Nichts – was im Leben wichtig ist: die ätzenden Kinder

Die durch und durch unsympathischen Hauptfiguren möchte ich noch in einigen Details etwas genauer sezieren. Pierre Anthon ist vllt. nur deshalb der Sympathieträger, weil er am wenigsten unsympathisch ist, aber der kommt auch noch dran. Die anderen Kinder sind unsympathisch, weil sie keine Eigenschaften haben, die man selber gerne hätte. Ein dummer Charakter kann sympathisch sein, weil er hilfsbereit, geduldig oder künstlerisch begabt ist. Ein Charakter, der leicht zu verunsichern ist, kann sympathisch sein, weil seine Unsicherheit zu klugen Ideen führt. Ein Charakter, der einfach nur ein dummer, unsicherer Mitläufer ist, kann sympathisch werden, wenn er mal seinen eigenen Willen erkennt und durchsetzt. Sogar ein grausamer Charakter kann sympathische Eigenschaften haben – seine Gegner sind vllt. noch schlimmer als er, oder seine Grausamkeit korrespondiert mit einer schlimmen Vorgeschichte, oder irgendwann kommt er an seine Grenzen und wird ein besserer Mensch – oder welche Spezies auch immer. Aber die haben nichts von alledem; daher fällt es mir schwer, mit ihnen mitzufiebern und zu hoffen, dass sie Erfolg haben. Andererseits gönne ich Pierre Anthon auch nicht direkt den Sieg. Bei GoT hat man verschiedene mittelalterliche Kriegsherren*, die alle mehr oder weniger sympathische und unsympathische Eigenschaften haben. Hier nicht.

Fangen wir an mit dem Sexismus. Ist nicht viel, ist vermutlich auch nicht pro-sexistisch gemeint, kommt aber vor. Agnes kommt auf die Idee, dass man – also die Jungen in der Klasse – Pierre Anthon für so krasse Sprüche wie „Ich schaue in den Himmel und übe mich darin, nichts zu tun!“ verprügeln sollte. Und fürs Pflaumenwerfen. Die Jungen halten das für keine gute Idee – Pierre Anthon ist der stärkste in der Klasse – und verlieren deshalb „ein wenig“ Achtung bei den Mädchen. Weil es offenbar der Sinn von Jungen ist, sich für Mädchen zu prügeln. Auch zu mehreren gegen einen. Ja. Geil, oder?

Dann hat jemand die schlaue Idee, sich bei Erwachsen zu beschweren, aber das wird verworfen, weil: „Dann müssen wir erzählen, was Pierre Anthon sagt. Und das können wir nicht, denn die Erwachsenen wollen nicht hören, dass wir wissen, dass nicht wirklich etwas etwas zu bedeuten hat und dass alle nur so tun als ob.“ Mal abgesehen davon, dass damit gesagt wird, dass Pierre Anthon recht hat, und die Kinder von nun an wider besseres Wissen weitermachen (keine Ahnung, ob das die Intention ist, aber wenn jemand „wir wissen, dass“ sagt und keinen Konjunktiv verwendet, macht man sich die Aussage im dass-Satz zu eigen. Im Dt., jedenfalls…), also davon abgesehen – warum lügen die Kinder nicht einfach? „Pierre Anthon wirft nach uns und beschimpft uns mit [lange Liste übler Schimpfwörter], das wollen wir nicht!“ Soll Pierre Anthon doch den Erwachsenen erzählen, was er von ihrer sogenannten Bedeutung hält! Ja, liebe Kinder, Lügen sind böse, aber auch nicht schlimmer als praktisch alles, was die Kinder SONST noch machen. Und ja, PETZEN ist auch nicht schön, aber wenn diese gute Frau Teller nicht will, dass ihr Buch hier schon endet, und außerdem die Konfrontation von Pierre Anthon mit Lehrern, Eltern und Psychologen vermeiden will, dann hätte sie ja auch die Kinder „Wir wollen nicht Petzen!“ sagen lassen können. Hier sind wir aber an der Stelle, wo die Klasse indirekt zwar schon zugegeben hat, dass sie Pierre Anthon Recht geben, aber direkt so tun, als könnten sie ihn widerlegen. Das ist wie bei einem Krimi, wo der Detektiv* weiß, wer der Mörder* ist, aber versucht zu beweisen, dass es wer* anderes sei. Einfach ätzend.

