Kostümzwang

Diskläimer: als Kindergartenkind fand ich Karneval doof, ich fand geschminkt Werden doof, und das Clownskostüm, was sich meine Eltern überlegt hatten, fand ich auch doof. Also habe ich nicht gefeiert. In der 1. und 2. Klasse ging ich als Roboter. In der 3. allerdings als Scheich. Nur, heißt das jetzt, dass ich die arabische Kultur verachtete? Eigentlich nicht. Wenn, dann die Clownkultur. Das nur so vorab.

Eigentlich müsste ich daher diese Frage hier verneinen: Nie wieder Karneval! Aber weil ich Menschen einer anderen Kultur, nämlich der rheinischen, nicht vorschreiben will, wie ihre Kultur auszusehen hat, etwas differenzierter:

„Mein Kind wird sich ja wohl noch als Indianer verkleiden dürfen! Oder als Wilde aus dem Busch! Wollen die einem jetzt alles verbieten, oder was!?“

Wenn es wenigstens eine Positiv-Liste geben würde, welche Verkleidungen nicht unangemessen sind, ne? Aber ja, es gibt Einwände gegen u.a. diese Verkleidungen.

Kitakinder kommen selten von selbst auf die Idee, sich als Cowboy, „Freitag“ (der „Gehilfe“ von Robinson Crusoe, gerne mit Knochen im Haar) oder Kreuzritter zu verkleiden.

Beleg erforderlich, und spätestens Schulkinder fänden als Cowboy oder Ritter schon nicht schlecht. Bzw., warum würde jemand lieber Freitag sein wollen anstatt Robinson? Aber mal davon abgesehen, dass man „Freitag“ als „Wilder aus dem Busch“ versteht, wer ist wohl mehr gegen amerikanische Ureinwohner? Die, die Cowboys sein wollen oder die, die Indianer sein wollen?

Denn – hallo? – welchem 3-jährigen Kind wird Karl May vorgelesen? Winnetou I bis III ist auch nicht mehr oft im Fernsehen.

Oder Robinson Crusoe? Aber es gibt sicher Geschichten über Indianer, die Kinder erzählt bekommen. Nebenbei, wer hat Winnetou I-III gelesen und ist hinterher gegen Indianer? May hat seinen Helden mit Absicht einen Apatschen – genauer, einen Mescalero – sein lassen, weil die seinerzeit einen besonders schlechten Ruf hatten, und er bestehende Vorurteile überwinden wollte. Übrigens ist Apatsche eine Fremdbezeichnung, sie bedeutet vermutlich Fremde/Feinde. Und Mescalero nach der Mescal-Agave, eine Pflanze, die dieser Stamm angeblich besonders gerne isst. Auch nicht besser als Krauts…

Wieauchimemr:

Öfter, und das ist erst mal überhaupt nicht verwerflich, überlegen sich die Eltern der Kids, was es dieses Jahr als Kostüm geben könnte.

Jaha, ich waheiß. Doch, das IST verwerflich. Grmml.

Ich weiß noch, mit welcher Hingabe mich meine Mutter als „Zigeunerin“ schminkte und wie ich es genoss, von ihr betüdelt zu werden.

Schön für Sie, Frau Schmiedel.

Aber hier geht die Wahrnehmung auseinander – würde jemand, der die massenhafte Unterdrückung und Vernichtung von Roma, Sinti, amerikanischen Ureinwohnern, Menschen unklarer Herkunft (Karibik oder Südamerika (Freitag, die literarische Figur, ist nicht unbedingt repräsentativ für den Stand der ethnologischen Forschung)) und „Wilden aus dem Busch“ zumindest stillschweigend billigt, sein Kind so verkleiden?

Auch und gerade, weil mit mir niemand über ihre jahrhundertelange Verfolgung, Diskriminierung und Tötungen unter den Nazis gesprochen hatte.

Angenommen, man hätte mit der kleinen Stevie darüber gesprochen, hätte sie sich dann gegen dieses Kostüm entschieden? Wenn nicht, wäre es dann ok, dieses Kostüm zu tragen? 

Umfragen und Reportagen der letzten Wochen zeigen, dass Kitas es sehr unterschiedlich halten, wie Karneval gefeiert wird.

Ja, hier mal Bento. Von „am besten gar kein Karneval (oder Fasching)“ bis „alles außer Waffen“.

