Mal wieder eine Mädchenfrage

Und zwar die hier:

Jungs, was sind eure Aussteigerfantasien?

Wollt ihr ernsthaft ganz allein in der Wildnis leben?

Einfache Antwort: manche ja, manche nein. 

Wir haben die Vermutung, dass ein Mann eure Aussteigerfantasien besonders beflügelt hat: Christopher McCandless alias „Alexander Supertramp“

Ich denke bei Supertramp an „Dreamer“, „Logical Song“ und noch ein paar. Von diesem McCandless höre ich jetzt zum ersten Mal. Also, meine Aussteigerphantasien gehen auf Robinson Crusoe zurück, allerdings befriedige ich sie – mangels handwerklicher Begabung – mit dem Schauen einschlägiger Survival-Game-Let’s-Plays. Ja, das ist dekadent.

 Und auch all die anderen „Into the Wild“-mäßigen Aussteiger und Einsiedler, auf die ich bei meiner Recherche für diese Frage gestoßen bin, haben eines gemeinsam: Sie sind Männer.

Joah. Komisch, dass eine Gesellschaft, die angeblich von Männern für Männer optimiert wurde, für Männer offenbar weniger attraktiv ist, als für Frauen, die diese Gesellschaft nicht verlassen wollen. Wobei, vllt. habt Ihr nur die falschen Frauen gefragt; ich habe mal das Szenario jemanden so beschrieben: „Man sitzt in einer Hütte im Wald, zimmert sich sein Leben zurecht, und dumme Zombies versuchen, einen daran zu hindern.“ – „Das beschreibt mein Leben ziemlich gut.“ hat die Frau gesagt. Also möglicherweise ist das Aussteigerleben in der Zombie-Apokalypse für Frauen deshalb keine Fantasie, weil sie schon darin leben. Andererseits war das auch eine ziemlich schlaue Frau.

Aber ganz allein? Ein gewisses Maß an Misanthropie können wir durchaus nachvollziehen, so gar keine anderen Menschen sind doch aber auch keine Lösung.

Die asi Antwort: „Menschen sind das Problem. 99% aller Probleme der Menschen werden von anderen Menschen verursacht.“ Mittel asi Antwort: „Je unabhängiger man von anderen Menschen ist, desto freier.“ Die SUPER-asi Antwort: möglicherweise ist Eure Gesellschaft nicht so schön, wie Ihr denkt.

Oder ist es auch euch lieber, wenn wir mitkommen, damit ihr euch nicht ganz so schlimm langweilt nach dem zehnten handgeschnitzten Grizzly oder ihr euch aus Versehen mit irgendeinem Kraut vergiftet?

Manchen Männern wäre das überhaupt nicht lieb. Manchen schon, aber nur, wenn es auch EURE Phantasie ist. Es gibt – ich wiederhole mich – unterschiedliche Männer mit unterschiedlichen Ansichten.

Aber gut, diese Frage ist jetzt wohl nicht ganz so unberechtigt wie die Penis-Frage, aber im Unterschied zur Penis-Frage, wo mal tatsächlich – Glückwunsch – eine gescheite Antwort kam, naja, kam dies:

Ich glaube, das liegt an unserer Sozialisation.

DU wurdest dazu erzogen, alleine im Wald oder auf einer tropischen Insel zu leben? Ich denke, eher nicht.

An Generationen von Vätern, die nach dem Arbeiten nach Hause kamen und am Esstisch schweigend auf ihren Teller gestarrt haben.

Du hast genau einen Vater, oder? Wenn Du von „Generationen“ schreibst, meinst Du Deine Großväter mit, und vllt. haben die alle schweigend auf ihre Teller gestarrt, aber da die anscheinend nicht Frau und Kind sitzen gelassen haben, um in Kanada, der Karibik oder woauchimmer ein Einsiedlerleben zu führen – whatthefrell stimmt nicht mit Dir? Wenn jemand Dir etwas genau Gegenteiliges vorlebt als eine Aussteigerphantasie, und Du trotzdem oder vllt. genau deshalb Aussteigerphantasien hast, liegt das an DIR, nicht an Deinem Vater.

An der Glorifizierung von Cowboys, von Astronauten, von Urwaldforschern.

Das vllt. schon eher, denn:

Diese Idole vereint eines: Es waren Männer, die ganz auf sich alleine gestellt waren, im täglichen Kampf mit dem Universum.