Und außerdem, wenn die Szene anders formuliert wäre, wäre die Klasse wenigstens insofern sympathisch, als dass sie sich nicht auf Erwachsene verlassen will. Aber dann bewerfen sie ihn mit Steinen und machen sich über seinen Vater lustig, der angeblich in den 68ern feststeckt, obwohl Agnes selbst zugibt, dass er mit kurzen Haaren in einer Computerfirma arbeitet. Die ganze Stelle mit Pierres Vater ist aber aus anderen Gründen ein Hunger-Games-Füllhorn an Möglichkeiten, Pierre Anthon direkt zu widerlegen. Darauf werde ich in späteren Blogposts noch viel zu sagen haben, aber hier ist es offensichtlich so, dass Pierre Anthon seinen Vater für etwas verteidigt, was er der Klasse zum Vorwurf macht. Offensichtlich für mich, jedenfalls.

Jedenfalls kommt Sophie auf die Idee mit dem Berg der Bedeutung. Dazu habe ich schon mehreres geschrieben, aber auch hier die eigentlich schon explizite Erkenntnis, dass Pierre Anthon Recht hat. „Wir tun einfach so, als ob.“ Und ja, es ist den Kindern vllt. nicht bewusst, aber offenbar versuchen sie sich selbst zu beweisen, dass es Bedeutung gibt. Ja, toll. Dass man sich dagegen sträubt, etwas wegzugeben, beweist vllt. dass es einem selbst etwas bedeutet, aber wie kommen die auf den Trichter, dass das Pierre Anthon überzeugen könnte? Wie auch immer, so beginnt die tolle Tradition, dass jedes Kind bestimmt, was ein anderes Kind hergeben soll, und dieses Kind darf sich dann das nächste ausdenken. Das ganze beweist vor allem, dass Herdentrieb und Gruppenzwang den Kindern wichtiger sind als ihre Lieblingssachen und als die philosophische Diskussion mit Pierre Anthon – dem sie ja eigentlich schon zugestimmt haben – aber, ratet mal, die Klasse hat auch Null Empathie. Nein, nicht Mitgefühl (ok, das auch nicht) aber keine Empathie wie in „Theorie-of-Mind“, also die Fähigkeit, sich in dritte hineinzuversetzen. Man verlangt von Agnes, ihre tollen Ledersandalen abzugeben. Die sie ihrer Mutter mit VIEL Überzeugungsarbeit aus dem Kreuz geleiert hat. Pierre Anthon, der sich erst ein Kapitel eher über Agnes und Mode lustig gemacht hat, wird sich davon garantiert überzeugen lassen. Nicht. Und wenn Agnes nicht so eine dumme Nuss äh, etwas empathischer gewesen wäre als das, hätte sie genau mit DEM Argument ihre Sandalen behalten können. (Die sie natürlich auch direkt hätte Pierre Anthon zeigen könnte, aber das hatten wir ja schon.)

Sie rächt sich an Gerda, die die Sandalen aufgebracht hat, indem sie sich bei der ranzeckt und herausbekommt, dass Gerdas Hamster namens Klein Oskar ihr ein und alles ist. Und jetzt, liebe Kinder, werdet Ihr von mir Nachhilfe in Empathie bekommen – warum würde diese Szene mit Erwachsenen nicht funzt. Stellt Euch vor, Gerda wäre etwas älter und hätte ein Baby namens Klein Oskar. Agnes, die empathielose, dumme Ich-Erzählerin, braucht physikalisch messbare Argumente gegen einen zwölfjährigen Aussteiger auf einen Baum.

„Hey, das Baby da, das wäre doch bestimmt ein guter Beweis für den Sinn die Bedeutung des Lebens. Gib’s mir!“

„Spinnst Du? Ich gebe mein Kind nicht her!“

„Du musst! Gruppenzwang und so.“

„Ums Verrecken nicht.“

„Stell Dich nicht so an! Ich habe doch auch meine Sandalen  geopf äh gespendet, und die wurden aus toten Tieren hergestellt, also fast dasselbe.“

„Aus meinen kalten, toten Händen!“

„Wenn Du Dein Kind nicht spendest, wird Pierre Anthon gewinnen!“

„Aus meinen kalten. Toten. Händen.“

„Ist Dir Dein Kind wirklich wichtiger als Dein Leben?“

„*schnaub*..jaha?!“

„Gut, dann hat es ja Bedeutung für Dich. Sobald Du das Bedeutenste weggibst, was Du hast, wird Pierre Anthon erkennen, dass es Bedeutung gibt.“

„Unglücklicherweise… ist mir das Leben meines Kindes aber nicht nur wichtiger als mein eigenes, sondern auch als Deins. Unglücklicherweise für DICH, zumindest.“

„Gurgl!“

Es funktioniert auf so vielen Ebenen nicht. Mit Erwachsenen nicht. Als Beweis nicht. Als Quelle von Tragik nicht. Als philosophische Lehrstunde nicht. Es hilft nur dabei, sich schlecht zu fühlen.

Und das ist nur der Anfang des Teufelskreises. Der Quatsch, den Agnes und die anderen für plausible Beweise für etwas halten, was sie anscheinend selbst nicht glauben oder verstanden haben, wird hier zusammengefasst.

