Es muss nicht immer Stokowski sein – es gibt ja auch Kartoffeln

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von hier.

Wie bezeichnet man eigentlich Deutsche ohne Migrationshintergrund?

„Deutsche ohne Migrationshintergrund“ ist schon ok. Aber Autochthone klingt auch gut – Protipp: das „ch“ gehört zur dritten Silbe und darf daher wie der „ich“-Laut und nicht wie der „ach“-Laut ausgesprochen werden.

Und warum reagieren Ureinheimische so empfindlich, wenn sie „Kartoffel“ genannt werden?

Tja, warum reagieren die Nichtsoeinheimischen so empfindlich, wenn sie Kartoffeln genannt werden? Weil Gemüse so wenig Hirn hat, möglicherweise? Oder weil wir Autochthonen unterstellen, dass „Ihr“ uns nicht mögt?

„Immer dieses ihr und wir, muss man das so betonen?“ Diesen Satz höre ich in letzter Zeit oft – interessanterweise von weißen Deutschen, nachdem ich sie als „weiße Deutsche“ bezeichnet habe.

Welche Hautfarbe haben Sie denn? Welche Hautfarbe haben die Russlanddeutschen? Das eine Prozent Afrodeutsche, bei dem die Bezeichnung „schwarze Deutsche“ oder „deutsche Schwarze“ Sinn ergeben würde, kann das sagen, wenn es SIE, liebe Landsmännin mit Vorfahren aus Westasien, mitmeint. Wenn SIE das als Fremdbezeichnung meinen, ist das erstmal albern.

Aber es kommt noch besser…

Hautfarbe und Herkunft spielen für mich keine Rolle … Nur warum fällt ihnen das nicht ein, wenn sie Leute mit Zuschreibungen wie „Russlanddeutsche“ oder „Deutschtürken“ versehen?

Ähh, die Deutschtürken und Russlanddeutschen nennen sich auch so? Bzw., wenn Sie das beleidigt, wie hätten Sie’s denn lieber? Türkeideutsche und Deutschlandrussen?

Wer diese Begriffe verwendet, müsste sich selbst konsequenterweise auch als Deutschdeutsche(r) bezeichnen.

Wieso sich selbst? Wenn man aus Russland oder der Türkei kommt? Oder die Eltern? Aber ja, Deutschdeutscher wäre ein Begriff, den man nehmen kann. Machen Sie das doch bitte.

Aber die meisten finden, sie selbst seien einfach nur Deutsche.

Ähh nein. Wir Deutschdeutsche bezeichnen uns außerdem noch als Rheinländer, Westfalen, Hessen, Franken, Bayern, Schwaben, Sachsen usw.; und ja, die Bezeichnung „Alemannen“ ist nicht völlig falsch, wenn richtig verwendet: Guggste (Wie ich Ihrer Wikipediaseite entnehme, sind Sie aus Stuttgart. Ich komme nichtmal aus der NÄHE von Stuttgart – wer ist hier „al(e)man(isch)?)

Offenbar tun sich viele Germanennachfahren schwer damit, eine Fremdzuschreibung für ihre eigene Gruppe anzunehmen – etwas, das „ausländischen Mitbürgern“, „Migranten“ und „Personen mit Migrationshintergrund“ am laufenden Band zugemutet wird.

Nö. Wieso sollte es „uns“ das schwer fallen? Gängige Fremdzuschreibungen sind nach einem antiken Begriff (Germanen), der damals schon eine Fremdzuschreibung war, nach Begriffen aus der Völkerwanderungszeit, die zwar Eigenbezeichnungen waren, aber nur für Teilgruppen (Alemannen, Sachsen, Franken), ableistischerweise nach dem jeweiligen Wort für „stumm“ (Nemet etc.), nach dem tatsächlichen deutschen Wort für deutsch, aber dem aus dem Mittelalter, was die späteren Lautverschiebungen leider nicht mitgemacht hat (hallo Italien – sorry, dass wir Florenz nicht Firenze nennen); hinzu kommen die nett gemeinten Versuche der Chinesen, Koreaner und Japaner, das Wort „deutsch“ auszusprechen. Nö, niemand nennt uns „Deutsche“. Außer das deutschsprachige Ausland. Wenn es gute Laune hat…

Aber wenn Deutsche ohne Migrationshintergrund in eine Gruppe eingeordnet werden, reagieren viele empfindlich.

