacht und Herrschaftsstrukturen gefahrlos infrage gestellt werden können.

Da das hierzulande das ganze Jahr möglich ist, im krassen Unterschied zur SU unter Stalin, ist das nicht der Grund. Die AfD macht das nebenbei ständig – oder waren die Galgen mit Politikernamen etwa Karneval? Jedenfalls, da man Mächtige beliebig lächerlich machen kann und Herrschaft infrage stellen, ohne eingesperrt, erschossen oder sonstwas zu werden – welchen Sinn hat Karneval demnach heute? Offenbar Alkohol, Genitalien und Eskapismus. Ja, manchmal auch politische Kritik, aber wie gesagt.

In Deutschland ist von dieser kollektiven Vermischung wenig zu sehen, man flüchtet sich eher in die behauptete, vielleicht auch erhoffte sozialintegrative Kraft des Karnevals

Ich fühle mich, wie bereits betont, nicht, ich wiederhole, NICHT mit den Rheinländern integriert. Aber ICH behaupte auch nicht, dass das die Schuld der Rheinländer sei, und fordere ebenfalls nicht (ernsthaft), dass die mit dem Scheiß aufhören, nur, weil er mir keinen Spaß macht.

Das Lachen im Karneval ist stellenweise das der Mehrheitsgesellschaft über sozial Schwächere, Minderheiten, Marginalisierte und verfestigt repressive Strukturen, die es eigentlich aufbrechen soll.

Ja, und dieses Lachen würde ohne Karneval aufhören? Sind Westfalen irgendwie die toleranteren Menschen? (Nein, nicht irgendwie, absolut!)

Ja, apropos tolerant:

In Deutschland zeigt sich das nicht in der expliziten Krassheit wie in Belgien, wo Juden mit Hakennasen und Geldsäcken inszeniert

Ja, Belgier ey. Die gehören ins Meer geworfen.

Oder aber wie in Kroatien, wo Sturmtruppen-Jecken im Fernsehen singen und sich küssende Männerfiguren öffentlich verbrannt werden;

Diese Kroaten sind die Belgier Südeuropas!

oder in Spanien, Feiernde in Nazi- und KZ-Gefangenen-Kostümen eine Holocaust-Parade abhalten,

Spanier sind natürlich generell böse. Was haben die mit mir zu tun? Achja, es gibt Deutsche mit belgischen, kroatischen und spanischen Wurzeln. Aber wegen der EU kann man die jetzt schlecht ausweisen. Da haben wir den Salat.

Im deutschen Karneval alaafen einem die Ressentiments aber anders ins Gesicht: Blackfacing, postkoloniale Exotismus-Klischees, ethnische Stereotype.

Ja, ist praktisch dasselbe wie Holocaustverharmlosung. Diese EU-Bürger sehen eben nicht nur alle gleich aus, sie sind es auch.

Besonders die hier:

Bei einem Faschingsumzug in Sachsen sind Männer mit dem Logo der rechtsextremen Identitären Bewegung mitgelaufen.

Ja, das ist hier nicht das Heroldsbild namens Sparren, sondern das Lambda – griechisches L – für Lakedämon, die Landschaft, deren Haptstadt Sparta war. Bekannt aus dem Film 300 und für ihre harte, unterdrückerische Oberschicht. Und Eugenik. Und ihren Kampf gegen Leute aus Asien. Ja, dass die Identitären DAS übernommen haben, verwundert wenig.

Ein Erfurter Karnevalsverein sah kein Problem darin, eine als „SchwarzRotGold Gemeinschaftsparty“ bezeichnete Abendveranstaltung um 19:33 Uhr beginnen zu lassen.

Ging die auch nur bis viertel vor Acht? Karneval in Erfurt ist eh‘ kulturelle Aneignung.

Ich muss es wissen, denn ich habe die DEUTUNGSHOHEIT! *Heroische Musik und Regenbogengeglitzer im He-Man-Style*

Karneval sollte in der besten aller Welten antihierarchischer Punk sein, aber deutscher Karneval ist wie ein kollektiv inszenierter Til Schweiger-Film:

Tja, in der besten aller Welten gäbe es beides nicht, nä? Aber nein, Til-Schweiger-Filme haben gar keinen Grund, und Karneval ist eher dafür da, die Alltagssorgen zu vergessen. Dazu zählen natürlich auch die Sorgen anderer.

Ich habe auch nichts gegen Jecken – meine besten Freunde sind welche.

Hmm. Beleg erforderlich. (Oder es soll ein Witz auf die bekannte „einige meiner besten Freunde“-Miranda-Erklärung sein, aber dann ist es offensichtlich unwahr – sie wohnt in München)

Tja, die Antifaschismus-Büttenrede wird gelobt, aber dann kritisiert, dass Engländer als „Inselaffen“ bezeichnet werden; Engländer sind keine marginalisierte Gruppe, die halbe Welt spricht ihre Sprache, und ich wüsste keine Hierarchie, in der Engländer „unten“ wären. Außer ihr Essen vllt., ok, darüber sollte man echt keine Witze machen, es wäre einfach zu grausam. Bloß, wenn man nicht einmal über Engländer – die Spitze der Nahrungskette – Witze machen kann, ohne kritisiert zu werden, wer bleibt denn dann? Belgier, Spanier und Kroaten? (Kann es eigentlich sein, dass sie Karneval einfach nicht mag?)

aber ich glaube, in Deutschland hätte es die Rechtsextremisten viel mehr geschwächt, wenn ein ganzes Land kollektiv aus Solidarität mit den von Rechtsextremismus Bedrohten das Feiern verweigert hätte.

Tja, das ist das Problem mit D., bzw., eigentlich ist es überhaupt kein Problem, sondern sogar ziemlich gut: Wir sind kein Kollektiv!

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