Ich werde noch einige weniger häufig diskutierte Teile des Romanes verhackstücken, aber hier noch eine Liste von Kindern, die im Roman fehlen, obwohl sie realistisch wären (und ganz bestimmt realistischer als kirchenkritische Hunde):

  1. ein Außenseiterkind, das einfach nicht mitmachen will: „Nie habt Ihr mich mitspielen lassen. Nie habt Ihr mit mir geredet. Aber wenn’s gegen Pierre Anthon geht, muss ich Euch helfen? Soll er Euch doch schikanieren, bis Ihr verreckt, dann seht Ihr mal, wie’s mir mit Euch geht!“
  2. ein Kind, das seinen Beitrag zum Baedoytunxberch nicht hergeben will, weil es das Erbstück von einem toten Elternteil ist oder so. Mitsuko Soumas Ring, z.B.; „Gib uns den Ring, Manga-Braut“ – „Kommt her und verlangt nach ihm.“ Die ist aus Battle Royale.
  3. ein Kind, das mit Pierre Anthon diskutiert.
  4. ein Kind, das etwas hergeben soll, was es selbst hergestellt oder sonstwie erarbeitet hat, weil es z.B. gut malen kann und sein Lieblingsbild opfern soll, oder eine Sache, die es mit dem Geld aus einem Ferienjob gekauft hat.
  5. ein Kind, das Pierre Anthon einfach Recht gibt. Sei es aus Überzeugung oder aus taktischen Erwägungen, um nichts opfern zu müssen.

Zu Punkt 1+2, liebe Kinder, folgende Frage – was ist einem Menschen wichtiger: eine Sache, die soe nur aus Gruppenzwang und Angst vor Gewalt aufgibt, oder eine Sache, die soe selbst unter Gruppenzwang und Gewaltandrohung NICHT aufgibt? Könnten wir uns da auf letzteres einigen? Falls ja, heißt das dann nicht einfach, dass Gruppenzwang den Kindern mehr bedeutet als alles andere?

Und dank 4. wird ein materialistisch denkender Mensch das Buch nach dem Lesen zur Seite legen und sagen, dass die Kinder nur solche Dinge geben mussten, die sie entweder von ihren Eltern bekamen, oder die angeboren waren, oder die sie geklaut haben. Offenbar macht das Buch keine Aussage darüber, ob Arbeit dem Leben Bedeutung verleiht oder nicht, obwohl das etwas ist, was viele Erwachsene genau SO sehen. Was für ein wichtiger Beitrag zu einem interessanten philosophischen Thema. Yayqoq.

Wohlgemerkt, ich will eigentlich nicht, dass Sinn und/oder Bedeutung des Lebens durch Arbeit und/oder Gruppenzwang definiert werden, aber das Buch ist da etwas wischiwaschi: Es stellt Gruppenzwang zwar einerseits als verwerflich dar und gilt daher auch als Warnung gegen Fanatismus, andrerseits wären zumindest der Christ Kai und der Muslim Hussein aus der Nummer rausgekommen, wenn sie in ihren Religionen fanatischer gewesen wären. Und das Thema „Bedeutung durch Erwerbstätigkeit“ wird komplett ausgeklammert, weil Erwachsene ausgeklammert werden.

Und Pierre Anthon kommt mit seinen Argumenten viel zu leicht davon. Einige davon sind tatsächlich widersprüchlich. Aber keines der anderen Kinder sieht die Fehler. Die Schläue der Füchse ist zu 90% die Dummheit der Hühner, und es ärgert mich, weil die besseren Gedanken nicht weiter diskutiert werden und die schlechteren unwidersprochen stehen bleiben. So verstärkt die Autorin den Eindruck, dass Pierre Anthon die anderen einfach nur verarschen will. Kann natürlich Absicht sein.

* kommt schon – denkt doch selber mit

2 Gedanken zu “Nichts – was im Leben wichtig ist: die ätzenden Kinder

  1. Hmmmmm…. das ist jetzt Artikel 3 zu einem Buch, der mir nur zum dritte Mal bestätigt, dass es echt, echt selten vorkommt, dass eine Frau mal ein Buch schreibt, was nicht unendlich flache Charaktere hat, keine grotesken Logikfehler, vollkommen undurchsichtige Charaktermotivation und, wenn denn mal ein „großes“ Thema angedeutet wird, die Autorin sich vorher keine Gedanken gemacht hat, was sie eigentlich sagen will.

    Ausnahmen – mir fallen keine fünf ein. Frauen schreiben idR deutlich zu viel über sich selbst in die Charaktere, und es sind schlicht in der Regel keine wahnsinnig interessanten Menschen, die Autoren.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s