Echt jetzt? BILD? Ok, nicht alle Deutschdeutsche denken wie BILD. Ich kenne übrigens auch Journalisten, die beleidigt werden, wenn man sie mit BILD-Journalisten in einen Topf wirft. Sie nicht?

„Ich will nicht als weiße Deutsche bezeichnet werden, das ist auch Rassismus“, schreiben mir Leute auf Twitter. Das ist inhaltlich Quatsch und relativiert strukturelle Benachteiligung.

Ok. Aber dann sind SIE auch eine weiße Deutsche. Oder mögen Sie es nicht, wenn man Sie deutsch nennt?

Aber selbst Zeitgenossen, die sich als weltoffen und liberal sehen, mutieren mitunter zu dünnhäutigen Emodeutschen, wenn sie als Weiße*rAlman oder Kartoffel bezeichnet werden.

Wenn SIE sich selbst nicht als „Weiße“ verstehen, obwohl Ihre Hautfarbe, naja, ziemlich hell ist, wie weit ist es mit IHRER Weltoffenheit? Alman ist eine Fremdbezeichnung, Kartoffel ist eine Beleidigung. Aber formulieren wir Ihren Satz mal um: „Aber selbst Zeitgenossen, die andere nicht als ‚Mohammedaner‘, ‚Holländer‘ oder ‚Froschfresser‘ bezeichnen, reagieren auf abwertende Bezeichnungen ungehalten.“ Könnte man das „Aber selbst“ vllt. mit „Insbesondere“ ersetzen, damit der Satz mehr Sinn ergibt?

Erstaunlich viele werten das als beleidigende Diskriminierung. Warum nur?

Weil es keinen belegten Fall gibt, wo „Alman“ oder „Kartoffel“ wertneutral oder positiv gemeint ist? Weil es – ungeachtet, wie das türkische Wort heißt – es doch merkwürdig ist, wenn man den Begriff auch dann verwendet, wenn man deutsch spricht, Hercule-Poirot-Style? Weil es mehr als fraglich ist, dass jemand hier lebt, weil er uns mag? Wenn jetzt eine/r „Deutscher Selbsthass“ sagt: Geschenkt. Ich wette, einige Ihrer besten Freunde sind Deutschdeutsche, oder?

An den Begriffen selbst kann es eigentlich nicht liegen. „Alman“ ist das türkische Wort für Deutsche*r und Kartoffel ein international beliebtes Gemüse.

„Alman“ ist eine historisch falsche Fremdbezeichnung. Wenn Niederländer pauschal als „Holländer“ bezeichnet werden, sind die ja auch beleidigt. Und Kartoffel – nun ja, dann nenne ich Sie eben auch „Kartoffel“. Kartoffel.

Nimmt man noch Biodeutsche und die altmodischen Krauts und Piefkes dazu, sind die Nachfahren der Teutonen vermutlich mit den harmlosesten und niedlichsten „Schimpfwörtern“ versehen, die ein Volk bekommen kann.

Sehr verehrte Gen-Kartoffel, sie sind piefig.

Schließlich wären Zuschreibungen wie Spargelfresser, Leberwurst oder Weißbrot kulinarisch und semantisch genauso naheliegend.

Ähh, wieso „wären“? Diese Zuschreibungen gibt es. Und ich bin – wennschon – Schwarzbrot. Welche Getreidesorten werden eigentlich in der Türkei bevorzugt angebaut?

Deutsche mit Nationalsozialismusgeschichte oder germanische Ureinwohner oder Monokulturdeutsche

Tja, wie geht’s eigentlich der türkischen Leitkultur sonst so? Ich hörte, dass nicht nur Kurdistan, sondern auch Syrien bald wieder heim ins Reich kommt. Armes Armenien. Wenn Sie hier ja damit argumentieren, es gibt auch schlimmere Beleidigungen als „Deutschtürke“; ich kann jede Beleidigung damit relativieren, dass ich mir eine schlimmere ausdenke, die ich nicht verwende, die ich aber einfach sage.

in logischer Anlehnung an die Begriffe, die man den „Anderen“ gibt.

Wer ist „man“? Ich? Mein Nachbar? Ihre Redakteurin? Frau Merkel?

Jedenfalls: Harmloser kann man es mit Fremdzuschreibungen kaum treffen.

Worüber beschweren Sie sich denn, Frau Kartoffel?