Ok, ich weiß ja nicht, was Dein Vater so beruflich gemacht hat, aber vermutlich nicht Cowboy, Astronaut oder Urwaldforscher.

Und auch unsere Lieblingsfilme haben uns gelehrt: Ihr werdet erst zur besten Version von euch selbst, wenn ihr alles hinter euch lasst und irgendwo in den hintersten Winkel der Erde zieht.

Ja. Außerdem lehren diese Filme, dass es überlichtschnelle Raumschiffe, Drachen, Lichtschwerter, Magie und noch viele andere Dinge mehr gibt. Das mit der „besten“ Version ist da tatsächlich noch plausibel, denn wenn man keine ernsten Probleme hat, reicht auch die zweit- oder drittbeste Version. Als weiterführende Literatur das. Sarah Connor entwickelt sich in der Krise wegen der Krise.

In jedem Actionfilm, in dem die Welt kurz vor der Vernichtung steht, kann nur EIN MANN die Menschheit retten. Und zwar ein Mann um die Vierzig, der der Zivilisation seinen Rücken gekehrt hat 

Also, ich habe Herr der Ringe deutlich anders in Erinnerung. Erstens ist Frodo über vierzig, zweitens geht es nicht nur um die Menschheit, drittens:

und nun nur grimmig „Was willst du?!“ knurrt,

„Was willst Du?“ ist eine/die klingonische Begrüßung.

wenn er zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder ein menschliches Gesicht sieht.

Frodo hat außerdem nichts gegen Menschen. Einige seiner besten Freunde, ähh…, ok. Gandalf ist nicht direkt ein Mensch. Aber SO hat sich Frodo aber trotzdem nicht verhalten. Oder Luke Skywalker. Oder Ellen Ripley. Oder…

Ein Mann, der in der Einsamkeit all die Fähigkeiten erlernt hat, die es nun braucht, um die Alien-Invasion/ die unheilbare Seuche/ die Zombie-Apokalypse/ die Russen zu stoppen.

Beleg fehlt. Eventuell Conan, der Barbar. Jau, dessen Sozialisation – Filmversion – aus Völkermord und Sklaverei bestand.

Uns wurde gesagt, dass diese grummeligen, durchtrainierten Einzelgänger das Idealbild eines Mannes sind. Ein Held, der die Welt im Alleingang retten kann. Wie traurig deren Leben eigentlich sein muss, darüber haben wir nie nachgedacht.

Also, Conans Leben war wirklich nicht toll. Aber später wurde er irgendwie König, dann ging’s ihm besser. Aber „Aussteiger sein ist toll!“ ist nicht, was solche Geschichten erzählen wollen: solche Geschichten haben einen Helden, der allein ist, weil es schwieriger ist, alleine zu gewinnen. Manche haben sogar relativ explizit die Botschaft, dass man als Team Erfolg hat, wo man sonst scheitert, z.B. die Ilias. Oder halt Conan, der Mitstreiter findet. Eine Geschichte, wo jemand EXplizit alleine besser dran ist, ist evt. „Atlas schüttelt die Welt ab“. Und selbst da nicht komplett „alleine“, sondern umgeben von handverlesenen Mitstreitern, während die Mehrheit der Menschen nutzlos oder schädlich ist. Ansonsten ist die Botschaft, sofern sie eine haben sollen, nicht: „Lebe allein in der Wildnis“, sondern: „Du solltest lernen, auch ohne Hilfe zurechtzukommen.“ oder: „Wenn Du bereit bist, Deine Komfortzone zu verlassen, kannst Du Dinge erreichen, die in der Komfortzone nicht zu haben sind.“ oder: „Manchmal musst Du Deine Komfortzone halt verlassen. Gewöhn Dich dran.“

Vielleicht liegt es daran, dass mir die Schimpftiraden, die ich jedes Mal loslasse, wenn ich eine Kommode aufbaue oder eine Spülmaschine anschließe, schmerzhaft in den Verstand prügeln, dass ich keine vier Tage in der Wildnis überleben würde.

Wenn Du in der Wildnis eine Kommode und eine Spülmaschine haben willst, bist Du für dieses Leben in der Tat nicht geeignet. Andererseits überfordern Dich auch die Analysen von Filmen wie „Conan, der Barbar“.

Mal ganz abgesehen davon; der einsame Aussteiger, der die Welt rettet – warum macht er das, wenn er die Gesellschaft nicht mag? Ein Aussteiger, der tatsächlich niemanden rettet, ist Pierre Anthon. Ist nicht gerade mein Vorbild.

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