Kognitive Dissonanz

Anlässlich der Auschwitz-Befreiung etwas außer der Reihe folgende Anekdote:

Als ich noch in den Kundergarten ging, kamen im Fernsehen Sendungen wie „Damals“; irgendwelche Umzüge und jubelnde Menschen in schwarz-weiß. So richtig konnte ich damals seinerzeit damit nichts anfangen, allerdings gab es auch nicht viel anderes zu sehen.

Immerhin erzählte mir meine Mutter die Kernzusammenfassung: „Wenn man da steht und alle ‚JA‘ schreien, dann schreit man mit.“

Traurigerweise konnte ich das mit einem Erlebnis aus meiner damals noch gar nicht so umfangreichen Lebenserfahrung verbinden. Im Kindergarten gab es Sport, wozu wir in die Schule gegenüber gingen. Im Windfang fragte die Kindergartentante uns noch alle: „Habt Ihr auch alle Eure Turnbeutel dabei?“ Und wir alle so: „JAAAA!“

Ich hatte meinen Turnbeutel allerdings vergessen. Ich schwöre, das war keine böse Absicht, ich hatte einfach mitgemacht.

Nun, wenn man schon bei so einer offensichtlichen Sache wie die Turnbeutelfrage eine offensichtlich falsche Antwort gibt, wie leicht passiert das wohl erst bei komplizierteren Sachen?

Meine Schlussfolgerung daraus: nicht mitmachen. Egal was. Gruppenzwang und Herdentrieb sind die schlimmsten. Und wenn Stolz auf Dinge, die man persönlich geleistet hat, schon eine Untugend ist, wie schlecht ist dann erst Stolz auf Dinge, die man nicht persönlich geleistet hat?

Hat den Nebeneffekt – wenn ich mich nicht dafür rechtfertigen muss, dass der letzte Versuch, Juden in Deutschland umzubringen, leider nicht annähernd so lange her ist wie Auschwitz, fällt es mir leichter, generell darüber zu reden.

Also, der Anschlag in Halle war letztes Jahr. Und dagegen helfen wohl leider keine witzig-ironischen Plakate.

tl,dr: Im Mittelalter wurde Katholiken verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen, aus philosophischen und religiösen Gründen, den Juden aber ausdrücklich erlaubt – die damit auch keine religiösen Probleme hatten, sofern die Schuldner Nicht-Juden waren, weil die entsprechende Bibelstelle das tatsächlich so formuliert: „Falls du (einem aus) meinem Volk, dem Elenden bei dir, Geld leihst, dann sei gegen ihn nicht wie ein Gläubiger; ihr sollt ihm keinen Zins auferlegen.“ Quelle. Und wen interessiert Aristoteles. Umgekehrt waren die meisten anderen Berufe für Juden verboten, weil man dann meist in einer Zunft oder dergleichen sein musste, und die nahmen nur Christen. Da war die Berufswahl ja schon recht eingeschränkt, was? Als das insofern geändert wurde, dass auch Christen wieder Zinsen nehmen durften, wurde es nicht direkt besser; dass Luther und andere sich für jüdische Bibelauslegung interessierten, hörte relativ schnell auf, als Luther und andere merkten, dass Juden auch nach der Reformation keine Christen werden wollten, und auch der aufklärerische Ansatz, dass Juden tatsächlich auch Handwerker oder dergleichen werden durften, war oft mit der impliziten oder expliziten Aufforderung verbunden, aufzuhören, Juden zu sein. Ja, Leute, die mit dem Papst absolut nix am Hut hatten, waren am Ende judenfeindlicher als der Papst – lustige neue Redensart: „Judenfeindlicher sein als der Papst!“ – „Hey, der aktuelle Papst ist ja gar nicht judenfeindlich!“ – „Oh, gut, dann ist ja noch Luft nach oben.“ – „Du meinst wohl, nach unten?“ – „Du hast mich schon verstanden.“

Wie schon gesagt, man muss nicht alles mitmachen. Oder jedenfalls nicht jeden Scheiß.

Die Idee aber, aus Solidarität einen Judenstern zu tragen, finde ich übrigens sehr zwiespältig. Auch, wenn ich viele Sachen, die als „kulturelle Aneignung“ beschimpft werden, eher harmlos finde – aktiv so zu tun, als gehörte man einer bestimmten Gruppe an, noch dazu auf eine Weise, die mal wirklich geeignet ist, PTBS zu triggern? Ich lasse es.

4 Gedanken zu “Kognitive Dissonanz

  1. Den Judenstern des NS-Regimes aus Solidarität tragen? Gibt’s das wirklich irgendwo?
    Ich persönlich sehe das nicht zwiespältig, sondern ganz konkret und eindeutig abartig. Es nimmt dem Teil die Bedeutung. Es verwässert die Erinnerung daran.

    Aus Solidarität kann man eine Kippa tragen. Das Gespräch suchen und Anteil nehmen. Man kann konkret etwas dazu beitragen, dass die Gedenkstätten am Leben erhalten werden. Es gibt so vieles, was man tun kann, wenn man nur will.

    Und ich denke sogar, dass die Leute, die sich einen gelben Judenstern anstecken, sofern es solche Menschen wirklich gibt, meist ziemlich genau das Gegenteil von Anteilnahme im Sinn haben.

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      1. Geometrisch sind beide Sterne deckungsgleich, d.h., alle Reaktionen, die ich mit dem einen Stern ernte, ernte ich voraussichtlich auch mit dem anderen. Inklusive der PTBS-Fälle, die ich bei Passanten triggere.
        Aber vllt. sollte ich trotzdem einen aus zwei gleichgroßen, gleichmäßigen Dreiecken gebildeten Stern tragen, um mich von etwaigen Nazi abzugrenzen.

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