Die einen lassen es jetzt ganz ausfallen (die Kinder wird das wahrscheinlich am wenigsten stören und viele Eltern seufzen erleichtert auf),

Genau, Kinder wollen sich gar nicht verkleiden. Und Eltern wollen ihre Kinder gar nicht verkleiden. Und wenn Ihr schon dabei seid, schafft Halloween auch ab. Und den Volkstrauertag – Tanzerlaubnis! – und am besten alles andere, weil jeder irgendwas nicht mag.

Aber ehrlich gesagt: Das gekaufte oder geliehene Kostüm ist manch einem Elternteil sicherlich lieber als nach der Arbeit noch ein „Astronauten-Tierkostüm“ zu basteln.

Ja, und weil es Indianerkostüme fertig zu kaufen gibt, ist klar, warum manche Kinder als Indiander kommen. Doh!

Denn auch, wenn Überschriften wie „Jetzt wollen die alles verbieten!“ immer wieder Schlagzeilen machen, gibt es in der Mehrzahl Kitas, in denen man sich einig ist und Wege findet zu vermitteln, welche Verkleidungen 2020 nicht mehr sein müssen. Und sich Zeit nimmt, herauszufinden, was die Kinder eigentlich wollen.

Ja, es muss aber, streng genommen, gar kein Kostüm sein. Karneval soll außerdem antiautoritär sein, d.h., wenn die KiTa etwas will, ist die antiautoritäre Einstellung, genau das NICHT zu tun.

Weiterhin, als Zitat aus dem Bento-Artikel:

Es ist für die Kinder ein aufregender Tag, denn die meisten kommen als ihre Helden und möchten diese für diesen Tag gerne verkörpern

Wenn also ein Kind wirklich gerne Indianer sein will, dann ist es nicht indianerfeindlich. Zu argumentieren, dass die Verkleidung an sich schon Diskriminierung ist, ist sehr abwegig. (Ja, es gibt Erwachsene, die sich genau DESHALB als andere Verkleiden, um diese verächtlich zu machen. Es gibt auch Erwachsene(m/w/d), die sich als sexy Horrorkrankenschwester(w) verkleiden. Hat jetzt was genau mit Kindern zu tun?) Inwieweit werden diskriminierte Minderheiten auf dem Nachbarkontinent MEHR diskriminiert, wenn sich hierzulande ein Kind als Mitglied dieser Minderheit verkleidet? Welcher sonstige Nachteil entsteht daraus? Und wieso wird dem Kind oder meinetwegen den Eltern unterstellt, sie wären indianerfeindlich? Oder ggfs. roma- und sintifeindlich? Wenn man sich denn schon solche Gedanken macht und anderen schlechte Absichten unterstellt, ok, manche Menschen haben in der Tat schlechte Absichten. Aber solche Unterstellungen, wenn man sie nicht beweisen kann, sollten doch zumindest plausibel sein. Wenn sich jemand als Polizist verkleidet, werden dann auch bul ääh, exekutivefeindliche Vorurteile reproduziert? Wenn ja, warum sind solche Verkleidungen erlaubt? Antiautoritärismus wohl nicht. Falls nein, wieso hier nicht, da aber schon? Entweder, es ist grundsätzlich falsch, sich als jemand anderes zu verkleiden, weil Verachtung das einzige plausible Motiv ist, dann sollte man das gar nicht dürfen. Oder, es schadet anderen grundsätzlich, wenn man sich als diese verkleidet, dann sollte man das auch nicht dürfen. Oder, es gibt harmlose oder gar positive Gründe, sich zu verkleiden, dann ist eine pauschale Ablehnung eben falsch. Diese ganze Kritik an Kostümen ignoriert aber einfach die Intention der sich Verkleidenden. Mal umgekehrt gefragt, angenommen, ein Kind wollte sich nicht als xy verkleiden, wäre da nicht eher die Schlussfolgerung erlaubt, dass das Kind diese Gruppe nicht mag? (Wenn der Einwand ist, dass bestimmte Verkleidungen tatsächlich Verachtung oder Geringschätzung gegenüber der dargestellten Gruppe transportieren, weil die Darstellung z.B. entsprechend überzogen ist – das kann man ggfs. am konkreten Kostüm festmachen. Ist halt etwas mehr Arbeit und Analyse erforderlich.)

Ja, Indianer ist auch eine Fremdbezeichnung. Leute, die mich als „Langmesser“ bezeichnen, brauchen sich aber nicht zu beschweren. (Ok, Westfalen waren mal ein Teilstamm der Sachsen, die so nach ihren eher länglichen Hiebwaffen hießen, aber momentan möchte ich mich bitte distanzieren. Die haben uns irgendwann erobert)

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