Wahrheit, Lüge, Irrtum und Pseudolüge

Hinsichtlich dieser Besprechung kam ich auf die Frage, ob Brünhild(e) aus der Nibelungensaga (bzw. verwandter Sagen) vergewaltigt worden ist. Und wenn ja, von wem.

Vorgeschichte: Brünhilde hat übermenschliche Superkräfte (sei es, weil sie eine Walküre und Tochter Wotans ist, sei es aus anderen Gründen (im Nibelungenlied geht sie jedenfalls in die Kirche, am liebsten als erste…)), allerdings nur, solange sie Jungfrau ist, weil… Gründe. Jetzt ist es natürlich völlig vernünftig, wenn sie an einen Mann in ihrem Leben Ansprüche stellt, und zwar nicht: „Wer mich als erstes erfolgreich versucht zu vergewaltigen, darf mich heiraten“, sondern: „Ich teste Kandidaten auf Stärke, Sportlichkeit und Kampfgeschick, denn ich will nur jemanden heiraten, der mich als Exjungfrau so gut beschützen kann, wie ich mich ansonsten alleine verteidigen könnte.“ Außerdem lässt sie Versager hinrichten. Partnersuche vor #metoo war also auch nicht besser.

Jedenfalls wird Brünhild über den Tisch gezogen; in der Nibelungenversion ist Siegfried in Kriemhild verliebt, erzählt deren Bruder Gunter aber von Brünhilds Schönheit, Reichtum und hohen Ansprüchen. Siegfried tut so, als wäre er Gunters Vasall (in Wahrheit ein Verbündeter), und mit Hilfe einer Tarnkappe hilft er Gunter, Brünhilde im Wettkampf zu besiegen. Damit beginnt der Betrug.

Später – Brünhilde ist misstrauisch geworden – hängt sie Gunter in der Hochzeitsnacht an der Wand auf. Aber im Dunkeln und im Schutze der Tarnkappe ringt Siegfried Brünhild nieder, den eigentlichen Sex hat dann aber Gunter. Und ja, das kann man selbst dann als Vergewaltigung betrachten, wenn Brünhilde das als letzten Test aufgefasst hat, denn sie wurde ja getäuscht und hat unter völlig falschen Voraussetzungen Sex. (Auch, wenn das in der hamburger Inszenierung anders dargestellt wurde.)

Jetzt wird später Kriemhild Brünhild erzählen, dass Siegfried sie (Brünhild) entjungfert hat. Siegfried hat ihr (Kriemhild) nämlich davon erzählt, und ihr noch Schmuck von Brünhild geschenkt, den die aber irgendwie nie vermisst hat. Die beiden hatten nämlich zeitgleich mit Brünhild und Gunter geheiratet, und Siegfried scheint der Ansicht zu sein, dass man eine Ehe mit Offenheit und Ehrlichkeit führen solle, der edle Held.

Und jetzt zur Überschrift – wie war das jetzt im Rahmen des Nibelungenliedes? Es gibt vier Möglichkeiten: Kriemhild sagt die Wahrheit (und dass die erst an dieser Stelle enthüllt wird, liegt am besseren Schockwert), Kriemhild lügt (um Brünhild einen reinzuwürgen), Kriemhild irrt sich (Siegfried hatte wirklich keinen Sex mit Brünhild, aber sie glaubt ihm das nicht), und Kriemhild glaubt zwar nicht, dass er Sex mit Brünhild hatte, sagt das aber trotzdem aus Gemeinheit, und weil Siegfried sie diesbezüglich belogen hat, sagt sie unwissentlich doch die Wahrheit, was ich daher jetzt „Pseudolüge“ nenne: man denkt, dass man lügt, hat aber versehentlich die Wahrheit gesagt. Die Idee kam mir ursprünglich bei Effi Briest.

Bei solchen multiplen Interpretationsmöglichkeiten ist die Version in Hamburg, wo beide Brünhilde vergewaltigen, jetzt also keine „Neuerzählung“.

Dass Blanca und ich beide die Vergewaltigung von Brünhild vergessen konnten, bedeutet vielleicht, dass man solche Details als Schülerin verdrängt.

Oder, die beiden hatten im Unterricht eine andere Version gehört. Dass Brünhilde verraten und verkauft wurde, ist aber kein „Detail“, sondern Auslöser der ganzen Geschichte. Brünhilde lässt Siegfried ermorden, was Gunter – aus anderen Gründen – mitträgt. Kriemhild lässt Gunter ermorden, aus Rache für Siegfried. Am Ende war’n sie alle tot, das ist der Nibelungen Not. (In manchen Sagenversionen war Brünhilde allerdings bereits mit Siegfried verlobt, bevor der sich in Kriemhild verliebt, und nur die Auflösung der Verlobung war der Verrat. Red Wedding ho!)

Richtig, am Ende sterben doch eh alle, alles tragisch bei den Nibelungen.

Sie sterben nicht eh, sie sterben genau aus dem Grunde: sexuelle Ausbeutung einer Frau.

Nur schade, dass das sich teure Karten leisten könnende, sehr weiße und ältere Publikum, das eben nicht zu „König der Löwen“ sondern ins intellektuelle Schauspielhaus wollte, das ebenso wenig zu verstehen schien, wie ich.

Äh, hallo Vorurteile? König der Löwen ist eine Kreuzung aus Hamlet und Richard III, also quasi Shakespeare mit Löwen, und nur weil man weiß ist, ist man nicht automatisch intelligent und ironieverstehend. (Oder sie verstehen die Ironie und lachen genau DEShalb. Wenn man die Geschichte evt. schon kennt, weil man zwar dumm und reich, aber immerhin „älter“ ist, bleibt einem „die Spucke“ so oder so nicht weg, aber was weiß ich schon? Ich bin wahrscheinlich nicht reich genug.)

Und die vielleicht gleichzeitig und wegen der Trivialisierung von sexualisierter Gewalt denken: So ein kleiner Antanzer hinterher, nu‘ komm schon, Mädchen: Da hatte es die Brünhild doch viel schlimmer.

Ja, Menschen machen bekanntlich alles nach, was sie auf der Bühne sehen. Besonders, wenn mittelalterliche Stoffe gezeigt werden. Die ganzen Leute immer, die aus König der Löwen kommen und ihre Brüder und Neffen töten.

Ich habe das Netz durchsucht und nirgendwo eine negative Kritik von der Inszenierung gefunden.

Hachja, gut, dass Sie jetzt eine geschrieben haben. Irgendwie richtet sich die Kritik zwar auch gegen das Publikum, aber schön, dass wir ein freies Land sind. Scar in König der Löwen scheint die Löwinnen übrigens sexuell nicht zu belästigen – gibt es statistische Untersuchungen, ob betrunkene König-der-Löwen-Besucher weniger grabschen als betrunkene Nibelungen-Besucher, oder ist das ein Zusammenhang, der einfach mal behauptet wird? Rhetorische Frage.

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