Trotzdem meldete sich vor zehn Jahren die damalige Familienministerin Kristina Schröder und erklärte, wenn nichtbiodeutsche Kinder andere Kinder auf dem Schulhof „deutsche Kartoffel“ nennen, sei das Deutschenfeindlichkeit … Spätestens seit damals steht die Knolle unter einem diskursiven Diskriminierungsverdacht. … Natürlich ist es völlig inakzeptabel, wenn Kinder so gemobbt werden. Aber es werden auch Schüler*innen als „Jude“, „Türke“ oder „schwul“ beschimpft und wir schreiben die Begriffe nicht gleich ab.

Ähh, Äpfel und Kartoffeln. Es gibt Menschen, die sich selbst als „Jude“, „Türke“ und/oder „schwul“ bezeichnen. Keiner von denen will gemobbt werden. Es gibt aber niemanden, der sich selbst als „Kartoffel“ bezeichnet.

Anders bei den Fremdzuschreibungen, die Millionen von Menschen ungefragt zu Nafris, Flücht-„lingen“, Migranten  oder Muslimen erklären: sie sind oft amtlich und finden sich in Studien, Statistiken und den Medien wieder.

Ähh ja? „Nafri“ ist abwertend bzw. wird als solches in den Medien diskutiert. Flüchtling ist ein Begriff, der auch in Gesetzen verwendet wird, Migrant ist so ein Wischiwaschi-Ding, aber immerhin nichts zum Essen, und Muslim ist eine Selbstbezeichnung wie Jude (um das Argument vorwegzunehmen, es werden gelegentlich auch Menschen als Muslim bezeichnet, die nicht islamischen Glaubens sind, aber die Muslime selbst sind davon nicht beleidigt, im Unterschied evt. zu „Mohammedaner“). Nichts davon ist vergleichbar mit Gemüse. Aber selbst wenn – wie begründen Sie es, auch solche Menschen als „Kartoffel“ zu bezeichnen, die andere weder „Migrant“ noch „Nafri“ noch „Kanacke“ nennen?

Ich würde auch gern anmerken, dass ich Deutsche kenne, die sich selbst als Kartoffel oder Alman bezeichnen. Nicht nur privat, auch öffentlich, wie Sina und Marius vom extrem beliebten Instagram-Account „Alman Memes“

Ok, angenommen, dass Sie einem Afrodeutschen treffen, der so Sprüche raushaut, wie „Stolz wie zehn nackte Neger“ und dergleichen; dass der das darf, heißt nicht, dass SIE das dürfen.

oder im aktuellen Werbespot von Edeka „Mach auch du Geschäfte mit Kartoffeln“,

Ja, der meint realiter existierende Erdäpfel. Aber da Edeka sexistisch ist, ist Edeka eh‘ kein Beweis gegen Rassismus.

Manche nennen sich doch selber so – dieses Argument kommt oft in Debatten über das N-Wort oder die „Zigeunersoße“.

Nachdem Sie das Argument aber doch gebracht haben, mit dem Pseudo-Vorbehalt „würde“, würde ich gerne anmerken, dass Sie demnach kein anderes Argument haben. Abgesehen davon, selbst die bei EDEKA bezeichnet sich nicht selbst als Kartoffeln, also wäre das „Manche nennen sich doch auch selber so“-Argument selbst dann widerlegt, wenn Sie es gebracht hätten. Wieso „wäre“, eigentlich? Sie haben es gebracht, und es ist widerlegt.

Und wer schon ein Nachtschattengewächs als kränkende Zuschreibung empfindet,

Achja, richtig, Nachtschatten. Große Teile der Pflanze sind toxisch. Aber wissen Sie, wer nicht toxisch ist? Menschen!

müsste eigentlich sofort verstehen, dass bei kolonialgeschichtlichen und anderen historischen Schimpfwörtern eine rote Linie überschritten wird.

Joah. Und die, die es tun, überschreiten diese Linie auch nicht. Wo ist Ihr Scheiß Problem?

Trotzdem sind bei Kartoffel und Alman vor allem diejenigen schnell beleidigt, die sich sonst über die politisch korrekte „Moralkeule“ beklagen.

Sind das dieselben Zeitgenossen von weiter oben, die sich als weltoffen und liberal bezeichnen? Passen Sie mal auf, Frau Erdapfel, manche Deutschdeutsche mögen keine Allochthonen, manche schon, und den dritten sind sie egal. „Wir“ sind nicht alle gleich. Erste Gruppe werden Sie so oder so nicht erreichen, die zweite hat es nicht verdient, dass Sie sie beleidigen, und die dritte wundert sich, warum man Menschen mehr Höflichkeit entgegenbringen sollte, als die sie selber haben.

Bei der Empörung über „Kartoffeldeutsche“ geht es also um etwas anderes.

Bei manchen ja, bei manchen nein. Deutschdeutsche sind halt nicht alle gleich.

Es geht um den inneren Widerstand, sich mit sich selbst und den eigene Privilegien zu beschäftigen.

Joah. Ein Erdapfel wie Sie, die „Weiß“ als Fremdbeschreibung verwendet, und somit einen inneren Widerstand hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen, ist natürlich die Richtige, das zu beurteilen.

Wer in Deutschland wen als was bezeichnen darf, soll immer noch die „Mehrheitsgesellschaft“ bestimmen, also die weißen Deutschen.

Das gute alte „Ich darf Kartoffeln nicht als Kartoffeln bezeichnen, weil die Kartoffeln alles kontrollieren!“-sagen-während-man-im-Kartoffel-Medium-genau-das-tut-Argument. Auch als potatoe correctness (pc) bezeichnet. Soll das irgendwie ironisch sein? So als Kontrastprogramm zu Pegida?

Irgendwie gibt es drei mögliche Argumente, die sich aber gegenseitig ausschließen:

  1. wir dürfen Deutschdeutsche beleidigen, weil wir eine Minderheit sind, die aber nicht uns
  2. wir dürfen Deutschdeutsche beleidigen, weil die uns ja auch beleidigen
  3. Kartoffel ist gar keine Beleidigung

Der erste Punkt ist, das man nicht keine Gleichberechtigung will, sondern Sonderrechte aka Privilegien, der zweite ist in der Umsetzung dann ok, wenn man genau die Leute, die einen als „Kümmeltürken“ beleidigen, als „Kartoffeldeutsche“ oder Artverwandtes zurückbeleidigt, und der der dritte ist einfach Quatsch.

Sollte eines Tages endlich die „Zigeunersoße“ aus den Regalen verschwinden und ein Kartoffeldeutschendip reinkommen

Ja, der ist dann aber nur für Kartoffeln. Immerhin gibt es schon Kartoffelsalat.

In Wahrheit geht es Ihnen natürlich um ganz was anderes: Sie scheinen mir aber auch solche Leute Kartoffel nennen zu wollen, die sich als „weltoffen und liberal“ sehen, heucheln dann Unverständnis, wenn die beleidigt sind, und „schließen“ daraus, dass Kartoffeln zu empfindlich sind. In Wahrheit ist es so: Manche, die sich für „weltoffen und liberal“ halten, sind es in Wahrheit nicht. Die können Sie nicht leiden und nutzen die Gelegenheit, über Sie zu schimpfen. Die anderen sind tatsächlich „weltoffen und liberal“, und sind beleidigt, wenn man sie mit hirnlosen, asexuellen, BRAUNEN Brocken vergleicht. Ich gebe zu, dass man beide Gruppen evt. leicht verwechseln kann, aber Personen zu beleidigen, die SIE nicht beleidigt haben, weil Landsleute dieser Personen sie beleidigt haben: Das ist Gruppenschuld und Sippenhaft. Herzlichen Glückwunsch.

Immerhin: Auch sie sieht die Gemeinsamkeiten.

Ja, Ostdeutsche und Muslime haben’s schwer. Ungefähr 20% aller Deutschen sind Ostdeutsche. Ungefähr 20% aller Deutschen sind Muslime. Und etwas mehr als 20% aller Deutschen sind Nordrhein-Westfalen. Nur hatten die NRWler Zeit, sich erstens untereinander und zwotens mit dem Rest der Republik zu arrangieren (Rheinländer und Westfalen sind wie Hund und Katze und haben völlig verschiedene Konzepte von Spaß.) Und jetzt kommen die Ostdeutschen und Muslime und sagen: „Uns gefällt es hier nicht!“ und die Antwort ist: „Ja, und?“ Also, wenn die Antwortenden nett sind. Was habt Ihr erwartet?

2 Gedanken zu “Es muss nicht immer Stokowski sein – es gibt ja auch Kartoffeln

  1. „Kartoffel“ geht gar nicht. Das wäre Cultural Appropriation. Da könnten wir uns gleich das Gesicht blackfacen, einen Indianer-Federkranz aufsetzen, uns einen Sprengstoffgürtel umbinden und „Allahu akbar“ schreien. Die Frau ist so überhaupt nicht woke, das ist widerlich.

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